Ein schlechter Traum, der niemals aufhört

USA Die Anhörung zum Fall Manning, der WikiLeaks geheime US-Dokumente zugespielt haben soll, ist abgeschlossen. Jetzt wird entschieden, ob er vors Kriegsgericht muss

In einem Militärstützpunkt im US-Bundesstaat Maryland gibt es einen improvisierten Gerichtssaal, um einen Fall zu verhandeln, der nicht nur Fragen nach der Meinungsfreiheit und den Praktiken des US-Militärgeheimdienstes aufwirft. Es geht auch um Geschlechter-Identität und den Platz von Homosexuellen in der US-Armee. Manchmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit, manchmal in einer Art pseudo-öffentlichem Forum sollen Richter darüber entscheiden, ob Bradley Manning vor ein ordentliches Kriegsgericht gestellt wird oder nicht. Dem psychisch instabilen einstigen Analysten des Militärgeheimdienstes wird vorgeworfen, für die größte Menge an Geheiminformationen verantwortlich zu sein, die jemals in der Geschichte veröffentlicht wurden. Ihm droht eine lebenslange Haft, falls die Ermittler der Armee beweisen können, dass er bewusst Informationen an die von Julian Assange gegründete Whistleblower-Plattform WikiLeaks lanciert hat.

Nachdem sie mit den belastenden Beweisen konfrontiert wurden, legten Mannings Anwälte während der Anhörungen das ganze Gewicht ihrer Argumentation auf die verworrene Geschlechter-Identität ihres Mandanten und das chaotische Umfeld im vermeintlichen Hochsicherheitsstützpunkt bei Bagdad, in dem Manning beschäftigt war. Die Armee konterte mit Material, das den direkten Kontakt Mannings zu Assange beweisen soll. Auf seinen Rechnern fand man jede Menge Hinweise auf Tausende Depeschen aus US-Botschaften, die von WikiLeaks veröffentlicht wurden.

So lange wie bei dieser Anhörung war Bradley Manning seit Mai 2010 nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen. Er wirkte beherrscht, machte sich zuweilen Notizen, besprach sich mit seinen Anwälten. Seine Ruhe verlor er nur während der Aussage des früheren Hackers Adrian Lamo, der ihn nach einem Chat im Internet an die US-Behörden verraten hatte.

Noch bevor er im Oktober 2009 in den Irak versetzt wurde, gab es Anzeichen für Mannings instabile Psyche. Doch sie wurden ignoriert. Jihrleah Showman, Mannings direkte Vorgesetzte, sagte aus, sie habe einem vorgesetzten Offizier ihre Ansicht mitgeteilt, dass Manning wegen seiner „psychotischen Probleme“ nicht in den Irak gehöre. Der sah keinen Grund zum Einschreiten.

Das Gericht erfuhr, Manning sei in seiner Einheit einmal auf dem Boden zusammengerollt aufgefunden worden. Auch habe er Showman ins Gesicht geschlagen, was zur Degradierung führte. Bei anderer Gelegenheit soll er vor Wut einen Tisch umgestoßen haben, und seinen Kollegen sei die Angst in die Knochen gefahren, er könnte sich ein Gewehr aus einem Ständer in der Nähe greifen. Weshalb habe von Mannings Vorgesetzten niemand auf diese Indizien für eine seelische Zerrüttung reagiert, will der Vorsitzende Richter wissen. Showmans Antwort: Es habe sich um den besten Computer-Administrator der gesamten Abteilung gehandelt.

Mail an den Vorgesetzten

Innerhalb dieser Abteilung auf der Forward Operating Base Hammer östlich von Bagdad verstauten die Analysten Filme und Videospiele auf dem gemeinsam genutzten Abschnitt eines Netzwerks, auf dem auch vertrauliche Militärdossiers abgespeichert waren. Die Passwörter zu Dateien mit Geheimdokumenten fanden sich auf Post-Its, die an den Rechnern klebten. Es war den Angehörigen dieser Spezialeinheit erlaubt, private Musik-CDs mit in die Abteilung zu nehmen, ohne diese registrieren zu lassen. CDs, die mit einem Vermerk geheim oder nicht geheim hätten versehen sein müssen, lagen ohne Kennzeichnung auf den Tischen verstreut.

Bradley Manning versah seinen Dienst, bevor die Politik des don‘t ask, don‘t tell aufgehoben wurde. Eine Regelung, die es bis dahin Soldaten der US-Army untersagt hatte, sich offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen. Folgerichtig argumentierte das Verteidiger-Team, der Zustand ihres Mandanten habe sich durch die Weigerung des Militärs, das Ringen mit seiner Sexualität zur Kenntnis zu nehmen, verschlimmert. Als die mehr als 250.000 Geheimdokumente WikiLeaks zugespielt wurden, soll Manning an einer Identitätsstörung gelitten haben. Er erfand ein Alter Ego namens Breanna Manning, richtete unter diesem Namen eine Facebook-Seite ein, schrieb eine Mail an den Sicherheitschef seiner Einheit und fügte ein Foto bei, auf dem er als Frau gekleidet war. „Mein ganzes Leben fühlt sich an wie ein einziger schlechter Traum, der niemals aufhören wird“, schrieb Manning seinem Vorgesetzten in der Mail.

Pseudonym Press Association

Die Ermittler entdeckten auf einem von Mannings Computern eine Tabelle, in der von 251.287 Depeschen des Außenministeriums die Rede war. Das entsprach genau der Zahl von Analysen und Reports, die WikiLeaks veröffentlicht hatte. Computerexperten der Armee sagten dazu aus, sie hätten ein Computerprogramm namens Military Wget für das schnelle Kopieren von Dateien und zum Brennen von CDs gefunden. Unter Mannings persönlichen Sachen, die aus dem Irak in das Haus seiner Tante in den USA gebracht worden waren, befand sich zudem eine Speicherkarte mit 400.000 Aufzeichnungen wichtiger Vorgänge aus dem Irak und 91.000 aus Afghanistan.

Forensiker gaben zu Protokoll, sie hätten herausgefunden, dass Manning Begriffe im Netz gesucht habe, die nichts mit seiner Arbeit als Spezialist für schiitische Angriffe auf US-Truppen zu tun hatten. Er soll zu Julian Assange, Island und Reykjavik recherchiert haben. Man muss dazu wissen – ein als Reykjavik-13 bekanntes Dokument war im Februar 2011 das erste von WikiLeaks veröffentlichte Kabel einer US-Botschaft. Die Ermittler wollen Beweise dafür gefunden haben, wie Manning mit Assange in Kontakt stand und in einem Chatroom das Pseudonym Press Association verwendet hat. Im Kommentar zu einem Dokument auf Mannings Computer, das an WikiLeaks geschickt worden sein soll, heißt es: „Hierbei könnte es sich um eines der bedeutenderen Dokumente unserer Zeit handeln, das den Nebel des Krieges beseitigt und die wahre Natur der asymmetrischen Kriegführung des 21. Jahrhunderts offenbart.“ Handelt es sich um keine Fälschung, ergäbe sich daraus ein Hinweis auf Mannings politische Motive.

Als das Verfahren in Maryland zu Ende ging, erklärte Oberstleutnant Paul Almanza für die Army und direkt an Manning gerichtet: Seine Empfehlung an die Jury, die darüber entscheide, ob er sich einem Kriegsgericht stellen müsse, sei nicht bindend. Almanza hat noch bis zum 16. Januar Zeit, dieser „convening authority“ seine Bewertung des Falls mitzuteilen.

Ed Pilkington ist US-Korrespondent des Guardian Übersetzung: Holger Hutt

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11:00 15.01.2011
Geschrieben von

Ed Pilkington | The Guardian

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