El Baradei in der Warteschleife

Ägypten Im Idyll einer Reichen-Enklave baut sich der Ex-IAEA-Generaldirektor als Gegenspieler des Autokraten Hosni Mubarak auf und könnte bei der Präsidentenwahl 2011 antreten

Wenn man vom Nil gen Westen in Richtung der Pyramiden von Gizeh fährt, weichen die aus roten Backsteinhäusern errichteten Armenviertel den mit hohen Zäunen umgebenen Enklaven der ägyptischen Oberschicht. Auf Werbeplakaten ringsherum werden neueste Extras angepriesen – von Golfplätzen über Wachpersonal bis hin zu Villen im Barockstil.

In diesem Milieu, hinter Mauern und Wachen wohnt Mohamed El Baradei, der zur Galionsfigur einer Bewegung geworden ist, die eines der am meisten verfestigten autokratischen Regimes im Nahen Osten ­abschütteln will. „In Ägypten leben nun einmal die Reichen in gesichterten Enklaven“, sagt der einstige Generaldirektor der Internationale Atomenergie­-Agentur (IAEA) und zeigt mit der Hand auf den makellos gepflegten Garten, der auch über einen Pool verfügt. „Die soziale Ungleichheit bei uns ist einfach unbeschreiblich.“

Der Abgrund zwischen Reich und Arm gehört zu den vielen Missständen, die El Baradei bewogen haben, ein bequemes Leben als Pensionär in Westeuropa aufzugeben und sich in die Schlammschlachten der ägyptischen Politik zu stürzen. Reserviert, distinguiert und diplomatisch in seiner Rhetorik erscheint der Grandseigneur völlig deplatziert in einer Welt, die mit dickköpfigen Charakteren und Animositäten gepflastert ist. In den vergangenen Wochen nannte Ägyptens staatlich kontrollierte Presse den Nobelpreisträger einen „Verräter“, dessen Eintreten für politische Reformen einem „Staatsstreich“ gleichkäme. Sympathisanten El Baradeis wurden verhaftet, ein Teil von ihnen soll gefoltert worden sein.

„Ich hatte auf ein etwas geruhsameres Leben gehofft. Aber ich habe Freunde und Familie hier – und als mir die Leute sagten, ich müsse zurück und dabei helfen, für Veränderungen zu kämpfen, konnte ich nicht anders, als zu sehen, was sich tun lässt. Ich weiß nicht, wie erfolgreich ich sein werde, aber bisher ist es mir immerhin gelungen, den Menschen einen Teil ihrer Angst zu nehmen und ihnen klar zu machen, dass ein Ende der Stagnation beim politischen System anfangen muss. Es ist mir gelungen, den Menschen verständlich zu machen, dass es Alternativen zu Osama bin Laden auf der einen und der ägyptischen Autokratie auf der anderen Seite gibt.“

Skeptiker beeindrucken diese Selbstzeugnisse kaum, weil El Baradei sich bislang über seine Absichten bei der 2011 anberaumten Präsidentenwahl sehr bedeckt hält. Vorerst bleibt er dabei, dass er nicht antreten will, solange es keine „konstitutionelle Revolution“ zur Etablierung einer genuinen demokratischen Ordnung gibt, die das jetzige „Schein“-System ersetzt. Dies hält ihn freilich nicht davon ab, in der Öffentlichkeit aufzutreten.

Solange das Öl fließt

Als er Ende März am Freitagsgebet in der Kairoer Hussein-Moschee teilnimmt, ist das Medieninteresse enorm. El Baradei widerlegt mit diesem Besuch die Behauptung seiner Kritiker, er sei zu weit von den Nöten gewöhnlicher Ägypter entfernt, für die er zu kämpfen vorgebe. „Ich versuche nicht, mich wie ein Präsident aufzuführen. Ich will allein Kontakt mit den Menschen und mir ihre unterschiedliche Sicht auf die Dinge anhören. Es zeigt sich, dass nicht nur die so genannten Intellektuellen oder gebildeten Schichten eine Veränderung in diesem Land wollen, sondern nahezu alle. Auch diejenigen, denen politische Freiheit nicht allzu viel bedeutet, weil sie etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf brauchen.“

Seit seiner triumphalen Rückkehr nach Kairo ist El Baradei schon in mehreren arabischen Fernsehsendern aufgetreten, um seinem Anliegen Gehör zu verschaffen. Gleich im ersten Interview kam er auf den Zusammenhang zwischen der ägyptischen Misere und der westlichen Außenpolitik zu sprechen. Der Kern der Botschaft des 67-Jährigen bestand in der Warnung: Der westliche Beistand für repressive arabische Regimes, mit dem der Islamismus bekämpft werden soll, führe in eine Sackgasse und könne fatale Folgen haben. „Ich sehe eine Radikalisierung in diesem Teil der Welt und kenne auch ihren Grund. Die Araber fühlen sich von ihren eigenen Regierungen unterdrückt und vom Rest der Welt unfair behandelt. Wenn sie morgens aufwachen, sehen sie, wie Leute erschossen und getötet werden, und immer sind es Muslime, aus Afghanistan, Irak, Somalia, dem Jemen, aus Sudan oder Darfur.“

Die These vom Clash of Civilisations lehnt El Baradei ab, ist aber davon überzeugt, dass ein Dialog zwischen den Muslimen und dem Rest der Welt ohne Einigung zwischen Israelis und Palästinensern schwierig sein dürfte. „Solange es in dieser Sache keine gerechte Lösung gibt, werden sich die Menschen hier immer erniedrigt fühlen und arabische Führer den Konflikt als Ausrede für ihr eigenes Versagen benutzen.“

In einer Sprache, die man bei diesem sanftmütigen Diplomaten sonst nicht kennt, meint er: „Die westliche Politik im Irak ist völlig gescheitert. Sie entbehrt Dialog, Verständnis, Zivilgesellschaft und menschliche Achtung, sie hofiert autoritäre Systeme, solange das Öl fließt. Wenn man auf Einzelpersonen setzt, anstatt auf das ganze Volk, wird man scheitern. Und der Westen hat mit seiner Politik eben dies getan und auf Individuen gesetzt, die nicht die Achtung ihrer Bevölkerungen haben und sich tagtäglich diskreditieren. Wenn man sieht, dass die populärsten Figuren im Nahen Osten Mahmud Ahmadinedjad und Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah sind, sollte klar werden, dass die Politik des Westens die Menschen nicht erreicht.“

Künstliches Koma

Heute fühlt sich El Baradei darin bestätigt, dass er als Chef der Atomenergiebehörde mit großer Vorsicht vorgegangen ist. Alle seine Berichte vor dem Irak-Krieg seien so geschrieben worden, dass selbst die „Koalition der Willigen“ sie unmöglich für ihre Zwecke missbrauchen konnten. „Ich würde mir wünschen, dass in Washington und London langsam begriffen wird: Sicher gibt es Diktatoren, aber sollte man jedes Mal eine Million unschuldiger Zivilisten opfern, wenn man einen von ihnen loswerden will? Alle Ergebnisse des Chilcot-Untersuchungsausschusses in London belegen, dass es im Irak nicht um Massenvernichtungswaffen ging, sondern einen Regimewechsel. Ich höre nicht auf zu fragen, wo im internationalen Recht ein Regimewechsel vorgesehen ist. Und wenn der einen Rechtsbruch darstellt – wer ist dafür verantwortlich zu machen?“

In einem Land mit demokratischen Defiziten wie Ägypten fällt es jemandem wie El Baradei schwer, eine Brücke zwischen einer pluralistischen Regierungsform auf der einen und einem besseren Lebensstandard auf der anderen Seite zu schlagen. „Es ist für Ägypter etwas völlig Neues, sich für ihre Zukunft verantwortlich zu fühlen. Wie soll man ihnen nur die Angst nehmen?“, fragt sich El Baradei.

Gemessen an ägyptischen Standards ist die Unterstützung für Mohamed El Baradei seit seiner Rückkehr gewaltig gestiegen: Mehr als 200.000 Fans sind seiner Facebook-Gruppe beigetreten. Auch eine Online-Aktion, mit der die National Association for Change warb – eine Gruppe, die sowohl Marxisten als auch Muslim-Brüder rekrutiert – hatte leidlichen Erfolg. Aber Mohamed El Baradei sieht auch die Grenzen seiner Möglichkeiten in einem Land, in dem die abweichende Meinung streng reglementiert und die Opposition unterdrückt wird. Zugleich muss er sich derer erwehren, die ihm vorwerfen, nicht redlich zu sein.

„Die Menschen sind durch das herrschende System so zynisch geworden, dass sie gar nicht mehr glauben können, dass jemand etwas für die Allgemeinheit tun möchte. Sie unterstellen sofort negative Absichten. Ich hoffe, ein Wegbereiter des Wandels zu sein und präsentiere mich deswegen nicht unbedingt als Präsidentschaftskandidat.“ Derzeit verbietet das Gesetz in Ägypten unabhängigen Bewerbern sowieso, sich in eine Wahlliste einzutragen. Um so mehr fordert El Baradei „die konstitutionelle Revolution“ für freie, gerechte Wahlen.

Der 81-jährige Staatschef Hosni Mubarak erholt sich derzeit noch von einer Operation der Gallenblase, hat aber bereits Vorkehrungen getroffen, seinen jüngsten Sohn als Nachfolger zu installieren. El Baradei hat keine Furcht vor den Einschüchterungen durch Ägyptens gewaltigen Sicherheitsapparat. Doch spätestens seit bekannt geworden ist, dass Anhänger verhaftet und gefoltert wurden, hätte er allen Grund, um seine Sicherheit besorgt zu sein. „Im Westen wird viel über die Wahlen im Iran geredet“, merkt El Baradei an, „aber wenigstens gibt es dort Wahlen. Wo finden denn in der arabischen Welt Wahlen statt? Wie kann der Westen glaubwürdig erscheinen, wenn er hierüber kein Wort verliert?“


Übersetzung: Holger Hutt

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14:00 16.04.2010
Geschrieben von

Jack Shenker | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2021

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