Eine Hommage an Kennedy

Mondlandung Ohne den Missionarismus des Apollo-Projekts wird eine neue Mondfahrt schwer gelingen. 1969 war nämlich vorerst das Ende und nicht der Anfang der bemannten Raumfahrt

Fast 400.000 Kilometer weit entfernt verfolgten am 21. Juli 1969 Männer, Frauen und Kinder rund um den Globus das größte TV-Ereignis der Welt. Körnige Schwarz-Weiß-Bilder zeigten, wie der Astronaut aus der Eagle, der Mondlandefähre der Apollo 11, herauskletterte, auf den Grund der Tiefebene namens „Meer der Stille“ plumpste und der Erde die Worte zukommen ließ, er habe gerade „einen kleinen Schritt für den Menschen, aber einen großen Sprung für die Menschheit“ gemacht.

Armstrongs Worte von damals hallen noch immer nach – sie bringen die Hoffnungen jener aufregenden Tage immer noch treffend zum Ausdruck. Immerhin hatte die Menschheit seit dem ersten bemannten Raumflug 1961 in nur acht Jahren die Möglichkeiten entwickelt, zwischen den Welten zu reisen. Wir hatten unsere Wiege verlassen, nun wartete das Universum.

Und es wartet immer noch. Es gab keinen großen Sprung. Tatsächlich werden die USA in Kürze noch nicht einmal mehr über die Mittel verfügen, überhaupt Männer oder Frauen in den Weltraum zu schicken. Das Space Shuttle – der Raumfährentyp, der die Apollo-Raumfähren erset­zte – hat sich als Todesfalle herausgestellt, die bis heute 14 Astronautenleben – die Mannschaften der Challenger und der Columbia – gefordert hat. Die Shuttles werden im kommenden Jahr ausrangiert werden. Es ist unklar, ob Präsident Barack Obama, der bislang wenig Begeisterung für bemannte Raumfahrt-Projekte gezeigt hat, die Pläne der NASA für ein neues Space Shuttle unterstützen wird.

Die wirkliche Bedeutung des Jubiläums der Mondlandung besteht darin, dass sie das Ende, nicht den Anfang der Träume von der Erkundung des Weltalls markierte. Die Aussichten auf die Errichtung permanenter Mondbasen, die Entsendung bemannter Missionen zum Mars, die Vision, Astronauten durch das Sonnensystem zu schießen, starben erst einmal, als Armstrong den Fuß auf den Mond setzte.

„Das Tragische war, dass das Beste, was die amerikanische Technologie zu bieten hatte und Milliarden Dollar in ein Projekt gesteckt wurden, von dem niemand einen wirklichen Nutzen hatte“, meint der Historiker Gerard DeGroot von der schottischen St. Andrew’s Universität. „Armstrongs kleiner Schritt hat nichts für die Menschheit getan.“ Harte Worte.

Amerika war beflügelt von John F. Kennedy Zielen. Der Präsident hatte 1961 verkündet, „vor Ablauf dieses Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond und wieder sicher zur Erde zurück zu bringen.“ Nach seiner Ermordung im Jahr 1963 wurde die Idee zu einer Art Hommage an Kennedy. Die Welt sollte sehen, wozu die USA fähig gewesen wären, hätte er weitergelebt. Kurz nach der Rückkehr der Astronauten der Apollo 11 hinterließ jemand folgende Botschaft auf seinem Grab: „Mr. President, the Eagle has landed.“ Mit anderen Worten: Auftrag erfüllt.

Moskau war geschlagen

Erstaunlich war, wie rasch die USA nach dieser Mission der Raumflüge müde wurden. Im April 1970 bereits wurde die TV-Übertragung der Apollo-13-Mission zu Gunsten der Doris-Day-Show gestrichen (was allerdings schnell wieder rückgängig gemacht wurde, als die Mission missglückte). Die Sowjetunion war geschlagen worden. Das war, was zählte. Zwei Jahre später fiel dann die Axt. Die Missionen Apollo 18, 19 und 20 wurden abgesagt, Gene Cernan und Jack Schmitt von Apollo 17 blieben die letzten Menschen, die den Mond beschritten. Am 14. Dezember 1972, nach mehreren ausgiebigen Mondrover-Touren um das Mare Serenitatis, machten sie sich für den Abflug bereit. „Wir gehen, wie wir gekommen sind und wie wir, so Gott will, zurückkehren werden: In Frieden und Hoffnung für die gesamte Menschheit“, verkündete Cernan. Dann schaltete er sein Mikrofon ab und wandte sich an Schmitt. „OK, Jack, let’s get this mother outta here.“ So verließen die Menschen die einzige außerirdische Welt, die sie je erobert hatten.

Am 16. Juli 1969 hatte alles noch so anders ausgesehen. Über eine Million Menschen hatten sich vor Cape Canaveral versammelt, um zu sehen, wie die gewaltige Saturn V – die leistungsstärkste Rakete, die je gebaut worden war – die Apollo 11-Astronauten in den Weltraum tragen würde. Die fünf riesigen Triebwerke der Saturn V verbrannten beim Start fast 4.000 Liter Treibstoff pro Sekunde und versetzten die Luft mit einer solchen Intensität in Schwingung, dass die Zuschauer spürten, wie ihre Haut zitterte. Viele waren völlig überwältigt: „Als sie abhoben, weinte ich zum ersten Mal seit 20 Jahren und betete zum ersten Mal seit 40 Jahren,“ erinnerte Science-Fiction-Visionär Arthur C. Clarke sich später. Und Walter Cronkite, dem weltmännischen CBS-Moderator, verschlug es zum ersten Mal in seinem Berufsleben die Sprache. Dass die von der Rakete ausgelösten Vibrationen das Dach seines provisorischen Büros davon bliesen, verschlimmerte seinen Zustand wohl nur noch.

Mondlandung: Großes Kino

Vier Tage später kletterten Armstrong und Aldrin in das „Seidenpapier-Raumschiff“, wie die leichtgewichtige Mondlandefähre der Apollo, die Eagle, unter Astronauten genannt wurde, und das eigentliche Drama auf den Bildschirmen begann. Die Eagle sank langsam Richtung Mond, als Arm­strong das Landetriebwerk zündete, um die Geschwindigkeit zu regulieren.

Dann begann der gelbe Hauptalarm aufzuleuchten. Eine halbe Sekunde lang, in der die Landefähre wertvolles Benzin verbrannte, schien die Mission zum Scheitern verurteilt. Doch dann erlosch der Alarm und die Eagle sauste weiter über die Mondoberfläche hinweg. Als nur noch Treibstoff für 60 Sekunden übrig war, hatte die Fähre immer noch nicht aufgesetzt. Selbst in dieser Situation wählte Armstrong sorgsam seinen Landeplatz aus. Als die Eagle endlich landete, hatte sie nur noch Treibstoff für wenige Sekunden im Tank. Knapp acht Stunden später, am 21. Juli um 3.56 Uhr Mitteleuropäischer Zeit stand Armstrong als erster Mensch auf dem Mond.

So perfekt und sanft war die Landung, dass die Außenleiter der Eagle nicht voll losgeschüttelt wurde. Also musste Arm­strong, nachdem er ausgestiegen war, aus einiger Höhe auf die Mondoberfläche hinab springen. Er machte also nicht einmal einen kleinen Schritt. Atemberaubend war seine Leistung dennoch: „Das überwältigendste Theater, das je geschaffen wurde“, nannte es der Biograph der Apollo-Raumfahrer, Andrew Smith.

US-Präsident Richard Nixon erklärte die Mission zum Größten, das sich seit der Schöpfung ereignet habe, während man von Wernher von Braun, Vater von Hitlers V2 und der mächtigen Saturn-V-Raketen, hörte, die Mission sei von ebenso großer Bedeutung wie „der Augenblick der Evolution, in dem das Leben aus dem Wasser an Land kroch“. Solche Behauptungen wirken heute aberwitzig. Das Apollo-Programm führte in eine Sackgasse, so großartig die technologische Leistung und der Mut und das Können Armstrongs, Aldrins und Collins auch waren. Doch nicht nur das: Es war auch eine außergewöhnlich kostspielige Angelegenheit. Das gesamte Apollo-Projekt schlug – im Geldwert der 1960er gemessen mit 24 Milliarden Dollar zu Buche, was heute einer Summe von einer Billion Dollar entspräche. Es verschlang jahrelang beinahe fünf Prozent des US-Etats. Und was den Mond betrifft: Der hatte nach seiner Begegnung mit Amerika eine deutlich zugenommen. 118 Tonnen an zerschellten Robotersonden, Landefährenteilen, TV-Kameras und Mondrover-Fahrzeugen wurden dort entsorgt – von den zurückgelassenen Fahnen, Fußabdrücken, Essenstabletts und dem übrigen Abfall ganz zu schweigen. Sogar wertvolle Haselblatt-Kameras blieben dort, um Gewicht und Treibstoff einzusparen. Vom Wind oder Bakterien unberührt sind diese Schutthaufen noch genauso vorzufinden, wie sie vor 40 Jahren hinterlassen wurden. Eines Tages werden sie vielleicht außerirdischen Besuchern des Mondes Hinweise darauf liefern, welch seltsame Spezies sich auf dieser toten Welt aufhielt.

Die Arbeit der NASA und ihre neuen Mondpläne finden indes immer mehr Kritiker. Professor Amitai Etziono von der George-Washington-University zum Beispiel meint: „Betrachtet man 100 Jahre alte Mondkarten, stellt man fest, dass sie sich nicht sehr von denjenigen unterscheiden, die wir nach Apollo angefertigt haben. Wir haben eine Menge interessanter Bruchstücke über den Mond in Erfahrung gebracht, allerdings zu immensen Kosten. Es ist an der Zeit, damit aufzuhören.“

Heute hängt das Raumfahrtprogramm der NASA am seidenen Faden. Die USA werden ihre Shuttle-Flotte 2010 aus dem Verkehr ziehen. Im Rahmen eines vor Jahren von Ex-Präsident Bush angekündigten Programms werden gerade neue Raketen entworfen, die Männer und diesmal auch Frauen zum Mond bringen und dann zum Mars weiterfliegen sollen. Allerdings hat Bush keine Sondergelder für das unter dem Namen Constellation bekannte Programm angeboten, und nun hat Präsident Barack Obama eine Prüfung der Kosten und Ziele angeordnet. Angesichts des US-Haushaltsdefizits von 1,7 Billionen Dollar erwarten nicht allzu viele Experten grünes Licht.

Mythen rund um die Mondlandung

Rund um die Mondlandung haben sich in den vergangenen 40 Jahren zahlreiche Mythen und Legenden gebildet. Die zentrale Theorie: Die Apollo habe nie die Erdumlaufbahn verlassen. Die Szenen, in denen die Astronauten Steine sammeln, Minigolf spielen und Ausflüge mit dem Mondrover machen, seien im Filmstudio entstanden.

Als Indizien dafür gelten falsch ausgerichtete Schatten (wegen der angeblichen Studiobeleuchtung), das Fehlen von Sternen am Firmament. Außerdem sehen manche die US-Flagge flattern, was auf dem Mond, der keine Lufthülle hat, eigentlich nicht möglich ist.

Nichts davon hielt einem Beweis stand. Die Schatten liegen richtig, die Aufnahmen vom Mond fanden bei Tag statt, was die fehlenden Sterne erklärt. Auch für das Flattern gibt es keine Belege. Charles Duke, Teilnehmer der Apollo-16-Mission, fragte zu Recht: Wenn die NASA die erste Landung gefälscht hat, warum sollte sie sich die Mühe machen, das noch fünf weitere Male zu tun? Als der 72-jährige Buzz Aldrin 2002 mit den Vorwürfen konfrontiert wurde, bekam der Filmemacher Bart Sibrel eine Ohrfeige.

Und dann gibt es noch die legendäre Erzählung, warum Neil Armstrong vor der Rückkehr zur Erde murmelte: Das war für dich, Jablonski. Jahre später fragte ein rätselnder Raumfahrthistoriker den Astronauten: Ganz einfach, antwortete Armstrong: In Ohio, wo ich aufwuchs, hieß unser Nachbar Jablonski. Eines Nachts hörte ich seine Frau schreien: Oral-Sex? Den bekommst Du erst an dem Tag, wenn der Junge nebenan den Mond betritt deshalb meine Botschaft. Schöne Geschichte. Hat sich Armstrong aber nur ausgedacht.







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Gekürzte Fassung. Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

05:00 16.07.2009
Geschrieben von

Robert McKie, The Observer | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 41/2021

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