Eine verlorene Generation

Jemen Für das von Krieg und Krankheiten heimgesuchte Land ist Covid-19 nicht die größte Sorge
Eine verlorene Generation
Die Station für unterernährte Kinder in einem Krankenhaus in der Provinz Haddscha

Foto: Essa Ahmed/AFP/Getty Images

Auf einer Station des Krankenhauses von Ataq in der staubigen Provinz Schabwa in Zentraljemen liegt die sechs Monate alte Muna Bassam auf dem Rücken. Ihre Augen sind geschlossen, während der aufgeblähte Bauch sich im Kampf um jeden Atemzug hebt und senkt. Draußen auf dem Flur vor ihrem Krankenzimmer zeigt ein Poster die Vorher-nachher-Bilder mehrerer Kinder, die sich auf der Station von akuter Unterernährung erholt haben – immer noch schmerzhaft dünn, aber lächelnd und munter. Es ist schon das zweite Mal, dass Munas Familie das Kind ins Hospital bringen musste. Die Sorge, ob sie genug Geld für die Behandlung und Benzin für die Rückkehr ins Dorf haben, lässt alle noch dringlicher für die Kleine beten. „Meine Frau und ich hatten 20 Kinder. Elf davon sind gestorben“, sagt ihr Großvater Abdullah. „Aber das war vor langer Zeit. Heute sollte das nicht mehr passieren.“

Zuflucht in Schabwa

In anderen Räumen der überfüllten Klinik leiden Kinder an Cholera, Diphtherie und Denguefieber – Krankheiten, die den Jemen seit Ausbruch des Krieges vor sechs Jahren vermehrt heimsuchen. Die Vereinten Nationen haben die Lage zur „schlimmsten humanitären Krise weltweit“ erklärt. Unter diesen Umständen kommt es vor, dass Patienten und Ärzte Corona oft kaum registrieren.

„Wir haben keinen Neurochirurgen. Wir haben keine Entbindungsstation. Wir behandeln jeden Monat 20 Kinder wegen Unterernährung. Dazu kommen Patienten mit Denguefieber – mehr als 3.000 im vergangenen Jahr. Und das bei einem Stromgenerator, der häufig ausfällt“, so Direktor Ali Nasser Saeed. „Das Coronavirus ist bei Weitem nicht unser größtes Problem.“ Dass sein Haus noch Patienten aufnehmen kann, ist gemessen an anderen Hospitälern die Ausnahme. Viele Gesundheitseinrichtungen sind zerstört, Hunderte von Ärzten tot oder geflohen. Gehälter, sofern sie vom Staat kommen, werden häufig nicht oder höchst selten gezahlt.

Die ölreiche, zwischen allen Konfliktparteien im Jemen umkämpfte Provinz Schabwa ist, verglichen mit anderen Regionen, relativ stabil. Hier haben sich viele durch Kämpfe vertriebene Jemeniten aus anderen Landesteilen und aus Saudi-Arabien zurückgeschickte Arbeitsmigranten angesiedelt. So wuchs die Bevölkerung von 600.000 auf gut eine Million. Früher überquerten Seidenstraßen-Karawanen die Tafelberge, die über Schabwas Flachland thronen – heute werden sie durch Ölpipelines und Panzerkonvois ersetzt. Mohammed Saleh bin Adyo, seit 2018 regierender Gouverneur, hat viel in lokale Sicherheitskräfte und Infrastruktur investiert, um ausländische Ölfirmen zurückzuholen. Was diese daran hindert, sind anhaltende Gefechte zwischen der vom Westen unterstützten saudischen Koalition, den den Norden beherrschenden Huthi-Rebellen und einer separatistischen Bewegung, die für einen unabhängigen Südjemen kämpft. In der Wüste lauert die jemenitische Al-Qaida-Filiale.

Der einheimische Rial hat seit Beginn des Konflikts Anfang 2015 zwei Drittel seines Wertes verloren, sodass es für viele Jemeniten stets schwieriger wird, sich ausreichend zu versorgen. Die Gefahr einer Unterernährung ist in Schabwa wie im gesamten südlichen Jemen laut einer UN-Studie 2020 um zehn Prozent gestiegen, bei den unter Fünfjährigen gar um 15 Prozent.

Auf Ataqs Markt wollen alle verkaufen, aber niemand kauft. Um elf Uhr vormittags sitzen mürrische Honigverkäufer und Schafhirten noch immer da und warten auf den ersten erfolgreichen Handel des Tages. In einem am Rande des Platzes gelegenen Laden für Sesamöl sagt der Besitzer Khaled mutlos: „Würde die Stromversorgung tatsächlich wieder funktionieren, hätte ich kein Geld, um zu bezahlen.“

Als Covid-19 Anfang 2020 ausbrach, befürchteten die WHO und viele Hilfsorganisationen, dass die Konsequenzen für den Jemen katastrophal sein würden, und gingen von einer Infektionsrate von bis zu 90 Prozent aus. Bisher jedoch scheint das ausgezehrte Land die Pandemie besser zu überstehen als gedacht. Bis Ende November wurden etwa 2.200 Infektionen und 611 Todesfälle gemeldet. Da kaum Testlabors existieren, dürften diese offiziellen Zahlen nicht authentisch sein, doch ist zumindest in Schabwa nach dem Eindruck vieler Mediziner das Virus nicht die dringendste Sorge. Das Corona-Zentrum für Behandlung und Quarantäne am Rand von Ataq, das als beste Einrichtung seiner Art im Jemen gilt, hatte zuletzt keinen einzigen Patienten. Während des Besuchs von ausländischen Journalisten desinfizieren Mitarbeiter in Ganzkörperschutzanzügen Oberflächen, weil sie sonst nichts zu tun hätten. Bisher wurden hier gut 4.000 Tests durchgeführt, von denen nur 90 positiv ausfielen.

Warum ist auch ohne zusätzliche Hygienemaßnahmen die Zahl der Covid-19-Fälle im Jemen niedriger als anderswo? Als einen Grund nennt Hisham Saeed, der Leiter des Zentrums in Ataq, die „hohe Moral“ und eine vorwiegend junge Bevölkerung. Ihn beunruhige, dass eine mit der Krankheit verbundene Stigmatisierung dazu führt, dass Kranke einfach zu Hause bleiben. „Auch denken viele, es handelt sich um ein normales Fieber, und fragen mich, ob das Virus eine Lüge sei.“ Satellitenbilder von Friedhöfen in der südlichen Provinz Aden, ausgewertet von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, besagen, dass sich dort seit dem ersten Covid-19-Fall im April 2020 die Zahl der Beerdigungen verdoppelt hat. Die Forscher zählten bis Ende September etwa 2.100 mehr als die erwarteten 1.300.

„Vergangene Woche habe ich einen kleinen Jungen an das Denguefieber verloren, weil wir kein Medikament dahatten, das wir ihm hätten geben können. Ich habe alle Krankenhäuser im Süden kontaktiert – niemand konnte helfen. Vielleicht hätte er überlebt“, sagt der Kinderarzt Saleh al-Khamsi. „Wenn der Krieg irgendwann endet, haben wir womöglich eine ganze Generation verloren.“

Bethan McKernan ist Türkei- und Mittelostkorrespondentin des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 13.01.2021
Geschrieben von

Bethan McKernan | The Guardian

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