Guy Standing
07.06.2011 | 13:50 21

Eine Stimme für das Prekariat?

Unsicherheit Gegen die gleichgültige Rede von der „ausgequetschten Mitte“: Die fortschrittlichen Kräfte müssen die neue Klasse ansprechen, bevor die extreme Rechte es tut

Zum ersten Mal verfügen die großen linken Parteien in Großbritannien und Europa über keine fortschrittliche Agenda. Sie haben die grundlegende Regel vergessen, dass jede fortschrittliche Bewegung sich aus der Wut, den Bedürfnissen und den Hoffnungen der in Entstehung begriffenen Klasse speist, die dazu tendiert, die Mehrheit der Bevölkerung zu repräsentieren. Heute ist dies das Prekariat.

Die überall auf der Welt stattfindenden Proteste sind ein Ausdruck dieser sich formierenden Klasse. Das jüngste Beispiel hierfür ist Spanien, wo die indignados die etablierten Parteien ablehnen und ein anscheinend zusammenhangsloses Bündel an Veränderungen fordern. Am ersten Mai fanden zum wiederholten Mal in vielen Großstädten dieser Welt EuroMayday-Demonstrationen statt, die auf die Prekarisierung unserer Arbeits- und Lebensverhältnisse aufmerksam machen wollen. In Mailand beteiligten sich 30.000 Menschen.

Auch die Aufstände im Nahen Osten sind Aufstände von Prekarisierten: gut ausgebildete junge Leute bringen ihren Frust zum Ausdruck und verlangen nach einer Zukunft mit mehr Sicherheit und beruflichen Perspektiven. Griechenland hat seine plirono genannten Ich-zahle-nicht-Aktionen und fortdauernde Massenproteste. Heute kommt die Inspiration aus Spanien. Morgen könnte es London oder Berlin sein.

Das internationale Prekariat ist noch keine Klasse im Marxschen Sinne. Sie ist in sich gespalten und nur durch ihre Ängste und Unsicherheit vereint. Aber es ist eine Klasse im Entstehen, die dabei ist, ein Bewusstsein ihrer kollektiven und sie vereinenden Schutzlosigkeit und Unsicherheit davon zu entwickeln. Sie besteht nicht nur aus all denen, die in unsicheren Arbeitsverhältnissen leben, auch wenn viele darunter Zeitarbeiter sind, Teilzeitjobs nachgehen oder in Call Centern oder anderen ausgelagerten Jobs arbeiten. Es umfasst auch all jene, die spüren, dass ihr Leben und ihre Identität sich aus unzusammenhängenden Einzelteilen zusammensetzen, was es ihnen unmöglich macht, ein erstrebenswertes Narrativ zu konstruieren, in einem Beruf voranzukommen und sich weiterzuqualifizieren, verschiedene Formen von Tätigkeiten, Lohnarbeit, Spiel und Muße für sich sinnvoll miteinander zu verbinden.

Verstand ohne Anker

Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes macht es dem Prekariat unmöglich, ein soziales Gedächtnis auszubilden – was bedeuten würde, dass man stolz darauf sein könnte, einer bestimmten Gemeinschaft anzugehören, deren Werte man teilt und der gegenüber man sich solidarisch fühlt. Alles ist flüchtig. Ihre gemeinsame Arbeit hat keine Zukunft. Der Verstand des Prekarisierten hat keine Anker mehr. Er wandert von einem Gegenstand zum nächsten und leidet unter extremer Aufmerksamkeitsstörung. Aber er ist auch nomadisch in seinem Verhältnis zu andern Menschen.

Auch wenn das Prekariat nicht einfach nur aus Opfern besteht und viele die Arbeitsethik ihrer Eltern in Frage stellen oder traditionelle Arbeitsbiographien für sich gar nicht als erstrebenswert erachten, so wurde sein Anwachsen doch durch den Neoliberalismus der Globalisierung beschleunigt, der sein Heil in der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und der umfassenden In-Wert-Setzung und der Umstrukturierung der sozialen Sicherungssysteme sucht.

In Großbritannien hat niemand mehr zur Ausweitung des Prekariats beigetragen als New Labour. Der neuen Führung der britischen Sozialdemokratie haftet zwar der Makel an, nicht völlig mit dem Prinzip New Labour gebrochen zu haben, dennoch muss sie, eine neue Strategie entwickeln, wie sie das Prekariat ansprechen kann. Die Zeit ist knapp. In der gesamten industrialisierten Welt sehen wir einen Anstieg der extremen Rechten. Angeführt wurde sie von Silvio Berlusconi, der nach seiner Wiederwahl erklärte, sein Ziel bestehe darin, „die Armee des Bösen“ zu besiegen, womit er die Migranten innerhalb des italienischen Prekariats meinte.

Dadurch zeigte er an, dass es sich bei diesem um die neue gefährliche Klasse handelt. Angesichts chronischer Unsicherheit verlieren die Menschen ihren Altruismus, ihre Toleranz und ihren Respekt für abweichende Verhaltensweisen und Lebensentwürfe. Wenn sie keine Alternative haben, können sie dazu gebracht werden, die Fremden in ihrer Mitte für ihre Not und Bedrängnis verantwortlich zu machen.

Eine fortschrittliche Agenda

Eine absurd wohlhabende und einflussreiche internationale Elite verfolgt eine Ideologie des schrumpfenden Staates, sinkender Steuern auf hohe Einkommen und autoritäre Kontrolle der Aufsässigen, Solidargemeinschaften und „Verlierer“ der Markt-Gesellschaft. Die Sozialdemokraten sind ebenso sehr den Reizen der Eliten erlegen wie die Parteien der gemäßigten Rechten. Es waren nicht Tories oder Liberaldemokraten, die für eine Blockade der EU-Direktive gekämpft haben, die Zeitarbeitern gleiche Rechte einräumen sollte. Es war New Labour.

Die einzige Möglichkeit, dem Neofaschismus Einhalt zu gebieten, besteht in einer neuen Politik, die dem Prekariat das bietet, was es aufzubauen bestrebt ist. Eine neue fortschrittliche Agenda – wie auch immer diese aussieht – muss sich auf eine Klasse stützen, wie alle in der Geschichte dies zuvor getan haben. Sie muss nach vorne blicken und darf nicht atavistisch sein. Sie muss in ihrem Kern auf Gleichheit beruhen und auf die im Entstehen begriffene Klasse eingehen.

An gesellschaftlichem Fortschritt interessierte Kräfte sollten sich von der Vorstellung verabschieden, die Mitte der Gesellschaft werde „ausgequetscht“. Denn dies suggeriert, dies geschehe nicht auch mit dem unteren Rand der Gesellschaft. In der Rede von der „ausgequetschten Mitte“ manifestiert sich die Weigerung einer gleichgültig gewordenen Linken, sich in einer Art und Weise gegen die Strukturen zu wenden, die die Ungleichheit erzeugen, die der Tradition Generationen von fortschrittlichen Denkern entsprechen würde. Im Angesicht des immer größer werdenden neofaschistischen Gespenstes müssen die fortschrittlichen Kräfte ein wenig Utopie riskieren.

Wir brauchen eine Wiederbelebung der fortschrittlichen Trinität aus Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Die Politik darf sich nicht mehr länger an der strikten Arbeitsmoral der Industriegesellschaft orientieren und muss stattdessen das Recht auf ökonomische Sicherheit und die verschiedensten Formen von Arbeit und Freizeitaktivitäten anerkennen. Das Prekariat versteht dies, und Politiker auf der Linken sollten ihnen zuhören.



 

Guy Standing ist Professor an der Universtität Bath. Er zählt zu den Gründern des Basic Income Earth Network und ist Autor von The Precariat - The New Dangerous Class.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (21)

Nietzsche 2011 07.06.2011 | 17:30

Man sieht eben die Welt, wie man sie sehen möchte.
Vielleicht liegt es aber auch an der Verschiedenheit der Begriffsverwendung "Prekariat".
Prekariat bezeichnet m.E. Schichten, deren Lebensentwürfe (bes. Berufswelt) prekär sind. Wenn ich dann lese "die Mehrheit der Bevölkerung . . . . Heute ist dies das Prekariat.", dann geht dies wohl doch an der Realität vorbei. Genau so wie das Foto, auf dem die Jugend der bürgerlichen Mitte zu sehen ist. Ob diese schon oder jemals zum Prekariat gehört bzw. gehören wird - Spekulation eines britischen Profs.
Empfehlung: www.faz.net/artikel/C30190/gesellschaftsstudie-prekariat-statt-unterschicht-30041944.html

ebertus 07.06.2011 | 18:35

"Das internationale Prekariat ist noch keine Klasse im Marxschen Sinne. Sie ist in sich gespalten und nur durch ihre Ängste und Unsicherheit vereint. Aber es ist eine Klasse im Entstehen, die dabei ist, ein Bewusstsein ihrer kollektiven und sie vereinenden Schutzlosigkeit und Unsicherheit davon zu entwickeln."
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Wie wahr und die neoliberale Agenda der sog. Flexibilisierung, des Schleifens jedes kollektiven Bewusstseins sorgt für Individuen, denen man einredet, sie hätten "viel" zu verlieren, sorgt für verrohende Mittelschichtler ohne gemeinsamen Wertekanon. Das Bildungsbürgertum hatt noch nicht begriffen, kann oder will es nicht begreifen, dass es irgendwann nicht mehr reichen wird, die (eigenen) Mauern höher zu ziehen, gar "vorwärts" zu verteidigen, in aller Welt.. Die gelingt zunehmend nur noch der im Artikel genannten, absurd wohlhabenden und einflussreichen internationale Elite, schlußendlich via derer Privatarmeen.

Und auch die Linke hat wohl noch nicht wirklich verstanden, dass eine politische Bewegung zukünftig sehr heterogen sein wird, jenseits der herkömmlichen Parteistrukturen. Gerade "New Labour" und die anderen "linken", eher trojanischen Pferde von Mitterand bis Schröder diskreditierten diesen sog. "dritten Weg".

Insofern besteht hohe Gefahr, dass die Rechte - und zwar innerhalb der 90% plus X staatstragenden Parteien - eine zumindest bleierne, äußerst repressive Ära einläuten wird. Das Ende einer Epoche, in der die Arbeitszeit das Maß der Arbeit und des Lebens darstellte, beinhaltet kaum absehbare Konsequenzen im Sinne eines Umbruchs der Zivilisation.

Der Tenor des Artikels wäre also dahingehend zu verstehen, dass dieses sog. Prekariat - und jenseits des schrumpfenden, industriellen Komplex, des erkennbar vergeblichen Rufes nach immer währendem Wachstum - an Quantität und Qualität zunehmen, bald die überwiegende Mehrheit bilden wird.

Baphomed 07.06.2011 | 18:45

Hallo Nietzsche,

mit einem Kleinen unterschied Prekariat ist der Begriff den die neoliberalen den menschen aufzwingen wollen derem Lebensumstandfe Prekär sind nicht deren Lebensentwürfe. Wer nie eine Chance in einer Gesselschaft bekommen hat kann sich keinen erfolgversprechenden lebensentwurf einrichten. Aber gut solange noch alle vom Prekariat oder Besser über es Reden wie sie es für sich gewinnen können Organisiert sich dieses schon selber und hat eigene Helden und Meinungsbilder Die weit enfernt sind von den Etablierten Parteien und auch den Rechten aber wer spricht schon Täglich ernsthaft mit solchen Menschen ohne gleich den oberlehrer Raus zukehren und ihnen zu sagen warum sie Selber schuld an Ihrer Situation sind.

Liebe Grüße
Baphomed

H. Martin 08.06.2011 | 01:53

Du lieber Himmel - warum muss sich die Sprache von Intellektuellen so weit vom real verstehenden Menschen entfernen? Wie soll diese Info an die Angesprochenen kommen?

Und dann ist der Artikel auch noch inhaltlich vom Geist des Anti-Kommunismus geprägt (...ein Gespenst geht (immer noch) um die Welt - das hat der olle Karl geschrieben, da dachte noch keiner an den "real existierenden Sozialismus"): Als ob die Prekären eine eigene Klasse bilden würden. Es geht doch um die Arbeitende Klasse generell, also um die Menschen, die nichts anderes anzubieten haben, als ihre Arbeitskraft. Als ob reguläre Arbeitsverhältnisse nicht ebenfalls prekär und von Unsicherheit und Zukunftsangst geprägt seien...

Solidarität tut not - nicht die Ausdifferenzierung!

Wiesengrund 08.06.2011 | 04:15

Da hat wohl jemand den eigenen Schuss nicht gehört. Fortschritt war gestern und das hier angesprochene “Prekariat“ will vermutlich nur eines, nämlich, dass eben dieser Zwang dazu aufhört. Die Idee des Fortschritts ist eine der Moderne und darin verhakt sich auch die Vorstellung des Textes mit seinen Forderungen nach Oldschool-Repräsentations-Partei, Vereinigtem Klassenwillen und Geschichtsblick-Geradeaus... Das von postmodernen Produktionsverhältnissen geprägte “Prekariat“, wohl besser die Multitude (vgl. Negri/Hardt), lässt sich zu keinem monolithisch Ganzen mehr stilisieren und wirklich linke Politik begänne bei der Verinnerlichung dieses Umstandes sowie einer Auseinandersetzung in der Bewegung. Aber nicht am Rande wedelnd mit dem Lasso der “Fortschrittsagenda“ zum Hereinholen in die Reproduktionsmanege.

Red Bavarian 08.06.2011 | 10:22

"Zum ersten Mal verfügen die großen linken Parteien in Großbritannien und Europa über keine fortschrittliche Agenda."

"Das Prekariat versteht dies, und Politiker auf der Linken sollten ihnen zuhören."

Ich denke, es hapert schon daran, was die verschiedenen Leute unter "links" verstehen. New Labour und Neue SPD sind schon lange nicht mehr links, und auch Bündnis90/Die Grünen sind nur noch "irgendwie links", spätestens seit der rot-grünen Bundesregierung, der "Schröder-Fischer-Connection". Für mich fängt links in der BRD parteimäßig bei Der Linken an.

claudia 08.06.2011 | 10:51

>> Als ob die Prekären eine eigene Klasse bilden würden. Es geht doch um die Arbeitende Klasse generell, also um die Menschen, die nichts anderes anzubieten haben, als ihre Arbeitskraft.
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>>Als ob reguläre Arbeitsverhältnisse nicht ebenfalls prekär und von Unsicherheit und Zukunftsangst geprägt seien...
Das wird ziemlich erfolgreich verschleiert, ja.
An sich ist es nicht so kompliziert, wie es scheint:
Wer vom Verkauf seiner/ihrer Arbeitskraft leben muss gehört der proletarischen Klasse an. (Wenn der Begriff "Proletariat" heute als pfuipfui gilt, könnte man das ja auch alle paar Jahre wieder anders nennen. Man muss nur wissen was gemeint ist.
Wer von "Erträgen" leben kann ohne Arbeitskraft verkaufen zu müssen, gehört der anderen Klasse an. Man kann sagen: "Kapitalisten", "Aufkäufer der Arbeitskraft", "Couponschneider", "Investor" oder "Wrzlprmpf", das ändert nichts am ökonomischen Fakt.

Bedingt dadurch, dass ein Käufer möglichst billig einkaufen will, der AK-Verkäufer aber mit dem Erlös seinen Lebensunterhalt finanzieren muss, besteht ein Interessengegensatz zwischen Verkäufer und Käufer der AK.

In diesem Interessengegensatz haben Käufer der Arbeitskraft zurzeit ein heftiges Übergewicht gewonnen.
Die Diktatur des Käuferinteresses, dem Gewerkschaften kaum noch etwas entgegen zu setzen haben, hat auch zur Definitionsmacht geführt.
Es gäbe nicht mehr einfach die Verkäufer der Arbeitskraft, sondern geheimnisvolle "Schichten".
Wer noch in einem "klassischen" Arbeitsvertrag ein "klassisches" Gehalt verdienen kann, sei heute "Mittelschicht". Diese würde durch die kontinuierlich zunehmende "Unterschicht" derer bedroht, die für ihre Arbeitskraft keine tariflichen Verkaufsbedingungen mehr finden.
Die prekäre Situation derer, die noch in unbefristeten Anstellungsverträgen ihre Semmeln verdienen können, ist real: Druck zu Lohnverzicht durch "Öffnungsklauseln" in Tarifverträgen, gleichzeitig stetig wachsender Stress und Stresskrankheiten durch die Forderung der AK-Käufer, kontinuierlich am Leistungsmaximum zu schuften.
Auch der Angstfaktor "Prekariat" ist real: Viele ahnen, dass die Worthülsen "neuer Lebensentwurf", "spätrömisch-dekadente Ausbeuter", "sozial schwache Schicht" usw. nichts anderes sind als propagandistische Worthülsen. Dass tatsächlich niemand freiwillig in der Armutsarbeit verharren möchte und dass viele heutige "Prekarierer" vor gar nicht langer Zeit dem "Mittelstand" mit konkretem Gehalt angehörten. Dass also jede/r, der die auf den Verkauf der Arbeitskraft angewiesen ist, jederzeit ins "Prekariat" abrutschen kann. Die psychologischen Propagandaworthülsen sind eine Verdrängungshilfe, mit der ein gemeinsamer Aufstand der "heutigen Mittelschicht" und der „Prekarier“ im gemeinsamen Interesse verzögert wird.

Was tun?
Manche sagen, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen in einer Höhe, die den Lebensunterhalt (ohne Luxus) abdeckt, der Zwang zur Armutsarbeit aufgehoben werden kann. Da ist was dran, denn wer erst mal ökonomisch nicht mehr unter eine Armutsgrenze stürzen kann, würde sich auf einem Arbeitsmarkt freier positionieren können. (Etwa so, wie das fast 100 Jahre lang mit gewerkschaftlicher Organisation möglich war)
Somit wäre der Pseudogegensatz zwischen armen Prekariern, die mit Arbeit nicht mehr ihren Lebensunterhalt sichern können, und den noch verdienenden Prekariern, die am wachsenden Leistungsdruck erkranken, aufgehoben.
Der Denkfehler liegt darin, dass die wie sauer Bier gehandelten gehypten BGE-Modelle die Privatverfügung über Produktionsmittel nicht aufheben wollen. Damit bleibt es aber dabei, dass die Privatverfügung über die Produktionsmittel einer kleinen Minderheit grosse Geldmengen in die Hände spielt. Wer über viel Geld verfügt, kauft nicht nur "proletarische" Arbeitskraft, sondern auch die AK von gewählten Regierungen. Das ist sehr profitabel, und es wäre im Sinne einer kapitalistischen Betriebswirtschaft ein kapitaler Fehler, das nicht zu tun. Somit könnte ein von korrumpierten Staatverwaltern eingeführtes BGE die Ausbeutung nicht aufheben, denn sie sind in ihren Entscheidungen einseitig den Interessen der Besitzklasse verpflichtet.
Ausserdem ist auch unter BGE-Bedingungen gekaufte Arbeitskraft Eigentum der Käufer. Sie können die Arbeitskraft immer noch ausschliesslich für ihr privates Renditeinteresse und gegen die Interessen der AK-Verkäufer einsetzen.

Wir werden also nicht dran vorbei kommen, darüber nachzudenken, wie die Organisation unserer Ökonomie demokratisieren lässt.
(Michael Jäger hat dazu übrigens hier schon wertvolle Denkanstösse geliefert)

Und wir müssen uns klar machen, dass Empörung ein Motor ist. Man kann damit hochtourig im Kreis herumfahren oder zielgerichtet navigieren.

ebertus 08.06.2011 | 11:13

Wie bereits weiter oben geschrieben und wo auch @Wiesengrung hier den Ansatz sieht. Die Zeit der monolithischen Blöcke (als Parteien) geht ebenso zuende wie das der Modell der herkömmlichen Arbeitsgesellschaft und sehr unabhängig davon, ob der erzeugte "Arbeitswert" ein Produkt oder eine Dienstleistung beinhaltet.

Es wird, und so habe ich Negri/Hardt verstanden, neue zivilisatorische Formen geben müssen, auch jenseits des herkömmlich gehandelten BGE als "positive" Seite der Ruhigstellung des wachsenden Prekariats. Die Entwicklungen in Nordafrika und Teilen von Europa sind da lediglich ein vielleicht erstes Anzeichen dieser sich entwickelnden Multitude, zur Zeit (noch) der Diffamierung und schlußendlich der Repression beinahe schutzlos ausgeliefert.

Wolfgang Ratzel 08.06.2011 | 12:48

Nichts ist singulärer als prekäre Daseinsweisen (vom KünstlerInnendasein über freiberufliche Bildungsarbeiter bis zur outgesourcten Reinigungsfachkraft und zu 400 Euro-MinijobberInnen, die bei Kaisers die Regale einräumen).
Die Ideologenmenschen werden das aber niemals akzeptieren und beginnen wieder aufs Neue, Ihre alten Weltanschauungssysteme -etwas renoviert- dieser Vielfalt überzustülpen. Denn jeder -ismus braucht schließlich ein -iat. Ich bin mal gespannt, was dem Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, Operaismus folgen wird. Ein Prekarismus? Wetten, dass auch bald eine Partei des Prekariats kommt? Aber das Leben tickt anders. wolfgang.ratzel@t-online.de

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Ehemaliger Nutzer 08.06.2011 | 18:20

Eine Stimme für die in die Armut gezwungenen gibt es ja bereits: Die Partei die Linke. Wo man Guy Standing nur zustimmen kann, ist, dass sich Teile dieser Linken mal auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben der Menschen besinnen müssen. Dazu gehört auch das Aufkommen eines autoritären Staates, der eine neue Spielart des Faschismuses begünstigen wird.

Deutliche und verstehbare Worte gibt es von Oskar Lafontaine, der jetzt etwas mehr Zeit hat, die Dinge zu analysieren und auf den Punkt zu bringen.

www.tagesspiegel.de/politik/sozialisten-sind-die-wahren-liberalen/4250886.html

Ein Schelm 09.06.2011 | 09:44

Ich halte Ihre Definition bzw. die Studie für Unsinn. Was beide beschreiben, ist die klassische Unterschicht, vielleicht leicht modifiziert.
"Prekariat" beschreibt etwas völlig Neues (lassen Sie uns nicht über den Begriff streiten, sondern für diese Diskussion akzeptieren).
Um es kurz zu machen: wir haben hier eine Entkoppelung vieler Menschen von Schicht und Bildung in Bezug auf ihren Lebensentwurf und ihre berufliche Situation.
Europaweit ist die Jugendarbeitslosigkeit (Jugend definiert bis 25) doppelt so hoch wie die allgemeine, in Spanien 40%. Ähnlich wie in den arabischen Staaten finden wir eine große Gruppe mit formal sehr hoher Bildung darunter.
Denken wir an die massiv sinkenden Einstiegslöhne und -gehälter, Praktika etc.
Selbst Jura und BWL als Klassiker garantieren heute (im Gegensatz zur Situation noch vor 20 Jahren) überhaupt noch einen Arbeitsplatz, lediglich MINT Fächer scheinen im Moment einigermaßen vielversprechend, was niemandem etwas nutzt, der dort nicht minimal begabt ist.
Kein Jugendlicher, der die Schule beendet hat, kann inzwischen irgendeine Zukunft "planen", die existentielle Unsicherheit ist völlig neu seit dem Ende des 2. WK.
Nehmen wir (in Deutschland) einen 53jährigen Manager oder Techniker, der arbeitslos wird. Lassen wir ihn erfolgreich gewesen sein und 80k oder 100k jährlich verdient haben. Er bekommt 15 Monate ALG1, gedeckelt irgendwo bei 2.000€, und danach ALG2. Er ist mit hoher Wahrscheinlichkeit zu alt und vor allem zu teuer, um einen neuen Arbeitsplatz zu bekommen.

Es entsteht also eine disparate Schicht, die (noch?) völlig individualisiert ist, auch wenn die Entwicklungen in Spanien, Portugal und Griechenland vielleicht Hoffnung geben können; an eine soziale Bewegung in Deutschland glaube ich im Leben nicht.

Der Kapitalismus (warum scheuen sich heute so viele Leute, bekannte Dinge beim Namen zu nennen?) in seiner heutigen Form als Finanzkapitalismus hat ganze Arbeit geleistet und zerstört seine eigenen Grundlagen - neu ist nur die Ausprägung, nicht das Prinzip, aber wer kennt heute noch Marx? ;-)

Nietzsche 2011 09.06.2011 | 13:58

@Ein Schelm 07.44
Ihr Kommentar liest sich wie eine Propagandaschrift; sorry. Vermutlich sind die Quellen auch nicht statistisch sonderlich unterlegt.
Ich verweise - auch wenn Sie diese offenbar nicht mögen - auf den "Spiegel - Karriere" vom 08.06.2011 mit dem Artikel "Mythen der Arbeit". Dort wird die Prekarisierung nicht in Frage gestellt, aber mal eingeordnet in gesellschaftliche Verhältnisse.
Und was die Zukunftsentwürfe der Jugend betrifft, so empfiehlt sich ein Blick auf die SINUS-Studien der letzten Jahrzehnte. Im Übrigen muss leider festgestellt werden, dass Teile der Jugend noch immer nicht verstehen, dass man ohne schulische Leistungen auch keine CHANCE hat, berufliche Leitern zu erklimmen.