Ein neuer Luftkrieg

Nahost Drohnen-Einsätze schüren die latenten Spannungen zwischen Israel und Iran
Ein neuer Luftkrieg
Libanesische Forensiker inspizieren im August 2019 die Absturzstelle zweier Drohnen in Beirut

Foto: Anwar Amro/AFP/Getty Images

Zahlreiche Angriffe mit Drohnen auf Ziele in Syrien und Saudi-Arabien, im Irak, Jemen und jüngst im Libanon lassen das Schreckgespenst einer neuen Konfliktära aufkommen. Gut getarnte, ferngesteuerte Waffen sind in der Lage, zu weit entfernten Kampfzonen vorzudringen und gezielt zu treffen. Längst ist die Kriegsführung mit Drohnen zu einem instrumentalen Faktor für die Konfrontation zwischen Israel und dem Iran geworden, die vor allem an der israelisch-syrischen Grenze ausgekämpft wird – und am Himmel über der Region.

Drohnen sind klein, lassen sich preisgünstig produzieren und können Radarsystemen ausweichen. Für Israel sind sie auch bei Einsätzen im Gazastreifen fast schon das zentrale Element des eigenen Militärarsenals, was den Iran anspornt, auf diese unbemannten Systeme bei Zusammenstößen mit Israel ebenfalls zurückzugreifen oder Alliierte damit auszustatten. Man schätzt die chirurgischen Eigenheiten der Drohnen-Technologie. Laut Aussage israelischer Regierungsvertreter gegenüber EU-Diplomaten schickte Israel die beiden am 1. September in Beirut abgestürzten Drohnen, um die Hisbollah daran zu hindern, moderne Lenksysteme in einfache Raketen einzubauen. Die Drohnen krachten in einem südlichen Vorort der libanesischen Kapitale und damit einer Bastion der Hisbollah zu Boden. Nach Bergung der Maschinen war von der zu hören, an Bord seien mindestens fünf Kilo Plastiksprengstoff gewesen. Wie aus diplomatischen Kreisen in Beirut verlautet, könnte es sich um den Versuch eines Attentats oder um eine Aktion gehandelt haben, mit der ein Stützpunkt zur Raketennachrüstung zerstört werden sollte. Wenig später drangen laut libanesischen Militärs nochmals drei israelische Drohnen im Süden des Landes in libanesischen Luftraum ein. Sie seien zwar beschossen, aber nicht getroffen worden, und kehrten zurück. Israel besteht darauf, dass der Einbau von Lenkungssystemen in Tausende von Raketen, die sich im Besitz der Hisbollah befinden, eine existenzielle Bedrohung sei.

Zum Lagebild eines neuen Luftkrieges passt die Behauptung schiitischer Milizen im Irak, wonach Israel Drohnen schicke, um Ziele im Nord- und Zentralirak anzugreifen, die als Transitzonen für Waffen gelten, die für iranische Stellungen in Syrien nicht weit von der Grenze zu Israel bestimmt sind. Seit Mitte Juli soll Israel zusätzlich hochtechnisierte, mit Raketen ausgestattete Flugkörper Hunderte von Kilometer weit in irakisches Gebiet geschickt haben. Insgesamt fünf Ziele, an denen iranische Militärverbände standen, wurden demnach attackiert.

Raketen nach Beirut

Abu Mahdi al-Muhandis, erklärter Verbündeter des Iran und Vizechef der irakischen Milizenallianz Mobilisierte Volkskräfte (PMU), deren Mitglieder gemeinsam gegen den Islamischen Staat (IS) gekämpft haben, meint: „Wir haben Beweise dafür, dass die USA in diesem Jahr vier israelische, in Aserbaidschan stationierte Drohnen in ihre Luftwaffe integriert haben, um Angriffe auf irakische Militärstützpunkte zu fliegen.“ Al-Muhandis weiß, wie es wirkt, was er sagt. Schließlich ist er auch Chef der schiitischen Miliz Kata’ib Hezbollah, einer von Irans einflussreichsten Verbündeten im Irak. Die Gruppe spielt eine entscheidende Rolle bei dem Versuch, dem iranischen Einfluss einen Korridor von Teheran bis zur Mittelmeerküste zu schaffen. Bereits seit drei Jahren sucht die iranische Führung nach einem geeigneten Weg durch Westirak und Ostsyrien, besonders seit die Präsenz des Islamischen Staats rückläufig ist. Ein solcher Korridor würde iranischen Einfluss im Zentrum der Region verankern. „Die irakische Regierung hat keine Kontrolle über ihre Grenzen“, glaubt der Politologe und Regierungsberater Hisham al-Hashimi in Bagdad. „Was die Aktivitäten dieser Gruppen angeht, drückt die Regierung ein Auge zu, weil sie eine wichtige Rolle im Kampf gegen den IS gespielt haben. Das löst bei Israel die Furcht aus, dass es möglich sein wird, Raketen von Teheran nach Beirut zu transportieren und Israel damit unter Druck zu setzen.“

Milizenchef al-Muhandis ist überzeugt, dass die israelischen Drohnen-Aktivitäten von den USA unterstützt werden. „Sie überwachen unsere Stützpunkte – nicht etwa die des Islamischen Staates – und sammeln Informationen über unsere Stellungen“, sagte er. „Der Beschuss des Hauptquartiers der PMU-Milizen ist ein klarer Beweis dafür, wie erschöpfend der irakische Luftraum kontrolliert wird.“

Für Lieutenant-Colonel Jonathan Conricus, einen Sprecher der israelischen Streitkräfte, scheint man Wirkung zu hinterlassen, weil die iranischen Bemühungen ins Stocken geraten. „Sie sind lange nicht dort, wo sie sein wollen.“ Das betreffe die Zahl der Truppen, die Etablierung und Ausstattung militärischer Basen in Syrien wie die Ausrüstung der Hisbollah. „Für uns bleibt es jedoch generell ein Risiko, dass die Iraner überhaupt in Syrien sind und zu bleiben gedenken. Das gilt ebenso für ihre Interessen im Jemen, im Libanon, im Irak und in der Golfregion.“ Aus israelischer Perspektive spreche viel dafür, dass sich der Iran derzeit für eine mögliche Offensive in Syrien rüstet. „Es gibt keine andere Erklärung für das, was die Revolutionsgarden unter Oberbefehlshaber Qassem Soleimani dort gerade tun“, so Jonathan Conricus. „Sie treffen Vorbereitungen für einen Schlag gegen uns.“

Laut seriösen Quellen aus irakischen Regierungskreisen war eines der von Israel im Juli bei der Stadt Amerli beschossenen Ziele ein Konvoi mit Mittelstrecken-Lenkraketen. Sie sollten über den Irak transportiert werden, wobei die Iraner noch keine feste Route nach Syrien gefunden hätten. Noch würden so viele Wege wie möglich ausprobiert. Und man hoffe, dass sich einer als weitgehend sicher herauskristallisiert.

Martin Chulov, Oliver Holmes, Mohammed Rasool sind Nahost-Autoren des Guardian

Übersetzung: Carola Torti
06:00 11.09.2019
Geschrieben von

M. Chulov, O. Holmes, M. Rasool | The Guardian

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