Einsam macht lustig

Clowns Die "Clowns International" sind eine Art Slapstick-Version der UN. Stephen Moss war dort und weiß nun, was Clowns mit Jesus verbindet und warum ihr Job zum Heulen ist

Vorne am Bühnenrand schwenkt ein Mann eine weiße Fahne. Er trägt einen weißen Overall, hat eine Fliegerkappe auf dem Kopf und eine Fliegerbrille auf der Nase. Mitten auf der Fahne prangt ein roter Globus, der sich bei näherem Hinschauen als Clownsnase erweist. Es ist die Fahne von Clowns International. Die Bühne steht im Butlin's in Bognor Regis, wo die in Großbritannien ansässige Organisation gerade ihr alljährliches Treffen abhält. Die Fahne symbolisiert deren Motto: Das Streben nach weltweiter Harmonie durch die universelle Sprache des Lachens. Es ist eine Art Slapstick-Version der UN – obwohl man letztere ja in Sachen Clownerie oftmals nicht so leicht überbieten kann.

Vom Hofnarr zum Aristokraten des Business

Der Mann hat mich neugierig gemacht. Nach der Zeremonie passe ich ihn ab. Sein Name ist Zirkusclown Rico und er erzählt mir, er sei 57. Das erstaunt mich, denn er sieht aus wie 35 – Clownerie scheint den Alterungsprozess aufzuhalten. „Es ist ein sehr unstressiges Leben, denn ich arbeite nur an den Wochenenden“, erklärt er. „Als ich jung war, beschloss ich, dass ich kein Gehirn habe, also konnte ich auf keinen Fall Anwalt werden. Zuerst dachte ich daran, Comedian zu werden, aber dann wurde mir klar, dass es dabei nur darum geht, Leute fertigzumachen. Da ich ihnen lieber Freude bereiten und sie unterhalten wollte, bin ich Clown geworden.“ Comedians machen sich über den Rest von uns lustig, Clowns über sich selbst.“

Er nennt sich Zirkusclown Rico, weil für ihn die Zirkusclowns die Aristokraten des Business sind. „Ich wollte nicht mit Clowns in Verbindung gebracht werden, die zaubern. Ich wollte ein echter, traditioneller Zirkusclown sein.“ Dabei gab es nur ein Problem: Er fand das Zirkusleben ziemlich anstrengend: „Kein fließendes Wasser, keine Toiletten und ich war von meinen Kindern getrennt. Eigentlich lag es mir nicht im Blut, im Zirkus aufzutreten.“ Dass er sich dann ausgerechnet Zirkusclown Rico nennt, findet er trotzdem nicht widersprüchlich. Unser Gespräch berührt ein entscheidendes Thema in der Clownerie der Gegenwart: Den Unterschied zwischen Zirkusclowns und Clowns, die auf Kindergeburtstagen zaubern und Kunststücke vollführen. Letztere haben zwar auch rote Pappnasen und Schlabberhosen an, sie sind aber eher Entertainer als Clowns im eigentlichen Sinne. Den traditionellen Zirkusclown umgibt etwas Magisches, aber es ist nicht die Magie der Hasen, die aus Hüten gezaubert werden. Die wahre Magie besteht darin, etwas über das Leben auszusagen.

Clowns sind in der westlichen Kultur fest verwurzelt. Von den Hofnarren des Mittelalters über Shakespeares Possenreisser bis hin zu Chaplin und Buster Keaton haben sie die Torheit stets verkörpert und zugleich bloßgestellt. Der Schweizer Clown Grock, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa und den USA große Erfolge feierte, sagte einmal, bei der Clownerie gehe es darum, „die kleinen, alltäglichen Unannehmlichkeiten in etwas Seltsames und Fantastisches zu verwandeln. Es geht um die Fähigkeit, aus nichts oder weniger als nichts heraus Freude zu gewinnen.“ Clowns dekonstruieren, was der Rest von uns als selbstverständlich nimmt. Der spanische Clown Charlie Rivel machte eine nicht unbedeutende Karriere mit dem Versuch, sich auf einen Stuhl zu setzen und Gitarre zu spielen.

Irgendwie über die Runden kommen

Clowns International wurde 1946 ursprünglich als eine Art Gewerkschaft für Zirkusclowns gegründet. Im Zuge des Niedergangs der Zirkusbranche durch eine Kombination von Tierschutzbewegung und dem Siegeszug des Fernsehens wurden die Zirkusclowns durch Entertainer ersetzt, die in den Achtzigern und Neunzigern viel Geld auf Kindergeburtstagen verdienen konnten. Jetzt geht allerdings auch dieses Geschäft zurück. Das liegt zum Teil an der Wirtschaftskrise, zum Teil aber auch an der sich immer weiter verbreitenden Wahrnehmung, Clowns seien unheimlich. Schwer zu sagen, wohin die Entwicklung als nächstes gehen wird. Fast alle Clowns, mit denen ich sprach, sagten, die Zeiten seien sehr hart. Viele wollen wieder in ihren alten Berufen als Klempner oder Tischler arbeiten, um besser über die Runden zu kommen. „Wenn mich die Leute nach meinem besten Trick fragen“, sagt der 33-jährige Zaz (alias Matthew Indge), „dann sage ich ihnen: Mein bester Trick besteht darin, zu überleben.“

Viele bestätigen mir, das Großartige an der Clownsfigur sei, dass sie eine Maske biete, die es dem wahren Ich ermögliche, sich zu zeigen. Oft sind Clowns introvertierte Menschen, die gerne extrovertiert wären. Viele von ihnen haben ein hartes Leben hinter sich und den Beruf gewählt, um sich von den restriktiven bürgerlichen Wertvorstellungen zu befreien. Der Narr, der Spaßmacher, der Chaplin'sche Tramp-Clown – sie alle waren Außenseiter, das machte ihren Blick so durchdringend.

Es ist gleichzeitig das, was sie für die Gesellschaft so bedrohlich macht und was erklären könnte, warum der Clown für manche auch eine sehr düstere Seite hat – ein Phänomen, das seit dem Erscheinen von Stephen Kings Besteller Es im Jahr 1986 stark zugenommen hat. In dem Roman ist der Clown Pennywise eine der Manifestationen des Bösen. Nimmt man die Boshaftigkeit des Joker in Batman und den Zynismus von Krusty, dem Clown in den Simpsons hinzu, entsteht ein äußerst bedrohliches Bild. Als ich mich in einschlägigen Geschäften nach einem Kostüm für das Clownstreffen umsah, war ich erstaunt über die Anzahl an dunkeln, bedrohlichen und niederträchtigen Clowns.

Es gibt sogar eine Krankheit, die Courophobie genannt und als Todesangst vor Clowns definiert wird. Sie ist aber äußerst selten. Ein Clown erzählt mir, in seiner 30-jährigen Karriere sei ihm lediglich ein Mensch begegnet, der bei seinem Anblick kollabiert ist und mit Sauerstoff wiederbelebt werden musste. Die Clowns machen sich keine Sorgen um die Courophobie, sondern vielmehr um die kollektive Hysterie, die ihre Gegenwart hervorrufen kann. Ein weiblicher Clown erzählt mir, dass, als sie einmal eine Schule besuchte, eine Gruppe von Mädchen angefangen habe zu schreien und sich auf sie gestürzt habe. Hätte ein anderer Schüler sie nicht schnell genug in einem Klassenzimmer in Sicherheit gebracht, wäre sie nicht unverletzt aus der Sache herausgekommen.

Pferdefuß oder Heiligenschein

Roly Bain, ein 57-jähriger Vikar der Church of England, der auch als Clown predigt, vertritt die Ansicht, Clowns sollten sich von dieser veränderten Wahrnehmung nicht verunsichern lassen. „Clowns haben den Menschen schon immer Angst gemacht. Sie waren sich nie ganz sicher, ob der Clown einen Pferdefuß oder einen Heiligenschein trug. Ich glaube, wir sollten davor keine Angst haben“, sagt er. Mir kommt in den Sinn, dass man im Rattenfänger von Hameln einen mittelalterlichen Vorgänger von Pennywise sehen könnte: die bunt gekleidete Clownsfigur mit magischen Fähigkeiten, die die Kinder in den Tod lockt.

Bain, der als Kind den Zirkus liebte, begann mit der Clownerie, als er an der Uni Theologie studierte. „Eines Tages sollte ich predigen, und ich dachte mir, ich predige über die Vorstellung von Jesus als Clown. Jesus forderte die religiösen Autoritäten heraus und Clowns machen das auch. Sehen Sie sich die Rollen an, die Clowns im Zirkus spielen: Es gibt den August, den Idioten und es gibt den Clown mit dem ganz in Weiß geschminkten Gesicht, der sich selbst immer todernst nimmt. Die weißen Clowns haben mehr von religiösen Führern, die sich immer viel zu wichtig nehmen und mit Sicherheit jedes Mal ihr Fett abbekommen – gewinnen tut immer der August. Der Jesus, der uns in den Evangelien begegnet, sorgt dafür, dass die Weißgesichter – die Pharisäer und Schriftgelehrten – ihr Fett abbekommen.“

Einige der Clowns sind eher traurige Gestalten und haben ein schwieriges Leben. Fast jeder, mit dem ich spreche, scheint geschieden zu sein. Bluey Brattle, der Mitorganisator der Veranstaltung, sagt mir, ich solle dem Klischee von der „Träne des Clowns“ keinen Glauben schenken. Doch das fällt mir nicht leicht. Selbst der große Grimaldi, der Vater der modernen Clownerie aus dem 19. Jahrhundert, soll den Spitznamen „Grim All Day“ – „den ganzen Tag missmutig“ getragen haben, weil er nur wirklich auflebte, wenn er auf die Bühne kam. „Der Clown vereint in sich Komödie und Tragödie, Tod und Auferstehung“, meint Bain. „Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Hieraus speist sich die Tiefgründigkeit der Clowns. Sie sind Spiegel der Menschheit.“

Verheddert in Schlabberhosen

Das ist der Humor von Warten auf Godot und den Leichengräbern in Hamlet, die scherzend darüber diskutieren, ob Ophelia denn überhaupt christlich beerdigt werden dürfe, nachdem sie sich umgebracht hat. Ein Clown meint, ich solle diese selbstbewusste Art der Clownerie meiden. Schließlich gehe doch nichts darüber, ein Tablett über den Kopf zu bekommen. Ich aber will, dass meine Clowns sind wie Figuren aus Romanen Dostojewskis, Künstler, Schamanen, Philosophen. Dieses Tablett symbolisiert Jahrhunderte der Unterdrückung …

Sie sehen, wie gefährlich es ist, ein Wochenende mit hunderten von Clowns zu verbringen. Man verheddert sich nicht nur in seinen Schlabberhosen, sondern sinniert am Ende auch noch über den Sinn des Lebens.


Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

14:30 18.03.2011
Geschrieben von

Stephen Moss | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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