Eine todsichere Geldanlage

Waren-Spekulation An den Börsen wird immer unverfrorener auf Nahrungsmittel spekuliert. Die Folgen: steigende Lebensmittelpreise und Hunger. Geredet wird viel darüber, unternommen wenig

Die besten Debatten sind die, bei denen man schon im Voraus weiß, dass man Recht hat – wahrscheinlich beteiligen sich deshalb so viele am Streit um die Rekordpreise für Lebensmittel. Kaum ein anderes Thema bietet sich wie dieses an, um die eigene Überzeugung zu predigen: Die Fortschrittsgläubigen können auf die Notwendigkeit von Gen-Getreide pochen, die sklavischen Verfechter der Überbevölkerungsthese zum neun-millionsten Mal auf die steigende Zahl der zu stopfenden Mäuler hinweisen und meine linken Genossen können einmal mehr über die böse Agrarindustrie herziehen. Einige dieser Argumente sind gewiss diskussionswürdig, schließlich ist es unwahrscheinlich, dass die rund um den Globus steigenden Brot- und Fleischpreise lediglich eine Ursache haben. Am auffälligsten an dieser Debatte ist jedoch, wie wenige der Beteiligten sich bemüßigt sehen, mehr zu tun, als ihre alten Steckenpferde wieder herauszuholen, während ungefähr eine Milliarde Menschen auf der Welt sich jeden Abend hungrig schlafen legen.

Um zu verstehen, warum die Lebensmittelpreise so kurz nach der Blase von 20008 schon wieder in die Höhe schießen – die für Getreide und Mais sind im Vergleich zum Vorjahreswert bereits wieder um 70 Prozent gestiegen – lohnt es sich, einen genaueren Blick darauf zu werfen, was sich in den vergangenen 20 oder vielmehr in den vergangenen zehn Jahren auf dem Lebensmittelmarkt verändert hat.

Das Heil der Deregulierung

Eine der wichtigsten Antworten auf diese Frage findet man nicht auf den Plantagen von Queensland oder den Vorstädten Kairos, sondern an der New Yorker Wall Street und in Washington. Hier das Wesentliche in Kürze: 1991 haben die Investment-Banker von Goldman Sachs in New York ein neues Instrument auf den Markt gebracht: den Goldman Sachs Commodity Index. Indem sie 18 Grundnahrungsmittel und andere Rohstoffe – angefangen von Kaffee, Kakao und Schweinefleisch, über Getreide, bis hin zu Öl und Kupfer – in einem gemeinsamen Index bündelten, boten die Finanzdienstleister des Unternehmens Investoren die Möglichkeit, auf Dinge zu spekulieren, die bis dahin einen Special-Interest-Markt gebildet hatten. Einer der Verkaufsschlager war die sogenannte China-Wette, die auf der äußerst schlauen Annahme fußte, dass die Chinesen und Inder der neuen Mittelschicht mit steigendem Einkommen immer mehr und immer besser essen würden.

Obwohl auch andere Banken wie beispielsweise Barclays auf den Zug aufsprangen, blieben Nahrungsmittel-Fonds zunächst ein ziemlich kleines Geschäft, bis sich um die Jahrtausendwende herum zwei Dinge ereigneten: Erstens verabschiedete der US-Kongress im Eiltempo ein Gesetz, das es Rentenfonds und anderen erlaubte, in diesen neuen Warenindizes zu investieren. Man sollte meinen, dass diese gigantische Geldmenge zur Spekulation mit für den Menschen lebeswichtigen Dingen eine gewisse Aufmerksamkeit erregt hat, aber weit gefehlt: In der auslaufenden Präsidentschaft Bill Clintons waren die Demokraten genauso hypnotisiert von den Finanzmärkten wie die Republikaner und das Wort „unreguliert“ beunruhigte noch niemanden, sondern galt vielmehr als fortschrittlich und aufregend.

Zweitens platzte die Dotcom-Blase: Von einem Tag auf den anderen suchten Fondmanager, die sich soeben gewaltig die Finger verbrannt hatten, nach sicheren Anlagemöglichkeiten für ihr Bargeld. Und was könnte sicherer sein, als in Lebensmittel zu investieren? So erwachte dieser kleine Markt mit einem Ruck aus seinem Dornröschenschlaf: Hatten die Fondsmanager 2003 13 Milliarden US-Dollar in Warenfutures angelegt, näherte sich dieser Wert Mitte 2008 der Summe von 317 Milliarden Dollar.

Diese beiden Faktoren zusammengenommen, ergänzt durch die unsinnige Biosprit-Industrie, die den Menschen ihre Äcker für den Anbau von Nahrungsmittel wegnimmt, um sie für die Herstellung von Treibstoff zu nutzen, führten zu einer Explosion der Lebensmittelpreise. In einem vergangenen Monat veröffentlichten Bericht publizierte die Hilfsorganisation Christian Aid die Entwicklung der Lebensmittelpreise seit den 50er Jahren. Die Linie bleibt bis spät in die Siebziger hinein flach – selbst die beiden Ölschocks sind nur durch recht kleine Ausschläge zu erkennen. Dann kommen die Nullerjahre und die Kurve steigt schlagartig auf mehr als das Doppelte ihres vorherigen Niveaus an. Nach dem Platzen der jüngsten Immobilienblase vor drei Jahren zeigt sich zunächst ein geringer Rückgang, heute aber hat sich der Index mehr als erholt und liegt über den Werten von 2008.

Wetten, dass ...

Sowohl was das Ausmaß als auch die Tragweite betrifft, unterscheidet sich diese Entwicklung von der Art von Future-Handel, den man zuvor an den Handelsplätzen beobachten konnte. Seit Jahrhunderten wird mit Finanzterminkontrakten auf Lebensmittel und andere Basics gehandelt und es handelt sich dabei um ein nützliches Instrument, um das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auszugleichen. Aber wie gesagt war dieser Markt lange Zeit sehr überschaubar. Hier handelten Experten mit Schweinebäuchen und anderen Dingen, von denen sie etwas verstanden. In den vergangenen zehn Jahren nun wurden mehrere hundert Milliarden an frischem Kapital auf den Handel mit Lebensmitteln gesetzt, was dazu führte, dass die Preise sich nur noch in eine Richtung entwickeln, nämlich nach oben. Mit anderen Worten hält die Blasenmentalität nun nicht nur die Unternehmenswerte im Griff, sondern auch so grundlegende Dinge wie Nahrung. Die Verlierer dieser Entwicklung sind dabei nicht nur die Tageshändler in Ohio, wie es der Fall ist, wenn ein Dotcom-Zoohandel wie Pets.com gegen die Wand fährt, sondern die Verhungernden in den Slums vor den Toren Mumbais.

In einem am vergangenen Sonntag veröffentlichten Bericht gibt die für Handel und Entwicklungsthemen zuständige UN-Agentur Unctad eine Einschätzung ab, wie stark Index-Investoren die Preise künstlich in die Höhe getrieben haben: Auf dem Höhepunkt der Blase im Jahr 2008 wurde der Preis für ein Barrel Rohöl um weitere 20 bis 25 Prozent, der für Getreide und Mais um zehn Prozent in die Höhe getrieben. Wenn man bedenkt, dass die Armen ungefähr 70 Prozent ihres gesamten Einkommens für Lebensmittel ausgeben, bedeutet eine derartige Inflation einen Unterschied ums Ganze und entscheidet über die Frage, ob Familien sich etwas zu essen leisten können oder nicht.

In den vergangenen zehn Jahren ist etwas Bemerkenswertes passiert: Eine Allianz aus amerikanischen und britischen Bankern und Politikern hat Grundnahrungsmittel zu Spekulationsobjekten gemacht, auf die gewettet werden kann. Chaos und Hungertod in Afrika und Asien sind die Folge. In über 30 Ländern kam es vor drei Jahren zu Hungerunruhen und der Hunger hat weltweit zugenommen. In Anbetracht erneut steigender Preise würde ich nicht dagegen wetten, dass die nächste Runde bevorsteht.

"Die Lebensmittelmärkte haben sich in ein Kasino verwandelt", sagte Jörg Mayer von Unctad vergangene Woche zu mir. "Aus einem einzigen Grund: Um an der Wall Street Geld zu machen."

17:00 08.06.2011
Geschrieben von

Aditya Chakrabortty | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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