Angst vor dem republikanischen Backlash

US-Wahlen Bei vielen Amerikanerinnen löst die Frage, wer nächster Präsident wird, Befürchtungen aus: In Geschlechterfragen ist der Unterschied zwischen beiden Kandidaten gewaltig
Angst vor dem republikanischen Backlash
Unter Romney hätten sie wohl weniger zu lachen. Der ehemalige Gouverneur von Massachusetts vertritt äußerst reaktionäre Positionen was Frauenrechte betrifft

Foto: Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Was eine Fortsetzung der Präsidentschaft Obamas für Geschlechterfragen bedeutet, wissen wir bereits. Unter ihm sahen sich Frauen in die höchstem Ämter – vom Supreme Court bis im Außenministerium – berufen. Der Zugang zur Geburtenkontrolle wurde erweitert, es gab eine verbesserte Gesundheitsfürsorge und einen Schutz gegen Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz. Leider wissen wir auch ziemlich gut, wie es unter einem Präsident Romney für uns aussehen würde. Der ehemalige Gouverneur von Massachusetts hat gesagt, er würde die Finanzierung der Organisation Planned Parenthood, die unter anderem Abtreibungen vornimmt, stoppen und den Urteilsspruch kippen, mit dem der Supreme Court die Abtreibung legalisiert hat.

Romneys Ansatz beim Thema Lohngerechtigkeit sieht vor, dass Frauen rechtzeitig zuhause sind, um ihren Familien ein Abendessen zuzubereiten. Von der Gleichstellung homosexueller Ehen, der Unterstützung für Geringverdienender oder einem Wandel der Geschlechterrollen (Romney meint, ein Elternteil solle zuhause bei den Kindern bleiben – wen er damit meint, dürfte nicht schwer zu erraten sein) ganz zu schweigen.

Alle Hände voll zu tun

Gouverneur Romney hat zudem versprochen die Global Gag Rule wieder einzuführen. Dabei handelt es sich um eine Sperre für Finanzmittel der US-Regierung für Organisationen, die entweder Abtreibungen vornehmen oder über dieses Thema informieren und Beratungen durchführen. Gesundheitsexperten auf der ganzen Welt haben darauf hingewiesen, dass diese Regelung weltweit zu einer Steigerung der Müttersterblichkeit beiträgt. Sollte Abtreibung verboten werden – was unter Romney eine realistische Möglichkeit wäre – werden Frauen auf unsicheren Wegen versuchen, die Prozedur durchzuführen. Und sollte Obamacare widerrufen werden, hieße das: Wir säßen mit einem Präsidenten da, der glaubt, es sei noch kein Amerikaner gestorben, weil er nicht gesundheitsversichert war (einer Harvard-Studie zufolge sind es jährlich 45.000).

Dabei geht es um mehr als die Rechte, die Frauen derzeit haben. Auch die Zukunft des Feminismus steht auf dem Spiel. Dank eines niemals endenden republikanischen Backlashs gegen die politischen und kulturellen Errungenschaften von Frauen – von Fortschritten in der Arbeitswelt bis hin zur Reproduktionsgesundheit – haben die amerikanischen Feministinnen alle Hände voll zu tun. Wir sind so sehr damit beschäftigt, uns die Rechte zu erhalten, die wir bereits haben, dass irgendeine Art von Vorstoß in Richtung einer vorwärtsgewandten Politik oder Veränderung gar nicht in Betracht kommt.

Wie kann man auch nur über eine mögliche feministische Zukunft nachdenken, wenn unsere Gesetzgeber Männer sind, die glauben, Frauen könnten bei einer „echten Vergewaltigung“ nicht schwanger werden. Oder es eben der Wille Gottes sei, wenn es doch passiert. Unsere Gesetzgeber glauben, Verhütung mache Frauen zu Schlampen und halten einen transvaginalen Ultraschall für keine große Sache. „Einfach die Augen zumachen“, empfahl Tom Corbett, der Gouverneur von Pennsylvania. Das Leben einer Frau halten sie für so unbedeutend, dass es in Ordnung ist, Krankenhäuser anzuweisen, uns lieber sterben zu lassen, als Abtreibungen durchzuführen.

Keineswegs perfekt

Das alles soll nun nicht heißen, dass Romney nicht emsig um die Stimmen der Wählerinnen geworben hat. Doch die Rhetorik, mit der die Republikaner sich „für die Frauen“ aussprachen, belief sich größtenteils auf Schadensbegrenzung und Verschleierung. Bei seiner Kampagne heißt es immer wieder, Frauen interessierten sich nicht für Geburtenkontrolle, Abtreibungsrechte und Reproduktionsgesundheit. Vielmehr ginge es ihnen um „echte“ Probleme wie die Wirtschaft. Die Tatsache, dass die finanzielle Absicherung einer Frau auf engste mit der Möglichkeit verknüpft ist, zu entscheiden, ob und wann sie Kinder haben will, scheint ihnen zu entgehen. Sie scheinen auch nicht zu bemerken, dass die US-Frauen es nicht mögen, wenn Männer ihnen erzählen wollen, was sie tun und woran sie nicht glauben – sie können ihre eigenen Entscheidungen treffen.

Es hat eine Vielzahl von Prognosen über das wahrscheinliche Wahlverhalten der Amerikanerinnen gegeben. Eine von der Nachrichtenagentur AP durchgeführte Umfrage zeigte zunächst, dass die Unterschiede im Wahlverhalten von Männern und Frauen verschwunden sind. Spätere Zahlen – etwa aus einer täglich von ABC News und der Washington Post angestrengten Umfrage – wiesen aber unter Wählerinnen einen komfortablen Vorsprung für Obama aus. Dass der Unterschied zwischen den Präferenzen von Männern und Frauen in den Umfragen schrumpft, ist vermutlich auf Obamas lauwarmen Auftritt bei der ersten Präsidentschaftsdebatte zurückzuführen.

Obama war keineswegs der perfekte feministische Präsident. Als er die Food and Drug Administration davon abhielt, die auch als Plan B bekannte „Pille danach“ für junge Frauen unter 17 rezeptfrei verfügbar zu machen, hat mich das extrem wütend gemacht. Ich stimme nicht immer mit seinen Entscheidungen und seiner Politik überein. Doch wenn es darum geht, wer besser für die Frauen ist – wenn ich an meine zweijährige Tochter denke und die Welt, die ich mir für sie wünsche – dann ist klar, wer die bessere Wahl ist.

Ich möchte, dass Frauen sich keine Sorgen mehr darum machen müssen, ob ihnen ihre hart erkämpften Rechte genommen werden oder nicht. Ich will sicher sein, dass meine Tochter einmal selbst über ihren Körper bestimmen kann, und darüber, ob und wann sie Kinder kriegen möchte.

Übersetzung: Zilla Hofman
09:00 06.11.2012
Geschrieben von

Jessica Valenti | The Guardian

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