Ein Mann will nach oben

Sudan Kommandeur Hemedti ist seit dem Darfur-Konflikt gefürchtet. Bald könnte er die Macht übernehmen
Ein Mann will nach oben
Ein Demonstrant hält ein Schild mit dem Porträt von Mohamed Hamdan Dagalo, genannt „Hemedti“. In der Unterzeile steht: „Hemedti steht für mich“

Foto: Ashraf Shazly/AFP/Getty Images

Als Anfang Juni in Khartum bewaffnete Männer auf Demonstranten schießen und mehr als 60 Menschen töten, machen Zeugen dafür sofort Paramilitärs der gefürchteten Miliz Rapid Support Forces (RSF) verantwortlich. Sie werden von Mohamed Hamdan Dagalo kommandiert, bekannt als Hemedti und zugleich Vizechef des militärischen Übergangsrats, der den Sudan regiert, seit Präsident al-Bashir am 11. April von der Armee gestürzt wurde. Soldaten in Fahrzeugen mit RSF-Aufschrift sollen um sich gefeuert haben, als sie Barrikaden beiseite räumten.

Hemedti dagegen meint, die Verantwortlichen für die Gewalt seien in der Universität Khartum und unter den Demonstranten zu finden. „Diese Leute wurden verhaftet und haben vor laufender Kamera gestanden.“ Zu Details könne er sich nicht äußern.

Die Generäle, die nach al-Bashir die Macht übernommen haben, bestehen darauf, dass an der Spitze jeder künftigen Regierung ein Militär steht. Da die Gespräche darüber erst festgefahren und unterbrochen sind, bringt sich Hemedti dafür mehr denn je in Stellung. Wie groß sein Einfluss ist, lässt sich daran erkennen, dass ihm während eines Aufenthalts in Riad Kronprinz Mohammed bin Salman eine Audienz gewährte.

Hemedtis RSF-Milizen (etwa 10.000 Mann) wurden zuletzt eingesetzt, um hart gegen pro-demokratische Demonstranten vorzugehen. Hemedti gefiel sich in der Warnung, wer „Chaos“ säe, müsse die Konsequenzen tragen. Und er beteuerte zugleich, sich einen demokratischen Sudan zu wünschen. Wie ernst es ihm damit sei, habe man seiner Weigerung entnehmen können, auf Befehl von Omar al-Bashir das Sit-in vor dem Armeehauptquartier in Khartum mit Gewalt aufzulösen.

Anfang Mai sagte Hemedti der ägyptischen Zeitung Al-Ahram, der regierende Militärrat wolle „die Macht eher heute als morgen übergeben“. Oppositionelle Aktivisten in Khartum glauben stattdessen, dass Hemedti, der aus einem Clan von Kamelhändlern in Darfur stammt, darauf hofft, Staatschef zu werden, sein Ehrgeiz sei grenzenlos. Manche betrachten ihn als Verbündeten gegen die islamistische Bewegung, die für den Umsturz 1989 verantwortlich war, der Omar al-Baschir an die Macht brachte und sein Regime stützte.

Folter, Lynchmord

Dabei ist Hemedtis Aufstieg eng mit dem Dauerkonflikt in seiner Heimat Darfur verbunden. Ihm wird vorgeworfen, sich dort an die Verbrannte-Erde-Taktik gegen die Rebellen zu halten, zur der al-Baschir ab 2003 überging, weshalb ihn der Haager Weltgerichtshof (ICC) wegen Kriegsverbrechen und Völkermord angeklagt hat. In den ersten Jahren des Konflikts sollen 300.000 Menschen getötet und 2,7 Millionen in die Flucht getrieben worden sein, als die von der Regierung unterstützten Janjaweed-Milizen die Dörfer ethnischer Afrikaner anzündeten. In einem Interview mit einem Dokumentarfilmer im Jahr 2008 sagte Hemedti, Präsident al-Bashir habe ihn persönlich aufgefordert, den Kampf gegen den Aufstand in Darfur anzuführen. Das habe er getan, sich jedoch dagegen gewehrt, zivile Gebiete anzugreifen.

Seinen Aufstieg hat Hemedti zweifellos der Gepflogenheit im Sudan zu verdanken, Aufstandsbekämpfung lokalen Milizen zu überlassen, glaubt Magdi el-Gizouli von der Ostafrika-Denkfabrik Rift Valley Institute. „Die Niederschlagung der Rebellion in Darfur war Hemedtis Werk. Er war in der Lage, effiziente Kampftruppen zu mobilisieren, die mit den lokalen Umständen wie der geographischen Lage vertraut waren und mit mancher Gemeinde in Darfur noch eine Rechnung offen hatten.“

Die Pro-Regierungsmilizen wurden schließlich 2013 als RSF reorganisiert, um die Disziplin zu erhöhen und die Einheiten stärker an die Armee zu binden. Unter Hemedtis Kommando rückten jene Verbände 2014/15 zu zwei gut vorbereiteten Feldzügen aus, um den Widerstand in Darfur zu brechen. Laut Bericht der NGO Human Rights Watch von 2015 „verübte der RSF eine Reihe schrecklicher Verbrechen“, darunter die Zerstörung von Brunnen und Viehraub. „Zu den ungeheuerlichsten Übergriffen gegen Zivilisten gehörten Folter und Lynchmorde“, heißt es im Report. Besonders in der Region Jebel Marra sei es um das Dorf Golo herum zu Massenvergewaltigungen gekommen. Häufig hätten Soldaten Frauen und Mädchen vor den Augen ihrer Angehörigen missbraucht, sie danach getötet und ihre Leichen einfach liegenlassen, berichtete Human Rights Watch weiter.

Noch hat der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag keine Anklage gegen Hemedti erhoben, jedoch in einem Bericht die Aussage getroffen, dass die Rapid Support Forces unter seinem Kommando „eine ähnliche Struktur und Vorgehensweise“ an den Tag legten wie frühere Milizen: geprägt von „unverhältnismäßigen Angriffen gegen die Zivilbevölkerung“.

Jason Burke ist Afrika-Korrespondenten des Guardian

Übersetzung: Carola Torti
06:00 15.06.2019
Geschrieben von

Jason Burke | The Guardian

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