Nour Ali
05.08.2011 | 10:38

Einschusslöcher wie Pockennarben

Syrien Die Schlacht um die Stadt Hama weckt Erinnerungen an 1982. Damals sollen bei einer ähnlichen Strafaktion der Assad-Armee 10.000 Menschen ums Leben gekommen sein

Als am 1. August 2011 in Hama die Sonne untergeht, hat es fast 100 Tote gegeben. Inmitten des Gemetzels müssen viele Bewohner an 1982 denken, als der damalige Präsident Hafez al-Assad – der Vater des jetzigen Staatschefs – seine Armee gegen die Stadt schickte und Tausende diesen Vormarsch nicht überlebten. Die Schatten des Massakers werden nicht kürzer. „Falls mich die Sicherheitskräfte verhaften und fragen, warum ich protestiere, werde ich sagen: 1982 habt ihr meinen Bruder und meinen Vater getötet“, erklärt der 54-jährige Mohamed, als ich ihn im Juli in der Innenstadt von Hama spreche. „Was sollte ich sonst sagen?“

Mohamed war frisch verheiratet und Anfang 20, als sein 19-jähriger Bruder und der 51-jährige Vater von Militärs zusammengetrieben wurden. Sie waren aus der Stadt geflohen, als die Panzer rollten, um einen islamistischen Aufstand niederzuschlagen. Beide wurden erschossen, doch ihre Leichen wie die vieler anderer niemals gefunden. Mohamed weigert sich bis heute, sie für tot erklären zu lassen. „Männer in Weiß, in der Farbe paramilitärischer Verteidigungsmilizen, schossen mit Geschützen zwischen den Häusern hindurch. Wir sahen Autos voller Soldaten und frisch ausgehobene Gräber.“ Mohamed floh ins nördliche Aleppo, wobei er die ersten 15 Kilometer zu Fuß ging. „Ich sah überall Leichen: hier drei, dort fünf. Es war schrecklich.“

Syriens offizielle Geschichtsschreibung verrät wenig über diese drei Wochen im Februar 1982, als die seinerzeit drittgrößte Stadt des Landes belagert und geschleift wurde. Islamisten aus Hama, Aleppo und dem Nordwesten hatten sich gegen die Baath-Partei erhoben, die Syrien seit 1963 regierte. Ende der siebziger Jahre holte die Muslimbruderschaft zum Schlag gegen die Baathisten aus. Mitglieder der Partei wurden niedergemetzelt, Präsident Assad sollte bei einem Attentat sterben.

Im Februar 1982 spitzte sich die Lage weiter zu, als eine islamistische Guerilla Hama zur befreiten Stadt erklärte. Von nun an führte das Assad-Regime einen ähnlichen Überlebenskampf wie im Sommer 2011. Der Gegenschlag ging weit über die Vernichtung der Muslimbruderschaft hinaus: Christliche Kirchen wurden in Hama genauso zerstört wie Moscheen. Von der altertümlichen Geschichte jenes Ortes, der in der Bibel Hamath heißt, sind wenig mehr als 17 alte, Norias genannte Wasserräder geblieben, die in der Brise knarren und sich langsam im Fluss Orontes drehen, der die Stadt durchzieht. Ganze Bezirke wurden nach Assads Strafgericht einfach planiert.

Funken und Flamme

An unzerstörten Gebäuden wirken die Einschusslöcher wie Pockennarben. Über einem Areal, das Anwohnern zufolge ein Massengrab verbirgt, erhebt sich das „Cham Palace“, das zu einer teils staatlichen Hotelkette gehört, wie ein Symbol der Macht des Regimes. In dieser Stadt mit ihren inzwischen wieder 800.000 Menschen kann jeder eine Geschichte von 1982 erzählen. 30 Jahre sind keine Zeit: Die Erinnerungen hallen stark nach, im Augenblick besonders, da Syrien erneut mit einer Erhebung ringt, die unterdrückt wird und bislang über 1.600 zivile Ofer gefordert hat.

Das Land galt zunächst als ruhige Insel im revolutionären Strom, der seit Anfang des Jahres durch Arabien rauscht. Proteste, die es im Februar plötzlich gab, darunter Mahnwachen für Ägypten, wurden von Sicherheitskräften schnell beendet. Mitte März jedoch schlug aus dem Funken die Flamme, da Schulkinder im südlichen Dar’a wegen regimefeindlicher Graffiti von Sicherheitskräften verhaftet wurden. Als man sie entließ, wiesen ihre Körper Folterspuren auf. Am 18. März brach ein Proteststurm los, es wurde scharf geschossen, mehrere Menschen starben, die Empörung war nicht mehr einzudämmen – aus lokalen Reformbegehren wurde der Ruf nach dem Ende des Assad-Regimes.

Als Baschar al-Assad im Jahr 2000 seinen Vater politisch beerbte, hofften viele, seine Herrschaft werde einen Wandel auslösen. Aber kurz nach dem 11. September 2001 empfahl dieser Präsident den USA, aus Syriens Geschichte im Umgang mit Terroristen zu lernen – und verwies indirekt auf das 82er Massaker von Hama. Von dem sich nun so manches wiederholt. So geschehen am 3. Juni, als drei Laster mit Geschützen das Feuer auf Protestierende eröffneten, die vom Freitagsgebet kamen. Die Männer in vorderster Reihe hatten ihre Brust entblößt und gerufen „friedlich, friedlich!“, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet seien. Sie wurden niedergestreckt. Diese Erbarmungslosigkeit hat den Willen zum Widerstand erst recht entfacht. Die Behörden selbst beschwören die Erinnerung an 1982 herauf, indem sie wieder vom bewaffneten islamischen Aufruhr reden. So ist ein Tabuthema überall in Syrien virulent. Obwohl die Bewohner von Hama religiös-konservative Muslime sind, verfügen die Muslimbrüder zwischenzeitlich über einen eher geringen Einfluss. Geschichte bleibt sich nicht immer treu.

Nour Ali ist das Pseudonym eines Journalisten, der in Syrien arbeitet

Übersetzung: Steffen Vogel