Eine Generation von Amputierten

Sri Lanka Die Regierung Sri Lankas vertuscht, wie viel zivile Opfer es bei den letzten Kämpfen mit den tamilischen Rebellen gab. Krankenhäuser sind für Journalisten gesperrt

Auf der zerrissenen Matratze des Feldbettes liegt ein kleines Kind und schreit. Vom Fenster des Behandlungszimmers aus lässt sich die Hauptstadt Colombo überblicken. Eine Verwandte versucht, das Kind zu beruhigen, während die Ärzte ringsherum fast ungerührt ihrer Arbeit nachgehen. Das 18 Monate alte Mädchen soll gegen Ende der Kämpfe zwischen der Armee Sri Lankas und den tamilischen Rebellen von der LTTE im Nordwesten einen Bauchschuss erhalten haben. Eine hässliche Operationsnaht zieht sich über den Unterleib, ein Teil des linken Unterschenkels ist amputiert worden. Ein mitleidserregendes Bild.

Das Mädchen gehört zu Tausenden von Opfern, die überall in Sri Lanka in Krankenhäusern vor der Öffentlichkeit versteckt und von Polizisten oder Soldaten bewacht werden. Sobald sie transportfähig sind, werden sie wieder in eines der düsteren Lager gebracht, in denen derzeit schätzungsweise 300.000 Menschen aushalten müssen. Hilfsorganisationen und Menschenrechtsaktivisten sind überzeugt, das Gesundheitssystem des Landes sei nicht in der Lage, die große Zahl von Kindern und Erwachsenen zu versorgen, denen während der vergangenen Wochen schreckliche Verletzungen zugefügt wurden.

Schusswunden und Verbrennungen

Die Regierung will offenbar das wahre Ausmaß der Katastrophe vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen, erklärt die Krankenhäuser zur verbotenen Zone und lässt Ärzte, die innerhalb des Kriegsgebietes gearbeitet haben, unter dem Vorwurf verhaften, sie hätten heimlich die Anzahl der Todesopfer registriert. Nach inoffiziellen UN-Zahlen, die dem Guardian vorliegen, wurden in den vergangenen vier Monaten 8.000 Menschen getötet und 17.000 verwundet. Nicht berücksichtigt sind dabei die Opfer der letzten drei Kriegstage, in denen die Gefechte extrem heftig waren.

Aus UN-Kreisen ist zu erfahren, interne Analysen wiesen darauf hin, dass es eine überdurchschnittlich hohe Zahl an verletzten und getöteten Kindern gegeben habe. Nachdem Sri Lankas Präsident Mahinda Rajapakse vergangene Woche behauptet hatte, man habe einen Sieg errungen, ohne auch nur einen Tropfen Zivilistenblut zu vergießen, gelang es dem Guardian am 24. Mai, sich Zugang zum Lady-Ridgeway-Hospital in Colombo zu verschaffen und mit dem Personal zu sprechen, um sich ein Bild von der wirklichen Lage zu machen.

Die Station im sechsten Stock bietet einen deprimierenden Anblick: Hier liegen einige der am schwersten verwundeten Kinder – ohne Gliedmaße oder mit Schusswunden und Verbrennungen. Die Stationsschwester sagt, dass schon viele solcher Fälle aus dem Kriegsgebiet in ihre Spezialklinik gekommen seien, wie viele könne sie aber nicht genau sagen.

Andere Kinder sitzen auf Stühlen, ein Mädchen mit einem Gips am Arm, ein Junge sieht aus, als habe er Verbrennungen erlitten. Andere liegen mit verbundenen Wunden in ihren Betten. Alle sind sauber und werden von den aufmerksamen Schwestern in makelloser Dienstkleidung gut versorgt. Sie scheinen überrascht über den Besuch, da das Verteidigungsministerium Anfragen nach einer Erlaubnis, das Krankenhaus zu besuchen, abgelehnt hat.
Eine Stationsschwester meint, die Kinder würden behandelt und dann mit ihren Eltern wieder zurück in die Lager um die Stadt Vavuniya im Norden Sri Lankas herum gebracht, sobald sie transportfähig seien. Es ist unmöglich herauszufinden, auf welche Weise die Kinder verletzt worden sind und vor allem durch wen. Das Personal erlaubt den Patienten und ihren Angehörigen nicht, ohne Erlaubnis des Krankenhausdirektors Interviews zu geben.

Von einem Schrapnell getroffen

Wer Berichte aus anderen Krankenhäusern erhält, stellt fest, dass die Situation auch anderswo ähnlich ist. Die entsprechenden Stationen sind mit Kriegsverletzten überbelegt, die Ärzte haben Mühe, der großen Anzahl Behandlungsbedürftiger Herr zu werden. „Kinder haben in diesem Krieg schrecklich gelitten und sind überdurchschnittlich stark betroffen“, sagt UNICEF-Sprecher in Colombo, James Elder. „Die medizinische Versorgungslage ist extrem angespannt und hat einen kritischen Punkt erreicht.“ Er fordert die Regierung auf, den verletzten Kindern und ihren Eltern zu gestatten, die Lager zu verlassen, um sich in einer angemessenen und besser geeigneten Umgebung zu erholen.

Bhavani Foneska vom in Colombo ansässigen Zentrum für politische Alternativen erklärt, die Regierung sei offenbar entschlossen, weiter zu verbreiten, es habe weniger Tote und Verwundete gegeben, als das während der Kämpfe tatsächlich der Fall gewesen sei. Es werde viel vertuscht. „In Wahrheit gibt es so viele Verwundete, dass man sie über das ganze Land in Hospitäler verteilen musste.“ Foneska war in zweien davon und berichtet, sie habe Kinder gesehen, denen beide Beine oder Arme amputiert wurden. „Wir werden eine Generation von Amputierten haben.“ Die Lage werde für einige der traumatisierten Kinder noch dadurch verschlimmert, dass sie von Soldaten derselben Streitkräfte bewacht werden, die in einigen Fällen für ihre Verletzungen verantwortlich sind.

Die UNO zeigt sich besorgt über die mangelhafte medizinische Versorgung in den Auffanglagern und die Weigerung der Regierung, Hilfe von außen anzunehmen. Als er vor Wochenfrist eines der Camps besuchte, hörte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon von einem jungen Mädchen, es sei von einem Schrapnell getroffen worden, doch gäbe es in ihrem jetzigen Lager weder die Möglichkeit für eine Operation noch die benötigten Schmerzmittel.
Präsident Mahinda Rajapakse wollte von der Aufforderung Bans nichts hören, die Beschränkungen für Hilfe von außen aufzuheben. Seine Begründung: „In Anbetracht der wahrscheinlichen Anwesenheit von LTTE-Leuten unter den Flüchtlingen muss die Sicherheit gewährleistet werden. Sobald sich die Sicherheitslage verbessert, wird es keine Einwände mehr gegen die Unterstützung von Organisationen geben, die aufrichtig am Wohlergehen“ der vertriebenen Tamilen interessiert seien.

Übersetzung: Holger Hutt
10:00 01.06.2009
Geschrieben von

Gethin Chamberlain, The Guardian | The Guardian

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