Eine Billionen Dollar schwere Chance

Krisenabwehr Steve Keen warnte vor der Finanzkrise, als OECD und Fed noch Stabilität und Wohlstand prophezeiten. Jetzt sagt er: Nur die Abschreibung privater Schulden könnte helfen

Er war einer der wenigen Ökonomen, die die jüngste Finanzkrise vorhergesagt haben. Während sowohl OECD als auch die US-Notenbank Fed vor 2008 eine nie da gewesene Stabilität und einen stets wachsenden Wohlstand prophezeiten, warnte der britische Wirtschaftsprofessor Steve Keen: Ein Crash werde unvermeidbar sein. Das jetzige Stadium der Krise sei nur das erste Rauschen des Sturms, ergänzte Keen bei einem Vortrag Mitte des Monats am Nullfield College in Oxford. Ohne radikalen Politikwechsel sei eine Wiederholung der Großen Depression von 1929 kaum aufzuhalten.

Fed-Chef Ben Bernanke erklärt die gegenwärtigen Turbulenzen mit einem Mangel an von der Zentralbank ausgegebenem Basisgeld, genannt M0 (M-Null). Aus diesen Mitteln werden die Reserven der Privatbanken gebildet, die dank dieser Ressourcen Kredite an ihre Kunden vergeben. Diese Praxis wird „Schaffung von Mindestreservebankwesen“ genannt: Indem über Kredite quasi Schuldscheine emittiert werden, schaffen die Privatbanken Geld, das ihre Reserven um ein Vielfaches übersteigt und das zuvor nicht existierte. Die herkömmliche Wirtschaftstheorie geht davon aus, wenn eine Zentralbank M0 ausgibt, wird eine „Geldvermehrung“ ausgelöst. Denn die Privatbanken schaffen durch Kreditvergabe mehr Geld (M1, M2 und M3) und kurbeln so Wachstum und Beschäftigung an.

Warnungen ignoriert

Bernanke war bisher davon überzeugt, dass die Große Depression seinerzeit durch einen Rückgang von bereit gestelltem M0 ausgelöst wurde. Rückgänge beim Geldschöpfungsmultiplikator seien damit unausweichlich gewesen. Steve Keen zeigt nun aber, dass nur ein sehr schwacher Zusammenhang zwischen der Ausgabe von M0 und einer Depression besteht. Seit dem Zweiten Weltkrieg sei es sechsmal vorgekommen, dass die Ausgabe von Notenbankgeld schneller sank als zwischen 1928 und 1929. In fünf dieser Fälle habe man Rezessionen verkraften müssen, die aber nie die Ausmaße des Einbruchs Ende der zwanziger Jahre annahmen. Manchmal stieg die Arbeitslosigkeit an, wenn die Menge an M0 stark zunahm, und ging zurück, wenn diese Menge gering war. Tatsachen, die gegen Bernankes Erklärungsmuster sprechen.

Steve Keen ist überzeugt, dass nicht Veränderungen in der Menge von M0 die Arbeitslosenrate beeinflussen, sondern die Regierungen, wenn sie bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten mehr Geld ausgeben. So kommt Keen auch zu einer völlig anderen Erklärung für die Ursachen der Großen Depression und der derzeitigen Krise: Beide seien auf einen Zusammenbruch der über Schulden finanzierten Nachfrage zurückzuführen. Je höher der Anteil privater Schulden am Bruttoinlandsprodukt eines Landes sei, desto instabiler werde dessen ökonomisches System. Keen weist darauf hin, wie seit den späten sechziger Jahren die private Verschuldung das BIP immer mehr überstieg – unmittelbar vor Ausbruch der Weltfinanzkrise 2008 habe das dramatische Ausmaße angenommen. Der unvermeidliche Kollaps bei der Kreditvergabe ließ damals weltweit die Gesamtnachfrage um 14 Prozent einbrechen und führte zur Rezession.

Was Keens Analyse Gewicht verleiht, sind seine zutreffenden Vorhersagen. Ende 2005, während er an einem Expertenbericht für einen Gerichtsfall arbeitete, verglich er das Verhältnis von privaten Schulden und BIP Australiens, um zu sehen, wie sich das seit den sechziger Jahren verändert hatte. Erstaunt stellte er fest, dass dieses Verhältnis exponentiell gestiegen war. Nachdem er für die USA zu ähnlichen Erkenntnissen kam, schlug er sofort Alarm: Hier bereite sich eine wirtschaftliche Krise vor, die weit größer sei als diejenige Anfang der neunziger Jahre. Eine gewaltige Spekulationsblase sei kurz davor zu platzen. Doch wurde seine Warnung von Politikern ignoriert.

Inzwischen sagt Keen, die Krise werde andauern, solange dieses Missverhältnis nicht korrigiert werde. Die „Schulden deflationierenden Kräfte“, die heute entfesselt würden, seien weit größer als jene, die Ursache der Großen Depression waren. Von 1920 bis 1929 stiegen die Privatschulden weltweit um 50 Prozent – zwischen 1999 und 2009 um 140 Prozent.

Sollte Keen Recht haben, sind die lähmenden Summen, die auf beiden Seiten des Atlantik seit 2008 in die Refinanzierung der Banken gesteckt werden, hinaus geworfenes Geld. Sie haben die Wirtschaft nicht wieder in Gang gebracht und werden dies nach dieser Theorie auch künftig nicht, weil die Ausstattung mit Notenbankgeld nicht der entscheidende Faktor ist. Präsident Barack Obama rechtfertigt gerettete Banken mit dem Argument, „ein Dollar in einer Bank“ könne zu „Krediten für Familien oder Unternehmen in Höhe von acht oder zehn Dollar“ führen – dies sei ein „Multiplikatoreneffekt.“ Nur lässt der bisher auf sich warten.

Die 1,3 Billionen Dollar, die Bernanke drucken ließ, haben die in Umlauf befindliche Geldmenge kaum vergrößert: Die Erhöhung von M0 auf 110 Prozent führte nicht zu einer 800- oder gar 1.000-prozentigen Anhebung von M1: Stattdessen waren es gerade einmal 20 Prozent. Die Bail-Outs scheiterten, weil der Grund für die Krise nicht im Notenbankgeld lag. Das Geld hätte wesentlich mehr bewirkt, wenn man es den Leuten direkt in die Hand gegeben hätte. Leider haben die Regierungen bisher nichts aus diesem Fehlschlag gelernt.

Einseitige Abschreibung

Steve Keen ist der Meinung, um eine zweite Große Depression wenigstens abzuschwächen, müssten die privaten Schulden durch eine einseitige Abschreibung oder ein Ablassjahr abgebaut werden. Die unverantwortlichen Kredite, die viele Banken vergeben hätten, sollten nicht honoriert werden, auch wenn dadurch Finanzinstitute in Konkurs gingen. Geschehe das nicht, werde die private Verschuldung zu einer Masseninsolvenz führen, die eine noch größere Krise zur Folge habe.

Hierbei handelt es sich um kurzfristige Maßnahmen. Es wäre wünschenswert, wenn diese zu einer radikalen Neubewertung unserer wirtschaftlichen Ziele führen würden. Regierungen und Zentralbanker haben nun eine einzigartige Gelegenheit, aus katastrophalen Fehlern zu lernen, die sie gemacht haben. Sie scheinen allerdings fest entschlossen, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen.

George Monbiot schreibt für den Guardian über ökonomisch-ökologische Themen und bezieht sich mit diesem Artikel u.a. auf Steve Keens Buch Debuncing Economics, das gerade neu aufgelegt wurde

Übersetzung: Holger Hutt

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18:15 02.11.2011
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

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