Ein kubanischer Garibaldi

Nachruf Fidel Castro verkörperte nicht nur die Revolution – sein Vermächtnis geht weit darüber hinaus
Richard Gott | Ausgabe 48/2016
Ein kubanischer Garibaldi
Castro in seinem Büro in Havana 1979
Foto: David Hume Kennerly/Getty Images

Die meisten der heute lebenden Kubaner waren noch nicht geboren, als Fidel Castro am 1. Januar 1959 mit seinen Rebellen in Havanna einzog. Große Teile des Landes hatten sie bereits von der Batista-Diktatur, einem Mündel der USA, befreit. Castro war der unumstrittene Führer dieses Umsturzes, bald des Staates, der zum Rückgrat einer neuen Gesellschaft wurde. Es waren seine intellektuelle Aura, die rhetorische Brillanz wie politische Botschaft im Namen einer souveränen Nation, die ihm während des Kalten Krieges einen Einfluss verschafften, der weit über die Grenzen der Karibikinsel hinausging. Es war ihm zu verdanken, dass die Bewegung der nichtpaktgebundenen Staaten nochmals einen Aufschwung erlebte, bevor sie nach 1990 in der Versenkung verschwand. Selbst im Alter übte Fidel Castro eine geradezu magnetische Anziehungskraft aus und faszinierte als Elder Statesman ebenso, wie er dies als revolutionärer Heißsporn getan hatte.

Sowjetführer der frühen 60er wie Nikita Chruschtschow und Anastas Mikojan waren begeistert von ihm, ebenso wie europäische Intellektuelle, allen voran Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Afrikanische Revolutionäre suchten seinen Rat, die Führer lateinamerikanischer Landarbeiter ließen sich von ihm inspirieren. Im 21. Jahrhundert wuchs ihm zusätzliches Ansehen zu als Mentor von Hugo Chávez in Venezuela und Evo Morales in Bolivien, deren revolutionäre Reformen die US-Hegemonie bedrohten.

Nur die Vereinigten Staaten, die Castro als Staatsfeind Nr. 1 betrachteten, weigerten sich, ihn zu respektieren. Es sollte bis zur zweiten Amtszeit Barack Obamas dauern, dass Ende 2014 langsam damit begonnen wurde, die Restriktionen gegen Kuba zu lockern. Zuvor schon war Castro wegen einer Erkrankung gezwungen gewesen, die Führung des Landes an seinen Bruder Raúl zu übergeben, der die Normalisierung mit Washington vorantrieb. Der Fidel bis zuletzt misstraut hat, schrieb er doch zu seinem 90. Geburtstag: „Wir sind nicht darauf angewiesen, dass uns das Imperium etwas gibt“.

Castros Regierungszeit dauerte fast fünf Jahrzehnte. Während des Kalten Krieges verging kaum ein Jahr, in dem er sich nicht auf internationaler Bühne profilierte. Bei mehreren Anlässen hielt die Welt den Atem an, als Ereignisse in und um Kuba kaum noch beherrschbar schienen. 1961 sollte eine CIA-gestützte Invasion von Exilkubaner in der Schweinebucht Castros Revolution ersticken, doch der Angriff brach schnell zusammen. 1962 stationierte die Sowjetunion Atomraketen auf Kuba, um die junge Revolution mit dem einzigen Schutz auszustatten, der den USA Respekt abverlangen würde, wie man damals glaubte. 1975 wendete nach dem Einmarsch südafrikanischer Truppen eine kubanische Luftbrücke das Blatt zugunsten des um Unabhängigkeit ringenden Angola.

Castro war ein Volksheld im Stil Garibaldis, der auch das Geschick von Ländern verändern sollte, die weit von der kubanischen Heimat entfernt lagen. Für die reaktionären Systeme Lateinamerikas stellte das eine enorme Herausforderung dar, auf dem Subkontinent wurde eine ganze Generation von Castro beeinflusst. Dabei spielte Kubas indigener Nationalismus mindestens eine ebensolche Rolle wie der Sozialismus oder die Legende von José Martí, dem patriotischen Poeten, der im 19. Jahrhundert den Aufstand gegen Spaniens Kolonialmacht inspiriert hatte. Castros Kunst bestand darin, Sozialismus und Patriotismus gleichsam auf der Agenda zu halten. Er gab dem kubanischen Volk dessen Geschichte zurück und sorgte dafür, dass der Name seiner Insel tief in der Geschichte des 20. Jahrhunderts verankert wurde.

Wie die meisten lateinamerikanischen Linken war Castro vom Marxismus beeinflusst – was auch immer dies im kontinentalen Kontext bedeutete, über den Marx nur wenig gesagt hatte. In der Praxis lief es auf Sympathien für die weit entfernte Sowjetunion und eine starke Abneigung gegen den nahen Yankee-Imperialismus hinaus. Obwohl die Linke natürlich wusste, dass sich die USA nur allzu brachial in die Angelegenheiten Lateinamerikas, speziell Kubas, einmischten, sorgte dies nicht für eine übermäßige Nähe zu den kommunistischen Parteien, die – mit Ausnahme Chiles – in Argentinien, Brasilien, Venezuela oder anderswo eher klein und unbedeutend waren. Castro selbst war anfangs kein Kommunist, sein Bruder und Che Guevara jedoch hegten große Sympathien.

Fidels Aufstieg erregte schnell den Unmut der Supermacht im Norden. Als dann noch in den ersten Monaten von Kennedys Präsidentschaft die Invasion in der Schweinebucht scheiterte, war eine Wiederannäherung für lange Zeit undenkbar. Ob Castro durch das unkluge Verhalten der USA in den ersten Jahren nach der Revolution ins Lager der Sowjets gedrängt wurde oder immer schon diesen Weg einschlagen wollte, ist Gegenstand historischer Debatten. Belege gibt es für beides, Castro sah nie eine Veranlassung, den Spekulationen ein Ende zu bereiten. Ungeachtet dessen kämpfte er hart darum, Kubas eigenständige Identität als Entwicklungsland zu bewahren, das einen ganz eigenen Weg zum Sozialismus finden sollte. Selbst als er sich eng an die Sowjetunion band, hörte er nie damit auf, auch anderswo Brücken zu bauen – in Lateinamerika nach Peru, Panama, Chile; in Afrika nach Algerien, Angola, Äthiopien oder in Asien nach Vietnam – „Vietnam Heróico“, wie die Kubaner es nannten.

Existenziell bedroht

Castro war zwar eher ein opportunistischer Kommunist als ein wirklich überzeugter wie etwa Erich Honecker, teilte aber dessen Misstrauen gegenüber Gorbatschows Reformen Mitte der 80er. Die Stabilität und das Überleben ihrer Länder hing von der Unterstützung durch die UdSSR ab, auch wenn sich Kuba, das aus einer von der Bevölkerung getragenen Revolution hervorging, anders behaupten konnte als die DDR. Doch dürfte der Máximo Líder schon vor dem Kollaps der UdSSR gewusst haben, welche Stunde Kuba nun schlug. Die USA hatten Moskau schon 1990 klargemacht, Wirtschaftshilfe gebe es nur, wenn Havanna fallen gelassen werde. Boris Jelzin, der neue Mann im Kreml, war denn auch kein Freund. Er besuchte sogar Jorge Mas Canosa, den Cheforganisator der Exilkubaner in Miami, und widerrief die meisten der Wirtschaftsabkommen, die der kubanischen Ökonomie ein Überleben sicherten. Als dann noch der US-Kongress das Handelsembargo verschärfte, rief Castro einen Ausnahmezustand aus, wie er sonst nur bei einer Invasion vorgesehen war. Seine politische Begabung ermöglichte es ihm, zu improvisieren und Kompromisse einzugehen. Er machte aus der Not eine Tugend und Kuba zur weltweit ersten wirklich grünen Gesellschaft mit einer von Windrädern angetriebenen Wirtschaft und fahrradfahrenden Bürgern. Es war eine Art Guerillakrieg mit anderen Mitteln, Castro beschwor den Geist der Sierra Maestra herauf. Er ließ das Land mehr denn je für ausländische Touristen öffnen und billigte ein duales Wirtschaftssystem, in dem der US-Dollar einen gewichtigen Part übernahm.

Im Januar 1998 wurden seine Bemühungen um internationale Anerkennung durch den Besuch von Papst Johannes Paul II. gekrönt, der manchen als Totengräber des osteuropäischen Kommunismus galt. Doch war Castros Kommunismus stets von Respekt gegenüber der katholischen Kirche geprägt, schließlich hatte sich der Comandante lange für die Befreiungstheologie und eine Allianz zwischen katholischen Priestern und linken Aktivisten in Lateinamerika eingesetzt. Der Papst galt als erklärter Gegner dieser Strömung innerhalb der Kirche, was seinen Kuba-Besuch umso bemerkenswerter erscheinen ließ. Wenn Johannes Paul II. gehofft hatte, seine Reise würde den kubanischen Sozialismus destabilisieren helfen, hatte er sich getäuscht.

Charme und Charisma

Castro wurde schon lange vor seinem Tod zur Legende. Die frühen Jahre der Revolutionsregierung mit verwegenen, bärtigen jungen Männern in Tarnanzügen waren voller Romantik, Chaos und Mühen. Castro arbeitete zu allen Tages- und Nachtzeiten, hielt lange Reden, in denen er mit dem Elan des geübten Rhetorikers am Schöpfrad der Worte drehte. Mit den Jahren wurde er ruhiger, Regierungsarbeit stärker verteilt, Macht dezentralisiert.

Kubas Revolution war friedlich, wenn man von ein paar Schergen Batistas absieht, die in den ersten Wochen erschossen wurden. Einige Revolutionäre der ersten Generation konnten den späteren Linksruck der Regierung nicht verdauen, und die Mittelschicht verließ Kuba scharenweise in Richtung Miami. Aber die Revolution fraß nicht ihre Kinder. Viele aus dem innersten Kreis Castros lebten und leben bis ins hohe Alter. Castro wurde vorgeworfen, im Grunde unterscheide er sich nicht von anderen lateinamerikanischen Diktatoren, aber ein solcher Vorwurf ist schwer aufrechtzuerhalten. Der Comandante erinnerte mehr an spanische Generalgouverneure, von denen viele aufgeklärte Patriarchen waren, als an die blutrünstigen Obristen des 20. Jahrhunderts. Wenn seine Regierung angegriffen wurde, erhielt sie Beistand durch die Bevölkerung. Sein Charme, sein Charisma wie politisches Talent halfen ihm, sich zu behaupten. Die einzige Kraft, die ihn besiegen konnte, war die Altersschwäche.

Richard Gott ist Historiker und Autor mehrerer Bücher über Lateinamerika. 1967 identifizierte er den Leichnam von Che Guevara in Bolivien

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 14.12.2016
Geschrieben von

Richard Gott | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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