Aditya Chakrabortty
08.06.2011 | 17:00 40

Eine todsichere Geldanlage

Waren-Spekulation An den Börsen wird immer unverfrorener auf Nahrungsmittel spekuliert. Die Folgen: steigende Lebensmittelpreise und Hunger. Geredet wird viel darüber, unternommen wenig

Die besten Debatten sind die, bei denen man schon im Voraus weiß, dass man Recht hat – wahrscheinlich beteiligen sich deshalb so viele am Streit um die Rekordpreise für Lebensmittel. Kaum ein anderes Thema bietet sich wie dieses an, um die eigene Überzeugung zu predigen: Die Fortschrittsgläubigen können auf die Notwendigkeit von Gen-Getreide pochen, die sklavischen Verfechter der Überbevölkerungsthese zum neun-millionsten Mal auf die steigende Zahl der zu stopfenden Mäuler hinweisen und meine linken Genossen können einmal mehr über die böse Agrarindustrie herziehen. Einige dieser Argumente sind gewiss diskussionswürdig, schließlich ist es unwahrscheinlich, dass die rund um den Globus steigenden Brot- und Fleischpreise lediglich eine Ursache haben. Am auffälligsten an dieser Debatte ist jedoch, wie wenige der Beteiligten sich bemüßigt sehen, mehr zu tun, als ihre alten Steckenpferde wieder herauszuholen, während ungefähr eine Milliarde Menschen auf der Welt sich jeden Abend hungrig schlafen legen.

Um zu verstehen, warum die Lebensmittelpreise so kurz nach der Blase von 20008 schon wieder in die Höhe schießen – die für Getreide und Mais sind im Vergleich zum Vorjahreswert bereits wieder um 70 Prozent gestiegen – lohnt es sich, einen genaueren Blick darauf zu werfen, was sich in den vergangenen 20 oder vielmehr in den vergangenen zehn Jahren auf dem Lebensmittelmarkt verändert hat.

Das Heil der Deregulierung

Eine der wichtigsten Antworten auf diese Frage findet man nicht auf den Plantagen von Queensland oder den Vorstädten Kairos, sondern an der New Yorker Wall Street und in Washington. Hier das Wesentliche in Kürze: 1991 haben die Investment-Banker von Goldman Sachs in New York ein neues Instrument auf den Markt gebracht: den Goldman Sachs Commodity Index. Indem sie 18 Grundnahrungsmittel und andere Rohstoffe – angefangen von Kaffee, Kakao und Schweinefleisch, über Getreide, bis hin zu Öl und Kupfer – in einem gemeinsamen Index bündelten, boten die Finanzdienstleister des Unternehmens Investoren die Möglichkeit, auf Dinge zu spekulieren, die bis dahin einen Special-Interest-Markt gebildet hatten. Einer der Verkaufsschlager war die sogenannte China-Wette, die auf der äußerst schlauen Annahme fußte, dass die Chinesen und Inder der neuen Mittelschicht mit steigendem Einkommen immer mehr und immer besser essen würden.

Obwohl auch andere Banken wie beispielsweise Barclays auf den Zug aufsprangen, blieben Nahrungsmittel-Fonds zunächst ein ziemlich kleines Geschäft, bis sich um die Jahrtausendwende herum zwei Dinge ereigneten: Erstens verabschiedete der US-Kongress im Eiltempo ein Gesetz, das es Rentenfonds und anderen erlaubte, in diesen neuen Warenindizes zu investieren. Man sollte meinen, dass diese gigantische Geldmenge zur Spekulation mit für den Menschen lebeswichtigen Dingen eine gewisse Aufmerksamkeit erregt hat, aber weit gefehlt: In der auslaufenden Präsidentschaft Bill Clintons waren die Demokraten genauso hypnotisiert von den Finanzmärkten wie die Republikaner und das Wort „unreguliert“ beunruhigte noch niemanden, sondern galt vielmehr als fortschrittlich und aufregend.

Zweitens platzte die Dotcom-Blase: Von einem Tag auf den anderen suchten Fondmanager, die sich soeben gewaltig die Finger verbrannt hatten, nach sicheren Anlagemöglichkeiten für ihr Bargeld. Und was könnte sicherer sein, als in Lebensmittel zu investieren? So erwachte dieser kleine Markt mit einem Ruck aus seinem Dornröschenschlaf: Hatten die Fondsmanager 2003 13 Milliarden US-Dollar in Warenfutures angelegt, näherte sich dieser Wert Mitte 2008 der Summe von 317 Milliarden Dollar.

Diese beiden Faktoren zusammengenommen, ergänzt durch die unsinnige Biosprit-Industrie, die den Menschen ihre Äcker für den Anbau von Nahrungsmittel wegnimmt, um sie für die Herstellung von Treibstoff zu nutzen, führten zu einer Explosion der Lebensmittelpreise. In einem vergangenen Monat veröffentlichten Bericht publizierte die Hilfsorganisation Christian Aid die Entwicklung der Lebensmittelpreise seit den 50er Jahren. Die Linie bleibt bis spät in die Siebziger hinein flach – selbst die beiden Ölschocks sind nur durch recht kleine Ausschläge zu erkennen. Dann kommen die Nullerjahre und die Kurve steigt schlagartig auf mehr als das Doppelte ihres vorherigen Niveaus an. Nach dem Platzen der jüngsten Immobilienblase vor drei Jahren zeigt sich zunächst ein geringer Rückgang, heute aber hat sich der Index mehr als erholt und liegt über den Werten von 2008.

Wetten, dass ...

Sowohl was das Ausmaß als auch die Tragweite betrifft, unterscheidet sich diese Entwicklung von der Art von Future-Handel, den man zuvor an den Handelsplätzen beobachten konnte. Seit Jahrhunderten wird mit Finanzterminkontrakten auf Lebensmittel und andere Basics gehandelt und es handelt sich dabei um ein nützliches Instrument, um das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auszugleichen. Aber wie gesagt war dieser Markt lange Zeit sehr überschaubar. Hier handelten Experten mit Schweinebäuchen und anderen Dingen, von denen sie etwas verstanden. In den vergangenen zehn Jahren nun wurden mehrere hundert Milliarden an frischem Kapital auf den Handel mit Lebensmitteln gesetzt, was dazu führte, dass die Preise sich nur noch in eine Richtung entwickeln, nämlich nach oben. Mit anderen Worten hält die Blasenmentalität nun nicht nur die Unternehmenswerte im Griff, sondern auch so grundlegende Dinge wie Nahrung. Die Verlierer dieser Entwicklung sind dabei nicht nur die Tageshändler in Ohio, wie es der Fall ist, wenn ein Dotcom-Zoohandel wie Pets.com gegen die Wand fährt, sondern die Verhungernden in den Slums vor den Toren Mumbais.

In einem am vergangenen Sonntag veröffentlichten Bericht gibt die für Handel und Entwicklungsthemen zuständige UN-Agentur Unctad eine Einschätzung ab, wie stark Index-Investoren die Preise künstlich in die Höhe getrieben haben: Auf dem Höhepunkt der Blase im Jahr 2008 wurde der Preis für ein Barrel Rohöl um weitere 20 bis 25 Prozent, der für Getreide und Mais um zehn Prozent in die Höhe getrieben. Wenn man bedenkt, dass die Armen ungefähr 70 Prozent ihres gesamten Einkommens für Lebensmittel ausgeben, bedeutet eine derartige Inflation einen Unterschied ums Ganze und entscheidet über die Frage, ob Familien sich etwas zu essen leisten können oder nicht.

In den vergangenen zehn Jahren ist etwas Bemerkenswertes passiert: Eine Allianz aus amerikanischen und britischen Bankern und Politikern hat Grundnahrungsmittel zu Spekulationsobjekten gemacht, auf die gewettet werden kann. Chaos und Hungertod in Afrika und Asien sind die Folge. In über 30 Ländern kam es vor drei Jahren zu Hungerunruhen und der Hunger hat weltweit zugenommen. In Anbetracht erneut steigender Preise würde ich nicht dagegen wetten, dass die nächste Runde bevorsteht.

"Die Lebensmittelmärkte haben sich in ein Kasino verwandelt", sagte Jörg Mayer von Unctad vergangene Woche zu mir. "Aus einem einzigen Grund: Um an der Wall Street Geld zu machen."

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (40)

ebertus 08.06.2011 | 20:37

Einfache Frage:

Was kann man als kleiner Mensch dagegen tun?

Noch einfachere Antwort: Wenig...
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Zwei Themenkreise wären zu adressieren. Zum einen die ökonomischen Möglichkeiten des Reagierens, des Widerstandes und zum anderen die zumindest temporär wirkende Vorsorge gegen eine mögliche Apokalypse der erwartbaren Entwicklung. Beides, und zudem in der Historie eines West-Berliner Blokadekindes, mündet in sog. Vorsorge, jeder auf seinem, ihm möglichen Level. Und klar, in der ersten Klasse überlebt es sich länger, angenehmer sowieso; dass wussten nicht nur die Passagiere der Titanic - und mit erheblichen Parallelen, rund 100 Jahre später sollte das nicht vergessen werden.

Habe dies bereits mehrfach und incl. der dortigen Links relativ bescheiden reflektiert, viel mehr bleibt nicht. Und wenn erst die marodierenden Banden in den schwarzen geländewagen überland ziehen, dann eher noch weniger...

www.notina.org/?q=node/13

Ullrich Läntzsch 08.06.2011 | 21:09

Lieber j-ap,

richtig, ich habe mich falsch ausgedrückt. Nein, ich meinte nicht seinen der üblichen Crashes, nicht das Platzen einer Blase, sondern den völligen Zusammenbruch. Dieser dürfte kaum zu einem zivilisierten Wandel vom Kapitalismus zu - ja wohin?

Ist das nicht die dringend zu diskutierende Frage?

Oder gibt es wohlfeile Rezepte?

Die Utopie Kommunismus bedarf dringend eine Revision.

Was tun? - die Frage war doch nie noch nie so aktuell wie heute.

j-ap 09.06.2011 | 00:45

Was genau willst Du nun von mir hören, mabli?

Daß das Kapital immer und überall nur und ausschließlich einen Zweck kennt, nämlich aus Geld noch mehr Geld zu machen und daß es ihm dabei völlig schnuppe ist, ob sich dieses Mehr an Geld nun durch die Produktion von Haferflocken, Lockenwicklern, Panzerkreuzern, T-Shirts oder eben den Kauf und Verkauf von tausend Scheffeln Weizen ergibt, weswegen Kapitalisten rund um den Globus, rund um die Uhr und quer durch aller Herren Länder beständig vergleichen, wo die meiste Rendite winkt und dementsprechend heute Anleihen, morgen Eon-Aktien und übermorgen eben Weizen halten?

Das ist völlig richtig.

Es ist ja auch eine harte Nuß, die das Kapital einem zu knacken gibt: Woher es in der Form des Geldes seine ganz und gar rätselhafte Potenz nimmt, aus Renditen Kapital zu machen und sogleich aus dem Kapital wieder Renditen. — Das ist der Wahnsinn, oder?

Eben. Und intellektuell fertig wird man damit als Erklärer vom Dienst nur, wenn man die zu erklärende Sache schlichtweg ganz bestreitet und den Widerspruch, mit dem man es zu tun hat, kurzerhand dem Gegenstand anlastet statt den Fehler in der Erklärung zu bemerken.

Und deshalb sind halt hier, wie immer, die »Spekulanten« schuld daran, daß die Leut nix zu beißen haben. — Ganz so, als wäre der Hunger schon irgendwann einmal ein Grund zur kapitalistischen Produktion gewesen.

j-ap 09.06.2011 | 01:17

Ich könnte jetzt, wenn Du magst, mein zweites Schokoladenfach, nämlich Wirtschaftsgeschichte, auspacken und mal darauf zu sprechen kommen, daß all das, was in dem Artikel oben zur Sprache kommt, schon bei den alten Römer schwer en vogue war.

In der späten Republik hatten die nämlich schwer mit steigenden Weizenpreisen zu kämpfen. Und natürlich war schon damals die Crassus-Truppe schuld, die den Getreidepreis nach oben trieb, um die Leute auszunehmen.

Und also hat der Senat den Römerweizen zur res extra commercium gemacht, was zur Folge hatte, daß man ihn nicht mehr handeln durfte, sondern nur mehr zu Festpreisen zum ausschließlich eigenen Verbrauch erwerben konnte. Der Preis war dann zwar in der Tat sehr kommod, dafür sank allerdings die Produktion so dramatisch, daß der Senat das Getreide letzten Endes auf Staatsgütern anbauen mußte — und sich damit weitere Problem einhandelte: denn erstens kostet die Produktion auf Staatskosten ziemlich viel Denarii aus dem Ärar, die eigentlich für die Vestalinnen vorgesehen waren — und wer will es sich schon mit dem Pantheon verscherzen! — und zweitens trat sodann eine peinliche Goldknappheit ein, was die Kipper und Wipper natürlich sehr gefreut hat; und drittens verlagerte sich die Spekulation vom Weizen auf Grund und Boden, denn der Senat mußte für die Römer-LPGs zunächst mal Grundstücke erwerben und zwar möglichst schnell, was den Latifundienbesitzern, die ein paar sinnlose Quadratschritt loswerden wollten, nur gelegen kam.

Die Malaise zog sich übrigens bis in die Spätantike hin.

claudia 09.06.2011 | 16:25

Ich stimme j-ap zu.
Auch wenn die Einzelbeobachtungen im Artikel richtig sind:
Für enorm wachsende Privatgeldmengen werden ständig Anlagemöglichkeiten gesucht.
Dahinter steckt die "Endlosschleife" Geld muss Geld bringen und mehr Geld muss noch mehr Geld bringen usw usf..
Oder, etwas altertümlich gesagt: "Enrichissez-vous!". Heute würde das schon mit mindestens 3 Ausrufezeichen geschreiben.

Das können wir ohne grosse Mühe wissen.

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>>...sondern den völligen Zusammenbruch. Dieser dürfte kaum zu einem zivilisierten Wandel vom Kapitalismus zu - ja wohin?
Es gibt ganz sicher Leute, die sehr genau wissen was sie wollen und sich als Retter aus der Not präsentieren. Die bilden dann eine neue Herrschaftsschicht.
Solche potentiellen Machtgrüppchen bilden sich permanent innerhalb eines Herrschaftssystems, oft aus Prätorianern der akuten Herrscher.
Es kann nach einigen Machtkämpfen eine "neue Elite" über das Leben der Untertanen zum Vorteil der Obertanen bestimmen.

Möglicherweise wird das Prinzip, dass Herrschaft zu Definitionsmacht führt, umgekehrt: Definitionsmacht führt zu Macht über die Ausbeutungsobjekte.
Ich habe den Eindruck, dass dafür bereits konditiniert wird: Der moderne Untertan hat sein eigenes Denken weitgehend eingestellt, er/sie zitiert und verlinkt nur noch. Eigene Erfahrungen werden kaum verarbeitet und mit eigenem Wissen vernetzt: so funktioniert der Untertan als Untertan, auch wenn er sich als Revoluzzer dünkt.

Wenn wir keine Herrschaft von Menschen über Menschen mehr wollen, dann müssen wir eben auch selber denken, was wir wollen. Und dieses Denken ausserhalb bestehender (Definitions-) Machtstrukturen entwickeln.
Das macht etwas mehr Arbeit als partielle Ist-Zustände zu beschreiben. Vor allem, weil das gelernte lineare Denken* durch mehr vernetztes Denken ersetzt werden muss.

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*partielles Problem -> partielle Lösung unter Ausblendung des Ganzen, die wegen Inkompatibiltät mit dem Umfeld wieder Probleme schafft, die wieder partiell "gelöst" werden usw usf...

claudia 09.06.2011 | 18:32

Kopie von der Seite "handle fair.de"
www.handle-fair.de/ :
>>Bitte investieren Sie Ihr Geld anderweitig – schließlich gibt es am Kapitalmarkt ausreichend Alternativen.
Vielleicht gelingt es, Anleger davon abzuhalten, das bedingungslose Grosseinkommen aus Nahrungsmittelspekulationen zu beziehen.
Dann wird eben wo anders ein Fass für die Grosse Sause aufgemacht.
Die dort entstehenden Probleme werden dann wieder mit einer Speziallösung behandelt.
Dann wieder ein anderes Fass für die Grosse Sause aufgemacht.
Die dort entstehenden Probleme werden dann wieder mit einer Speziallösung behandelt.

Wenn das ein paar mal passiert ist, ist "handle fair" vergessen und das Fass wird wieder in der Nahrungsmittelspekulation aufgemacht.

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mabli 10.06.2011 | 00:16

@ j-ap schrieb am 08.06.2011 um 23:17

Ok an der juristishen Fachdiskussion über Eigenkapital kann ich mich weniger beteiligen.

Aber das römische Imperium scheint doch für so manche Analogie zur gegenwärtigen Weltwirtschaft noch zu gebrauchen zu sein.

Und deshalb sind halt hier, wie immer, die »Spekulanten« schuld daran, daß die Leut nix zu beißen haben. — Ganz so, als wäre der Hunger schon irgendwann einmal ein Grund zur kapitalistischen Produktion gewesen

Das mag ja richtig sein, dass der Kapitalismus es sich nie zum Ziel gesetzt hat die Armut zu beseitigen. Aber nicht auch zur Kenntnis zu nehmen, dass die Entwicklung der Spekulation mit Nahrungsmitteln, welche der Artikel nachzeichnet, die Situation der Armen sicher weiter verschlechtert, ist doch auch zynisch.
Die kritische Frage ist vermutlich eher, wo man ansetzen sollte um etwas darn zu ändern.
Ich habe den Wirtschaftsjargon von mh's Vorschlag leider auch nicht mehr ganz nachvollziehen können.
Soviel ich verstanden habe, ist die im Umlauf befindliche Geldmenge ein möglicher Ansatzpunkt.
Und gewisse Veränderungen an den Modalitäten des Handels von futures?

j-ap 10.06.2011 | 00:20

Schön, daß wir uns endlich zum Du durchgerungen haben: Ist mir eine Ehre!

Mit dem Eigenkapital hast Du tatsächlich nicht argumentiert, Du hast es nur falsch verstanden, denn Margins sind Festpreise, genau das ist ja eines ihrer Probleme.

Wenn Du heute eine Longposition über einen (1) Kontrakt Rohrzucker (Sugar #11) eröffnest, dann kostet Dich das zunächst gar nix, null, niente, nada, zéro — weil bekanntlich bei Termingeschäften ein Effektivgeschäft erst dann zustande kommt, wenn der Kontrakt a) fällig oder b) die Position glattgestellt wird; das, was Du beim Abschluß eines Futures (oder Forwards, da ist's dasselbe) zunächst bezahlst, ist eine Sicherheitsleistung, die auch nicht an den Kontrahenten, sondern an den Intermediär geht, der sie über die Laufzeit der Position verwahrt.

Gleichwohl ermöglichst es Dir diese (Initial) Margin, Deine de facto-Kaufkraft schlagartig zu potenzieren, weil Du mit nichts als dieser Sicherheitsleistung einen Vertrag anbahnst, der de jure den Wert 0 hat (Du hast ja nix gekauft!), es Dir aber gleichwohl ermöglicht, über nicht weniger als 50 Tonnen Rohrzucker so zu verfügen, als gehörten sie Dir.

Das meinte ich.

Calvani 10.06.2011 | 00:38

@ j-ap
Ist mir auch eine Ehre!
Deine weiteren Ausführungen beantworten meine Frage nur zwischen den Zeilen...du willst also die Hinterlegung der Sicherheitsleistung abschaffen? Ok. Was soll an ihre Stelle treten? Die Hinterlegung des aktuellen Gegenstandswerts der Transaktion?
Dann ist doch nicht der Festpreischarakter der Margins das Problem, sondern die mangelnde Deckung des Gesamtvolumens des Geschäftsgegenstands, nicht wahr?

j-ap 10.06.2011 | 00:54

Lieber Rapanui,

ich bitte den Zusammenhang meiner Aussage nicht aus dem Blick zu verlieren: Calvani hatte einen »konstruktive[n] Vorschlag« erbeten, und ein solcher konstruktiver Vorschlag, der natürlich ein reformistischer ist — sonst wäre er schließlich nicht konstruktiv, sondern destruktiv — war der, den mh gemacht hat und dem ich zugestimmt habe. Den Kapitalismus schafft man damit keineswegs ab, aber wollte man ihn abschaffen, darf man nicht um konstruktive Vorschläge bitten.



Liebe Calvani,

»du willst also die Hinterlegung der Sicherheitsleistung abschaffen?« — Nein, will ich nicht. Ich will — wie gesagt: unter der Voraussetzung: konstruktiver Vorschlag! — die Margin so anpassen, daß jemand, der 1000 Barrel Rohöl auf Termin kauft, auch den vollen Preis für diesen Kontrakt bezahlt, der nach aktuellem Kurs (100,74 USD/Barrel) 100 740 Dollar beträgt (Preis pro Underlyingeinheit x Handelsgröße nach Kontraktspezifikation, hier: tausend Barrel/Kontrakt).

Im Moment bezahlt man dafür nämlich nicht 100 740 Dollar, sondern nur 9788 Dollar, also nicht einmal 10% des Kontraktwerts.

Das ist das Problem.

paulart 10.06.2011 | 00:59

Junge, Junge -
da kann aber jemand in die Zukunft blicken:
"Um zu verstehen, warum die Lebensmittelpreise so kurz nach der Blase von 20008 schon wieder in die Höhe schießen... [...]".

Keine Aufregung! Entweder wird das alles erst in achtzehntausend Jahren Realität. Oder aber: Hier hat wieder mal jemand beim Rechnen gemeint, alle Nullen seien nichts wert.

Das stimmt aber nicht, das trifft so nur innerhalb der Politik zu!

iDog 10.06.2011 | 01:02

"Was genau hat sich denn nach dem letzten, dem vorletzten, dem vorvorletzten Crash geändert, Herr Läntzsch?

Richtig: Rein gar nichts."

einspruch, lieber jap, das paradigma hat sich zwar nicht geändert, aber die folgenschwere intensität seiner anwendung durchaus. jeder weitere reset bringt zumindest auch weitere eigentumskonzentration sprich weitere monopolisierung mit sich - ich verweise dabei zb auf die noch vor 2008 bestehenden 8 grossen US privatbanken - jetzt sind es noch vier. jede der 4 hat anscheinend genau einen konkurrenten geschluckt - das nenn ich brüderlich teilen, denn die "high cabal" weiss ja was sie sich schuldig ist, oder? und wo wir bei der schon mal sind, liesse sich die besagte intensität auch leicht historisch belegen, alleine wenn man mal die werte der einzelnen bankerfamilien historisch verfolgt, wird ausser deren ständigem steigen wie nebenbei klar: sie haben nicht nur auf weizen etc. spekuliert oder mit vorliebe auch auf krieg, sondern vor allem auf ihr geschäftsmodell crash, bei dessen eintreten sie dann alle unison: "kaufen" bruellen. das geschaeftsmodell der einen ist die krise der andren! ... mein lieblingssatz zum kapitalismus.

und in die nächste spielrunde geht es dann ganz munter los mit verbessertem portefeuille, mehr macht und weniger konkurrenz. ab einem bestimmten moment in der sukzession der crashs ist dann anzunehmenderweise aber der finanzielle reiz eher weg, weil es durchaus nicht mehr viel zu holen gibt. Dann geht es nur noch um macht.

und weil ihr nun schon den roemischen kapitalismus beim wickel habt, kann man hier auf das bekannte cicero zitat abheben, das besagt, dass zu seinen lebzeiten das romische imperium nur etwa 2000 familien gehörte. in sofern haben wir da noch eine hübsche paralele. der untergang liess dann nicht lange auf sich warten. extreme dosen sollen ja nicht so gesund sein. wir sehen auch hier das problem der intensivierung und deren auswirkung im packet.

nun hat das römische reich als relativ lokales phänomen damals nicht so großen schaden anrichten können zumal seine ausgesprochene grausamkeit ja gegen die heutige harmloser kinderkram war und eben nicht der profitable tod mit dem füllhorn der inzestiös verblödenten macht über den gesamten globus in unzähligen varianten gleichmäßig verteilt werden konnte. ....

Calvani 10.06.2011 | 01:42

@ j-ap
Du willst also die Sicherheitsleistung am aktuellen Gesamtwert des Gegenstands - meinetwegen Rohöl oder Rohrzucker - ausrichten? Das meinte ich doch oben mit "Deckung des Gesamtvolumens des Geschäftsgegenstands" und dieser Meinung schließe ich mich gerne an, allerdings ähnelt die Hinterlegungssumme dann einer Kaufpreiszahlung mit dem Unterschied, dass der Empfänger nicht der Verkäufer ist, richtig?

Bloß was hat das mit dem EK zu tun? Schließlich kann 1.) die Hinterlegungssumme fremdfinanziert sein und berührt damit den Bilanzposten EK nicht im Geringsten und 2.) gilt ohnehin das Realisationsprinzip und damit das Verbot der Bilanzierung schwebender Geschäfte.

@ mh
Wenn du den Zusammenhang, den du zwischen Margin und EK siehst, in einigen Sätzen zusammenfassen könntest, wäre ich dir sehr dankbar!

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Ehemaliger Nutzer 10.06.2011 | 09:59

@ j-ap schrieb am 09.06.2011 um 22:54

Hallo J-AP,

inhaltlich verfolge ich die Diskussion J-AP/ mh mit Interesse.

Meine Anmerkung zielte auf Ihre Gesprächstaktik. Sie argumentieren sonst ja prinzipiell "kapitalismuskritisch" und ziehen sich aus einer "konstruktiven" Diskussion mit dem Verweis, dass die Gegenposition in irgendeinem "reformistischen" Denken befangen bliebe auf diesen prinzipiellen Standpunkt zurück. Auch Ihren Einstiegseufzer in diese Diskussion (siehe erstes Posting) sah ich so.

Insofern war ich eher angenehm überrascht, dass Sie sich auf eine Diskussion einließen.

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sachichma 10.06.2011 | 15:14

Wenn die hohen Lebensmittelpreise eine der Ursachen für die Demonstrationen in den arabischen Ländern sind sollte die Ursache eigentlich klar sein. Es bedarf schon ein gewisses dekadenten Denkmuster in der Kaufzusage bei gleichzeitig marginaler Zahlungsverpflichtung eine Regulation des Marktes zu sehen. Mit Blick auf die Kreditvergabepraxis vor ca 5 bis 10 Jahren bei Imobilienkäufen wurde ähnlicher Missbrauch getrieben. Der Ausgang war angesichts der "Alterspyramide" lange zuvor vorhersehbar. In diesem Sinne hier ergänzend zu iDogs Satz: "das geschaeftsmodell der einen ist die krise der andren!" noch der Hinweis auf die Entwicklng der Unternehmen, die mit der Veränderung von Saatgut, auch die Mutation bei Pilzen und Parasiten in Kauf nehmen, - was vielleicht sogar absichtlich in Kauf genommen wird. Was die angeblichen "Verbesserungen" bei Saatgutveränderungen betrifft, so sind auch die genau wie die "Imoblase", vorhersehbar: Ist der landwirtschaftliche Anbau von Lebensmitteln erst einmal überwiegend unter Kontrolle (Saatgut / Dünger) brauchen in Zukunft brauchen nicht einmal mehr Kriege geführt werden, dann hat der Kapitalismus sogar die Kriege abgeschafft...

THX1138 11.06.2011 | 01:32

Das Problem ist die Margin, sagt J-AP. Gut, wenn wir die rauf setzen, dann... passiert was genau? Entwickeln sich die Preise... dann anders? Werden sie stabiler? Sinken sie gar..?! Geht gar die Spekulation zurück?

Mitnichten: Wie allgemein bekannt ist, wurden sowohl die Initial Margin als auch die Maintenance Margin u. a. an der COMEX und der CME alleine dieses Jahr mehr als fünf Mal erhöht- auf lächerlich tiefem Niveau, versteht sich (im Vergleich zu der über den laufenden Kontrakt "erworbenen" Menge Silber.

Chart Silber (Silver, 5000 oz, SI, COMEX), September-Kontrakt:

futures.tradingcharts.com/chart/SV/91

Die letzte Erhöhung fand meines Wissens am 10. Mai 2011 statt, was sich kurzfristig deutlich im Kursverlauf wiederspiegelt. Meine Prognose: Weiter up, solange die Margin nicht auf das Niveau angehoben wird, das mh vorschwebt. Sofern ich ihn richtig verstanden habe.

claudia 11.06.2011 | 15:16

Man kann es vielleicht als "Jagdgesellschaft" sehen:
Wenn eine Art kaputtgejagt ist, wendet man sich der Anderen zu, bis sich die kaputte Art wieder erholt hat.
Das "Jagdgut" sind in diesem Falle Arbeitsergebnisse von Menschen.

>>...dann hat der Kapitalismus sogar die Kriege abgeschafft...
Der 3. Weltkrieg wird primär mit ökonomischen Mitteln geführt. "Klassische Waffenkriege" sind eine Sekundärwirkung. (Allerdings lässt sich der militärisch-industrielle Wasserkopf nicht widerstandslos abschaffen)

iDog 11.06.2011 | 19:18

"Klassische Waffenkriege" sind eine Sekundärwirkung. sagen sie, liebe Claudia. Da muss ich leider erwidern : NOCH , denn mit der ökonomischen Kriegsführung hat es sich was - die ist am Endpunkt angelangt. Wir dürfen uns langsam schon mal warmlaufen gegen den III Weltkrieg. Es bestehen begründete Bedenken, dass dieser atomar ausfallen könnte, wenn man das Wort von der atomaren Bedrohung durch den internationalen 'Terrorismus' mal ernst nimmt, das bestimmte Kreise rund ums Pentagon schon länger in Munde führen.

Auch der artomare Teil der Waffenindustrie bzw der Atomkrieg wird zusehends privatisiert bzw. an militärische Dienstleister vergeben, und die wollen nicht nur drohen, sonderten Geld verdienen.

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Ehemaliger Nutzer 13.06.2011 | 17:00

Leider ist es die Realität, dass die wirklich Reichen keine Kasinos mehr brauchen, um Geld zu verspielen und zu gewinnen. Um so peinlicher wirkt das Gerede von Wirtschaftskrisen oder Einflüssen von realen wirtschaftlichen Prozessen auf die Preisbildung von DAX Aktien und Rohstoffen. Alle Aktien hängen am Futurehandel und alle Rohstoffpreise ebenso und wer da schon einmal mit einem 1:100 Hebel richtig gehandelt hat, der weiss, das macht Spass und man zerstört oder gewinnt gleich einmal einen Haufen Geld. Dass da eine " Nebenerscheinungsform" des Wertpapierhandels zur bestimmenden Handelsform geworden ist, scheint nicht immer wirklich beabsichtigt. Eine Trennung zwischen "Realwirtschaft" und "Kontrakthandel" wurde schon oft diskutiert, da die Schäden von missglückten Futuretransaktionen leider tatsächlich bis tief in die reale Wirtschaft wirken, was wiederum nicht so richtig sinnvoll ist. Die Regierungen sitzen vor den Futurehandelsportalen und gucken hinein wie die Schweine in's Uhrwerk und verhalten sich so, als wären sie nur Konsumenten dieser elektronischen Wetthandelsgeschäfte. Dabei haben sie es in der Hand, dort die Regeln zu ändern. Wenn der Kontrakthandel ein tatsächlicher Handel würde, d.h. zum Beispiel ein Kontrakt über eine Million Tonnen Erdöl führt dazu, dass ich den Tanker nach Hause geliefert bekomme und ich mir über den Verbleib des Öles Gedanken machen muss, dann würde sich eine gewisse Vorsicht einschleifen und wenn dann auch noch das Shorten grundsätzlich nicht mehr erlaubt wäre, dann könnte niemand mehr Währungsspekulationen durchführen.

Wäre dann zwar ganz schön langweilig, aber so weit wird es nicht kommen, denn diejenigen, die für die Spielregeln im Futuretrading verantwortlich sind, haben noch nie selbst am Computer gesessen und auf " ENTER" gedrückt. Man merkt bei jeder offiziellen Diskussion darüber, dass niemand weiss, wie das dort funktioniert. Deshalb ist die nächste Finanzkrise absolut sicher, denn die Einsätze, um bei diesen Spielen etwas gewinnen zu können, sind jedes Jahr um 200 Prozent gestiegen. Die Risiken folglich auch.

Maxi Scharfenberg( KPM)