Eine große Lücke

Iran Die religiöse Glaubwürdigkeit und die Kritik von Großayatollah Montazeri war dem Klerus stets ein Dorn im Auge. Seinen Tod kann die Opposition nur schwer verkraften

Der Tod von Großayatollah Hosein Ali Montazeri war für Irans Obersten Führer Seyyed Ali Chamenei eine gute Nachricht – denn Montazeri war einer seiner größten religiösen Widersacher. Chamenei und Montazeri verband eine tiefe politische und persönliche Feindschaft. Montazeri hatte es gewagt, Chameneis religiöse Qualifikationen in Frage zu stellen. Dies verärgerte den Obersten Führer umso mehr, als dass Montazeris Kritik außerordentlich berechtigt war: Chamenei ist gar kein richtiger Ayatollah. Er hat weder eine resaleye amalie abgelegt, was bei Studenten der schiitischen Religion in etwa dem Doktortitel entspricht, noch hat er 20 Jahre studiert, um vom mittleren Rang eines hojatoleslam zum Ayatollah aufzusteigen. Seine Beförderung erfolgte nur drei Monate – einige mutmaßten sogar, nur einen Tag – bevor er zum Großen Führer ernannt wurde.

Dies ausgesprochen zu haben, war einer der Hauptgründe dafür, warum Montazeri unter Hausarrest gestellt wurde. Der zweite war: Montazeri hatte nicht damit aufgehört, die religiösen Autoritäten des Landes aufzufordern, die gesetzgebende Rolle gegen eine aufsichtsführende zu tauschen. Mit anderen Worten: Der Klerus solle sich nicht mehr in die Politik einmischen und vielmehr als eine Art religiöse Berater fungieren. Doch selbst unter Hausarrest hatte Montazeri führenden Köpfen wie Chamenei und Ahmadinedschad Machtmissbrauch und die Unterdrückung des öffentlichen Lebens vorgeworfen.

Zunehmend desillusioniert

Auch wenn Montazeri später zu ihrer Führungsriege in Opposition geriet, so war er zu Beginn doch ein inbrünstiger Anhänger der islamischen Revolution. Unter dem Schah saß er dafür sogar vier Jahre im Gefängnis. Nach seiner Entlassung unterstützte er vorbehaltlos die Säuberung der Streitkräfte von getreuen Schah-Anhängern. Er hatte nichts gegen die Hinrichtung Dutzender dem Schah verbundener Offiziere und Beamte einzuwenden, denn in seinen Augen waren sie schuldig. Seine Loyalität gegenüber Chomeini war unerschütterlich.

Als die Liquidierungen im Laufe der Zeit aber immer verheerendere Ausmaße annahmen, zeigte sich Montazeri auch öffentlich zunehmend desillusioniert. Vor allem die Tötung von tausenden Mudschaheddin und Mitgliedern der Tudeh-Partei erschien ihm immer sinnloser. Die Hinrichtung von Mehdi Hashemi, dem Bruder seines Schwiegersohnes, der in der Iran-Contra-Affäre eine Rolle spielte, trug zu seiner Entfremdung bei.

Montazeri, der eine der obersten Autoritäten des schiitischen Islam darstellte, war ebenso starrsinnig wie talentiert. Manche haben ihm vorgeworfen, durch seine Sturheit verhindert eine Wende der Revolution zum besseren verhindert zu haben. Bereits als Nachfolger Chomeinis im Amt des Obersten Führers nominiert, hätte er lediglich seine Kritik drosseln und dessen Tod abwarten müssen - um dann mit echten und tiefgreifenden Reformen zu beginnen. Aber Montazeri machte weiter, bis der Punkt erreicht war, an dem Chomeini in ihm eine Gefahr für die Revolution sah und Chamenei an seiner Stelle als seinen Nachfolger einsetzte.

Kaum mehr als politische Figur wahrgenommen

Dies bedeutete das Ende für Montazeris politische Ambitionen. Nachdem er 1989 unter Hausarrest gestellt worden war, nahm man ihn trotz seines religiösen Einflusses als politische Figur kaum mehr wahr. Dies lässt sich daran ermessen, dass er es, trotz seiner mittlerweile 20-jährigen Opposition gegen den herrschenden Klerus, nicht vermochte, die Massen auf die Straßen zu bringen, wie dies Mir Hossein Mussawi und Mehdi Karoubi nach den Wahlen im Juni gelang. Seine religiöse Bedeutung übertraf seine politische bei weitem.

Als sein Nachfolger wäre vielleicht sein Sohn Hojjatoleslam Mohammad Montazeri der geeignetste Kandidat gewesen, aber dieser wurde 1981 von einer gewaltigen Bombe der Volksmudschahidin getötet. Hätte er den Anschlag überlebt – ihm hätte mit großer Wahrscheinlichkeit eine große politische Karriere bevor gestanden. Nach Aussage des ersten Reserveoffiziers der Islamischen Revolutionsgarden, Mohsen Rafiqdoost, kam der Anstoß zur Einrichtung dieser paramilitärischen Einheit von Montazeri, wie er auch zu den ersten Befürwortern der Idee gehörte, unter den libanesischen Schiiten eine sympathisierende bewaffnete Gruppe aufzubauen, die später dann in der Gründung der Hisbollah Früchte trug.

Heute gilt Großayatollah Yousef Sanei, der die amtierende Regierung ebenfalls kritisiert, als zweitbeste Alternative zu Montazeri. Allerdings verfügt er weder über dessen religiöse Erfahrung, noch über eine ähnliche revolutionäre Qualifikation. Es dürfte Yousef Sanei schwer fallen, in Montazeris Fußstapfen zu treten.

Der Tod Montazeris ist ein Verlust für die iranische Oppositionsbewegung. Aber so, wie sein Vermächtnis bewahrt wird, schreitet auch sie weiter voran.



Meir Javedanfar ist israelisch-iranischer Analyst und einer der exzellentesten Kenner des Mittleren Ostens.

Übersetzung: Holger Hutt

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16:16 22.12.2009
Geschrieben von

Meir Javendanfar, The Guardian | The Guardian

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