Einige Länder sind gleicher

Corona Durch Impfstoffe ist für wohlhabende Staaten das Ende der Pandemie in Sicht. Ärmere Teile der Welt brauchen hingegen dringend Hilfe
Einige Länder sind gleicher
Länder wie Indien, wo es unter anderem an Sauerstoff für Beatmungsgeräte mangelte, brauchen Unterstützung

Foto: Xavier Galiana/AFP/Getty Images

Als Covid-19 sich im Januar vergangenen Jahres schnell zu verbreiten begann, verfügten Regierungen auf der ganzen Welt nur über beschränkte Mittel, darauf zu reagieren. Ohne einen Impfstoff oder verlässliche Behandlung, ja nicht einmal der Möglichkeit von Massentestungen konnten Politiker sich nur für die am wenigsten schlechte Option entscheiden.

Zu Anfang der Pandemie gingen die Regierungen grob vier verschiedene Wege. China, Neuseeland, Vietnam und Thailand versuchten, das Virus aus dem Land zu halten. Der Preis dafür war der gestoppte internationale Reiseverkehr. Singapur, Hongkong und Südkorea unterdrückten das Virus durch rigorose Tests, Rückverfolgung und Isolierung, während sie harte Lockdowns vermieden. Schweden ließ das Virus sich in der Bevölkerung ausbreiten, bis das Land feststellen musste, dass das Gesundheitssystem nicht mit der Zahl der Covid-19-Patienten fertig wurde. Unterdessen kontrollierten viele europäische Länder – darunter England und Frankreich – Corona durch eine Abfolge von Lockdown-Maßnahmen, während sie die Grenzen weitgehend offen hielten. Das hatte etwas von einem Flugzeug in einer Warteschleife, dem langsam der Treibstoff ausgeht: Die Menschen wurden der ständigen Einschränkungen überdrüssig, die Wirtschaft litt darunter und Covid-19 wurde nie vollständig unterdrückt.

Bevor es Impfstoffe gab, war die effektivste dieser Strategien die Beseitigung oder auch der „Zero Covid“-Ansatz, den Länder wie Neuseeland, Taiwan und China verfolgten. Aber in den vergangenen 15 Monaten haben sich die Instrumente, über die wir verfügen, radikal verändert. Wir haben jetzt sichere und effektive Impfstoffe, Behandlungsmethoden und Massentestungen, die es Regierungen erlauben, ihre ursprünglichen Strategien zu überdenken und einen nachhaltigeren Plan für die Zukunft zu entwerfen.

Covid-19 brachte Regierungen auf der ganzen Welt ins Schleudern, weil es eine große Zahl von Todesfällen verursachte, die Gesundheitsdienste belastete und die Gefahr von Langzeitsymptomen bei jüngeren Menschen mit sich brachte. Ohne Lockdown-Maßnahmen konnte sich das Virus exponentiell ausbreiten und endlos viele Wirte finden, auf die es überspringen konnte, während die Angst vor dem Virus das Verhalten der Menschen veränderte, was der Wirtschaft schadete. Mit Hilfe von Impfstoffen können diese drei Probleme angegangen werden. Wenn Regierungen in der Lage sind, 80 bi 90 Prozent ihrer Bevölkerungen zu impfen, wird Covid-19 zunehmend ein beherrschbares Gesundheitsproblem, ähnlich wie andere durch Impfung vermeidbare Krankheiten, seien es Masern oder Keuchhusten.

Auf einem guten Weg aus der Krise

Wir wissen, dass Impfstoffe deutlich zur Reduzierung von Krankenhauseinweisungen und Todesfällen beitragen. Die US-Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention fanden heraus, dass ältere Menschen, die mit mRNA-Impfstoffen wie Biontech-Pfizer und Moderna geimpft waren, 94 Prozent weniger wahrscheinlich ins Krankenhaus eingewiesen werden mussten als ungeimpfte Gleichaltrige. Eine Studie in Schottland ergab, dass nach der vierten Woche einer Erstdosis von Biontech-Pfizer und AstraZeneca das Risiko um bis 85 beziehungsweise 94 Prozent reduziert war. Erste Forschungen der Yale Universität weisen zudem darauf hin, dass Impfstoffe bei Long Covid helfen können. Immerhin 30 bis 40 Prozent der von Langzeit-Symptomen Betroffenen, die geimpft werden, berichteten von einer Besserung.

Wenn Impfstoffe tatsächlich verhindern, dass Menschen sterben oder schwer erkranken, dann ist für Länder mit hoher Impfquote, vielen Testungen und Behandlungsmöglichkeiten das Ende der Pandemie in Sicht. Eine neuere Studie an Mitarbeiter:innen des Gesundheitswesens in Schottland, für die eine wissenschaftliche Begutachtung noch aussteht, deutet zudem darauf hin, dass Impfstoffe auch die Übertragung verhindern können.

Israel ist mit seinem Impfprogramm vorgeprescht, die USA und Großbritannien liegen nicht weit dahinter. Die Europäische Union ist ebenfalls auf einem guten Weg und als nächste werden sich wahrscheinlich Ostasien und der Pazifikraum anschließen. Sobald die Bevölkerung dieser Regionen durch Impfimmunität geschützt sind, können sie anfangen, sich wieder der Welt gegenüber zu öffnen und vorsichtig und geplant ihre Grenzbeschränkungen aufheben.

In diesen Ländern werden die Infektionszahlen weniger relevant werden, da die Verbindung zwischen Fällen, Krankenhauseinweisungen und Todesfällen im Großen und Ganzen unterbrochen sind. Das war immer das Ziel der an Behandlungsmethoden und Impfstoffen arbeitenden Wissenschaftler:innen – und die Wissenschaft war erfolgreich. Allerdings bleiben zwei Bereiche, die eine beträchtliche Unsicherheit bergen. Erstens könnte eine Virusvariante auftreten, die die Effektivität der Impfstoffe gegen Tod und ernsthafte Erkrankung verringert. Zudem bleibt die anhaltende Herausforderung, wie mit Kindern und Jugendlichen umgegangen wird, die zum großen Teil ungeimpft und anfällig sein werden. Es scheint absehbar, dass auch Kinder unter 16 ebenfalls geimpft werden. So haben die USA den Biontech-Impfstoff bereits für die Altersgruppe der 12- bis 15jährigen freigegeben. Auch die die EU-Arzneimittelbehörde empfiehlt ihn.

Reiche Länder müssen helfen

Für wann ist also ein Ende der Pandemie zu erwarten? Covid-19 wird nicht auf einen Schlag oder mit einem Festumzug enden. In der Geschichte nahmen Pandemien immer dann ein Ende, wenn die Krankheit aufhörte, das tägliche Leben zu dominieren und wie andere Gesundheitsprobleme in den Hintergrund trat. Vorausgesetzt es tritt keine gefährliche neue Variante auf, könnten reiche Länder innerhalb von Monaten, wenn nicht Wochen das erreichen, was ihre Bürger:innen als das Ende der Pandemie betrachten.

In ärmeren Ländern in Lateinamerika, Subsahara-Afrika und Südasien ist das nicht der Fall. Dort, wo man sich Impfstoffe, notwendige Technologie und Behandlung von Covid-19 nicht leisten kann, bleibt die Bevölkerung durch Ausbrüche gefangen, die Chaos in den Krankenhäusern verursachen und Mitarbeiter:innen des Gesundheitswesen sowie gefährdete und ältere Menschen töten. Es ist nun Aufgabe der reicheren Länder, die sich von der Pandemie erholen, sich den ärmeren Nationen zuzuwenden und dafür zu sorgen, dass diese dringend benötigte Ressourcen erhalten. Erst wenn Covid-19 aufhört, das Leben und die Lebensgrundlagen in allen Regionen der Welt zu beeinträchtigen, lässt sich die Pandemie wirklich als zu Ende bezeichnen.

Devi Sridhar ist Professorin für globale öffentliche Gesundheit an der Universität von Edinburgh, Schottland

Übersetzung: Carola Torti

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10:36 02.06.2021
Geschrieben von

Devi Sridhar | The Guardian

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Ausgabe 23/2021

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