Ein Risiko zusätzlich

Nigeria In der Stadt Orile gehört das Corona-Virus zum Alltag wie organisierte Kriminalität oder verschmutztes Wasser
Ein Risiko zusätzlich
„Wir werden nicht wahrgenommen. Niemand beachtet uns. Aber der Kampf da draußen ist real.“

Foto: Nurudeen Olugbade

Wenn Nurudeen Olugbade das Leben in Orile-Iganmu während der Corona-Pandemie auf Fotos festhält, tut er das nicht zum Spaß. Als Bewohner dieser Stadt im Großraum der Metropole Lagos will er darauf aufmerksam machen, zu welchen Einschnitten im Leben der Menschen die Pandemie führt. „Wir werden nicht wirklich wahrgenommen. Niemand beachtet uns. Aber der Kampf da draußen ist real“, sagt der 28-Jährige, der die Krise unablässig dokumentiert.

In den vergangenen Monaten haben die strengen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 den Charakter der Stadt verändert. Normalerweise ist Orile, wie sie meist kurz genannt wird, ein Ort voller Leben. Aber für die Geschäfte, die an den Rändern verwitterter Fassaden kleben, geht die Zahl der Kunden stetig zurück. Viele Läden, die wieder aufmachen durften, seit der Lockdown Anfang Juni gelockert wurde, sind vorerst nur für wenige Stunden geöffnet. Zudem gehen für Orile viele der informellen Arbeiten verloren, Putzdienste etwa oder der Lieferservice für die wohlhabenderen Bezirke von Ikeja, der nahe gelegenen Hauptstadt des Bundesstaates Lagos. Eine Milchpulver-Fabrik, die normalerweise Hunderte von Beschäftigten zählt, ist bereits seit drei Monaten geschlossen.

Wasser im Plastikbeutel

Überdies kursiert die Angst vor Gewalt. Raubüberfälle, ritualisierte Morde und Bandenkriege beunruhigen die Leute, die unter den Corona-Folgen schon genug zu leiden haben. Während sie tagsüber auf der Suche nach Arbeit durch die Stadt streifen, können sie nachts aus Furcht kein Auge schließen. „Alle sind in Aufruhr“, erzählt Olugbade, „seit ein paar Wochen schon terrorisiert und plündert die berüchtigte Gang ‚One Million Boys‘ die Stadt. Hier im Viertel sind sie noch nicht aufgetaucht, aber die Leute haben wirklich Angst.“

Derzeit verdingt sich Olugbade für ein kleines Geschäft, das gegrillte Hähnchen aus Orile an Kunden aus der Mittelschicht nach Lagos Island liefert. Durch den Lockdown ging das Geschäft permanent zurück. „Die meisten Kunden bestellen nichts mehr, weil sie befürchten, dass wir ihnen mit unserer Ware das Virus bringen. Sie haben Angst vor Ansteckung. Und wir haben Angst, unsere Arbeit zu verlieren.“

Die Zeit zwischen den selten gewordenen Liefertouren vertreibt sich Olugbade damit, Fotos zu schießen und zu bearbeiten. „Ich laufe einfach herum und halte fest, was ich sehe“, erzählt er. „Seit sieben Jahren fotografiere ich ernsthaft, zumeist mit meinem Handy. Doch leihe ich mir manchmal eine Kamera.“ Während der Pandemie zu fotografieren, bereite ihm keine besonderen Schwierigkeiten. Er trage eine Maske und bleibe auf Abstand. Ein Handy provoziere weniger negative Reaktionen, als das bei einer Kamera der Fall ist. Dennoch erlauben nicht alle, die er fotografieren möchte, dass er auf den Auslöser drückt. „Die meisten empfinden das als zudringlich – das verstehe ich. Nicht jeder will festgehalten werden.“

Verstreut zwischen dem zertrampelten Plastikmüll, der in Olugbades Slum herumliegt, finden sich häufig Beutel, in denen man gefiltertes Trinkwasser verkauft, das in Nigeria „Pure-Water“ genannt wird. Mit Hilfe von Schnürsenkeln stellte Olugbade aus den Beuteln Masken her. Für eine seiner Fotoserien trugen Kinder aus der Nachbarschaft die Plastikmasken, die beim Einatmen gegen den Mund drücken.

Auf den Bildern stehen die Kinder vor einer Mauer aufgereiht und schauen direkt in das Smartphone, während sie Papierrollen hochhalten, auf denen Zustandsberichte zu lesen sind: „Keine Gesichtsmasken“, „Keine Reinigungsmittel“, „Kein Essen“.

Die Regierung tut nichts

„Die Idee kam mir gemeinsam mit einem Freund. Es sind seine Kinder, die auf den Fotos zu erkennen sind“, erzählt Olugbade. Die Serie soll die Ungleichheit dokumentieren, die durch den Lockdown noch verschärft worden ist. „Es gibt die Order, Gesichtsmasken zu tragen. Aber für die Menschen hier sind die nicht einfach zu beschaffen. Die Regierung lässt sie einfach im Stich, indem sie rein gar nichts bereitstellt.“ Eine Maske kostet 100 Naira (umgerechnet 25 Cent), die viele wegen des Lockdowns nicht bezahlen können, zumal Desinfektionsmittel, Handschuhe und Seife teurer werden, solange die Nachfrage steigt.

Nigerianer, denen es besser geht, halten sich an die staatlichen Vorgaben zur Eindämmung von Covid-19 und bleiben zu Hause. Für andere ist das unmöglich, für sie sind schon Schutzvorkehrungen zu teuer, obwohl sie arbeiten oder es zumindest versuchen. Das trägt zur Apathie gegenüber der Pandemie bei. Es kommt hinzu, dass man in Orile ständiger Umweltverschmutzung ausgesetzt ist, sodass es für viele Einwohner als nicht so dringlich erscheint, sich gegen das Virus zu schützen. „Es gibt so viele Chemikalien und so viel Dreck, den man einatmet, weil man atmen muss“, meint Olugbade. „Das Bohrloch, aus dem wir unser Wasser holen, ist verseucht; es ist umgeben von Kloake und Slum. Wer dort Wasser entnimmt, gibt Limette hinzu und verwendet es einfach.“ Das relativiere Corona: „Vielen Leute fällt es schwer, dieses Virus für schwerwiegender zu halten als das, was zu ihrer täglichen Erfahrung gehört.“

Manche Leute sehen die Masken weniger als Schutzmaßnahme denn als Lizenz, um das Viertel zu verlassen, ohne von der Polizei gestoppt zu werden. „Die Leute probieren verschiedene Masken aus, fassen sie an, kaufen dann eine und tragen sie“, lacht Olugbade. „Ich habe das Gefühl, es ist für sie mehr Ausweis als Schutz.“ Die Hälfte der in Nigeria bis Ende Mai bestätigten gut 6.500 Covid-19-Infektionen betrafen Lagos. Die Infektionsrate im Land hatte sich in der ersten Maihälfte innerhalb von zehn Tagen in etwa verdoppelt. Der Fotograf Olugbade hat den Eindruck, dass sich viele Menschen vor dem Corona-Virus weniger fürchten als vor dem Hunger, der durch die wirtschaftlichen Folgen unausweichlich sein wird.

Als die ersten Lockdown-Maßnahmen kamen, kündigte die Regierung des Bundesstaates Lagos an, sie wolle in den ärmsten Gegenden Lebensmittelpakete verteilen lassen. Doch diese Hilfe war beschränkt, es gab sie nicht regelmäßig, was den Unmut anheizte. „Vor drei Wochen gingen Leute von Haus zu Haus, um die Bewohner zu zählen“, erinnert sich Olugbade. „Die Stadtverwaltung wollte wissen, was an Hilfsgütern gebraucht wurde. Später gab es Gerüchte, dass sie die Lebensmittel an wenige Leute ausgegeben, den Rest aber unter sich aufgeteilt hätten. Ich habe von alldem nichts gesehen.“ Die Erfahrung der Pandemie erschöpfe die Menschen und führe dazu, dass sie sich zurückziehen, hat Olugbade beobachtet. Man verliere sich aus den Augen, ohne zu wissen, ob man sich je wiedersehe.

Emmanuel Akinwotu ist Korrespondent für Westafrika des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 13.07.2020
Geschrieben von

Emmanuel Akinwotu | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 33/2020

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