Einfach Dollarscheine hinhalten

Cash Transfers In einigen südafrikanischen Staaten wie Mosambik und Namibia gibt es inzwischen ein Modell der Entwicklungshilfe, das den Bedürftigen Bargeld statt Hilfsgüter gönnt

Das spannendste Konzept zur Bekämpfung der Armut und des weltweiten Hungers in Afrika hat weder etwas mit dem Bau von Wasserkraftwerken noch Überlandtrassen noch mit Gipfeltreffen der G8 oder G20-Staaten zu tun, bei denen sich alle kräftig auf die Schultern klopfen. Nein, am Anfang dieses Modells steht eine Geschichte, bei der es um Kung-Fu-Filme geht.

Mitte der neunziger Jahre arbeitete Claire Melamed in einem Dorf im Norden von Mosambik, einem Land im Süden Afrikas, das um diese Zeit nach einem 16 Jahre dauernden Bürgerkrieg nicht nur eine Million Opfer zu beklagen, sondern auch so gut wie jede Infrastruktur eingebüßt hatte. Das Jahreseinkommen pro Kopf der Bevölkerung lag bei umgerechnet 80 Dollar. So gab es auch in der Gemeinde Nacuca, von der hier die Rede ist, keinen Strom und kein fließendes Wasser mehr. Zerstreuungen waren für die Bewohner ein kostbares Gut. Immer wieder wurde die Entwicklungshelferin Claire von den Einheimischen gefragt: „Wir müssen hier leben, aber warum bloß hast du dich entschieden, in dieser Einöde zu bleiben?“ Doch dann kamen eines Tages Besucher ins Dorf und mit ihnen änderte sich die Stimmung.

Die Männer hatten als Soldaten in Mosambiks langem Bürgerkrieg gekämpft, der schon bald nach der Unabhängigkeit von Portugal im Juni 1975 begann. Wie rund 90.000 demobilisierte Soldaten bekamen diese Wanderarbeiter seit ihrer Entlassung aus den Reihen der Nationalarmee oder des Rebellenheeres der RENAMO* monatlich 15 Dollar aus Spendengeldern als finanzielle Unterstützung, um ein Geschäft aufzubauen. Dieser Trupp hatte sein Geld zusammengelegt, um ein Fernsehgerät, einen Videorekorder und einen Stromgenerator zu kaufen.

Ein paar alte Bruce-Lee-Videos reichen schon aus

Die Ex-Soldaten tourten in ganz Mosambik durch die Dörfer und zeigten Der Mann mit der Todeskralle und Todesgrüße aus Shanghai – gegen Eintritt. Wer kein Geld hatte, konnte mit Mais, Reis oder Kassave bezahlen. Im abgelegenen Nacuca, das Isolation und Langeweile plagten, kamen sie mit ihrem Programm extrem gut an, sie blieben mehrere Tage und zeigten immer wieder ihre Filme.

Was Claire Melamed bei dieser Episode beo­bachten konnte, war einer der ersten Versuche mit so genannten Cash Transfers, die heute zu den meist diskutierten Ansätzen einer zeitgemäßen Entwicklungshilfe zählen. Sie folgen der Überlegung, dass Geldzahlungen, die an keinerlei Bedingungen geknüpft werden, sehr viel effektiver als Hilfsgüter sein können – Just Give Money to the Poor, so auch der Titel eines aktuellen Buches, das sich mit diesem Phänomen beschäftigt. Die Autoren Joseph Hanlon, Armando Barrientos und David Hulme zählen 45 Projekte in Afrika, Lateinamerika und Asien auf, bei denen Millionen Familien Geldzahlungen erhalten. In Brasilien wird den Armen beispielsweise in Lotto-Läden eine Zuwendung ausgehändigt. In Namibia fahren Pick-Up-Trucks übers Land, die mit Geldautomaten bestückt sind, aus denen sich alte Damen ihre monatliche Rente ziehen können.

Alles klingt so nachvollziehbar, dass man sich an den Kopf greifen will: Bargeld geben, machen wir das nicht jedes Mal, wenn wir Geld in einen Umschlag stecken oder einen Scheck mit einer Spende an eine Hilfsorganisation ausstellen? Doch dieses Geld – egal, ob es nun von Einzelpersonen, Regierungen, Nichtregierungsorganisationen oder internationalen Organisationen wie der Weltbank kommt – erreicht die Bedürftigen in Afrika und Asien normalerweise in Form von Straßen, Schulen oder vielleicht sogar Radiosendern. Das Motiv dieser Segnungen liegt auf der Hand: Den Armen die Infrastruktur und Ausbildung zur Verfügung stellen, die sie brauchen, um der Armut zu entfliehen. Aber ich sollte wohl besser sagen, das war ein entscheidendes Motiv. Wenn wir auf die vergangenen Jahre zurückblicken, dann müssen wir feststellen, dass sich das Goldene Zeitalter dieser Art von Entwicklungshilfe dem Ende zuneigt.

Wissenschaftler und Autoren wie Bill Easterly und Dambisa Moyo ernten Applaus für Bücher mit Titeln wie Dead Aid. Unter dem Eindruck von Weltfinanzkrise und Rezession vermeiden es Politiker, bei Veranstaltungen wie dem G20-Gipfel vergangene Woche in Toronto Versprechen auch nur zu erwähnen, wie sie die afrikanischen Länder 2005 beim G8-Treffen zu hören bekamen. Im schottischen Gleneagles wurde seinerzeit vereinbart, die Hilfen bis 2010 gemeinsam um mindestens 50 Milliarden Dollar zu erhöhen. In Toronto musste man einräumen, dieses Ziel um schätzungsweise 18 Milliarden verfehlt zu haben.

Wenn trotz dieser Versäumnisse G8-Gelder locker gemacht werden, versanden sie oft in den unmöglichsten Projekten. Die deutsche Regierung etwa hat 2008 eine halbe Million Dollar in ein angebliches „Ernährungsprogramm“ gesteckt. Tatsächlich stellte sich heraus, das eigentliche Ziel des Projekts bestand darin, den unangenehmen Geruch, den Verarbeitungsfirmen von Lebensmitteln in China (und natürlich auch in Deutschland) verursachen, zu reduzieren. Das könnte man als Witz bezeichnen, wäre es nur im entferntesten lustig.

Sogar in New York wird mit Cash Transfers experimentiert

So erscheint es ziemlich attraktiv, einen ordentlichen Brocken der 100 Milliarden Dollar Hilfsgelder, die weltweit unter Entwicklungshilfe verbucht werden, direkt unter den 1,4 Milliarden Menschen zu verteilen, die mit weniger als 1,25 Dollar am Tag auskommen müssen. Es gäbe weniger unseriöse Geschäfte, weniger Bürokratie. Bemerkenswert ist dabei, dass diese Initiative im Wesentlichen von den armen Nationen ausgeht. Ihre Regierungen handeln zumeist unter dem Druck der Not.

Unterdessen streiten die Geberländer erwartungsgemäß darüber, wie viel sie für das neue Modell geben wollen und in welcher Form. Feststeht, die Welt der Samariter und Hilfsgüter würde damit auf den Kopf gestellt. Vor ein paar Jahren testete das britische Hilfswerk Oxfam das Konzept in einigen vietnamesischen Dörfern. Oxfam-Mitarbeiter verteilten an über 400 Familien auf einmal das Dreifache des ihnen sonst verfügbaren Jahreseinkommens. Als Oxfam ein Jahr später in diese Orte zurückkehrte, ließ sich feststellen, dass die Armut rapide gesunken war. Das Geld war größtenteils in Nahrungsmittel oder Dünger, Samen oder den Viehbestand investiert worden. Die Älteren hatten einen Teil des Geldes für Särge ausgegeben und erklärten, dass Bestattungskosten zu den härtesten Ausgaben zählten, für die Familien in Vietnam aufkommen müssten. Eine Gruppe hatte ein Gemeindehaus gebaut, um dort Yoga zu praktizieren.

US-Außenministerin Hillary Clinton schrieb einmal, man brauche ein Dorf, um ein Kind großzuziehen – die Metapher und das beschriebene Beispiel zeigen, dass man mit ein paar Millionen vietnamesischen Dong ein Dorf in ein ansehnliches Notting Hill verwandeln kann. Resultate wie dieses haben den Autor Joe Hanlon zu der Forderung veranlasst, dass die Milliarden, wie sie von den G8-Staaten 2005 in Gleneagles versprochen wurden, direkt in die Taschen der Menschen gelangen sollten. Ein derartiges Verlangen geht sicher zu weit: einzelne Spenden an den einzelnen Bedürftigen können Straßen, Schulen und Krankenhäuser nicht ersetzen. Aber direkte Geldzahlungen können das beste Mittel sein, wenn gewisse Anlagen und Möglichkeiten bereits vorhanden sind – wenn es Menschen gibt, die beides zu nutzen wissen. Der Soziologe Richard Dowden von der Royal African Society betont: „Dorfgemeinschaften werden oft von Ältesten, von Räten oder von Clan-Führern streng kontrolliert. Wenn man ländlichen Kommunen einfach Dollarscheine hinhält, dann riskiert man, diese Hierarchien zu verfestigen.“ Doch abgesehen von diesen Vorbehalten wird das Konzept des Cash Transfers immer populärer. Sogar in New York gab es bereits das Experiment, armen Bürgern Geld auszuhändigen, wenn sie ihre Kinder auf die Schule schicken.

Die Idee zum Cash Transfers entstand in einem armen Land wie Mosambik, doch sie lässt sich erfolgreich exportieren. Ganz ähnlich wie Bruce-Lee-Filme.

* RENAMO, Nationaler Widerstand Mosambiks. Gegen die marxistische Regierung der FRELIMO gerichtete Organisation. Sie wurde von den USA und Südafrika finanziert

Aditya Chakrabortty ist Autorin des Guardian für Entwicklungspolitik/Übersetzung: Christine Käppeler

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

12:41 11.07.2010
Geschrieben von

Aditya Chakrabortty | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14636
The Guardian

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1