Eine Milliarde Menschen sind bedroht

Biosprit FAO und OECD warnen davor, dass die Lebensmittelknappheit zunimmt, während die Nachfrage in den Schwellenländern steigt und sich der Bedarf an Biotreibstoffen erhöht

Die Lebenspreise werden im kommenden Jahrzehnt wohl um bis zu 40 Prozent steigen. Zu diesem Schluss kommen die OECD und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der UN in ihrem Agrarausblick 2010-2019, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Die Preise für Agrarprodukte sind seit dem Rekordhoch vor zwei Jahren zwar gesunken, doch muss man davon ausgehen, dass sie erneut steigen und wohl kaum auf das Durchschnittsniveau der vergangenen Dekade zurückfallen werden.

Prognosen für Getreide sehen im Vergleich zum durchschnittlichen Niveau der Jahre 1997 bis 2006 (dem Jahrzehnt vor der Preissteigerung von 2007/08) eine reale, inflationsbereinigte Preissteigerung von 15 bis 40 Prozent voraus. Die Realpreise für Pflanzenöl sollen um über 40 Prozent steigen, für Molkereiprodukte wird eine Steigerung um 16 bis 45 Prozent prognostiziert. Bei den Preisen für Vieh werden zwar weniger Auffälligkeiten erwartet, doch die weltweite Nachfrage nach Fleisch steigt schneller als für alle anderen Agrarprodukte, da in den Schwellenländern der Wohlstand einiger Bevölkerungsgruppen zunimmt.

Wenngleich der Bericht festhält, dass die Produktion gesteigert wird, um der Nachfrage zu begegnen, so warnt er auch davor, dass durch die jüngsten Preissprünge und die Wirtschaftskrise Hunger und Lebensmittelknappheit verschlimmert werden. Rund eine Milliarde Menschen sollen an Unterernährung leiden.

Agrarproduzent Brasilien

Fair-Trade-Aktivisten meinen, die Prognose drastisch steigender Lebensmittelpreise sollte eine „deutliche Warnung“ an die Adresse der internationalen Entscheidungsträger sein. „Es ist absolut notwendig, dass Investitionen getätigt werden, um eine Milliarde Menschen zu unterstützen, deren Existenz von bäuerlichen Kleinbetrieben abhängt. Die Investitionen werden bessere Ernten ermöglichen und einiges dazu beitragen, dass in den Armutsregionen der Wohlstand zunimmt“, so Barbara Crowther, Pressesprecherin der britischen Fair Trade Foundation. Ihre Befürchtung: „Das Versprechen, dass die Preise für Agrarprodukte steigen, wird eine neue Welle von Landnahmen durch Staatsfonds und andere mächtige Investoren auslösen.“

Die Autoren des Berichts erklären, dass die Agrarproduktion und die Effizienz verstärkt werden müssen, und sie plädieren für ein gut funktionierendes Handelssystem, um faire Bedingungen zu garantieren und sicher zu stellen, dass Überschüsse dorthin gelangen, wo sie benötigt werden. Sie gehen außerdem davon aus, dass die Entwicklungsländer sowohl hinsichtlich verstärkter Nachfrage als auch der Produktion eine immer größere Rolle spielen werden. Brasilien ist mit Abstand der am schnellsten wachsende Agrarproduzent. Es wird erwartet, dass die Produktivität des Landes innerhalb der nächsten zehn Jahre um 40 Prozent steigt. Für China, Indien, Russland und die Ukraine wird ein Produktivitätszuwachs von 20 Prozent erwartet.

Verhängnisvolle Prophezeiung

„Die Rolle der Schwellenländer für die internationalen Märkte nimmt rapide zu. Während ihre Bedeutung wächst, nimmt auch ihr strategischer Einfluss auf die Verfassung der globalen Märkte zu“, erklärte FAO-Generaldirektor Jacques Diouf. „Dadurch werden ihre Rolle und ihr Beitrag für strategische politische Fragen entscheidend. Der Raum, in dem politische Strategien diskutiert werden, muss global angelegt sein, und wir müssen die Rahmenbedingungen für diesen Meinungsaustausch verbessern.“

Ein anderer Faktor, der die Lebensmittelpreise nach oben treibt, ist die umstrittene Biokraftstoff-Industrie. Der Bericht prophezeit, dass die kontinuierliche Ausdehnung des Biokraftstoff-Outputs – oft um die Planziele der Regierung zu erfüllen – eine zusätzliche Nachfrage nach Weizen, Grobkorn, Pflanzenöl und Zucker zur Folge haben wird.

Übersetzung: Christine Käppeler
10:44 19.06.2010
Geschrieben von

Katie Allen | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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