Ein paar Opferlämmer – und sonst?

Ägypten Hosni Mubarak musste von der politischen Bühne verschwinden, doch das nach seinem Ebenbild geschaffene "System Mubarak" der Privilegierten und Paladine besteht weiter

Viele Ägypter beschleicht die Angst, dass sich trotz des Abgangs von Hosni Mubarak sein Regime immer noch bester Gesundheit erfreut. Sie begreifen, Mubarakistan – jene Wagenburg, hinter der sich Mubarak und seine Clique mit einem inneren Zirkel von Politikern und Geschäftsleuten verschanzt hatten – ist nicht allein mit dem Sturz ihres Schöpfers erobert. Man hat es immerhin mit einem vollauf entwickelten Staat zu tun – besser: einer Kolonialmacht mit eigenem kolonialen Diskurs, einer Propagandamaschine und einer brutalen Miliz. Mit Scharm el-Scheich besitzt dieses Imperium sogar eine eigene Hauptstadt. Dort verspeist die herrschende Elite ihre importierten Menüs und liegt an luxuriösen Stränden in der Sonne.

In Scharm el-Scheich entstand ein bestens durchorganisiertes Paralleluniversum, zu dem die Geräusche von draußen nicht weiter vordringen, als befände es sich unter Wasser. Über das ganze Land sind noch viele kleine Scharm el-Scheichs verteilt: etwa Enklaven von Gated Communities an den eindrucksvollsten Orten. Um sie herum die „Eingeborenen“, von denen 40 Prozent unter der Armutsgrenze leben. Mubarakistan brachte sogar eine eigene Bank hervor. Die Arab International Bank steht zwar auf ägyptischem Boden, ist aber ein Offshore-Unternehmen, das vollständig außerhalb der ägyptischen Gerichtsbarkeit liegt. Hier konnten die Milliardäre des Landes unbehelligt ihre Beute deponieren. Wie und wann wurde eine solche Bank gegründet? Warum existiert sie immer noch? Fragen, die derzeit niemand beantwortet.

Als er nach Mubaraks Sturz die Macht übernahm, hat der Militärrat versprochen, der Korruption ein Ende zu bereiten. Momentan weist freilich nichts darauf hin, dass es wirklich dazu kommt. Zunächst einmal scheinen Mubarak und seine Familie von strafrechtlicher Verfolgung so weit entfernt wie eh und je. Zwar wurden ein paar Leute als Opferlämmer angeboten – darunter der Innenminister, der befohlen hatte, auf Demonstranten zu schießen –, aber enge Vertraute Mubaraks, die am eklatanten Missbrauch des politischen Systems beteiligt waren und große Vermögen angehäuft haben, bleiben auf freiem Fuß.

Kein Entkommen

Auch das staatliche Fernsehen wie die staatseigenen Zeitungen werden weiter von den Propaganda-Teams aus vorrevolutionärer Zeit geleitet. Die Ägypter können nicht vergessen, wie gerade das Fernsehen die Demonstranten beschuldigt hat, sie seien ausländische Spione und würden dafür bezahlt, das Land zu destabilisieren. Es gibt keine überzeugende Antwort auf die Frage, warum diese Leute noch im Amt sind. Der Militärrat und die neue Regierung von Premier Essam Sharaf, dem auf dem Tahrir-Platz ein überwältigendes Vertrauensvotum zuteil wurde, folgen offenbar der gleichen Strategie selektiver Taubheit, die bereits Mubarak zu schätzen wusste.

Ähnlich irritierend wirkt es, wenn plötzlich Islamisten verschiedener Couleur in der ägyptischen Öffentlichkeit auftauchen. Kurz vor dem Referendum über die Zusätze zur Verfassung verließen einige radikale Islamisten das Gefängnis, unter ihnen Aboud al-Zomor, der 1981 in die Ermordung des damaligen Präsidenten Sadat verwickelt war. Nicht nur, dass er vor dem Plebiszit auf freien Fuß kam – ihm wurde zudem ein Heldenempfang im Fernsehen bereitet. Wer das Programm wechselte, konnte Zomors Gesicht auf dem Bildschirm dennoch nicht entkommen und musste sich kriminellen Unsinn des Kalibers anhören: Man dürfe jemanden ruhig ermorden, sollten das die Religionsgelehrten erlauben.

War die Öffentlichkeit, die Zomor zur Verfügung stand, nur zufällig? Äußerst unwahrscheinlich. Dafür war die Botschaft an die Ägypter nur allzu deutlich und überdies wohl bekannt. Es ist die gleiche, die Mubarak stets verbreitet hatte: Wenn ihr meine Bedingungen für Stabilität nicht akzeptiert, dann werden eben die Bestien aus ihren Käfigen gelassen.

Trotz alledem ist kaum damit zu rechnen, dass es gelingt, das Rad des Wandels zurückzudrehen. Wenn ich heute durch die Straßen gehe und Menschen über die Brutalität der Polizei oder eine Haftzeit ohne Anklage erzählen höre, wird mir klar, welch gewaltige Lernerfolge die vergangenen Monate bewirkt haben. Der Prototyp des unbeirrbaren Bürgers entstanden – der Wert des kollektiven Widerstandes scheint besser verinnerlicht als jemals zuvor. Das um sein Regime gebrachte System mag so viel kämpfen, wie es will – am Ende bleibt den Ägyptern immer das Bewusstsein ihrer Stärke.

Amira Nowaira ist Professorin für Literatur an der Universität Alexandria

Übersetzung: Holger Hutt

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11:00 12.04.2011
Geschrieben von

Amira Nowaira | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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