Einer braucht den anderen

Obama in China Als Präsident Obama in Shanghai ankam, hatte er die Last der 60-jährigen Geschichte zwischen dem sozialistischen China und dem kapitalistischen Amerika im Gepäck

„Eine amerikanische Nichteinmischung in China gibt es nicht“, sagte Mao Zedong Anfang 1945 einem US-Diplomaten und bot an, nach Washington zu fliegen, um mit Präsident Roosevelt über die Zukunft zu sprechen. Maos Angebot kam vor dem chinesischen Bürgerkrieg zustande, in dem die USA Chiang Kai-shek unterstützten. Es sollte Roosevelt nie erreichen. Was passiert wäre, wenn die beiden sich tatsächlich getroffen hätten, ist eine faszinierende Frage an die Geschichte.

Lieber die Nr. 2

Nachdem die Kommunisten 1949 den Bürgerkrieg für sich hatten entscheiden können, folgten zwei Jahrzehnte der Feindseligkeiten, die erst mit Nixons Peking-Besuch 1972 ein Ende fanden, weil China für Washington zum nützlichen Verbündeten gegen die Sowjetunion geworden war. Seitdem ist das Verhältnis Schwankungen unterworfen, wurde von chinesischer Seite her aber stets als wesentlich angesehen, was die USA aus ihrer Sicht nicht immer taten.

Heute nun trifft man sich auf Augenhöhe: Die USA brauchen China so sehr wie China die USA. Der Unterschied zum letzten Besuch eines US-Präsidenten im Jahr 1998 ist augenfällig. Damals war die Visite von Bill Clinton mehr als Show gedacht denn mit Substanz bedacht. Sein Aufenthalt war sorgfältig choreographiert, um den Gast nach der Lewinsky-Affäre den Rücken zu stärken. Clinton bot Präsident Jiang Zemin an, zwischen ihm und dem Dalai Lama zu vermitteln, aber daraus wurde nichts.

Sechs Monate später bombardierte die US-Luftwaffe während des Kosovo-Krieges die chinesische Botschaft in Belgrad und provozierte damit eine aufrichtige Welle der Entrüstung in ganz China. In seinem Präsidentschaftswahlkampf klassifizierte George W. Bush China wenig später als potentielle Bedrohung. Es war dann der Schock des 11. September, der China die Gelegenheit bot, seine Bedeutung für die USA zu erhöhen (und seine eigenen muslimischen Dissidenten in der Provinz Xingjiang ins Visier zu nehmen), indem es sich am "Krieg gegen den Terror" beteiligte. Aber trotz seines Beitritts zur WTO wusste Peking, dass sein Verhältnis zu den USA immer noch kein gleichberechtigtes war. Ein chinesischer Diplomat meinte einmal augenzwinkernd: „Wir bleiben lieber die Nummer Zwei.“

Gläubiger und Schuldner

Das heutige Verhältnis wird nicht nur durch eine komplett andere Welt bestimmt, es wirft auch die Frage auf, ob China nicht bereits zur Nr.1 geworden ist. Die Volksrepublikj stört sich nicht mehr über Gebühr an den amerikanischen Waffenlieferungen für Taiwan (wann war die Insel zuletzt in den Schlagzeilen?). Obama spricht die Menschenrechte zwar der Form halber an, aber nur deshalb. Die Prioritäten, die er vor seiner Abreise nannte, heißen Klimawandel, wirtschaftliche Erholung, Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen. Die Menschenrechte waren für die USA nie wirklich ein bedeutendes Thema – nur einen Monat nach dem Massaker vom 4. Juni 1989 kam ein geheimer US-Gesandter nach Peking, um die Beziehungen aufrecht zu halten.

Die USA wollen heute nach eigenen Angaben eine „umfassende Partnerschaft“ mit China. Der neue US-Botschafter nennt das Verhältnis zum Reich der Mitte das „wichtigste bilaterale Verhältnis auf der Welt“. Das ist Musik in den Ohren der außenpolitischen Berater in Peking. Präsident Hu Jintao kann internen Kritikern gegenüber im vertraulichen Gespräch zum Ausdruck bringen, dass die langfristige Strategie, dem Verhältnis zu den USA Priorität einzuräumen, sich auszahlt. Außenministerin Hillary Clinton ging noch weiter und warnte das militärische Establishment ihres Landes offen, es müsse China als Partner und nicht als Kontrahenten betrachten.
Immerhin hält die Volksrepublik heute 800 Milliarden an amerikanischen Staatsanleihen. Obama mag in Peking noch so oft darum ersuchen, den Renmimbi aufzuwerten, er wird die Erwiderung zu hören bekommen, „sich auf sein eigenes Finanzdefizit zu konzentrieren“. Nur ist das chinesische Wachstum auf die amerikanischen Schulden angewiesen, keiner kann ohne den anderen. Chinas massives Wachstum über einen Zeitraum von beinahe zwei Jahrzehnten ist nicht nur in ungesunder Weise abhängig von ausländischen Märkten, sondern wurde auch um den Preis von Umweltzerstörungen und einer sich vergrößernden Schere zwischen Arm und Reich erkauft.

Übersetzung: Holger Hutt

Mit dem Freitag durchs Jahr!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Geschrieben von

John Gittings, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

The Guardian

Wissen, wie sich die Welt verändert. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt sichern

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt sichern

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden