Amelia Gentleman
26.04.2010 | 09:00

Ein kleiner Schluck zur Ewigkeit

Nahaufnahme Mehr als tausend ­Menschen hat Dignitas bisher ­geholfen, sich selbst zu töten. Doch wie es im Sterbehaus des Vereins zugeht, wissen nur wenige. Ein Besuch

Ludwig Minelli erklärt gerade, wie man sich am besten selbst tötet, als es an der Tür klingelt. Er unterbricht und fragt in die Gegensprechanlage, wer da sei. Draußen ist es bereits dunkel, schwerer Regen fällt auf das Glasdach des düsteren Wintergartens. „Wenn Sie mich für einen Augenblick entschuldigen würden“, sagt er, sichtlich verärgert über die Unterbrechung. „Ein Taxifahrer sagt, er habe Griechen im Wagen, die mit mir sprechen möchten.“ Zehn Minuten später kommt Minelli zurück und schüttelt seinen regennassen Anorak aus. „Es ist absurd“, sagt er mit einem verlegenen Lachen. „Eine griechische Dame und ihr Onkel – beide sprechen kein Wort Deutsch oder Englisch – sind nach Zürich gekommen.“ Im Regen auf der Türschwelle stehend habe die Frau mit Händen und Füßen erklärt, er solle ihr doch helfen zu sterben.

So etwas passiert etwa einmal im Monat, sagt Minelli. Der 76 Jahre alte Gründervater von Dignitas ist mittlerweile international bekannt. Die Organisation hat seit 1998 mehr als 1.000 Menschen geholfen, sich selbst zu töten. Die Frau aus Griechenland hat Minelli jedoch wieder weggeschickt. Er könne ihr nicht helfen, schließlich habe sie keinen Termin.

Wer Minellis Hilfe in Anspruch nehmen will, um mit Gift schnell aus dem Leben zu scheiden, muss strikte Regeln einhalten. Zunächst einmal muss er bei Dignitas Mitglied werden. Das kostet 200 Schweizer Franken Aufnahmegebühr sowie jährlich weitere 80 Franken. Wer dann sterben will, muss die Kopien seiner Krankenberichte, 3.000 Franken sowie einen Brief schicken, der erklärt, warum ihm das Leben unerträglich geworden ist. Die Unterlagen werden an einen Arzt übergeben, der mit Dignitas zusammenarbeitet. Dieser erwägt dann auf Grundlage der Krankengeschichte, ob er die tödliche Dosis verschreiben würde. Stimmt der Arzt grundsätzlich zu, erhält das Mitglied das so genannte „Grüne Licht“. Das bedeutet: Der Kranke kann die Zentrale kontaktieren, die Mitarbeiter geben ihm einen Termin und beraten ihn bei der Wahl eines Hotels. In Zürich angekommen bezahlen Sterbewillige für zwei Arzttermine 1.000 Franken, sowie weitere 3.000 Franken für zwei Dignitas-Mitarbeiter, die den Freitod organisieren und bezeugen. Wer nicht so viel Geld hat, bekommt auf Antrag einen Nachlass.

Das Gift kommt auf Knopfdruck

In der Schweiz ist assistierter Suizid erlaubt, nicht aber aktive Sterbehilfe. Der Unterschied besteht darin, dass die sterbewillige Person das Medikament selbst einnehmen muss. Daher halten die Dignitas-Leute die Einnahme des in 60 Milliliter Wasser aufgelösten Gifts mit einer Videokamera fest. Sie bleiben auch bei dem Toten, um alles Nötige mit der Polizei und den Bestattern zu klären. Für Menschen, die nicht mehr aus dem Glas trinken können, steht eine Maschine bereit, die das Gift verabreicht, sobald der Kranke einen Knopf drückt.

In den Monaten, die dem Tod vorausgehen, fragen Minelli und seine Kollegen immer wieder, ob der Mensch wirklich sterben will oder ob es nicht doch Alternativen zum Suizid gibt. „Solange wir ihnen helfen können, wieder ins Leben zurückzufinden und neuen Mut zu fassen, helfen wir ihnen in diese Richtung.“ Sollte das nicht klappen, dann „helfen wir ihnen, den entgegengesetzten Weg zu gehen“.

Die überwiegende Zahl der Menschen, die sich an Dignitas wenden, leiden an einer unheilbaren Krankheit. „Wenn eine Person an Krebs im Endstadium oder Multipler Sklerose leidet und uns sagt, sie wolle die Monate bis zu ihrem schrecklichen Ende nicht mehr erleben, dann ist die Sache für uns recht eindeutig und wir haben kein Problem einzuwilligen“, sagt Minelli.

Der Dignitas-Chef bietet mir trockene, mit Zimt und Muskat gewürzte Kekse und einen chinesischen Tee mit Namen White Monkey Paw an. Für dessen Zubereitung hat er ein Thermometer in die Kanne gehalten, das Wasser auf exakt 70 Grad erhitzt und dann den Tee genau fünf Minuten ziehen lassen, bevor er ihn in einen vakuumierbaren Flakon umfüllt.

Überdosis kaum mehr möglich

Minelli sagt: Jeder sollte das Recht haben, sein Leben zu beenden, nicht nur die Todkranken. Diesen Wunsch möchte er nicht moralisch bewerten. „Moralische Fragen diskutieren wir nicht. Welche Moral? Die katholische? Die muslimische? Die buddhistische? Wir arbeiten auf der atheistischen Grundlage der Selbstbestimmung.“

Dem Wirken des Ludwig Minelli liegen drei Überzeugungen zugrunde. Erstens die Idee, dass sich das Verlangen nach dem Tod mindert, wenn über Selbsttötung frei gesprochen werden kann. Zweitens glaubt er, dass schon die abstrakte Möglichkeit eines assistierten Suizids für einen Schmerzpatienten eine Erleichterung darstellt. Der Betroffene wisse dann, dass seine Zukunft nicht länger auf der Entscheidung beruhe, entweder „die Hölle des Leidens zu ertragen oder auf eigene Faust und mit hohem Risiko eine Selbsttötung zu versuchen“. 80 Prozent der Leute, die das Grüne Licht bekämen, machten von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch. Drittens helfe das Angebot von Dignitas die Zahl katastrophal fehlgeschlagener Selbstmorde zu verringern. Nicht selten scheitern Verzweifelte am Versuch, sich das Leben zu nehmen. Heute ist es kaum mehr möglich, sich mit einer Überdosis Tabletten umzubringen, stattdessen ruiniert man sich dabei „nur“ die Leber. Von einem Gebäude zu springen oder sich vor einen Zug zu werfen führt oft ebenso wenig zum Ziel und hinterlässt viele Betroffene in einem furchtbaren körperlichen Zustand.

„Wenn wir die Zahl der Selbstmorde und Selbstmordversuche verringern wollen, sollten wir das Tabu brechen, mit dem Selbsttötungen belegt sind. Wir sollten nicht sagen, dass es keinen Suizid geben sollte, sondern ihn vielmehr als Möglichkeit für den Menschen betrachten, sich aus einer unerträglichen Situation zu befreien“, sagt Minelli. Um zu illustrieren, wie ein guter Tod organisiert werden kann, bietet er an, zu dem Haus zu fahren, in dem die Dignitas-Mitglieder sterben. Vergangenen Sommer kaufte die Organisation für etwa eine Million Euro ein zweistöckiges Haus in Pfäffikon. Ein Großteil des ­Geldes wurde aus Spenden bestritten. Im November erhielten die Mitglieder einen Rundbrief mit Bildern des Gebäudes im Stil eines Ferien-Prospekts mit Bildunterschriften wie diese: „Nebenan liegt ein kleiner See, ein Wasserfall plätschert.“

Haus im Industriegebiet

In der Wirklichkeit ist das moderne Gebäude aus blauem Stahl eher eine Überraschung. Es liegt in einem Industriegebiet, im Schatten einer riesigen, grauen Fabrik, die Komponenten für Maschinen herstellt. Links und rechts neben dem Haus befinden sich Fabrikgebäude und auf der Vorderseite liegt ein Fußballplatz. Der Ort ist nicht wirklich reizlos, nur ein bisschen sonderbar. Über Holzplanken geht man über einen großen Goldfischteich (in dem tatsächlich ein wenig Wasser plätschert) durch Haustür und Flur in einen hellen Raum, der mit einem Krankenhausbett und einem weißen Sofa ausgestattet ist. Auf der anderen Seite des Flurs befindet sich ein zweites Sterbezimmer. Am Bett dort steht ein CD-Player mit ein paar CDs, die von Klienten zurückgelassen wurden: Offenbachs Gaîté Parisienne und Vivaldis La Stravaganza. Auf den Tischen liegen Kästchen mit Taschentüchern. Auf den Regalen steht eine kitschige Cherub-Statue und ein paar leicht verwelkte Orchideen. Dieser Ort hat nichts von einer Leichenhalle an sich. Er ist sauber, hell und neutral, einer Ferienwohnung nicht unähnlich.

Wer in die Schweiz reist, um mit Dignitas zu sterben, wird dazu ermuntert, seine Angehörigen und Freunde mitzubringen. Die Dignitas-Mitarbeiter geben Tipps für ein letztes Essen, Kinos und Ausflüge in die Berge, aber die meisten Menschen wollen schnell sterben. Die Mitarbeiter raten, um elf Uhr in der Wohnung zu sein, damit die Formalitäten mit den Behörden noch während der offiziellen Dienstzeiten erledigt werden können. Das halte die Beamten bei Laune.

Minelli sagt, er selbst sei nie anwesend, wenn die Menschen sich das Leben nähmen. Das übernehmen Dignitas-Mitarbeiter, die dafür auch bezahlt werden. Beatrice Bucher arbeitet heute in der Hauptgeschäftsstelle der Organisation, hat aber schon mehr als 20 Menschen auf ihrem Weg in den Tod begleitet. Sie spricht ruhig und mitfühlend. Und sie ist fest davon überzeugt, mit der Sterbehilfe einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten: „Sie müssen wissen, dass sie jederzeit gehen können. Ich frage sie immer wieder, ob es wirklich das ist, was sie wollen.“ In mehr als einem Fall half sie Menschen, die es sich anders überlegt hatten, wieder nachhause zu kommen. „Eine Frau ruft mich heute noch an, um sich zu bedanken.“

Und noch ein Stück Schokolade

Am Tag X setzen sich zunächst alle an einen runden, mit einem gelben Tuch bedeckten Tisch. Hier besprechen die Dignitas-Mitarbeiter zusammen mit den Familienangehörigen und dem Sterbewilligen, wie alles vonstatten gehen wird. Viele Dokumente müssen unterschrieben werden, um den Todeswunsch des Patienten festzuhalten. Jeder kann dann selbst darüber entscheiden, wann er das brechreizhemmende Medikament und im Abstand von einer halben Stunde das tödliche Gift einnehmen möchte. „Sie entscheiden, wann es soweit ist und geben mir dann die Anweisung, die Medikamente vorzubereiten“, sagt Bucher. „Wenn jemand sechs Stunden lang über sein Leben reden möchte, werden wir ihn nicht drängen“, sagt Minelli. „Die Musik und alle anderen Details bleiben den Patienten überlassen.“

Den Sterbewilligen wird geraten, sich niederzulegen, da im Sitzen der Kiefer herunterklappt und der Körper in sich zusammensackt. Das macht es für die Angehörigen schwieriger. „Dann legen wir den Film in die Videokamera, fragen aber immer nach, ob sie nicht noch Zeit brauchen. Für gewöhnlich sind die Menschen ruhig. Die meisten von ihnen haben starke Schmerzen und wissen, dass dieses Getränk sie für immer beenden wird.“ Das weiße Pulver wird mit Wasser verrührt und aus einem kleinen Glas getrunken. Bucher bittet die Menschen, ihre letzten Worte schon zu sprechen bevor sie trinken; denn danach bleibt nicht mehr viel Zeit – für gewöhnlich vergehen zwischen einer und drei Minuten, bevor sie einschlafen, ins Koma fallen und dann sterben. „Manchen bedanken sich und sagen ihren Angehörigen, dass sie sie lieben, dass sie ein gutes Leben hatten und dankbar dafür sind, dass sie nun sterben dürfen.“ Da das Getränk bitter schmeckt, neutralisieren manche den Geschmack mit Schokolade.

Sobald die Person gestorben ist, werden die Bestatter und die Polizei verständigt. In einem Nebenzimmer können die Polizisten sich das Video ansehen und ihren Bericht schreiben. Im ersten Stock befindet sich eine Waschmaschine sowie eine Kiste mit Kleidern und Schuhen von kürzlich Verstorbenen, die für das Rote Kreuz bestimmt sind.

Dignitas bringt jedes Jahr ungefähr 170.000 Schweizer Franken für diverse juristischen Auseinandersetzungen auf. Das Geld hierfür wird durch die Mitgliederbeiträge sowie durch Spenden aufgebracht. Minelli sagt, er zahle sich selbst keinen Lohn: „Als Hobby-Astronom weiß ich um die Besonderheit des Lebens, das nur auf unserem Planeten bekannt ist. Wir müssen es bewahren, wo immer wir können. Gleichzeitig müssen wir aber einem fühlenden menschlichen Wesen möglich machen zu sagen: Das war’s."

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt