Ein wenig Leben in der Geisterstadt

Japan Über vier Jahre nach der Reaktorkatastrophe kehren die ersten Einwohner der Region Fukushima in ihre Heimatorte zurück
Ein wenig Leben in der Geisterstadt
Auch solche Wege führen nach Naraha

Foto: Toshi Fumitaniuchi/Getty Images

Makellos, sauber und aufgeräumt: so wirkt das Wohnzimmer von Kohei und Tomoko Yamauchi in Naraha. Tatami-Matten bedecken den Boden, in den Regalen der Schrankwand stehen Kokeshi-Puppen und Daruma-Glücksbringer sorgsam aufgereiht. Koheis Vorfahren blicken auf gerahmten Schwarz-Weiß-Fotos von den Wänden. Wer dieses Zimmer sieht, kann sich nicht vorstellen, dass es für mehrere Jahre kein Mensch betreten hat.

Am 12. März 2011 wurden die Einwohner der Kleinstadt Naraha aufgerufen, ihre Häuser unverzüglich zu verlassen. Einen Tag zuvor hatte eines der heftigsten Erdbeben der Menschheitsgeschichte die Nordostküste Japans erschüttert. Die Naturkatastrophe hatte einen 14 Meter hohen Tsunami zur Folge, der fast 19.000 Menschen tötete und im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi eine dreifache Kernschmelze auslöste. Auf den Schock über die verheerende Gewalt der Riesenwelle folgte für die Yamauchis gleich die nächste, unsichtbare Bedrohung: Aus dem Reaktor – keine 20 Kilometer nördlich der Stadt gelegen – entwichen große Mengen radioaktiver Strahlung.

Viel Zweckoptimismus

„Unsere Kinder wollten, dass wir niemals hierher zurückkommen“, erzählt Kohei. Zusammen mit seiner Frau Tomoko gehört er dennoch zu den wenigen Einwohnern, die sich zur Heimkehr entschlossen haben. Naraha war der erste von den schwer kontaminierten Orten in der Präfektur Fukushima, der wieder für bewohnbar erklärt wurde. Die Last ständiger Umzüge und Umstellungen – sechs Mal mussten die Yamauchis seit der Evakuierung die Wohnung wechseln – sei inzwischen weniger zu ertragen als die Sorge wegen der Strahlung, erklärt der 79-jährige Kohei. „Wir sind zu alt, um noch Angst vor Krebs durch Radioaktivität zu haben. Ich denke, viele von den Älteren werden demnächst zurückkehren, aber ohne ihre Kinder und Enkel. Hier, in diesem Teil Japans, Kinder großzuziehen, das wird schwierig sein.“

Nach dem Unglück haben sich die meisten Einwohner Narahas anderswo eingerichtet, Tausende zogen allein in behelfsmäßige Neubauten in der nicht weit entfernten Großstadt Iwaki. Als Narahas Bürgermeister Yukiei Matsumoto Anfang September den Evakuierungsbefehl für den Ort aufhob, ließ er wissen: „Die Uhr für unsere Stadt zeigt erst seit kurzem wieder an, welche Stunde geschlagen hat. Wir werden uns nach Kräften um eine vollständige Wiederherstellung der Verhältnisse bemühen, wie sie vor dem März 2011 bestanden haben, aber garantieren können wir das nicht.“

Japans Premierminister Shinzo Abe preist Naraha als „Fanal der Hoffnung“ für 70.000 weitere Einwohner der Fukushima-Region, die noch auf die Erlaubnis warten, wieder in ihre Häuser einziehen zu dürfen. Die Straßen des Städtchens aber – menschenleer und trist selbst an einem sonnigen Freitagnachmittag – sehen mehr nach einem Lehrstück zum Thema unangebrachter Optimismus als nach inbrünstiger Heimkehr aus.

Unverkäufliche Ware

Weniger als 300 Menschen, unter ihnen gerade einmal zwei Kinder, kamen nach Angaben der lokalen Behörden seit September wieder nach Naraha. Vor der Katastrophe zählte die Kleinstadt etwa 7.400 Einwohner. Bisher zurückgekehrt sind vorzugsweise Pensionäre, auch wenn von denen nirgendwo etwas zu sehen ist. Die meisten Kunden und Restaurantgäste im Fertigbau des Einkaufszentrums neben dem Rathaus gehören zu den gut 1.000 Bauarbeitern, die beauftragt sind, eine schwer in Mitleidenschaft gezogene Infrastruktur instand zu setzen.

Am Ende einer vom Erdbeben aufgerissenen und nach wie vor für den Verkehr gesperrten Straße legen Maurer letzte Hand an eine neue Mittelschule, die allerdings erst im Frühjahr 2017 eröffnet werden soll. Ob es bis dahin auch wieder Schüler in Naraha gibt, ist ungewiss.

Prächtige Holzhäuser stehen leer, die Fenster sind dick abgeklebt, um Plünderer und Einbrecher zu entmutigen. Pflanzen durchstoßen den Asphalt vor einer verlassenen und nun verfallenen Tankstelle. Am Bahnhof von Naraha, wo schon seit Juni 2014 wieder Züge halten, rosten Hunderte herrenloser Fahrräder vor sich hin, die niemand jemals abholen wird.

„Im Grunde ist es eine Geisterstadt“, meint der 56-jährige Seijun Watanabe, der in einem Schnellimbiss arbeitet und täglich von Iwaki nach Naraha pendelt. „Die Leute, die hier herumlaufen, sind fast ausnahmslos Bau- und Straßenarbeiter. Frühere Bewohner trifft man selten. Im Augenblick jedenfalls.“

Watanabes Haus ist von Erdbebenschäden gezeichnet und wurde in den Jahren des Leerstands von der örtlichen Fauna förmlich besetzt: „Drinnen ist alles voller Tierexkremente. Man kann in diesen Räumen nicht mehr wohnen, geschweige denn leben. Meine Frau und ich wollen das Haus abreißen und dann auf dem Grundstück neu bauen lassen. Das heißt, wir werden frühestens in fünf, spätestens in zehn Jahren einziehen. Keine Ahnung, was die Zukunft bringt, aber ich glaube nicht, dass diese Stadt jemals wieder so sein wird wie früher. Die jetzigen Einwohner sind nahezu ausnahmslos über 70 Jahre alt; jüngere Leute, hauptsächlich welche mit Kindern, haben kein Interesse, zurückzukommen. Die Gegend ist zwar schön, aber das Leben bietet wenig Annehmlichkeiten.“

Den lokalen Behörden zufolge ist es inzwischen gelungen, das kontaminierte Erdreich rund um Wohnhäuser, Schulen, Läden und öffentliche Gebäude vollständig abzutragen, doch werden an rund 100 Orten noch erhöhte Strahlungswerte gemessen, so dass Nacharbeiten unerlässlich scheinen.

Die durchschnittliche atmosphärische Strahlung in der Kleinstadt beträgt nach offiziellen Angaben 0,3 Mikrosievert pro Stunde und damit knapp drei Millisievert (mSv) im Jahr. Damit liegt sie recht deutlich über dem von der Regierung ausgegebenen Ziel von einem mSv pro Jahr, das Experten aber ohnehin als unrealistisch bezeichnen. Erst bei jährlichen Dosen von über 100 mSv gilt das Krebsrisiko als erhöht.

„Es ist unser Anliegen, dass alle zurückkehren, doch haben wir dafür keinen strikten Zeitplan“, sagt Yusuke Igari, einer der 80 Beamten, die mit der Wiederbesiedlung Narahas beschäftigt sind. „Manche entschließen sich vielleicht erst in zehn Jahren, manche noch sehr viel später. Wir wollen ein Vorbild sein für andere Städte und Dörfer. Wenn es uns in Naraha nicht gelingt, die Leute zur Rückkehr zu bewegen, werden es die anderen Gemeinden erst recht nicht schaffen. Wir empfinden daher ein große Verantwortung.“

Shimpei Koizumi ist einer der wenigen, die sich für ihre Familie wieder ein Leben in Naraha vorstellen können: „Meine Mutter und Tochter haben mich bekniet, das Haus instand zu setzen, denn sie wollten unbedingt zurück, konnten sich aber keine Handwerker leisten.“ Gerade ist der 65-jährige Tischler damit fertig, die vom Erdbeben heruntergerissenen Dachziegel zu ersetzen. Koizumi wird freilich selbst nicht einziehen, er bleibt lieber in Iwaki: „Ich traue den Behörden nicht, wenn sie sagen, das Trinkwasser sei sicher. Es gibt auch keine vernünftigen Geschäfte, bloß ein paar Minimärkte und Warenautomaten. Und kein Mensch weit und breit. Ich bleibe lieber auf Abstand zu dieser Trostlosigkeit und dort, wo ich bin.“

Unübersehbar sind die Folgen von Japans schlimmstem Nuklearunfall auch im Umland von Naraha: Rund 580.000 Säcke, gefüllt mit schwach radioaktivem Material, bedecken die Felder, auf denen zuvor Gemüse und der berühmte Reis der Region angebaut wurden. Selbst wenn Erzeugnisse aus dieser Gegend inzwischen wieder als unbedenklich gelten: Mit der Herkunftsbezeichnung Fukushima lässt sich nur noch unverkäufliche Ware produzieren.

An einigen Stellen regt sich dennoch ein Hauch von Stadtleben. Zwei Gemischtwarenläden sind wiedereröffnet worden, dazu ein Supermarkt und eine mobile Bankfiliale. Bald kommt auch das Postamt hinzu. Ein neues Gesundheitszentrum und eine Kreditgenossenschaft haben Anfang November den Betrieb aufgenommen.

Die japanische Regierung hofft darauf, bis März 2017 alle Evakuierungsbefehle – mit Ausnahme der Gebiete in unmittelbarer Nähe des havarierten Reaktors – aufheben zu können, und lobt eine Prämie von bis zu 100.000 Yen (etwa 750 Euro) für jeden Rückkehrerhaushalt aus.

Darüber, wer Schuld an der Reaktorhavarie von 2011 trägt, sind in Naraha wie überall in Fukushima die Meinungen geteilt. Kritiker des Energiekonzerns Tepco, der das Kraftwerk unterhielt, sind leicht zu finden, andere verweisen auf die hohen Subventionen und die Arbeitsplätze, von denen die Region mit ihrem Status als Nuklearstandort profitieren konnte. „Ich glaube nicht, dass es einen Schuldigen gibt“, sagt Watanabe. „Die Stadt hat von Tepco viel Geld erhalten. Und das brachte uns hier einen deutlich höheren Lebensstandard als in Städten ohne Kernkraftwerk.“

Auch Kohei Yamauchi, Bauer im Ruhestand, dessen Familie seit sieben Generationen im gleichen Haus an der Peripherie von Naraha lebt, will niemanden beschuldigen. Er sei – so sagt er – nur erleichtert, wieder bei seiner Kokeshi-und-Daruma-Sammlung zu sitzen, unter den wachsamen Augen seiner Vorfahren. „Wut oder Bitterkeit über das, was geschehen ist, würden doch nichts ändern“, sagt er. „Alles, was wir tun können, kann nur darin bestehen, dass wir nach vorn blicken und unser Leben nicht aus den Augen verlieren. Wir würden immer wieder zurückkehren, denn wir gehören hierher.“

Justin McCurry ist der Tokio-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 25.11.2015
Geschrieben von

Justin McCurry | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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