Eine Steueroase im All

Kapitalismus Luxemburg verlegt sein Wirtschaftsmodell gerade auf den Abbau von Rohstoffen im Weltraum
Eine Steueroase im All
Wenn Zwergstaaten nach den Sternen greifen

Susann Massute für der Freitag  

An einem regnerischen Nachmittag im April betreten Prinz Guillaume, der Erbgroßherzog von Luxemburg, und seine Gattin, Prinzessin Stéphanie, die Firmenzentrale von Planetary Resources – einem Start-up, das sich dem Abbau von Rohstoffen auf Asteroiden verschrieben hat. Das Bürogebäude liegt in den Außenbezirken von Seattle, und die dort arbeitenden Ingenieure bereiten dem Prinzenpaar einen königlichen Empfang – mit feinen Appetithäppchen, Craft Beer und viel Riesling aus dem Columbia Valley. In einer Ecke der Lounge steht ein Videospiel-Automat, mit dessen Steuerknüppeln man herabfallenden Asteroiden auf dem Bildschirm ausweicht; an der Wand hängt zwischen der rot-weiß-blauen Trikolore des Großherzogtums und der Flagge der USA der Prototyp des Raumschiffs, das speziell dafür entwickelt wurde, die Galaxie zu durchstreifen und Asteroiden nach kostbaren Ressourcen abzusuchen. Das Raumschiff könnte die Shareholder des Start-ups zu sehr reichen Erdlingen machen.

Luxemburg ist einer der größten Sponsoren des Unternehmens. Die zugesagten 25 Millionen Euro – direkte Finanzierung wie staatliche Unterstützung für Forschung und Entwicklung inklusive – sind Teil eines äußerst ambitionierten Plans, der das Land zu einem Zentrum für den Abbau von Mineralien, Metallen und anderen Bodenschätzen auf Himmelskörpern machen soll. Luxemburg ist im Laufe der vergangenen 100 Jahre reich geworden, indem es die Räder der globalen Finanzwelt geschmiert hat; nun, wo Unternehmen wie Planetary Resources sich auf eine kosmische Landnahme vorbereiten, will Luxemburg seine überschaubare terrestrische Fläche nutzen, um dem Kapitalismus ins All zu verhelfen.

Die Erkundung des Weltraums war lange Zeit eine Angelegenheit für groß angelegte, nationale Operationen, die zu kostspielig, gefährlich und komplex waren, als dass Zivilisten ohne staatliche Unterstützung sie hätten in Angriff nehmen können. Doch nun drängen immer mehr Privatfirmen in den Bereich und stellen Fragen, die bis vor kurzem wie reine Gedankenexperimente klangen: Wer kann einen Asteroiden und dessen Bodenschätze für sich beanspruchen? Soll das Universum der „gesamten Menschheit“ zugutekommen, wie es internationale Verträge aus den 1960ern vorsehen? Oder ist dieser Idealismus überholt?

Goldman Sachs wittert Platin

Luxemburg bringt sich in Stellung, um Antworten auf diese heiklen ethischen und juristischen Fragen zu finden. Während Staaten wie China und Indien immer größere Summen in die Entwicklung von Raumfahrtprogrammen investieren, um der NASA Konkurrenz zu machen, setzt Luxemburg auf eine andere Karte: Es würde gerne Standort für eine multinationale Kaste von Unternehmern werden, die es nicht allein ins All drängt, um die Wissenschaft voranzubringen oder den geopolitischen Einfluss ihres Landes zu vergrößern. Sondern um „da oben“ Geld zu verdienen.

Weltraum-Unternehmer sprechen von einem neuen „Goldrausch“ und sehen in den riesigen Mengen an Wasser, Metallen und Mineralien im All eine Lösung dafür, dass der Vorrat an natürlichen Ressourcen auf der Erde bald aufgebraucht sein wird. Im April informierte Goldman Sachs seine Kunden, dass die Ausbeutung von Asteroiden möglicherweise „realistischer als gedacht“ sei – dank sinkender Kosten für Raketenstarts und großer Mengen an Platin, die sich auf Gesteinen im All befänden und nur darauf warteten, abgebaut zu werden.

„Das Ganze ist keine neue Idee“, sagt der Chefingenieur von Planetary Resources, Chris Voorhees. „Neu ist die staatliche Unterstützung dafür.“ Dass Rohstoffe im All abgebaut werden würden, sei schon lange klar, die Frage war nur, wann es endlich damit losgehen würde. Jetzt, sagt Voorhees, mache Luxemburg es möglich.

Das Großherzogtum hat 200 Millionen Euro für die Finanzierung von New-Space-Unternehmen vorgesehen, die mit dem Land kooperieren wollen; bis heute haben sechs das Angebot angenommen. Luxemburg hat offizielle Vertreter nach Japan, China und in die Vereinigten Arabischen Emirate entsandt, um über Partnerschaften zur Erkundung des Weltraums zu sprechen und Veteranen der Raumfahrtindustrie wie den ehemaligen Chef der Europäischen Raumfahrtagentur als Berater angeheuert. Im Juli verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das für Rechtssicherheit sorgen soll. Es ist das erste dieser Art in Europa und das global weitreichendste.

Das Gesetz besagt: Findet das Raumschiff eines luxemburgischen Unternehmens auf einem Himmelskörper Wasser, Silber, Gold oder andere wertvolle Substanz, erkennt das Land die abgebauten Materialien als legitimes Eigentum des Unternehmens an.

Der Besuch königlicher Hoheiten in der Firmenzentrale von Planetary Resources kurz vor der Verabschiedung des Gesetzes soll den Führungskräften des Silicon Valley, der amüsierten luxemburgischen Presse sowie Weltraumforschern auf der ganzen Welt klarmachen, dass die Rohstoffgewinnung auf Asteroiden keine Science-Fiction mehr ist. Zu diesem Zweck begleiten etwa 40 Untertanen das Paar, die alle eine Rolle in dieser neuen Industrie spielen.

Susann Massute für der Freitag  

Luxemburgs Vize-Premierminister, Etienne Schneider, führt die Delegation an. Mit seiner lockeren Art, ausgezeichnetem Englisch und einer Vorliebe für teure Autos ist er ein Typ vom Format des französischen Präsidenten Emmanuel Macron: ein Produkt der sozialdemokratischen europäischen Parteien, ein Sozialliberaler durch und durch – Schneider ist mit einem Mann verheiratet –, aber einer, der bereitwillig den Handlanger für globale kapitalistische Interessen spielen wird, sollte sich dazu die Gelegenheit bieten. Mit ihm ist eine Delegation aus Wissenschaftlerinnen, Handelsattachés, Bankern, Juristen und Journalistinnen nach Seattle gekommen, die zwischen Deutsch, Englisch, Französisch und Luxemburgisch hin- und herwechseln.

Das Team von Planetary Resources führt seine Unterstützer durch die Labore, in denen die Hardware gebaut wird. Man ist noch nicht so weit, wirklich Bodenschätze auf Asteroiden abzubauen, aber um von Luxemburgs Vorleistungen profitieren zu können, wurde in diesem Jahr ein Büro im Großherzogtum eröffnet. Aus der Nähe betrachtet sieht das einsatzbereite Raumschiff Arkyd 6 aus, wie Satelliten in Filmen aussehen, nur kleiner. Es verfügt über viele Klappen und Anhängsel, einen Infrarot-Sensor, eine Sternen-Navigationskamera, mit der sich die Sonde im All orientieren kann, und ein GPS-Gerät, das nur in der Umlaufbahn der Erde funktioniert.

Schmuck für die Prinzessin

Als der Rundgang beendet ist, gibt es Cocktails. Schneider, der einen Weinberg besitzt, huscht enthusiastisch von einem Gesprächspartner zum nächsten. Der Vorstandschef von Planetary Resources spricht von Luxemburgs Beitrag zu einer „reichen Zukunft für die gesamte Menschheit“, alle stoßen an. Prinzessin Stéphanie erhält als Abschiedsgeschenk eine Halskette, anstelle von Diamanten mit winzigen Fragmenten von Asteroiden besetzt.

Was genau hat eine eher randständige europäische Monarchie im Sinn, wenn ihre Vertreter US-Unternehmern erzählen, ihr winziges Land könne die Menschheit und den Kapitalismus ins Weltall befördern? Luxemburg verfügt über keine nationale Raumfahrtagentur, keine Abschussrampen und kaum Forschungskapazitäten. Es hat seine erste und einzige Universität 2003 eröffnet, seine Armee besteht aus 1.008 Soldaten. Das Großherzogtum passt nicht ins Bild einer Raumfahrernation, tatsächlich gibt es Leute, die in Frage stellen, dass es ein eigenständiger Staat sein sollte.

Luxemburgs Position als kleiner Flecken im Herzen Europas erlaubt und erfordert geradezu, dass es sich an solch ambitionierten Unternehmungen beteiligt. Das Motto des Landes lautet: „Wir wollen bleiben, was wir sind“, und im Laufe der Jahrhunderte hat dieser unabhängige Geist die Besatzung durch die Herzöge von Burgund, die Könige von Spanien und Frankreich, die Kaiser Österreichs und den König der Niederlande überdauert. Heute gilt der Staat, der erst 1867 seine Unabhängigkeit erlangte, vielen in der Welt als Kuriosum: ein kleines Land mit großem ökonomischem Einfluss und dem größten Pro-Kopf-Reichtum der Welt, von dem jeder schon gehört hat, das aber niemand so genau auf der Karte verorten kann.

In der Finanzwelt aber komme man an Luxemburg kaum vorbei, sagt der Ökonom Gabriel Zucman von der Universität Berkeley in den USA. „Es verfügt über Privatbanken wie die Schweiz, eine große Investmentfondsbranche wie Irland, wird für Steuervermeidung von Unternehmen benutzt wie die Bermudas oder die Niederlande und beherbergt einen von zwei internationalen Zentralverwahrern von Wertpapieren. Luxemburg ist die Steueroase aller Steueroasen und auf allen Ebenen der Finanzindustrie gegenwärtig.“ Tony Norfield, ein früher Banker in der City of London, der heute über die internationale Finanzwirtschaft schreibt, bezeichnet Luxemburg als den „Inbegriff des Parasitismus“.

Die Geschichte, wie ein relativ einflussarmes Land Weltkriege, Wirtschaftskrisen und dramatische technologische Fortschritte überstanden hat, um ein Zentrum der Banken- und Finanzwelt zu werden, zeigt, wie weit ein kleines Land kommen kann, wenn es sich der Vorwegnahme und der Befriedigung der Bedürfnisse des internationalen Kapitals verschreibt.

Es gibt für ein Land wie Luxemburg nicht viele Optionen, außer der, die wertvollste Ressource auszubeuten, die es hat: seine nationale Souveränität. Und Luxemburg hat dies mehr und besser getan als irgendein anderes Land auf der Welt, indem es Gesetze und Regulierungen schuf, die Banken, Telekommunikationsunternehmen und Beratungsfirmen anlockten, noch bevor eine dieser Branchen die Weltwirtschaft zu dominieren begann. Genau das Gleiche versucht das Land nun in Hinblick auf die, die Asteroiden im All ausbeuten wollen – eben bevor irgendjemand anders sie wirklich ernst nimmt.

Die ersten wichtigen Schritte in Richtung Liberalisierung unternahm Luxemburg Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre. Als das Radio populär wurde, schuf das Großherzogtum keinen öffentlich finanzierten Rundfunk wie seine Nachbarn, sondern verkaufte seine Frequenzen an einen Privatsender. Dieses Unternehmen, das heute unter dem Namen RTL bekannt ist, wurde der erste werbegestützte europäische Radiosender, der europaweit Musik-, Kultur- und Unterhaltungsprogramme in mehreren Sprachen ausstrahlte. „Indem der Staat Rechte an einem öffentlichen Gut an ein privates Unternehmen verkaufte, kommerzialisierte er zum ersten Mal seine Souveränität“, heißt es dazu in einem Buch über Luxemburgs Wirtschaftsgeschichte aus dem Jahr 2000, Titel: Les fruits de la souveraineté nationale (Die Früchte der nationalen Souveränität).

Dann, nur drei Monate vor dem Börsencrash 1929, verabschiedete Luxemburgs Parlament ein Gesetz, das Holdinggesellschaften – Muttergesellschaften, die nur existieren, um Teile von anderen Unternehmen zu besitzen oder zu kontrollieren – von der Körperschaftssteuer befreite. In den fünf Jahren nach der Verabschiedung wurden 700 Holdinggesellschaften gegründet, 1960 waren es bereits 1.200. Um die Jahrhundertwende waren 15.000 dieser sogenannten Briefkastenfirmen im Land gemeldet – eine auf 18 Einwohner.

Susann Massute für der Freitag  

Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Stahl die wichtigste Industrie des Landes gewesen, 1980 stand die Branche vor dem Zusammenbruch. Noch bevor die ersten Eisenerz-Minen schlossen, war das Großherzogtum für seine diskrete, aber wirkungsvolle Regulierungsfreiheit bekannt. Ein eigenständiges Wirtschaftsmodell nahm Gestalt an: Im Laufe der folgenden Jahrzehnte sollte Luxemburg sich mit der Verabschiedung von Gesetzen einen Namen machen, „die dafür gemacht waren, das weltweite Fluchtkapital anzuziehen“, wie das gegen Steuervermeidung aktive Tax Justice Network schreibt.

Georges Schmit, der sein ganzes Leben im luxemburgischen Staatsdienst gearbeitet und eine wichtige Rolle bei der Umgestaltung der luxemburgischen Wirtschaft gespielt hat, seitdem er 1981 in das Wirtschaftsministerium eintrat, meint: Ein entscheidender Faktor für Luxemburgs frühen Erfolg war dem Umstand geschuldet, dass es über keine eigene Zentralbank verfügte. Das Land befand sich seit 1921 in einer Währungsunion mit Belgien und machte Finanzunternehmen keine strengen Auflagen: Banken konnten Geld, das sie ansonsten als Sicherheit hätten hinterlegen müssen, verleihen oder ausgeben. In Schmits Worten bestand Luxemburgs größte Anziehungskraft „nicht in dem, was wir taten, sondern in dem, was wir unterließen“.

Im Laufe der Jahre gelang es der Regierung, immer mehr ausländische Finanzinstitutionen anzulocken, von komplexen Verbriefungsvehikeln bis hin zu islamischen Banken. Auf Konsumentenebene zogen die niedrigen Steuern des Landes den steueraversen europäischen Mittelstand an. „Belgische Zahnärzte“ und „deutsche Metzger“ – so die in der internationalen Finanzpresse vorherrschenden Klischees – unternahmen immer öfter Ausflüge in das Großherzogtum, um ihr Geld dort vor dem heimischen Fiskus zu verstecken. Der luxemburgische Staat senkte die Benzinpreise, um Tagestouristen anzulocken und führte 1981 ein verbindliches Bankgeheimnis ein, vergleichbar mit dem der Schweiz.

Auf ins Silicon Valley

Im 21. Jahrhundert wurden die Zahnärzte durch katarische Prinzen, chinesische Emporkömmlinge und andere Superreiche verdrängt. „Wenn ein Land klein ist, ist der Rest der Welt groß“, sagt Schmit. „Nachdem wir unabhängig geworden waren, mussten wir größere Wirtschaftsräume finden, egal ob regionale oder kontinentale.“ Indem es während Jahrzehnten rapider Deregulierung und Globalisierung als Zentrum für Investoren, Unternehmen und Märkte diente, machte Luxemburg sich zu einem unverzichtbaren Zahnrad im Getriebe der internationalen Finanzwelt.

2009 brach Schmit nach Kalifornien auf, um für sein Land neue Wege zu finden, über die sich Kapital anzulocken lässt. Smit wurde Generalkonsul und Handelsemissär im Silicon Valley.

Seit er vor fast drei Jahrzehnten in das Wirtschaftsministerium eingetreten war, schien sein Land allen Widerständen getrotzt und Schwächen in Stärken verwandelt zu haben. Seine geringe Größe hinderte es nicht daran, zum weltweit größten Zentrum für Investmentfonds nach den USA zu werden. Die geringe Bevölkerungszahl hatte multinationale Institutionen wie den Europäischen Gerichtshof nicht davon abgehalten, ihre Hauptquartiere hier aufzuschlagen. Indem es seinen Zugang zum Rest Europas, gut ausgebildete Arbeitskräfte, das Bankgeheimnis – das es 2014 auf Druck anderer EU-Länder und der OECD abschaffte – und vielfältige regulatorische Vorteile vermarktete, kreierte das Land einen übergroßen Finanzsektor.

Es scheint, als habe Luxemburg nie eine Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen. Nachdem es 50 Jahre zuvor als Erstes das kommerzielle Radio unterstützt hatte, war das Land auch das erste, das sein Satellitenfernsehen privatisierte. 1985 gewährte das Großherzogtum dem Unternehmen Société Européenne des Satellites (SES) das Recht, sein Programm von einem Satelliten im All direkt in die Wohnzimmer seiner Zuschauerinnen und Zuschauer zu übertragen. „Die große Innovation bestand darin, dass es sich hier um eine Privatisierung des Weltraums handelte“, sagt Schmit, der 17 Jahre lang im SES-Vorstand gesessen hat. „Alle anderen Betreiber befanden sich über internationale Vereinbarungen in staatlichem Besitz. Hier handelte es sich um das erste kommerzielle Unternehmen, das aus dem All sendete.“ Als SES profitabel wurde, zahlte Luxemburgs Einsatz sich aus: Das kleine Land wurde zum Standort für Telekommunikationskonzerne, als früher Investor bekam es ein Stück vom Kuchen ab.

Anfang der 2000er Jahre begann Luxemburg, Konzerne wie Amazon und Apple zu locken. Der Staat warb gerne mit günstigen Tarifen wie der niedrigsten Mehrwertsteuer in Europa – die Sonderabsprachen mit den Konzernen hängte die Regierung hingegen lieber nicht an die große Glocke.

Ende 2014 wurden Details dieser „steuerrechtlichen Regelungen“ – die ähnlich auch von Belgien, Irland und den Niederlanden angewendet wurden – vom International Consortium of Investigative Journalists aufgedeckt. Die „Lux Leaks“ legten offen, dass das Finanzamt des Landes von 2002 bis 2010 einer Reihe vertraulicher Deals zugestimmt hatte, die es der Deutschen Bank, Ikea, AIG und mehr als 300 weiteren großen Firmen ermöglichten, Milliarden zu sparen, die sie ansonsten wohl in anderen Ländern hätten abführen müssen. Die Regelungen waren nicht notwendigerweise illegal und auch kein exklusiv luxemburgisches Phänomen, sorgten aber für Proteste und das Versprechen seitens der EU, strengere Regulierungen zu treffen. Untersuchungen auf beiden Seiten des Atlantiks folgten, Gerichtsverfahren förderten Informationen über weitere Konzerne zutage.

Kolonie der Finanzindustrie

Etwa zu dieser Zeit begann Gabriel Zucman, der an der École d’Économie de Paris promoviert und mit Thomas Piketty studiert hatte, sich Luxemburgs Rolle im internationalen Steuervermeidungsgeschäft anzusehen. Sein Fokus galt nicht den multinationalen Unternehmen, sondern Luxemburgs blühender Fondsbranche, die es durch Nischenbestimmungen, Verordnungen und Schlupflöcher auch Investoren ermöglichte, bestimmte Steuern zu vermeiden. Luxemburg war zwar ein gut bekanntes Finanzzentrum, doch die Zahlen, die Zucman während der Recherchen für sein Buch Steueroasen. Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird ausgrub, machten ihn stutzig: Die nationalen Zahlen zeigten, dass 2015 Aktien im Wert von 3,5 Billionen Dollar in luxemburgischen Investmentfonds angelegt worden waren, während die Zahlen der anderen Länder sich zu lediglich zwei dieser dreieinhalb Billionen aufaddierten. Daraus zog er den Schluss, dass die übrigen 1,5 Billionen – die sich, wie er bemerkt, wahrscheinlich aus aufgelaufenen Zinsen akkumuliert hatten – keinen identifizierbaren Eigentümer hatten. Das bedeutete, dass die Länder, denen die Steuern auf diese Summen vorenthalten worden waren, nichts von deren Existenz wussten.

Weltweit kam Zucman bei seinen Berechnungen auf ein Finanzvermögen von fast acht Billionen US-Dollar, die Ländern und Steuerzahlern so gestohlen wurden. In seinem Buch beschreibt er Luxemburg als eine „wirtschaftliche Kolonie der internationalen Finanzindustrie“ und stellt das Recht des Landes auf dessen größtes Gut infrage: die Souveränität.

Susann Massute für der Freitag  

„Stellen Sie sich eine Plattform mitten auf dem Meer vor, deren Bewohner sich tagsüber treffen, um zu produzieren und zu handeln, unbehelligt von jedem Gesetz und jeder Steuer, bevor sie abends wieder zu ihren Familien auf dem Festland teleportiert werden“, schreibt er und bezieht sich auf die demografische Situation des Landes: 47 Prozent der 500.000 luxemburgischen Staatsbürger sind Ausländer, 44 Prozent der Arbeitskräfte pendeln jeden Tag über die Grenze zur Arbeit. „Niemand würde im Traum daran denken, einen solchen Ort, wo 100 Prozent der Produktion ins Ausland fließen, eine Nation zu nennen.“

„Der Handel mit Souveränität kennt keine Grenzen“, fährt Zucman fort. „Alles wird gekauft, alles ist verhandelbar. Luxemburg ist nicht das einzige Land, das seine Souveränität verkauft hat, bei weitem nicht. Aber es ist eines derer, die dabei am weitesten gegangen sind.“

Der kritische Blick auf Luxemburgs Steuerpraktiken datierte auf einen ungünstigen Augenblick. Ende 2013 wählte das Land einen neuen Premierminister, Xavier Bettel, dessen Koalitionsregierung aus Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen sich von der Wirtschaftspolitik des früheren Premierministers Jean-Claude Juncker distanzieren und nach den Regeln der EU spielen wollte. „Ehrlich, ich habe die Nase voll davon, als Verteidiger einer Steueroase und eines Sündenpfuhls beschuldigt zu werden“, sagte Bettel in einer Rede vor der Vereinigung der luxemburgischen Banker, kurz nach seinem Amtsantritt. „Wir müssen an unserem Image arbeiten. Wir haben in den letzten Jahren viel verändert, jetzt müssen wir dafür sorgen, dass das auch alle mitbekommen.“

Etienne Schneider war schon unter Juncker Wirtschaftsminister geworden, er blieb dies unter Bettel und wusste, dass es in der internationalen Öffentlichkeit statt Lob für den Bruch mit der Vergangenheit immerzu Erinnerungen an die Fehltritte des Landes gab. Die neue Regierung musste Luxemburgs Wirtschaftsmodell mit den neuen politischen Realitäten in Einklang bringen.

Im Sommer zuvor hatte sich dazu eine Gelegenheit ergeben, als Georges Schmit das Ames Research Center der NASA in Palo Alto besuchte und mit einem ehemaligen Direktor des Zentrums, Pete Worden, ins Gespräch kam. Bei einem Kaffee erzählte Worden Schmit vom Aufkommen des New-Space-Sektors.

Schmit machte Worden mit Wirtschaftsminister Schneider bekannt. Dem erschien die Idee, Rohstoffe auf Asteroiden abzubauen, zunächst verrückt. Doch je länger er zuhörte, desto mehr Sinn ergab sie. Worden überzeugte Schneider davon, dass die Frage nicht die sei, ob das Ganze geschehen werde, sondern wann und dass die Pioniere diejenigen sein würden, die später den größten Teil vom Kuchen abbekämen.

Schneider knüpfte seine Hoffnungen – und seine politische Zukunft – an die Sternen. Hier bestand eine Gelegenheit, das Gespräch weg von Steuern und auf das All zu lenken, eine Industrie für Luxemburgs Zukunft zu etablieren und sogar einen Beitrag für Wissenschaft und Forschung zu leisten. Wer redet in schwierigen Zeiten wie diesen nicht gern über die Erforschung des großen Unbekannten?

New-Space-Unternehmen dürsteten nach Investitionen und Aufmerksamkeit, in den USA fühlten sie sich unsichtbar. In Luxemburg hingegen waren ganz schnell Termine mit hochrangigen Politikern möglich, alle sprachen hervorragend Englisch, die bürokratischen Hürden waren minimal und die Steuern niedrig. Ein führender New-Space-Mitarbeiter brachte es im Gespräch auf den Punkt: „Wir wollen einfach mit einer Regierung zusammenarbeiten, die uns nicht in die Quere kommt.“

Der einzige Haken bestand in der Unklarheit des Weltraumgesetzes: Die Firmen wollten Sicherheiten, dass die Früchte ihrer extraterrestrischen Arbeit hier unten auf der Erde anerkannt werden würden. Das ist nicht selbstverständlich. Anders als auf der Erde, wo ein Land einem Unternehmen eine Konzession für den Abbau erteilen oder eine Privatperson das Recht, ihr Land auszubeuten, verkaufen kann, verfügt niemand über einen Rechtsanspruch auf das, was sich außerhalb der Erdatmosphäre befindet. Der Weltraumvertrag, den 1967 bei der UNO 107 Länder unterzeichnet hatten, untersagt es einzelnen Ländern ausdrücklich, die Souveränität über Himmelskörper zu beanspruchen. Die Frage lautet nun: Wenn niemand das große Unbekannte besitzt oder regiert, wer bestimmt dann, wer einen kleinen Teil davon besitzen darf?

Seit dem Aufkommen des New-Space-Sektors haben einzelne Länder versucht, ungeduldigen Unternehmern ein wenig Klarheit zu verschaffen. Sie dachten sich, die Aussicht auf Privatbesitz im All werde zu harter Arbeit und Innovationen ermutigen. Das 2015 verabschiedete US-Weltraumgesetz ist das erste sogenannte „Finders-Keepers“-Gesetz: Es erkennt den Besitz von Ressourcen im All an, dies aber nur im Fall von Unternehmen, die sich im Besitz von US-Bürgern befinden.

Im Oktober 2015 gab Luxemburg eine Studie darüber in Auftrag, ob es diese rechtliche Lücke schließen könnte – 2016 lag sie vor und stellte fest, dass „während rechtliche Ungewissheit bleibt, Aktivitäten im All im gegenwärtigen rechtlichen und regulatorischen Rahmen (zumindest) nicht verboten“ seien und schloss, dass Luxemburg ein Gesetz verabschieden solle, das Firmen das Recht gibt, die außerirdische Beute, die sie abbauen, zu behalten.

Am 1. August 2017 trat Luxemburgs Gesetz in Kraft. Es unterscheidet nicht nach Nationalität oder danach, wo ein Unternehmen seinen Sitz hat, und es bringt die Bereitschaft des Landes zum Ausdruck, Raumschiffen seine Flagge zu leihen. Das, so sagt der Vertreter eines weiteren Unternehmens, in das Luxemburg investiert hat, sei sinnvoll. Denn das Gesetz kenne keine Bürger und keine Grenzen: nur einen großen blauen Planeten von ganz weit oben.

Atossa Araxia Abrahamian wuchs in Genf auf und wurde an der Columbia University in New York zur Investigativjournalistin ausgebildet. Sie hat bisher unter anderem für den Guardian , die New York Times und Al Jazeera gearbeitet

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 01.01.2018
Geschrieben von

Atossa Araxia Abrahamian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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