Ein zänkischer Hyper-Realist

Literatur-Nobelpreis Wäre die Ehrung aus Stockholm nicht: Mario Vargas Llosas Hang zum politischen Tumult hätte sein brillantes Werk fast in Vergessenheit geraten lassen

Mehr als zehn Jahre nach seiner missglückten Präsidentschaftskandidatur traf ich Mario Varga Llosa in seiner Londoner Wohnung. Ich war überrascht davon, dass er ohne weiteres über seine Niederlage im Jahr 1990 lachen konnte, als seine politische Plattform Frente Democrático – die eine Art andischen Thatcherismus vertrat – an den Wahlurnen von Perus späterem Diktator Alberto Fujimori vernichtend geschlagen wurde. Obwohl er zweifellos noch immer die Wunden leckte, die ihm der „dreckige Krieg“, der die Politik ist, zugefügt hatte, erklärte er mir, seine Kampagne sei ein fürchterlicher Fehler gewesen, den er jedoch nicht missen wolle. Er habe ihm eine wichtige Lektion erteilt. „Ich habe gelernt“, sagte er, „dass ich kein Politiker bin, sondern ein Schriftsteller.“

Der Nobelpreis für Mario Vargas Llosa bringt die nachhaltigen Errungenschaften eines Romanautoren in Erinnerung, dessen schöpferische Brillanz und Einflussnahme zeitweise Gefahr liefen vor den politischen Zänkereien und Kontroversen (darunter auch der berühmte – und bis heute rätselhafte – Faustschlag ins Auge Gabriel García Márquez’ in einem Kino in Mexiko-Stadt) in den Hintergrund zu geraten. Vargas Llosa war eher Hyper-Realist denn magischer Realist und damit der Star des Lateinamerika-Booms der sechziger Jahre. Die Veröffentlichung ihrer Werke in Spanien und deren Reexport von dort ermöglichte es den lateinamerikanischen Autoren, sich über die Grenzen hinweg gegenseitig zu lesen und sie bekamen Anerkennung aus Europa und Nordamerika.

Zum Teil unter dem Einfluss von Flaubert und Faulkner, setzte Vargas Llosa sich das Ziel, den allumfassenden „totalen Roman“ zu schreiben, der mittels multipler Perspektiven und einem allwissenden Erzähler jeden Aspekt der Gesellschaft unter die Lupe nimmt, um den Einfluss der politischen und gesellschaftlichen Kräfte auf die Psyche seiner Figuren offenzulegen. Sein erster Roman Die Stadt und die Hunde (1963) war diesbezüglich bahnbrechend. Er porträtiert darin die Militärakademie in Lima, auf die er als Teenager geschickt wurde, als einen brutalen Mikrokosmos seiner Heimat Peru unter der Militärdiktatur der späten vierziger und fünfziger Jahre, der von Standesdünkeln, rassistischen Vorurteilen und Schikanen beherrscht wird. Als das Buch des damals 26-Jährigen erschien, wurden auf dem Gelände der Kadettenanstalt einige Ausgaben feierlich verbrannt.

Starker Bezug zum eigenen Leben

Vargas Llosas Romane – von den kritischsten Arbeiten über die Diktatur bis zu den unbeschwertesten postmodernen romantischen Romanen – hatten stets einen sehr starken Bezug zu seinem eigenen Leben. Schauplatz von Das Grüne Haus (1965) ist ein Dschungelbordell in einer Gesellschaft, die von Männlichkeitswahn und sexueller Kontrolle dominiert ist. Das Bordell kritisierte Vargas Llosa bereits als Kadett als „eine zentrale Einrichtung des Lebens in Lateinamerika“. Gespräch in der Kathedrale (1969) wiederum ist von Erfahrungen geprägt, die er im Teenageralter machte, als er als Kriminalreporter in der Unterwelt von Lima recherchierte. Sein humoristisches Meisterwerk Tante Julia und der Kunstschreiber (1977) springt zwischen der Geschichte eines bolivianischen Autors, der Seifenopern fürs Radio schreibt, und dem turbulenten Melodram seiner eigenen, acht Jahre währenden Ehe mit seiner Tante hin und her, mit der er durchbrannte, als er 19 und sie 32 war.

Zu seinen weniger erfolgreichen Werken zählen einige recht dröge erotische Romane, darunter Lob der Stiefmutter (1988) und Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto (1997), die von der New York Times als pornographisch bezeichnet wurden. Allerdings hatte Vargas Llosa nicht ganz Unrecht, als er mir gegenüber sagte, der Professor, der die Romane rezensierte, habe sie „ohne Humor gelesen, wie Puritaner Bücher lesen“. Schlagkräftiger war jedoch der Einwand gegen einige seiner späten Romane, sie seien von seiner politischen Ernüchterung infiziert. Sein Bruch mit Fidel Castro 1971, nach einer anfänglichen Begeisterung für die kubanische Revolution, führte dazu, dass er sich mit den anderen Autoren des Lateinamerika-Booms überwarf (über García Márquez etwa machte er sich lustig, er sei „Castros Dirne“).

"Unverhohlen rechtes Traktat"

Viele betrachten Maytas Geschichte (1984) als eine zu hasserfüllte Schrift gegen den gescheiterten Revolutionär und Trotzkisten. Salman Rushdie befand, das Buch sei Vargas Llosas „erstes unverhohlen rechtes Traktat“. Tod in den Anden (1984), ein Krimi, der während der blutgetränkten Jahre des maoistischen Aufstands der Sendero Luminoso und des Gegenaufstands der achtziger und neunziger Jahre spielt, kann als ein wenig überzeugender Aufschrei der Verzweiflung und Ernüchterung über das vermeintlich irrationale Handeln der indigenen Peruaner gelesen werden, von denen viele die Präsidentschaftskandidatur Vargas Llosas ablehnten. Auch seine Memoiren Fisch im Wasser (1993) sind etwas eigentümlich, wie sie zwischen einem sympathischen Porträt des jungen Künstlers und einem „epischen Gejammer“, wie es ein Kritiker nannte, über seine gescheiterte politische Kampagne hin- und herspringen.

Mit Das Fest des Ziegenbocks (2000) meldete er sich jedoch in alter Form zurück. Der Roman beschreibt die Diktatur Rafael Trujillos in den Jahren 1930-61 in der Dominikanischen Republik. Er antizipiert die Ermordung des Diktators aus Sicht seines potentiellen Attentäters und kann in Teilen als Parallele zu Fujimori, dem Mann fürs Grobe, der seine Macht nicht zuletzt der Komplizenschaft der Bevölkerung verdankte, gelesen werden. Vargas Llosas Roman über Paul Gauguin, Das Paradies ist anderswo, lässt auch erkennen, dass er fähig ist, sich mittels der Fiktion einem alten Schreckgespenst – in diesem Fall den destruktiven Utopien – mit einem tieferen Verständnis zu widmen.

Lateinamerikanische Autoren hatten Vargas Llosas Ansicht nach immer eine schwerwiegendere gesellschaftliche Verpflichtung als ihre europäischen Kollegen. Während das Verhältnis zwischen Vargas Llosa dem Schriftsteller und dem politischen Aktivisten rätselhaft, und für viele problematisch bleibt, könnte der Nobelpreis dazu beitragen, seine fiktiven Werke wieder ins Zentrum zu rücken. Er erzählte mir, er sei selbst als junges Mitglied einer kommunistischen Zelle im Untergrund „bereit gewesen, die unglaublichsten Idiotien hinzunehmen – nicht aber den sozialen Realismus“. Dieser Impuls, die Nuance und die Komplexität an erste Stelle zu setzen, hat Romane hervorgebracht, die die Zeit überdauern werden.

Übersetzung: Christine Käppeler

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15:30 08.10.2010
Geschrieben von

Maya Jaggi | The Guardian

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