Eine Stimme für das Prekariat?

Unsicherheit Gegen die gleichgültige Rede von der „ausgequetschten Mitte“: Die fortschrittlichen Kräfte müssen die neue Klasse ansprechen, bevor die extreme Rechte es tut

Zum ersten Mal verfügen die großen linken Parteien in Großbritannien und Europa über keine fortschrittliche Agenda. Sie haben die grundlegende Regel vergessen, dass jede fortschrittliche Bewegung sich aus der Wut, den Bedürfnissen und den Hoffnungen der in Entstehung begriffenen Klasse speist, die dazu tendiert, die Mehrheit der Bevölkerung zu repräsentieren. Heute ist dies das Prekariat.

Die überall auf der Welt stattfindenden Proteste sind ein Ausdruck dieser sich formierenden Klasse. Das jüngste Beispiel hierfür ist Spanien, wo die indignados die etablierten Parteien ablehnen und ein anscheinend zusammenhangsloses Bündel an Veränderungen fordern. Am ersten Mai fanden zum wiederholten Mal in vielen Großstädten dieser Welt EuroMayday-Demonstrationen statt, die auf die Prekarisierung unserer Arbeits- und Lebensverhältnisse aufmerksam machen wollen. In Mailand beteiligten sich 30.000 Menschen.

Auch die Aufstände im Nahen Osten sind Aufstände von Prekarisierten: gut ausgebildete junge Leute bringen ihren Frust zum Ausdruck und verlangen nach einer Zukunft mit mehr Sicherheit und beruflichen Perspektiven. Griechenland hat seine plirono genannten Ich-zahle-nicht-Aktionen und fortdauernde Massenproteste. Heute kommt die Inspiration aus Spanien. Morgen könnte es London oder Berlin sein.

Das internationale Prekariat ist noch keine Klasse im Marxschen Sinne. Sie ist in sich gespalten und nur durch ihre Ängste und Unsicherheit vereint. Aber es ist eine Klasse im Entstehen, die dabei ist, ein Bewusstsein ihrer kollektiven und sie vereinenden Schutzlosigkeit und Unsicherheit davon zu entwickeln. Sie besteht nicht nur aus all denen, die in unsicheren Arbeitsverhältnissen leben, auch wenn viele darunter Zeitarbeiter sind, Teilzeitjobs nachgehen oder in Call Centern oder anderen ausgelagerten Jobs arbeiten. Es umfasst auch all jene, die spüren, dass ihr Leben und ihre Identität sich aus unzusammenhängenden Einzelteilen zusammensetzen, was es ihnen unmöglich macht, ein erstrebenswertes Narrativ zu konstruieren, in einem Beruf voranzukommen und sich weiterzuqualifizieren, verschiedene Formen von Tätigkeiten, Lohnarbeit, Spiel und Muße für sich sinnvoll miteinander zu verbinden.

Verstand ohne Anker

Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes macht es dem Prekariat unmöglich, ein soziales Gedächtnis auszubilden – was bedeuten würde, dass man stolz darauf sein könnte, einer bestimmten Gemeinschaft anzugehören, deren Werte man teilt und der gegenüber man sich solidarisch fühlt. Alles ist flüchtig. Ihre gemeinsame Arbeit hat keine Zukunft. Der Verstand des Prekarisierten hat keine Anker mehr. Er wandert von einem Gegenstand zum nächsten und leidet unter extremer Aufmerksamkeitsstörung. Aber er ist auch nomadisch in seinem Verhältnis zu andern Menschen.

Auch wenn das Prekariat nicht einfach nur aus Opfern besteht und viele die Arbeitsethik ihrer Eltern in Frage stellen oder traditionelle Arbeitsbiographien für sich gar nicht als erstrebenswert erachten, so wurde sein Anwachsen doch durch den Neoliberalismus der Globalisierung beschleunigt, der sein Heil in der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und der umfassenden In-Wert-Setzung und der Umstrukturierung der sozialen Sicherungssysteme sucht.

In Großbritannien hat niemand mehr zur Ausweitung des Prekariats beigetragen als New Labour. Der neuen Führung der britischen Sozialdemokratie haftet zwar der Makel an, nicht völlig mit dem Prinzip New Labour gebrochen zu haben, dennoch muss sie, eine neue Strategie entwickeln, wie sie das Prekariat ansprechen kann. Die Zeit ist knapp. In der gesamten industrialisierten Welt sehen wir einen Anstieg der extremen Rechten. Angeführt wurde sie von Silvio Berlusconi, der nach seiner Wiederwahl erklärte, sein Ziel bestehe darin, „die Armee des Bösen“ zu besiegen, womit er die Migranten innerhalb des italienischen Prekariats meinte.

Dadurch zeigte er an, dass es sich bei diesem um die neue gefährliche Klasse handelt. Angesichts chronischer Unsicherheit verlieren die Menschen ihren Altruismus, ihre Toleranz und ihren Respekt für abweichende Verhaltensweisen und Lebensentwürfe. Wenn sie keine Alternative haben, können sie dazu gebracht werden, die Fremden in ihrer Mitte für ihre Not und Bedrängnis verantwortlich zu machen.

Eine fortschrittliche Agenda

Eine absurd wohlhabende und einflussreiche internationale Elite verfolgt eine Ideologie des schrumpfenden Staates, sinkender Steuern auf hohe Einkommen und autoritäre Kontrolle der Aufsässigen, Solidargemeinschaften und „Verlierer“ der Markt-Gesellschaft. Die Sozialdemokraten sind ebenso sehr den Reizen der Eliten erlegen wie die Parteien der gemäßigten Rechten. Es waren nicht Tories oder Liberaldemokraten, die für eine Blockade der EU-Direktive gekämpft haben, die Zeitarbeitern gleiche Rechte einräumen sollte. Es war New Labour.

Die einzige Möglichkeit, dem Neofaschismus Einhalt zu gebieten, besteht in einer neuen Politik, die dem Prekariat das bietet, was es aufzubauen bestrebt ist. Eine neue fortschrittliche Agenda – wie auch immer diese aussieht – muss sich auf eine Klasse stützen, wie alle in der Geschichte dies zuvor getan haben. Sie muss nach vorne blicken und darf nicht atavistisch sein. Sie muss in ihrem Kern auf Gleichheit beruhen und auf die im Entstehen begriffene Klasse eingehen.

An gesellschaftlichem Fortschritt interessierte Kräfte sollten sich von der Vorstellung verabschieden, die Mitte der Gesellschaft werde „ausgequetscht“. Denn dies suggeriert, dies geschehe nicht auch mit dem unteren Rand der Gesellschaft. In der Rede von der „ausgequetschten Mitte“ manifestiert sich die Weigerung einer gleichgültig gewordenen Linken, sich in einer Art und Weise gegen die Strukturen zu wenden, die die Ungleichheit erzeugen, die der Tradition Generationen von fortschrittlichen Denkern entsprechen würde. Im Angesicht des immer größer werdenden neofaschistischen Gespenstes müssen die fortschrittlichen Kräfte ein wenig Utopie riskieren.

Wir brauchen eine Wiederbelebung der fortschrittlichen Trinität aus Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Die Politik darf sich nicht mehr länger an der strikten Arbeitsmoral der Industriegesellschaft orientieren und muss stattdessen das Recht auf ökonomische Sicherheit und die verschiedensten Formen von Arbeit und Freizeitaktivitäten anerkennen. Das Prekariat versteht dies, und Politiker auf der Linken sollten ihnen zuhören.



 

Guy Standing ist Professor an der Universtität Bath. Er zählt zu den Gründern des Basic Income Earth Network und ist Autor von The Precariat - The New Dangerous Class.

13:50 07.06.2011
Geschrieben von

Guy Standing | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 4333
The Guardian

Kommentare 21

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community