Einfach Whoopi

Porträt Whoopi Goldberg ist eine der besten und wichtigsten Schauspielerinnen, ihre Stimme hat in den USA politisches Gewicht. Und privat? Herrscht Anarchie

Julia Roberts würde bestimmt nicht in einer Seitengasse hinter dem London Palladium stehen, um heimlich eine zu rauchen – Whoopi Goldberg schon. Sie steht an den Mülleimern, zieht an einer Marlboro, flirtet mit Bühnenarbeitern und philosophiert darüber, warum ihr Film Sister Act so erfolgreich war. „Ich war lustig“, sagt sie mit dieser vertrauten Zwei-Schachteln-am-Tag-Stimme, „und die Musik war großartig.“

Recht hat sie. Die Idee, Nonnen Motown-Songs singen zu lassen, kam äußerst gut an und Goldberg selbst war – als Clubsängerin auf der Flucht, die sich in einem Kloster versteckt – spritzig und witzig. Sister Act war neben ihrem Debüt in Die Farbe Lila und der Verkörperung eines Mediums in Ghost – Nachricht von Sam, für die sie einen Oscar gewann, die dritte von drei sehr guten Darbietungen, die Whoopi Goldberg in den frühen Neunzigern zur bestbezahlten Schauspielerin Hollywoods machten.

Sie gab nichts darauf, dass Stars eigentlich politisch neutral bleiben sollten und nutzte ihren Ruhm, um ihre Meinung zu allen möglichen Themen, von Abtreibung bis zur Steuergesetzgebung, öffentlichwirksam kundzutun. Bill Clinton profitierte erheblich von diesem Engagement und stellte ihr für die Anreise zu seiner Inauguration eine Eskorte. John Kerry erhielt mächtig Auftrieb durch einen nicht besonders subtilen Namenswitz, den sie über George W. Bush machte, und auch die Obamas wissen, wieviel ihre Unterstützung wert ist: Während des Wahlkampfes nutzte Michelle die ungezwungene Atmosphäre von Goldbergs Gesprächssendung im Fernsehen, um sich gegen rechte Verleumdungen zu verteidigen, sie sei eine schwarze Sektiererin.

Befreundet mit Obama

Wir Europäer bekommen wenig mit von dem politischen Einfluss, den Goldberg in den Staaten hat. Sie macht aus ihrer Haltung keinen Hehl, ist aufrichtig am Schicksal anderer interessiert – nur wenige Stars, die sich für wohltätige Zwecke wie den Kampf gegen Obdachlosigkeit oder Drogenmissbrauch einsetzen, haben diese Dinge am eigenen Leib erfahren – und ist immer offen, selbst wenn es um ihre Freunde geht: „Es ist großartig, Barack als Präsidenten zu sehen, aber es gibt ne ganze Menge zu tun und er steckt mittendrin. Es ist kein Geld da und alle sind völlig außer sich und schlecht auf die USA zu sprechen.“

So wollen wir denn auch offen sein, wenn es um die Bühnenadaption von Sister Act geht, den Grund ihres Londonaufenthaltes. Die Show eröffnet kommenden Monat im Londoner Palladium. Wer sich ein Ticket kauft, sollte aber nicht erwarten, dass Frau Goldberg – „Hey Mann, einfach Whoopi“ – nach 17 Jahren noch einmal die Deloris gibt. „Ich bin nicht dabei,“ grummelt sie und starrt über die lilafarbenen, ovalen Gläser ihrer Omabrille, die sie nie ihren Nasenrücken hochschiebt. „Ich bin 112 Jahre, zu alt also.“ Genau gesagt ist sie 53, doch ihre Dreadlocks sind bereits von silbernen Strähnchen durchsetzt und Deloris ist eine junge Frau. „Außerdem singe ich nicht.“

Sehen Sie hier das große Finale aus Sister Act, den Abschlusschor "I will follow him"

Sieht man sich den Film noch einmal an und achtet dabei auf die Playbacks, merkt man, dass sie das tatsächlich nicht tut. Ihr Zutun beim Musical scheint sich darauf zu begrenzen, dass sie sich ein paar Tage lang die Proben in London angeschaut hat – doch selbst das ist ein Wunder, wenn man bedenkt, dass sie aus Flugangst dreizehn Jahre lang kein Flugzeug betreten hat. „Ich hatte ein Bild im Kopf“, sagt sie heute, „das sich immer weiter aufbaute, bis die Sache solche Ausmaße angenommen hatte, dass Fliegen einfach unmöglich für mich war.“ Dieses Bild war das einer Flugzeug-Kollision in der Luft. Also reiste sie nur noch in einem persönlichen Tourbus oder dem Transatlantik-Liner QE2. Wie kommt es, dass sie sich heute ihren Ängsten stellt? „Sie haben mit einem Scheck vor mir herumgewedelt. Trotzdem wurde ich total nervös und fing schon ein paar Tage vorher an zu schwitzen.“ Und, wie war der Flug letztendlich? „Hm. Ob es trotzdem schwer war und ich mich unwohl gefühlt habe? Ja. Aber es war eben nicht ‚unlösbar‘, das war der Unterschied.“

In ihren Jeans, dem schwarzen T-Shirt und weißen Kittel ist sie überhaupt nicht wie ein Star gekleidet, doch als ein paar junge Frauen von der Hauptstraße herüber rennen und um ein Foto mit ihr betteln, schenkt sie ihnen ein strahlendes, professionelles Lächeln. Fremde tauen bei ihrem Anblick auf, alleine ihr Name entlockt den Leuten ein Lächeln. Cary Elaine Johnson, so ihr eigentlicher Name, erhielt ihren Spitznamen von einem Furzkissen, im Englischen whoopie cushion genannt, weil sie so häufig Blähungen hatte. Allerdings war ihre Kindheit keineswegs ein einziges Freudengelächter. Die 1955 in New York geborene Johnson litt unter Dyslexie, brach die Schule ab, zog von zu Hause aus, war eine Weile lang obdachlos und wurde heroinsüchtig. Den Drogenberater, der ihr half, von den Drogen loszukommen, hatte sie im Alter von zwanzig bereits geheiratet, ihm ein Kind geboren und sich wieder von ihm scheiden lassen. Später arbeitete sie als Maurerin und Visagistin in einer Leichenhalle und versuchte unterdessen, den Durchbruch als Schauspielerin und Komikerin zu schaffen. Den Namen Goldberg hatte sie in Erinnerung an ihre jüdischen Vorfahren angenommen. Dann sah sie eines Tages Steven Spielberg in einer Ein-Frau-Nummer über ET und gab ihr eine Rolle in seinem Film Die Farbe Lila. „Ich habe die Rolle zuerst abgelehnt,“ erinnert sie sich. „Wer will sowas schon versauen?“ Doch entgegen ihrer Befürchtungen war sie hinreißend in der Rolle der Celie, welche den Blick auf schwarze Schauspielerinnen verändern sollte.

Viel Beifall und eine eigene Show

Oprah Winfrey spielte ebenfalls eine Rolle in dem Film und wurde dann zu einer prominenten Figur der amerikanischen Gesellschaft. Doch während Winfrey orthodox ist, bleibt Goldberg wild. Drei Mal hat sie geheiratet, drei Mal hat sie sich scheiden lassen. Als junge Mutter und Tochter einer solchen war sie nicht gerade in der Position, an die Decke gehen zu dürfen, als ihr eigenes Kind schwanger wurde. Auch wenn Alexandrea erst 14 war. „Das war schon heftig,“ sagte sie einmal dazu. Trotzdem stand sie ihrer Tochter zur Seite: „Ich habe gesagt: ‚Ok, wir werden uns alle zusammentun, um dir zu helfen.‘“ Dazu gehörte auch, dass Goldbergs Mutter Emma den Auftrag erhielt, sich um das Baby zu kümmern, während Whoopie und Alex drehten. In Sister Act 2 waren sie gemeinsam zu sehen, doch die schauspielerische Zusammenarbeit von Mutter und Tochter währte nicht lang. „Sie ist eine schreckliche Schauspielerin,“ sagt Goldberg lachend über ihre Tochter. Alex, inzwischen eine Frau in den Dreißigern, ist nun Chefköchin und lebt mit drei Kindern in Kalifornien.

Goldberg hat sich entgegen eigener Ankündigungen nicht von der Schauspielerei zurückgezogen. „Ich habe es fast bis auf null zurückgefahren, aber nicht aufgehört. Was hätte ich sonst machen sollen?“ Sie hat ihr Ein-Frau-Programm wieder aufgenommen, dafür viel Beifall erhalten und moderiert beim amerikanischen Fernsehsender ABC eine Show namens The View, bei der sich illustre Gäste die Klinke in die Hand geben. Condoleezza Rice zum Beispiel war da und hat mit bemerkenswerter Offenheit über ihr Singledasein gesprochen: „Die Leute sagen, ich hätte mich so sehr meiner Karriere verschrieben, dass mein Privatleben zu kurz gekommen wäre. Die Wahrheit ist aber, dass ich nie jemanden gefunden habe, den ich hätte heiraten wollen.“

Ausschnitt aus Whoopi Goldbergs Show "The View"

Goldberg konnte dies in der Sendung offensichtlich gut nachfühlen, ist sie also auch Single? „Weiß nicht“, sagt sie grinsend und guckt wieder über den Rand ihrer Brille. „Ich glaube nicht, dass ich Single bin, aber ich bin auch nicht richtig vergeben. Ich bin nicht sehr gut in Beziehungsangelegenheiten, obwohl ich es gern wäre. Ich habe all meine Zeit und all mein Geld meinem Kind gegeben, jetzt will ich diese Dinge für mich selbst.“

Dann sagt sie: „Es ist nicht leicht, einer Beziehung Raum zu gewähren, wenn noch so viele andere Leute im Zimmer sind.“ Wortwörtlich kann das doch nicht gemeint sein, immerhin lebt sie nur mit ihrem Kater Oliver in einem Loft in Soho. „Ich bin egoistisch. Ich genieße es, aufstehen zu können, wann ich will und hinzugehen, wo ich will. Das ist schwer, wenn man nicht gerade jemanden trifft, der einen wirklich aus den Socken haut. Dann halte ich es nicht für klug, viel Zeit mit einer Beziehung zu verbringen, die man nicht ernst meint.“ Sie steckt also noch in ihren Socken?

„Kniestrümpfen im Moment.“

Am Tage der Vereidigung von Barack Obama blieb Goldberg zu Hause, weil sie Angst vor den Menschenmassen hatte. Sie, die „aus dem Fenster gebrüllt“ hatte, als Obamas Wahlsieg bekannt wurde, betrachtete seinen Amtsantritt als „das Ende von etwas, genau wie es der Anfang von etwas war. Als wir kleine Kinder waren, wurde uns gesagt, dass jeder Präsident werden könne – aber es wurde eben nicht jeder. Diese Hürde haben wir nun übersprungen.“

Nun warten höhere Hürden: „Die Präsidentschaft ist eine fast unlösbare Aufgabe, nicht zuletzt wegen des Schadens, den George W. Bush angerichtet hat. Amerika war nie zuvor so entfremdet. Eine kurze Zeit lang dachten wir: „Scheiß auf den Rest der Welt, wir brauchen euch nicht. Das tun wir aber sehr wohl.“ Ihre Wut beschränkt sich allerdings nicht auf die ehemalige US-Regierung allein. „Ich habe gesehen, wie die Staatschefs von Deutschland und Frankreich gesagt haben, die Krise sei Amerikas Niederlage. Ey, wovon redet ihr? Haben eure Banker das Problem kommen sehen und gefordert, damit aufzuhören? Nein. Sie haben auch alle fleißig dereguliert, soviel Geld abgegraben, wie sie konnten und dann gesagt: ‚So funktioniert das nicht. Tschüss, auf Wiedersehen.‘ Und wie immer sind es die Menschen am unteren Ende der Leiter, die am Arsch sind. So ist es schon immer gewesen, aber dermaßen... verachtenswert war es noch nie.“

Kein Wunder also, dass Fensterscheiben zertrümmert werden? Das allerdings mag sie auch nicht gutheißen: „Die Leute sollen brüllen und schreien, so viel sie wollen. Aber Sachen kaputtmachen? Das Problem liegt doch nicht bei bestimmten Leuten, sondern im Bankensystem. Fensterscheiben einzuwerfen bedeutet, dass es auch in Ordnung ist, wenn die anderen kommen und deine Tür einschlagen.“

Ein paar Leichen im Keller

Die Schauspielerin hat sogar daran gedacht, selbst für ein politisches Amt anzutreten, sagt aber, sie habe „noch ein paar Leichen im Keller“ und fürchte Angriffe, wie jene, denen die Obamas ausgesetzt waren. „Alle haben sich drüber aufgeregt, dass sein Pastor Jeremia Wright gesagt hat: ‚Gott verdamme Amerika‘. Es hieß, er sei ein Rassist. Ja, er ist ein verdammter Rassist. Er hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft und kehrte heim, um dann im Bus hinten sitzen zu müssen. Er ist sauer. Wenn man die Geschichte kennt, weiß man, dass es bestimmte Generationen von Schwarzen gibt, die nicht glücklich sind.“

Vergangenes Jahr hat Danny Clover, Whoopis Film-Partner in Die Farbe Lila gesagt, er fürchte, Obama werde sich als Karrierepolitiker wie alle anderen erweisen. Goldberg ist anderer Meinung: „Wird Barack Obama sein, was alle wollen, ein Messias, der auf dem Wasser geht? Das wohl eher nicht. Wird er versuchen, was geregelt zu kriegen? Ja. Wird er sich den Arsch aufreißen? Ja. Ich möchte einfach sehen, dass jemand sich Mühe gibt nach diesen letzten acht Jahren.“


Hier sehen sie das große Finale von Sister Act, den Abschlusschor "I will follow him" und einen Ausschnitt aus Goldbergs Talkshow View

Best of: Whoopi Goldberg über ...

... ihre Rolle in Die Farbe Lila Ich habe der Autorin Alice Walker gesagt, dass ich alles spielen würde. Eine Jalousie, Dreck auf dem Boden, einfach alles.

... Aussehen Ich sehe nicht aus wie Halle Berry. Aber sie könnte irgendwann mal aussehen wie ich.

... Schauspielerei Eine Schauspielerin kann nur Frauen spielen. Ich bin Schauspieler, ich kann alles spielen.

... das Autofahren Ich fahre nicht gern Auto, was mich ziemlich traurig macht, weil ich beim Fahren ziemlich viel herumbrülle. Aber davon abgesehen ist mein Leben ziemlich in Ordnung.

... Politik Ich betrachte den Kommunismus nicht wirklich als eine schlechte Sache.

... den Kampf gegen den Terror Wenn man Kriegsgegner war und versucht hat, seine Haltung zu erklären, dann war das egal besonders in der Unterhaltungsindustrie. Man wurde als unpatriotisch abgestempelt, was doch irgendwie bescheuert ist. Denn wenn man gegen den Krieg ist, ist man gegen das Sterben von Menschen.

... die Wahl George W. Bushs Das Land hat einen neuen Präsidenten bekommen, der mir freundlicherweise viel Material zur Verfügung gestellt hat, und ich bin in die Wechseljahre gekommen ich schätze also, wir alle erleben eine schockierende Veränderung.

... das Leben Normalität ist nicht mehr als der Durchlauf einer Waschmaschine.

Übersetzung: Zilla Hofman

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11:00 07.05.2009
Geschrieben von

Cole Morton, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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