Einfrieren für immer

Kryonik Das ewige Leben als Riesengeschäft. Zu Besuch bei Menschen, die sich auf die Unsterblichkeit vorbereiten. Für Sylvia Sinclair begann alles mit dem Tod Queen Marys 1953

In einem Bungalow in Peacehaven an der Ostküste der südenglischen Grafschaft Sussex planen ein 72-jähriger Mann und seine 62 Jahre alte Frau ihre Zukunft. Sie sprechen dabei nicht über morbide Dinge wie den Tod, denn für die beiden gibt es ihn nicht. Wenn sie aufhören werden zu atmen, gehen sie in ein Stadium über, in dem ihre Beseeltheit aufgehoben ist. Sie werden bei Minus 200 Grad Celsius in einem großen Behälter mit flüssigem Stickstoff liegen, der ihre Gehirne und ihre Organe solange wie möglich konservieren wird, bis die Technik so weit fortgeschritten ist, dass es möglich sein wird, sie wiederzubeleben.

Es gibt Kryonisten, so die Fachbezeichnung für Menschen wie Alan Sinclair und seine Frau Sylvia, die entscheiden, dass nur ihr Kopf eingefroren werden soll. Sie gehen davon aus, dass er alles Lebensnotwendige enthält. Sie glauben, wenn es soweit sein wird, dass sie wiederbelebt werden können, dann werde es einfacher sein, vielleicht sogar von Vorteil, ihn mit einem neuen Körper zu verbinden. Für Alan, der mit seiner Frau Sylvia früher ein Altersheim führte, begann alles mit dem Tode Queen Marys 1953: „Mir war schon früh bewusst, dass das Leben sehr kurz ist.“ 30 Jahre später sah er im Fernsehen eine Wissenschaftssendung über Kryonik, wenige Tage später schloss er sich der Bewegung an.

Alan leitet nun die Organisation Cryonics UK, einmal im Monat trifft er sich mit seinen Mit-Kryonikern und potentiellen Konvertiten, um die Durchführbarkeit und mögliche Probleme ihrer kryonischen Suspension zu besprechen. Zunächst einmal ist es erforderlich, dass ein Expertenteam nach dem so genannten Tod sofort das Blut aus dem Körper pumpt und ihn mit Frostschutzmittel füllt. Dieser Vorgang ist deshalb so schwierig, weil so gut wie alle Mitglieder von Cryonics UK bisher nur mit Puppen geübt haben und nicht an echten Menschen. Wenn Luftblasen in die Schläuche geraten, wird das Gehirn geschädigt. Zweitens gibt es in Großbritannien keine Lagermöglichkeiten, weshalb die Patienten in die USA oder nach Russland überführt werden müssen. Drittens hat die Wissenschaft noch einen weiten Weg vor sich.

Mike Darwin ist gut drauf

Aber Alan war schon immer Optimist. Er weiß, dass die Umstände alles andere als perfekt sind, aber er macht das alles schließlich um der ewigen Glückseligkeit Willen. Vor dem Bungalow steht ein alter Krankenwagen, den er mit einer Ausrüstung für die kryonische Suspension bestückt hat. Sie ist überraschend altertümlich, im Prinzip besteht sie aus einem Koffer mit einer Menge Schläuche, die an eine veraltete Ausrüstung zum Weinkeltern erinnern. Alan hat sich dafür den Namen „Krankenwagen in die Zukunft“ ausgedacht.

Im Wohnzimmer sitzt ein Dutzend Leute; Alan ist mit seinen 72 Jahren der älteste von ihnen, Dave ist mit 24 Jahren der jüngste. Die meisten tragen ein silbernes Armband, das sie als Kryoniker ausweist, die ihren monatlichen Beitrag bezahlen und erwarten, dass sie nach dem letzten Atemzug auf die vereinbarte Art und Weise tiefgefroren werden.

Alan, der jünger aussieht als er ist, spricht in einem monotonen Singsang, während Sylvia Tee zubereitet: „Sylvia wird unserem Tee Arsen beimischen.“ Diesen Witz macht er jedes Mal und er berührt den Kern ihres Problems. Die Kryoniker sterben nicht schnell genug, deshalb ist die Möglichkeit, ihre Fertigkeiten bei der Suspension zu verbessern, begrenzt. Alan erzählt, er habe einmal eine Suspension ausgeführt, aber er sei alles andere als stolz darauf. Sie lief nicht so glatt wie geplant.

Benjamin Franklin war 1773 der erste, der den Gedanken äußerte, es könnte möglich sein, menschliches Leben in einem erstarrten Zustand über Jahrhunderte hinweg zu erhalten. Dann geschah 200 Jahre lang erst einmal nichts, bis der Physikdozent Robert Ettinger 1962 das Buch Aussicht auf Unsterblichkeit veröffentlichte. Ettinger argumentierte, es müsse möglich sein, den menschlichen Körper so lange einzufrieren, bis wir herausgefunden haben, wie der Tod besiegt werden kann, da es uns auch möglich ist, Nahrungsmittel gefroren frisch zu halten.

Der Begriff Kryonik kommt vom griechischen Wort kryos, das so viel bedeutet wie kalt. Er wurde 1965 von Karl Werner, dem Gründer der Cryonics Society of New York geprägt. Vorraussetzung ist, dass das Gedächtnis, die Persönlichkeit und die Identität in den Zellstrukturen vor allem im Gehirn angesiedelt sind. Die Kosten schwanken zwischen 28.000 Dollar für den Erhalt des Kopfes und 155.000 Dollar für den ganzen Körper.

Ein gewisser Jerry

Der größte Kryoniker-Verband ist die amerikanische Firma Alcor. Sie hat mehr als 800 Mitglieder, die darauf warten, konserviert zu werden. Alcor wurde 1972 gegründet, 87 Mitglieder hat sie bereits eingefroren. Und dann ist da noch The Cryonics Institute, das 1976 von Ettinger gegründet wurde und bereits 95 Patienten suspendiert hat. Die beiden Institute konkurrieren miteinander. Als der erste Mann Ende der sechziger Jahre den Mond betrat, schien die Ewigkeit für die Menschheit nicht mehr weit entfernt. Doch der Fortschritt hat mit den Träumen nicht Schritt gehalten.

An diesem Wochenende will Alan mit seiner Gruppe eine Kiste bauen, in der die frisch vorübergehend Verstorbenen abgekühlt werden können. Alan wird schnell ungeduldig, wenn einer sagt, das sei zu kompliziert und man müsse zu vieles beachten. Am Ende, so sagt er, würden da doch einfach ein paar Anschlüsse gelegt.

Noch wichtiger als die Eiskiste ist der Stargast dieses Wochenendes, Mike Darwin. Alan informiert die anderen mit einer Mischung aus Bewunderung und Furcht über den Mann, der unter dem Namen Michael Federowicz in Indianapolis im Bundesstaat Indiana geboren wurde. Er arbeitete als Dialysetechniker und nahm als Kryoniker den Namen Darwin an. Im Alter von 17 Jahren führte er auf Geheiß von Saul Kent, der unter Kryonikern ebenfalls eine große Nummer ist, seine erste kryonische Suspension durch. In den Achtzigern wurde er Vorsitzender von Alcor, dann allerdings unter strittigen Umständen entlassen. Alan hält Darwin für den wichtigsten Kryoniker der Welt. Allerdings kann er nicht nur Positives vermelden: „Er ist ein toller Redner, wenn er nicht gerade eine seiner depressiven Phasen hat. Dann klingt alles, was er sagt, etwas sinnlos.“

Kurz darauf betritt ein muskulöser Mann den Raum, dessen Kopf glattrasiert ist, er trägt einen Bart, Schweiß strömt aus seinen Poren und er hat einen starren Blick. Dieser Mann muss Darwin sein. Darwin hat jahrzehntelang die kryonische Suspension von Hunden, Hasen und Menschen geübt. Er kann sich nicht vorstellen, wie dieser wild zusammengewürfelte, unerfahrene Haufen auf die Idee kommt, sie könnten erfolgreich eine Suspension durchführen.

„Unser Ansatz muss umfassend und aggressiv sein. Wir müssen so reich und bedeutend wie Scientology werden. Dieses Maß an Leistungsbereitschaft brauchen wir.“ Er macht eine Pause. „Das ist jetzt vielleicht nicht das beste Beispiel.“ Der Punkt sei, dass es eine große Nachfrage gebe, wenn nur die Technik endlich stimmen würde. Er erzählt von seinen Erfahrungen in Russland, wo er für eine noch junge Firma namens KrioRus arbeitet. Obwohl die Menschen dort vor 18 Jahren erleben mussten, wie es ist, wenn die Welt von einem Tag auf den anderen aus den Fugen gerät, hätten 20 Prozent auf die Frage, ob sie unsterblich sein wollen geantwortet: „Ja, unter allen Umständen.“ Darwin will die Menschen nicht nur von der Kryonik überzeugen, sondern davon, dass die Kryonik ein Riesengeschäft ist.

Aber, so fährt er fort, wer sich der Kryonik nicht voll und ganz widmet und die nötigen Fertigkeiten erwirbt, der wird es nicht weit bringen. „In Amerika haben wir niemanden suspendiert, bevor wir nicht an Tieren üben konnten. Ohne Erfahrung werdet ihr die Patienten kaputt machen. Nicht nur einmal, sondern jedes Mal.“ Übung, so Darwin, sei der Schlüssel zum Erfolg. Doch die Möglichkeiten seien begrenzt, seit ein gewisser Jerry verhaftet worden sei.

Die Kryoniker entscheiden sich für eine Pause. Die Sitzung an diesem Morgen war anstrengender als sie gedacht hatten. Sylvia hat Fish and Chips für alle bestellt. Ich frage Alan nach der Verhaftung, die Darwin angesprochen hat. Eine alte Geschichte. Der Herzchirurg Jerry Leaf sei Vizepräsident von Alcor und Darwins Partner gewesen. Die beiden haben zusammen einen Blutersatz entwickelt, mit dessen Hilfe sie einen Hund bei Temperaturen um den Gefrierpunkt fast vier Stunden lang am Leben erhalten konnten. Dann habe er eine Frau suspendiert. Sie sei 97 Jahre alt gewesen, er habe sie aus dem Altenheim in sein Institut gebracht, wo sie gestorben sei. Die Geschichte spielte sich im Jahr 1987 ab, die LA Times berichtete damals über „den seltsamen Fall des tiefgefrorenen Kopfes“, bei dem es um Dora Kent, die Mutter des Alcor-Stifters Saul Kent ging.

Mark geht auf Zeitreisen

Dora Kent, die in Wahrheit erst 83 Jahre alt war, war von ihrem Sohn aus einer Kuranstalt geholt und zu Alcor gebracht worden. Alcor-Beamte erzählten der Polizei, sie sei eines natürlichen Todes gestorben, dann sei ihr Kopf von Jerry Leaf chirurgisch entfernt worden. Der Staatsanwalt Raymond Carillo hingegen ordnete Tests an, die ergaben, dass Dora Kent mit Schlafmitteln ermordet worden war. Alcor räumte ein, man habe ihr Nembutal gegeben, allerdings erst nach dem Tod, um ihre Gehirnzellen zu erhalten.

Mark, Tim und David sitzen am Tisch und essen Fish and Chips. Alle drei tragen die Armbänder, sind zahlende Mitglieder der Cryonics UK. David zahlt 6 Pfund im Monat für diese „Lebensversicherung“, er wird vom Cryonics Institute, einer gemeinnützigen Organisation in Michigan in den USA suspendiert werden. Alle drei sind sich einig, dass sich vor allem Männer, die ein Interesse an den Naturwissenschaften haben und grundsätzlich optimistisch sind, für die Kryonik interessieren. Mark, der als Software-Entwickler arbeitet, weiß, dass viele aus der IT-Branche kommen: „Softwareentwickler sind es gewohnt, außerhalb der gewohnten Bahnen zu denken, denn sie verbringen ihre gesamte Zeit damit, die Dinge abstrakt zu betrachten.“ Und woher kommt der Wunsch, ewig leben zu wollen? Tim erzählt, er habe das erste Mal darüber nachgedacht, als er erfahren habe, dass Walt Disney eingefroren worden sei. Die Geschichte entpuppte sich als falsch, aber der Gedanke ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. „Mit sechs Jahren bekam ich wahnsinnige Angst vor dem Tod. Im Prinzip fing ich dann an über Lösungswege nachzudenken.“ „In meinem Fall hat das nichts mit Angst zu tun“, erzählt Mark. „Ich habe mich schon als Kind für Zeitreisen interessiert und da Zeitreisen technisch nicht möglich sind, ist das für mich die beste Lösung.“

Die meisten, die David nahe stehen, sind ebenfalls Kryonisten: „Ich glaube, dass Beziehungen eine andere Bedeutung und eine andere Dynamik bekommen, wenn jemand die Absicht hat, ewig zu leben, anstatt innerhalb von ein paar kurzen Jahrzehnten zu sterben. Ich stehe eher auf diese Art von Beziehungen.“ Und er empfindet es als seine Pflicht, die Unsterblichkeit anzustreben: „Die Kryonik ist eine potentielle medizinische Behandlungsform, die Leben retten kann. Also wäre es doch passive Euthanasie, sich der Kryonik zu verweigern. Ich will kein Selbstmörder sein.“

Die Kryoniker knüllen ihre Fish-and-Chips-Tüten zusammen, werfen sie in den Abfall und gehen ins Labor, das nichts weiter ist als Alans Hinterzimmer, in dem auf einem Tisch eine Kiste steht. Tim wischt alle Zweifel beiseite. Er ist bereit loszulegen. „Auf dem Tisch stirbt ein Patient. Beeilt euch.“ Natürlich ist es ein imaginärer Patient. Tim nimmt den Kopf und erklärt seinen weniger erfahrenen Kollegen, wo die Schläuche hinein und wieder hinaus müssen. Mike Darwin schaut ihnen dabei zu, er hat die Arme vor dem Körper verschränkt, seine Sorge um den Patienten nimmt von Sekunde zu Sekunde zu. Dann kann er sich nicht mehr zurückhalten: „Wenn ich mit dieser Ausrüstung arbeiten müsste, dann würde ich mir vor Angst in die Hosen machen. Mit dem Aufbau und dem Kreislauf stimmen ein paar entscheidende Dinge überhaupt nicht.“ Er sagt, dass die Gruppe so viele Fehler gemacht haben, dass der Patient inzwischen irreparable Hirnschäden davongetragen hätte. Darwin deutet an, die Technologie habe sich eher rückwärts entwickelt, seit seinen besten Tagen als Kryoniker vor 20 Jahren. Aber das Wasser pumpt durch den Kreislauf und Alans Team konzentriert sich voll und ganz darauf, den Patienten zu retten. Was auch immer Darwin ihnen sagen mag, sie glauben daran, dass sie ihrer Zeit voraus und keineswegs hintendran sind.


Übersetzung: Christine Käppeler

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14:50 08.01.2010
Geschrieben von

Simone Hattenstone, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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