Ein Mann zum Träumen

Porträt Goodluck Jonathan wäre anderswo als Präsident längst erledigt. In Nigeria hofft er am 28. März auf seine Wiederwahl
Monica Mark | Ausgabe 10/2015
Ein Mann zum Träumen
Goodlick Jonathan: Jüngst wurde er in Nigeria sogar mit Jesus Christus verglichen
Bild: Bart Maat-Pool/Getty

Einst sprach nicht viel dafür, dass Goodluck Jonathan einmal vom Hochschullehrer für Zoologie zum Staatschef des bevölkerungsreichsten Landes in Afrika aufsteigen würde. Auch sah es lange Zeit kaum danach aus, als würde es ihm möglich sein, sich nach der ersten Amtszeit einer Wiederwahl zu stellen. Doch das ist Vergangenheit – seit das Votum auf den 28. März verschoben wurde, kann Goodluck Jonathan nun gar damit rechnen, das höchste Staatsamt zu verteidigen. Und das, obwohl seine Regierung nicht in der Lage ist, den kaltblütigen Massakern durch Boko- Haram-Milizen ein Ende zu setzen. Ein solches Unvermögen hätte die meisten Präsidenten das Amt gekostet – nicht Goodluck Jonathan. Als der Anfang Januar seinen Wahlkampf in der Metropole Lagos vor Zehntausenden Anhängern startete, gab es in dem entlegenen nordöstlichen Flecken Baga einen Boko-Haram-Überfall, bei dem fast 2.000 Menschen starben. Jonathan verlor bei seinem Auftritt darüber kein Wort. Anderswo würde ein solches Verhalten auf Empörung, zumindest Unverständnis stoßen – in Nigeria trifft es die herrschende Stimmung. Für die meisten sind die barbarischen Glaubenskrieger nur ein Dilemma von vielen, das noch dazu auf den Nordosten beschränkt scheint.

Es vergingen zwei Wochen, bis sich Jonathan bei einem Überraschungsbesuch in Borno – einer Hochburg für Boko-Haram-Rekrutierer – zum Blutbad in Baga äußerte. Eine Gruppe junger nigerianischer Unternehmer unter der Führung des Menschenrechtsaktivisten Hafsat Abiola formulierte daraufhin in einem offenen Brief: „Es ist nicht das erste Mal, dass Sie einer Katastrophe mit völliger Sorglosigkeit begegnen. Auch im April 2014, als die Schülerinnen in Chibok entführt wurden, ließen Sie sich 40 Tage Zeit, um zu reagieren. Brechen Sie endlich das Schweigen!“

Dass die Menschen dennoch an ihm festhalten, liegt nicht zuletzt an Jonathans Geschichte. Für Millionen seiner Mitbürger verkörpert er den nigerianischen Traum – einer, den Armut nicht länger quält und der es bis ganz nach oben geschafft hat. Dieser tief verwurzelte Optimismus lässt die Nigerianer fest daran glauben, dass auch für sie bald die bessere Zukunft anbricht. Viel mehr als diese Hoffnung haben sie nicht: Derzeit müssen von den rund 180 Millionen Einwohnern etwa 70 Prozent mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen.

Der öffentlichkeitsscheue Goodluck Ebele Azikiwe wurde 1957 im Bezirk Otuoke in einer Familie christlicher Kanu-Bauer geboren. Seine Eltern sparten sich das Geld vom Munde ab, um den Sohn in die Schule zu schicken. „Am Anfang war ich barfuß unterwegs – jeden Tag mehrere Kilometer – und hatte sogar einen Fluss zu überqueren, um bei meinen Lehrern anzukommen. Da wir zu Hause keine Generatoren hatten, musste ich abends oder nachts bei Kerzenlicht lernen. Aber wenn ich das geschafft habe, könnt ihr es auch!“, sagte er 2011, als ihn eine Welle des Optimismus ins Präsidentenamt trug. Dabei war Jonathans Kindheit davon geprägt, dass in den 60er Jahren im Nigerdelta Öl gefunden wurde, dessen Förderung im Süden Nigerias nicht nur die Natur zerstörte. Widerstand gegen die Erschließung und Kriminalität führten auch zu sozialer Verwerfung.

Jonathans Aufstieg begann 1999. Das Angebot, als Vizegouverneur des Staates Bayelsa zu kandidieren, nahm er nur widerwillig an, stieg danach schnell bis zum Vizepräsidenten auf. Als schließlich im Mai 2010 Präsident Musa Yar’Adua, ein Muslim aus dem Norden, nach der Hälfte seiner Amtszeit starb, übernahm Jonathan die Amtsgeschäfte und stellte sich 2011 als „Onkel Jona“ offiziell zur Wahl.

Während seiner Präsidentschaft deckte im Juli 2012 ein Untersuchungsausschuss die maßlose Korruption von Regierungsinstanzen auf: In drei Jahren wurden 6,8 Milliarden Petrodollar aus der Staatskasse abgezweigt, einmal in nur 24 Stunden 6,4 Millionen Dollar an „Unbekannte“ überwiesen. Der Skandal überschattete Erfolge, die es anderswo gab. So wurden unter Jonathan das marode Stromnetz und der Bahnverkehr modernisiert, der sich als völlig vernachlässigt erwies, weil die Eliten lieber das Flugzeug nahmen.

„Er kann sehr gut auf Menschen eingehen und schenkt jedem in seiner Umgebung Gehör. In Nigeria macht einen das aber leider nicht zu einer guten Führungspersönlichkeit“, so ein Kritiker des Präsidenten. Die Schleimerei, die Jonathans Mitarbeiter an den Tag legen, überschreitet zuweilen die Grenze zum Peinlichen. Sein Pressesprecher Doyin Okupe verglich ihn jüngst gar mit dem Heiland. „Die Leute verstehen nicht, welche Last der Präsident zu tragen hat. Er ist wie Jesus Christus. Er trägt die Last aller“, sagte der Mann in einer beliebten Talkshow. „Wenn man in die Regierung geht, erwarten die Leute, die einen eigentlich beraten sollten, dass man für sie stiehlt“, sagt Folarin Gbadebo-Smith, Direktor des Centre for Public Policy Alternatives in Lagos. „Unser politisches System wurde von der britischen Kolonialmacht zu dem Zweck entworfen, dem Land möglichst viel Mehrwert abzupressen.“ Dieses System habe sich kaum geändert, es hätten nur jeweils andere ganz oben gestanden – erst Militärs, jetzt Zivilisten.

Doch gibt es Anzeichen dafür, dass die Bürger aufwachen. Als Jonathans Entourage Ende Februar erneut in Lagos Wahlkampfveranstaltungen durchführte und damit den Verkehr lahm legte, ging die Händlerin Anne Owoleo nicht mehr hin, wie sie das noch vor Wochen getan hatte. Mit ihrer Straßenapotheke verdient sie umgerechnet fünf Euro am Tag.

Monica Mark lebt in Nigeria und schreibt als freie Autorin für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 09.03.2015
Geschrieben von

Monica Mark | The Guardian

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