Eine Frage des Stils

Chloë Sevigny Chloë Sevigny wurde wegen ihrer schrägen Outfits als Model auf der Straße entdeckt. Dann stieg sie zur Ikone des Independent-Kinos auf. Weil sie einfach ihr Ding macht

Chloë Sevignys Lachen klingt tief und röhrend, als wäre sie ein betrunkener Seehund. Zuerst lacht sie angesichts der Vorstellung, der richtige Mann könnte ihr plötzlich in den Schoß fallen: „Einfach so: Whoops!“ Dann sorgt der Gedanke für ­Gelächter, sie könnte ihre Mutter Janine in Sachen Sex um Rat fragen. Und schließlich muss sie lachen, als sie sich erinnert, wie der amerikanische Schriftsteller Jay ­McInerney, sie, gerade 19 Jahre, tagelang durch Manhattan verfolgte, um ein siebenseitiges Porträt für den New Yorker zu recherchieren. Darin stand, sie sei „das coolste Mädchen der Welt“. Diese Formulierung wird sie wohl bis ans Ende ihrer Tage verfolgen.

Sevigny war 20 als sie 1995 ihre erste Kinorolle spielte – die 14-jährige, HIV-positive Jenny in Larry Clarks kontroversem Film Kids. Sie war hinreißend in der Rolle, brillant und sie hatte wahnsinnig große Augen. Zu diesem Zeitpunkt war sie aber schon längst ein Gesicht der New Yorker Szene, ein Model, das in Musikvideos von Sonic Youth und den Lemonheads auftrat, nachdem sie aus einem Vorort von Connecticut namens Darien abgehauen war. „Aryan Darien“, arisches Darien, wie Sevigny es nennt, wo es nur Weiße gab, wo es verpönt war, Häuser an Juden zu verkaufen und wo niemals irgendetwas geschah. Wenn sie heute nach Hause fährt, um ihre Mutter zu besuchen, dann mache sie das melancholisch, sagt sie. „Es gibt dort so viele Erinnerungen.“ Ihre Stimme klingt wie ihr Lachen, tief und eigenartig. „Ich kenne dort jeden Stein, jeden Baum. Ich fühle mich immer mutlos, wenn ich dort ankomme, als sei der Ort von einer Aura der Traurigkeit umgeben.“

Mädchen in der Skateboard-Gang

Als Kind empfand sie diese Fadheit und Sicherheit aber als „befreiend“, wenn auch ein wenig langweilig. Sie verbrachte die langen Abende damit, ihre eigenen Kleider zu nähen und hing mit der Skateboard-Gang ihres Bruders ab. Durch diese Skater lernte sie Harmony Korine kennen, der das Drehbuch für Clarks Film Kids schrieb. Als die Dreharbeiten beendet waren, wurde Korine ihr Freund, später gab er ihr eine Rolle in seinem Regie-Debüt Gummo. Danach trudelten die Rollenangebote nur stockend ein, dennoch blieb Sevigny wählerisch. 1999 wurde sie als beste Nebendarstellerin für ihre Rolle als Lana Tisdel in Boys Don’t Cry für den Oscar nominiert. Hilary Swank spielt in dem Film, der eine wahre Geschichte erzählt, ein Mädchen aus Nebraska, das als Junge lebt und sich in Tisdel verliebt, bevor sie bloßgestellt und ermordet wird. Sevigny glänzte in ihrer Rolle, der Regisseur arrangierte ganze Szenen um ihren verhangenen Blick.

Danach hätte sie nach Hollywood gehen können, um Liebeskomödien zu drehen und Filme mit Happy End. Ihr Bild hätte dann Busse und Billboards geziert. Stattdessen spielte sie in einer Reihe von schwierigen, wenn auch von den Kritikern hoch gelobten Independent-Filmen, darunter American Psycho und Lars von Triers Dogville. 2003 hatte sie mit dem Schauspieler und Regisseur Vincent Gallo für dessen Film The Brown Bunny Oralsex vor laufender Kamera. Der Film wurde von der Presse gnadenlos verrissen, Sevignys Szene wurde zur Pointe vieler Kritikerwitze. Die New York Times bat ihre Leser jedoch, Sevigny Respekt zu zollen: „Sie mag vielleicht verrückt sein, aber sie ist auch unvergesslich.“ Sevignys Agenten sahen die Sache allerdings anders und ließen sie nach der Premiere des Films in Cannes fallen.

Berichte über das komplizierte Verhältnis von Gallo und Sevigny machten die Runde. Er soll zugegeben haben, schon von ihr besessen gewesen zu sein, als sie noch keine 13 war. Heute haben sie zwar keinen Kontakt mehr, doch Sevigny sagt, dass sie nichts bereue. „Er ist ein faszinierender Mann, aber wir haben schon länger nicht mehr miteinander gesprochen“, erzählt sie. „Das ist nicht ungewöhnlich – Schauspieler bleiben nach einem Film nur sehr selten mit dem Regisseur in Verbindung. Wir kehren ins echte Leben zurück.“

Wie die Regisseure vor ihm baute auch Gallo ganze Geschichten rund um Sevigny auf. Wie geht es ihr damit, eine Muse zu sein? „Ich liebe diese Bezeichnung“, sagt sie und kichert. „Muse. Mu-se.“ Sie wiederholt das Wort, dehnt es wie Kaugummi. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn man einen anderen inspirieren kann. Und ich glaube nicht, dass das zwangsläufig bedeuten muss, dass ein Mann sich etwas von einer Frau ‚nimmt‘. Es kann auf Gegenseitigkeit beruhen, beide können den anderen anregen – und erregen.“

Inspiration ist ein Feld, auf dem sie sich auskennt. Sie ist seit Jahren in allen Mode-Magazinen in den Listen der am besten gekleideten Frauen vertreten, wo ihre hoch taillierten Shorts und langen Strümpfe neben den sorgfältigen Roben der anderen Prominenten auffallen. 2008 begann sie eine Kooperation mit dem Modelabel Opening Ceremony, um eine eigene Kollektion zu gestalten. „Meine Entwürfe sind vollkommen eigennützig. Im Prinzip sind es Sachen, die ich gerne tragen möchte. Und zu denen ich durch die vielen Stunden, die ich im Tompkins Square Park im East Village die Leute beobachte, inspiriert werde.“

Der älteste Trick der Welt

Bei unserem Gespräch trägt sie ein Outfit, mit dem sie sich ganz auf die Achtziger eingeschworen hat: Ein Vintage-T-Shirt von Calvin Klein, hochgekrempelte Levi’s Jeans und Dr.-Martens-Schuhe. Wir treffen uns in in L.A., wo sie gerade die fünfte Folge der HBO-Serie Big Love dreht, die von einer Polygamisten-Familie in Utah handelt. Sevigny prustet vor Lachen, als sie erzählt, wie ihre Kollegin Jeanne Tripplehorn am Vortag auf ihre Garderobe reagierte: „Ich hatte eines meiner simplen Outfits aus den späten Achtzigern an, und sie brüllte: ‚Das finde ich irre!‘ Was absolut okay ist, schließlich will ich mit dem, was ich anziehe, unterhalten.“ Unterhalten? „Na klar, ich ziehe etwas Ungewöhnliches an, um von meinem Gesicht abzulenken. Der älteste Trick der Welt.“

Sie ist gewiss nicht hübsch. Ihr Kiefer ist zu kräftig, ihre Stirn zu breit. Doch sie ist attraktiv und entwaffnend sexy. In dem Sommer, als sie 16 wurde, rasierte sie sich eine Glatze. Und sie spielt noch immer selbstbewusst mit verschiedenen Vorstellungen von Schönheit. „Ich habe die gleichen Unsicherheiten wie jede Schauspielerin, ich nehme mal an wie jede Frau. Selbst die schönsten fühlen sich unglücklich. Denken Sie nur an die Bardot, sie war lange selbstmordgefährdet“, sagt Sevigny. „Aber ich mag es, mit der Kamera zu spielen. Ich trage gerne zu dick auf.“

Sie erzählt, wie sie vor Kurzem mit einem Freund im Wartezimmer eines Arztes saß und durch einen Stapel Hochglanzmagazine blätterte. „Auf den Titelseiten von Marie Claire und Vogue waren all diese Mädchen, die wir kannten und mein Freund sagte: ‚Honey, mach dir keine Sorgen – eines Tages bist du da drauf!‘ Und ich lachte und lachte. Ich meine, diese Zeitschriften gehören nicht zu meinem Leben. Ich bin wie Vice oder Purple Fashion. Ich weiß mittlerweile, wer ich bin. Ich bin meine eigene Marke.“

Sie habe schon 1992 gewusst, wer sie sei, als der New Yorker sich entschloss, sie als Amerikas It-Girl zu porträtieren. Wie hat sich ihr Leben durch diese Aufmerksamkeit verändert? „Ganz ehrlich? Überhaupt nicht. Im Nachhinein scheinen die Leute mehr hineinzuinterpretieren – mehr Vergnügen, mehr Durchdachtheit. Am Filmset machte kürzlich eine Kopie des Artikels die Runde, aber damals hat er mich ziemlich kalt gelassen. Zwei Dinge habe ich dadurch bekommen – ein Abo des New Yorker auf Lebenszeit und ein Latexkleid von Helmut Lang.“

Anfang Oktober porträtierte der New Yorker nun die 14-jährige Mode-Bloggerin Tavi, die von Karl Lagerfeld, John Galliano und Rei Kawakubo von Commes des Garçons geschätzt wird. „Ein Wunderkind“, schrieb Lizzie Widdicombe im New Yorker. „Zeitschriftenredakteure beneiden sie um ihre Kontakte.“ Sieht Sevigny Parallelen zwischen Tavi und ihr als Teenager? „Als ich jung war, scheute ich die Öffentlichkeit. Ich war nicht selbstbewusst. Ich las keine Zeitschriften, ich sah sie mir nur an. Tavi ist viel offensiver. Sie bringt sich selbst ins Gespräch. Für mich war es extrem eigenartig, als der Reporter Jay McInerney an meinen Fersen klebte. Es war mir peinlich. In den Clubs hat es alle abgeschreckt. Und es war ziemlich unangenehm, dass er meine Freunde über mich ausfragte. Ich meine, keiner von ihnen bekam einen geraden Satz heraus. Damals jedenfalls noch nicht.“

Nie vor Freunden jammern!

Wie, meint sie, würden ihre Freunde sie denn beschreiben? „Emotional, großzügig, mütterlich, fürsorglich, solide, praktisch veranlagt. Und weil ich all das bin, ziehe ich Exzentriker an. Dazu kommt, dass ich auf den Rat meiner Mutter höre und niemals vor meinen Freunde jammere, deshalb bekommen sie nie meine andere Seite zu sehen. Ich spare mir alle meine Probleme für meine Mutter auf.“

Ihr aktueller Film Mr. Nice erzählt das Leben des legendären Cannabis-Schmugglers Howard Marks. Sevigny spielt Judy, Marks langmütige Frau. „Wir wollten seine Biographie als Liebesgeschichte erzählen und zeigen, wie sich die Taten dieses Mannes auf seine Familie auswirkten. Es ist aber beängstigend, eine reale Person zu spielen“, gibt sie zu. „Judy und ich haben uns erst getroffen, als die Dreharbeiten abgeschlossen waren. Das war ein Fehler. Ich denke, ich hätte ihre Figur stärker spielen können, wenn wir früher miteinander gesprochen hätten.“

In der Vergangenheit musste Sevigny sich bisweilen bei Regisseuren entschuldigen, weil ihre Aufrichtigkeit und Tiefstapelei dazu führten, dass sie Interviews in eine unerwünschte Richtung lenkte. Ich sehe etwas Ähnliches kommen, als sie ihre Stimme senkt und erzählt, wie unzufrieden sie mit dem britischen Akzent ist, den sie für den Film angenommen hat. Der Akzent schwankt in der Tat zwischen dem einer amerikanischen Südstaatenschönheit und dem eines Bauern aus Cornwall.

„Bei den Proben war das noch okay“, hebt sie an. „Aber ich habe mit Rhys Ifans gespielt, der sehr walisisch spricht. Und viele Szenen waren improvisiert, und ...“ Ich hake nicht weiter nach.

In Werner Herzogs schwarzer Komödie My Son, My Son, What Have Ye Done ist sie die Verlobte eines Mörders. Außerdem hat sie gerade noch den Thriller The Wait abgedreht, in dem sie eine junge Frau spielt, die eine Party vorbereitet, bei der ihre Mutter von den Toten zurückkehren soll. Es klingt, als passe dieser Film wesentlich besser zu Sevigny als Mr. Nice, wo die Schlichtheit der Figur, die sie spielt, dazu führt, dass sie zeitweilig abwesend oder weichgezeichnet wirkt. Über The Wait, bei dem ihr Freund M. Blash Regie führt, sagt sie: „Er hat meine Liebe zum Filmemachen wiederbelebt. Ich war eine Zeitlang ziemlich enttäuscht von der Schauspielerei. Ich war es leid, gesagt zu bekommen, wie ich mich fühlen soll.“ Nun entwickelt sie mit HBO ein Drehbuch, bei dem es um eine amerikanische Kultfigur gehen soll. „Eine Frau“, sagt sie. „Mehr kann ich nicht sagen. Sie werden die Serie lieben. Jede Frau wird das, versprochen.“

Sie zählt die Frauen auf, die sie im Laufe ihres Lebens beeinflusst haben – die, deren Poster an den Wänden ihres Zimmers hingen. „Frauen wie Kim Gordon und Courtney Love, Sinead O’Connor, Sissy Spacek und Mia Farrow. Frauen die alle ihre Off-Sache am Laufen hatten.“ Ob sie selbst eine Frau ist, die eine „Off-Sache“ abseits des Mainstreams am Laufen hat? „Ganz gewiss“, sagt sie und lacht. „Ganz gewiss.“

Eva Wiseman ist Redakteurin des Observer. Immer sonntags erscheint ihre Gesellschaftskolumne Up Front auf guardian.co.uk.

Chloë Sevigny wurde am 18. November 1974 in Darien, Connecticut, geboren. Bereits als Teenager zog sie auf eigene Faust nach New York. Dort arbeitete sie zunächst als Model für H&M und kleinere Modelabels. Zudem schrieb sie für ein Teenie-Magazin. Für die Modeljobs wurde sie auf der Straße aufgrund ihrer eigenwilligen Outfits entdeckt, die sie sich in Second-Hand-Läden zusammensuchte.

1995 spielte sie in ihrem ersten Film Kids, die Rolle der 16-jährigen Jenny, die erfährt, dass ihr Freund sie beim ersten Sex mit HIV infiziert hat. Mit ihrer neuen Leinwandprominenz stieg Sevigny endgültig zur New Yorker Stilikone auf. Die Vogue nannte sie die Audrey Hepburn des Grunge, der New Yorker erkor sie zum coolsten Mädchen der Welt. Und Sevigny lieferte gern auch knackige Zitate für die Mode-Blätter. So bekannte sie sich in einem Interview zu ihrem Schuhtick. Sie habe weit über 200 Paar. Aber egal, wieviele ich kaufe, es ist immer noch billiger als eine Psychotherapie.

Der größte Erfolg ihrer Filmkarriere war die Oscar- Nominierung für Boys Dont Cry 1999. Seitdem spielte sie in American Psycho und dem Woody-Allen-Film Melinda und Melinda. Meistens wählte sie aber Rollen in kleinen Produktionen. Das hat zur Folge, dass man sie in Deutschland nicht so oft auf der Leinwand sieht. Für Mr. Nice ist kein Deutschlandstart geplant. Den Werner-Herzog-Film My Son, My Son, What Have Ye Done mit Sevigny in der weiblichen Hauptrolle gibt es nur auf DVD zu sehen.

Übersetzung: Christine Käppeler
15:15 25.11.2010
Geschrieben von

Eva Wiseman | The Guardian

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