Ein Mann fürs ganz Grobe

USA Als vor zehn Jahren die Besatzung im Irak beginnt, entstehen Sondereinheiten. Um die kümmert sich auch Oberst Jim Steele, der sich als El-Salvador-Veteran empfiehlt

Ein vornehmer Golfplatz grenzt an ein geräumiges, zweigeschossiges Haus. Die grauen Holzfensterläden sind geschlossen. Nichts rührt sich, genau wie in all den anderen, scheinbar verlassenen Luxushäusern der Gated Community in der Nähe von Bryan (Texas). Den Hausherrn, Oberst a.D. Jim Steele, zu treffen, ist unmöglich. Auch in der Zentrale von Buchanan Renewables in Genf, wo er als leitender Geschäftsführer auf der Gehaltsliste steht, ist er nicht zu erreichen. Auf hinterlassene Nachrichten erfolgt kein Rückruf.

Wir haben über ein Jahr lang versucht, den 68-jährigen Steele zu kontaktieren und ihn nach der Rolle zu fragen, die er während des vor zehn Jahren begonnenen Irak-Krieges als Gesandter des damaligen US-Verteidigungsministers Donald bei der irakischen Polizei spielte. Es geht um paramilitärische Einheiten, die ein landesweites Netz von Geheimgefängnissen unterhielten. In deren Verhörzellen wurde vernommen und gefoltert, wer unter Verdacht stand, am Aufstand gegen die US-Invasion beteiligt zu sein.

Zum zehnten Jahrestag des Einmarsches werden erneut Vorwürfe wegen der amerikanischen Verbindungen zu diesen Formationen laut, die das Abgleiten des Landes in einen Bürgerkrieg maßgeblich beschleunigt haben. Schon vor Jahren tauchten geheime, ins Internet gestellte US-Militärdokumente auf, in denen sich mysteriöse Befehle an US-Soldaten fanden, Folterungen von Irakern an Irakern zu ignorieren. Dem 25-jährigen Gefreiten Bradley Manning, dem die Veröffentlichung zu verdanken war und gegen den derzeit Militärrichter wegen Geheimnisverrats verhandeln, drohen 20 Jahre Haft oder mehr.

Genau so kam es

Oberst Jim Steele war der Mann, der im Verborgenen für die Informationsbeschaffung durch die irakischen Kommandoeinheiten verantwortlich war. Schon im Keim sollte ein sich abzeichnender sunnitischer Aufstand erstickt werden. Die Rolle war wie für Steele geschaffen. 20 Jahre zuvor hatte er sich als Kommandeur von US-Spezialkräften einen Namen gemacht, die in El Salvador die Armee ausbildeten, um die FMLN-Guerilla zu zerschlagen. Es war die Zeit der international berüchtigten Todesschwadronen, die selbst bei Geistlichen wie Oscar Arnulfo Romero, dem Erzbischof von San Salvador, kein Pardon gaben. Steeles Biografie beschreibt die Arbeit in El Salvador als „Ausbildung der besten Truppe zur Aufstandsbekämpfung“. Von seiner Zeit in Mittelamerika Mitte der achtziger Jahre erzählte Steele Max Manwaring, Autor des Buches El Salvador at War: An Oral History: „Als ich hier eintraf, neigte man dazu, sich auf technische Indikatoren zu konzentrieren. Aber bei einem Aufstand muss der Fokus auf den menschlichen Aspekten liegen. Man muss die Menschen soweit bringen, dass sie mit einem reden.“

Auch in El Salvador beschleunigten die USA mit ihrem Eingreifen das Abgleiten in einen Bürgerkrieg, der 75.000 Salvadorianer das Leben kostete. Celerino Castillo von der Drug Enforcement Administration, die in El Salvador mit Steele kooperiert hat, meint zu dessen Irak-Einsatz: „Als ich davon hörte, dass Oberst Steele in den Irak geht, wusste ich, dass sie dort das implementieren wollen, was als salvadorianische Option bekannt ist. Genau so kam es. Mir war klar, dass es im Irak zu den gleichen Gräuel wie in El Salvador kommen würde.“

In El Salvador traf Steele erstmals den Mann, der später die US-Operationen im Irak leiten sollte: David Petraeus. Als junger Major besuchte er 1986 das zentralamerikanische Land und wohnte sogar in Steeles Haus. Doch während Petraeus auf der Karriereleiter immer weiter nach oben kletterte, erhielt Steeles Laufbahn durch seine Verwicklung in die Iran-Contra-Affäre einen unerwarteten Dämpfer. Als Helikopter-Pilot, der auch eine Lizenz für Düsenflugzeuge besaß, leitete er den Flughafen, von dem aus US-Berater illegal Waffen für die Contra-Rebellen nach Nicaragua schmuggelten. Während die anschließende Untersuchung durch den US-Kongress den politischen Ambitionen Steeles ein Ende setzte, brachte sie ihm zugleich die Bewunderung des Ausschussmitgliedes Dick Cheney ein. Der war von Steeles Engagement im Kampf gegen die Linke in Nicaragua und El Salvador sehr angetan. Als Cheney Ende 1989 die US-Invasion in Panama zum Sturz des einstigen Günstlings Manuel Noriega führte, wählte er Steele aus, um Panamas neue Polizei aufzubauen.

15 Jahre später. Man schreibt das Jahr 2004, die US-Besatzung im Irak hat den Apparat der Baath-Partei Saddam Husseins zerschlagen und damit chaotische Zustände herbeigeführt. Ein vorrangig von Sunniten getragener Aufruhr greift immer weiter um sich und bereitet den Amerikanern in Städten wie Falludscha und Mosul ernsthafte Schwierigkeiten. Die Erhebung kostet die US-Armee jeden Monat etwa 50 GIs, die in den Kämpfen fallen. In Washington zieht man „die salvadorianische Option“. Und der Mann, der sie in den Irak tragen soll, ist bereits in Bagdad. Schon kurz nach der Invasion Ende März 2003 ist Jim Steele einer der wichtigsten Berater vor Ort, der Donald Rumsfeld regelmäßig Bericht erstattet. Seine Memos werden so sehr geschätzt, dass sie auch an Präsident Bush und Vizepräsident Cheney gehen. Rumsfeld spricht in den höchsten Tönen von seinem Informanten: „Gestern haben wir mit General Petraeus diskutiert, heute wurde ich von einem Mann namens Steele gebrieft, der als Zivilist einen ausgezeichneten Job macht.“

Im Juni 2004 kommt David Petraeus mit der Anweisung nach Bagdad, eine neue Polizeitruppe zur Aufstandsbekämpfung ausbilden zu lassen. Steele und der noch im aktiven Dienst stehende US-Oberst James Coffman führen Petraeus daraufhin zu abgebrühten Obristen, von denen viele zu den zähesten Überlebenden des alten Regimes gehören, unter ihnen General Adnan Thabit, der wegen eines gescheiterten Komplotts gegen Saddam Hussein zum Tode verurteilt worden war und durch die Invasion gerettet wurde. Thabit, den die Amerikaner für die Leitung der Polizei-Sonderkommandos auswählen, entwickelt enge Beziehungen zu den neuen Beratern. „Sie wurden meine Freunde. Da Steele und Colonel Coffman aus Spezialeinheiten kamen, konnte ich von ihrer Erfahrung profitieren. Aber die Hauptperson, die ich stetig kontaktierte, hieß David Petraeus“, erinnert er sich.

3.000 Leichen im Monat

Für den Aufbau der Sondereinheiten stehen acht Milliarden Dollar aus einem US-Fonds zur Verfügung. So kann General Petraeus viel tun, damit die Polizeikommandos zu gefürchteten Todesschwadronen werden.

Ein letzter Strich soll das Gemälde komplettieren: Die USA haben gewaltbereite Schiiten-Milizen wie die Badr-Brigaden zunächst vom Beitritt zu diesem Sicherheitskorps ausgeschlossen. Im Sommer 2004 jedoch gilt dieses Verbot nicht mehr. Lastwagen mit schiitischen Milizionären aus dem ganzen Land erreichen Bagdad, um sich den neuen Formationen anzuschließen. Diese Männer sind begierig darauf, Sunniten zu bekämpfen. Viele wollen Rache für die jahrzehntelange, von Sunniten getragene brutale Herrschaft Saddams.

Petraeus und Steele lassen diese Legionäre der Vergeltung genauso auf die sunnitische Bevölkerung los wie auf die Aufständischen. Es hat eben Pech, wer ihnen in die Quere kommt. Die Folgen für die irakische Gesellschaft werden katastrophal sein und wirken bis heute nach. Als der Bürgerkrieg 2006 kulminiert, liegen jeden Monat mehr als 3.000 Leichen auf den Straßen des Landes, darunter viele unbeteiligte Zivilisten.

Doch sind es die Praktiken der Kommandos in den Gefängnissen, die für den amerikanischen Dienstherren die beunruhigendsten Fragen aufwerfen. Es entsteht ein Netzwerk geheimer Arrestorte, an denen Gefangene interniert werden, um Informationen aus ihnen herauszuholen. Die Kommandos greifen auf brutalste Foltermethoden zurück, um Gefangene zum Reden zu bringen. Gibt es Beweise dafür, dass sich Steele oder Coffman an diesen Verhören beteiligt haben?

Muntadher al-Samari, ein ehemaliger General der irakischen Armee – auch er arbeitet mit den Amerikanern zusammen, um die Polizei wieder aufzubauen – behauptet, sie hätten genau gewusst, was geschah, und die Kommandos mit Listen von Leuten versorgt, die sie haben wollten. Er habe versucht, die Folter zu stoppen. Als ihm das misslang, sei er ins Ausland geflohen. Al-Samari: „Wir saßen gerade beim Mittagessen mit Oberst Steele und Oberst Coffman. Da öffnete sich eine Tür, und wir sahen, wie Captain Jabr gerade einen Gefangenen folterte. Das Opfer hing mit dem Kopf nach unten da. Steele stand auf und schloss die Tür einfach wieder. Er sagte überhaupt nichts – es war für ihn völlig normal.“ Es habe, so al-Samari, in Bagdad 13 oder 14 Geheimgefängnisse gegeben, die unter Aufsicht des Innenministeriums standen und von den Spezialkommandos der Polizei benutzt wurden. Steele und Coffman hätten Zugang zu all diesen Objekten besessen. „Sie wurden nirgendwo ausgewiesen“, sagt al-Samari, „die amerikanische Militärführung und die irakische Regierung waren immer darüber im Bilde, und zwar vollständig. Was dort passierte, war die hässlichste Art von Folter, die ich je gesehen habe.“

Der Guardian befragte sechs Folteropfer. Darunter ein Iraker, der aussagte, man habe ihn 20 Tage festgehalten. „Mit Einbruch der Dunkelheit begannen sie, mich zu verhören. Sie wollten Geständnisse. Ich hörte, wie sie sagen: ‚Gestehe, was du getan hast.‘ Als ich erwiderte ‚Ich habe nichts getan. Soll ich gestehen, was ich nicht getan habe?‘ – antworteten sie: ‚Ja, die Amerikaner haben uns gesagt, wir sollen so viele Häftlinge bringen wie möglich.‘ Ich habe nichts gestanden, obwohl sie mir die Fußnägel herausgerissen haben.“

Als der Guardian und BBC Arabic bei David Petraeus um ein Statement zu diesen Vorgängen bitten, erhalten sie von einem dem General nahestehenden Offiziellen eine Erklärung, in der es heißt: „Aus der Akte von General i.R., David Petraeus, die Anweisungen an seine eigenen Soldaten enthält, geht eine eindeutige Ablehnung jeder Art von Folter hervor.“ Und zu Oberst i.R., Jim Steele, wird mitgeteilt: „Er war einer von Tausenden, die irakische Einheiten beraten haben. Es gab keine bestimmte Regelmäßigkeit für die Treffen zwischen Oberst Steele und General Petraeus. Doch hat General Petraeus Oberst Steele bei Anlässen getroffen, die sich aus dem Aufbau der Sonderpolizei ergaben, bei denen Oberst Steele eine wichtige Rolle gespielt hat ...“

Mona Mahmood und Maggie O’Kane sind Guardian -Autorinnen. Eine TV-Dokumentation finden Sie unter guardian.co.uk

Übersetzung: Holger Hutt

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01:00 28.03.2013
Geschrieben von

Mona Mahmood, Maggie O’Kane | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 27/2020

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