Ein Haps, und alles ist weg

Weltuntergänge Forscher wecken mit ihren Experimenten oft die Angst vor Katastrophen. Sie sollten sie ernst nehmen - denn selbst aus unwahrscheinlichen Szenarien kann der Mensch lernen

Die Flure sind wie ausgestorben, alle Türen geschlossen, in den Laboren ist es ruhiger als sonst. Die Forscher sind ausgeflogen, in den Palais de Congrès in Paris, einen gewaltigen futuristischen Bau aus Glas und Beton aus den Siebzigern. Das Zentrum beherbergt eines der wichtigsten Treffen des wissenschaftlichen Kalenders: Die International Conference on High Energy Physics (ICHEP). Sie hat, was die Veröffentlichung von Entdeckungen betrifft, eine beachtliche Bilanz vorzuweisen. Und dieses Mal liegt noch eine zusätzliche Spannung in der Luft.

In diesem Jahr kommen nämlich erstmals auch die Physiker des Large Hardon Collider (LHC) am Cern, dem europäischen Labor für Teilchenphysik in der Nähe von Genf. Die Gespräche auf dem Treffen decken viele ihrer Themen ab, von der Leistung des LHC und anderen Beschleunigern bis hin zu Launen der Naturgesetze und der Jagd nach den Higgs-Boson oder Higgs-Teilchen, einer schwer zu fassenden Teilchenart, von der man annimmt, dass sie der Materie Masse verleiht.

Was mit Sicherheit nicht oder zumindest nicht ernsthaft diskutiert werden wird, ist die Frage, ob und wie der LHC den Planeten zerstören könnte. Einige lautstarke Weltuntergangspropheten und einige erfolglose Gerichtsverfahren haben der exotischen Idee den Weg in die Öffentlichkeit gebahnt und wahrscheinlich mehr zur Profilierung des Cern beigetragen als irgendetwas sonst in der Geschichte des Labors.

Vor der Inbetriebnahme des Teilchenbeschleunigers im vergangenen Jahr wurde jedenfalls weltweit über entsprechende Behauptungen berichtet. So war von einem Schwarzen Loch die Rede, das mitten in der Schweizer Landschaft auftauchen werde, um die Erde zu verschlingen. Es hieß auch, dass plötzlich Planeten zermahlende Objekte aus „seltsamer Materie“ auftauchen und unsere freundliche Scholle in einen brutzelnden Ball von der Größe eines Kricket-Stadions verwandeln könnten. Oder aber das Universum werde „kollabieren“ und eine stabilere Form annehmen, im Zuge dessen das Leben hier und überall dort ausgelöscht würde, wo es sich noch verbergen könnte. Diese Szenarien wurden von besorgten Leuten als akute Gefahren für die Menschheit dargestellt.

Der LHC ist nicht der erste Teilchenbeschleuniger, der als Endzeitmaschine verunglimpft wurde. Seit den fünfziger Jahren, als die ersten Vorgänger des LHC gebaut wurden, ist Teilchenphysikern immer wieder vorgeworfen worden, sie spielten mit der Zukunft der Menschheit. Wer solche Weltuntergangsszenarien gegenüber Mitarbeitern des Cern oder des Tevatron am Fermi National Accelerator Laboratory in Washington erwähnt, wird bestenfalls verdrehte Augen sehen. Physiker haben oft erklärt, warum solche Ängste unbegründet sind. Die Zeit kann besser genutzt werden.

Lehren für echte Desaster

Wissenschaftler sind der Spekulationen über die Sicherheit ihrer Experimente oft zurecht überdrüssig. Dennoch sind manche der Ansicht, man könne aus den Erfahrungen mit dem LHC einiges zum Schutz vor realistischeren Katastrophen lernen. Nick Bostrom, Direktor des Future of Humanity Institute in Oxford, sagt, dass die Fortschritte auf Gebieten der Waffentechnologie, der künstlichen Intelligenz und der synthetischen Biologie zu „existenziellen Bedrohungen“ führen könnten. Er meint Katastrophen noch nie dagewesenen Ausmaßes, die das Potenzial besitzen, der Geschichte der Menschheit ein Ende zu setzen, entweder, indem sie uns auslöschen, oder, indem sie „permanent und drastisch unser Zukunftspotenzial zerstören“.

Eines der möglichen Risiken, auf die Bostrom hinweist, ist die Herstellung eines künstlichen Virus’ mit globaler Vernichtungskraft. Aus der Physik könnten neue Waffen hervorgehen, die die Gefahren im Falle eines Krieges erhöhen, während die Computertechnologie Maschinen in Aussicht stellt, die selbständig Intelligenz entwickeln und die Menschen in dieser Hinsicht irgendwann überholen. Selbst die Manipulation der Atmosphäre im Kampf gegen den Klimawandel könnte uns auf die Füße fallen und eine weltweite Katastrophe auslösen.

Nach Bostroms Ansicht ist der LHC deshalb als Übung zu betrachten. „Ich denke, dass die Gefahr, die von Teilchenbeschleunigern ausgeht, extrem gering ist, aber es wird Bereiche geben, die größere existenzielle Risiken verursachen, und wir müssen lernen, wie wir mit solchen Situationen in rationaler Weise umgehen können.“

Zumal diese Gefahren nicht neu sind. Jedes Schulkind lernt, dass ein Asteroideneinschlag vor 65 Millionen Jahren drei Viertel der Arten auf unserem Planeten ausgelöscht und die Herrschaft der Dinosaurier beendet hat. Mindestes vier weitere große Massensterben hatten ihren Ursprung in einer Naturkatastrophe epischen Ausmaßes. Forscher wie Bostrom fasziniert die Unfähigkeit der Gesellschaft, Gefahren wie diese zu identifizieren und sich gegen sie zu wappnen. In einem Essay brachte er schon vor acht Jahren seine Bestürzung zum Ausdruck, wie wenig Menschheitsbedrohungen erforscht werden: „Es gibt mehr wissenschaftliche Arbeiten über die Lebensgewohnheiten der Mistfliege als über existenzielle Bedrohungen.“ Daran hat sich seither wenig verändert.

Eine große Hürde besteht Bostrom zufolge darin, dass der Mensch scheinbar nur aus Erfahrung lernt: Erst nach der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 wurden Atomreaktoren sicherer gemacht. Es mussten 230.000 Menschen durch einen Tsunami sterben, bevor die UNO im Indischen Ozean ein Warnsystem installierte. Selbst fünf Jahre nachdem Hurrikan Katrina fast 2.000 Menschen tötete und Tausende obdachlos machte, wird noch über die Schutzmaßnahmen rund um New Orleans verhandelt. In jedem dieser Fälle waren die Risiken bekannt; gehandelt wurde aber erst, nachdem etwas passiert war.

„Für existenzielle Bedrohungen ist diese Strategie natürlich vollkommen nutzlos, denn da hat man per definitionem keine Chance, aus der Erfahrung zu lernen. Man hat nur eine Gelegenheit, die Sache vorher in den Griff zu kriegen.“

Wer kontrolliert wen oder was

Eine Möglichkeit, die Natur und das Ausmaß von Gefahren einzuschätzen, besteht in der Berufung von Experten, die mit dem Gefahrenthema vertraut sind. Im Jahr 1999 war der amerikanische Physiker John Marburger III. Direktor des Brookhaven National Laboratory auf Long Island, New York. Hier steht der Teilchenbeschleuniger Relativistic Heavy Ion Collider. In jenem Sommer erschien im Scientific American ein euphorischer Bericht über die Maschine, der Bedenken hinsichtlich der Entstehung eines Schwarzen Loches oder Schäden am Planeten provozierte. Marburger stellte sofort ein Gremium zusammen, das jedes denkbare Weltuntergangsszenario durchspielte und das Risiko seines Eintretens bewertete. Das Gremium befand, die Maschine sei sicher, weil seit Milliarden von Jahren in der Natur durch den Zusammenstoß von Strahlen mit Planeten, Sternen und Wolken aus Staub und Gas schon weit mehr Partikel gewaltsam aufeinander geprallt seien, als es auf Long Island je geschehen könne. Am Cern in Genf kam ein Sicherheitsbericht über den LCH, dessen Bau zu diesem Zeitpunkt erst begann, zu demselben Ergebnis.

Beide Gutachten blieben im Wesentlichen jedoch PR-Übungen. Die verantwortlichen Regierungen haben nie im Ernst daran gedacht, die Projekte abzubrechen. Unterlassungsklagen gegen die Collider wurden abgewiesen. Die Berichte machten aber deutlich, welches Problem derartige Gremien aufweisen: Teilchenphysiker, die über die Sicherheit von Teilchenbeschleunigern urteilen, haben bisweilen selbst Interesse daran, dass das Projekt weiterläuft.

Kurz darauf setzte sich der italienische Physiker Francesco Calogero für eine alternative Praxis ein. Unter dem Titel „Könnte ein Laborexperiment den Planeten Erde zerstören?“ plädierte er dafür, zwei Gremien einzusetzen. Das erste macht sich für die Sicherheit des Experiments stark, während das zweite Team die Risiken herausstellt. Dann kommen die beiden Gruppen zusammen und entscheiden, wessen Argumente die besseren sind. „Es ist nicht perfekt, aber es handelt sich um die beste Strategie“, sagt Calogero. „Persönliche Interessen können auf diese Weise ausgeschaltet werden und die Leute können auf Argumente aufmerksam zu machen, die nicht ganz wasserdicht sind – und auf alles, was schief gehen könnte.“

Anderen sind Entscheidungen über das Menschheitsschicksal zu wichtig, um sie einem Gremium von Wissenschaftlern zu überlassen. Richard Posner, US-Richter und Autor des Buches Catastrophe: Risk and Response fordert ein Office of Risk and Catastrophe im Weißen Haus, das Risiken identifiziert und seine Einschätzungen von Experten prüfen lässt. Ein internationales Netzwerk solcher Büros könne für die Verbesserung der weltweiten Sicherheit viel erreichen, glaubt Posner, doch die Idee ist umstritten. „Es gibt viele Wege, auf denen die Sache politisiert oder kompromitiert werden könnte“, meint Bostrom.

Robert Crease, Autor des 2006 erschienen Buches The Philosophy of Expertise, sieht unsere größte Hoffnung eher darin, die Wissenschaftler bestmöglich auszubilden und darauf zu bauen, dass sie sich selbst kontrollieren. „Man will doch nicht, dass ein Gremium aus Leuten ohne Sachverstand ein anderes Gremium aus Leuten mit Sachverstand überwacht. Das macht die Dinge nicht besser.“ Am Ende sei es eine Frage des Vertrauens. „Darauf verlassen wir uns zwar nicht gerne, tun es aber dennoch jeden Tag.“

Für die Physiker wie jene in Paris stehen deshalb zwar Entdeckungen statt Weltuntergangsszenarien im Mittelpunkt – die Bedenken in Zusammenhang mit dem LHC sind für sie eindeutig in der Sphäre des Science Fiction zu verorten. Man könnte von dem Apparat aber vieles lernen, was über die Teilchenphysik hinausgeht. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass wir vor dem Ende des Jahrhunderts mit wahrhaft katastrophalen Bedrohungen konfrontiert werden, die zu meistern eine andere Art zu denken erfordert. Anstatt erst dann etwas zu tun, wenn es zu spät ist, müssen wir diesen Katastrophen einen Schritt voraus sein. Entgegen aller Befürchtungen könnte das LHC dazu beitragen, dass es mit uns (doch) nicht zuende geht.


Vakuumzerfall: Das Ende von allem

Man nennt sie die ultimative ökologische Katastrophe, aber Worte können nicht annähernd den Schrecken und die Endgültigkeit dessen beschreiben, was Physiker als Vakuumzerfall kennen.

Vergessen Sie also pandemische Viren, Asteroideneinschläge, selbst Schwarze Löcher, die den Planeten verschlingen. Vakuumzerfall vernichtet nicht nur alles Leben, sondern auch jegliche Hoffnung darauf, dass je wieder welches entsteht.

Zum Glück handelt sich beim Vakuumzerfall nur um eine theoretische Möglichkeit. Der Zerfall tritt auf, wenn ein Teil unseres Universums in einen stabileren Zustand transformiert wird so etwa wie ein radioaktives Element, das metastabil ist, bis es zerfällt. Im Universum erzeugt diese Transformation eine Blase echten Vakuums, die sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitet. Die Energie im Vakuum des Raumes geht verloren. Die Naturgesetze werden ausgehebelt. Alle Materie verdampft.

1980 beschrieben die Physiker Sidney Coleman und Frank De Luccia, dass der Vakuumzerfall endgültig ist. Bislang konnte man stets hoffen, dass das neue Vakuum, wenn schon nicht das Leben, wie wir es kennen, so doch wenigstens Strukturen, die in der Lage sind, Freude zu empfinden, ermöglichen könnte. Diese Möglichkeit hat sich nun zerschlagen.


Ian Sample ist Autor des Buchs Massive: The Hunt for the God Particle

Übersetzung: Holger Hutt

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09:00 07.08.2010
Geschrieben von

Ian Sample | The Guardian

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The Guardian

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