König der Trolle: Was der Twitter-Kauf von Elon Musk bedeutet

Twitter Was bezweckt Tesla-Chef Elon Musk mit dem Kauf von Twitter? Es als bloßes Hobby abzutun würde die Realität verkennen. Denn Elon Musk ist ein Troll, der das Netzwerk für sich zu nutzen weiß
Elon Musk ist ein Troll
Elon Musk ist ein Troll

Foto: Jim Watson/AFP via Getty Images

Selbst während er die letzten Details des Twitter-Kaufs für 44 Milliarden Dollar (41,7 Milliarden Euro) festklopfte, nahm sich Elon Musk am Wochenende Zeit zu twittern. Er twittert gern, sagt der reichste Mann der Welt, und das häufig auf dem Klo oder – wie er es nennt – von seinem „Porzellanthron“ aus (ein Detail, das natürlich auch über Twitter verraten wurde). Beim Tweet vom Wochenende handelte es sich um ein Foto von Bill Gates, das die bescheidene Leibesfülle des 66-Jährigen in den Mittelpunkt rückte und neben die Karikatur eines schwangeren Mannes platzierte. Das Ganze kommentierte Musk mit dem woh witzig gemeinten Satz: „Für den Fall, dass Sie schnell einen Ständer verlieren müssen“.

Eingebetteter Medieninhalt

Man wird in den kommenden Tagen viele Info-Häppchen über den neuen Twitter-Besitzer lesen. Dass er rund 265 Milliarden US-Dollar schwer ist. Dass er in seiner Elektro-Autofirma Tesla nicht den Titel Chief Executive oder etwas ähnlich Verstaubtes führt, sondern sich offiziell „Technoking“ – Technokönig – nennt. Dass sein jüngster Sohn X Æ A-Xii heißt, was offenbar „X“ ausgesprochen wird, während seine kleine Baby-Tochter den Spitznahmen „Y“ trägt. Aber das Wichtigste, was man über Musk wissen muss, ist, dass er ein Troll ist. Wie alle Trolle legt er es darauf an, zu kränken und aus der Fassung zu bringen, allein mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit der Welt zu bekommen. Dabei ist Musk im Trollen nicht nur besser als jeder andere. Es ist auch Teil seines Geschäftsmodells und der Art und Weise, wie er mit der Welt umgeht. Das aber macht seinen Twitter-Erwerb so gefährlich.

Trolls lauern unter Videos auf YouTube, unter Artikeln auf Webseiten und in den Feeds verschiedener Social-Media-Plattformen. Sie warten nicht auf eine Einladung, um einen Kommentar abzugeben; sie scheren sich auch einen Dreck um die Gefühle der Betroffenen und sie werden ganz sicher nicht den Scherbenhaufen wegräumen, den sie verursacht haben. Ein erfolgreicher Arbeitstag zeichnet sich für sie dadurch aus, einen möglichst hohen Trümmerberg zu hinterlassen. Musks Post über Bill Gates etwa bekam mehr als 130.000 Tetweets.

Die Troll-Akte von Elon Musk

Als der demokratische US-Senator Bernie Sanders twitterte: „Wir müssen fordern, dass die extrem Reichen ihren fairen Anteil bezahlen“, schoss Musk zurück: „Ich vergesse immer wieder, dass Sie noch am Leben sind.“

Einen britischen Höhlenforscher, der bei der Rettung von zwölf thailändischen, in einer Höhle eingeschlossenen Schuljungen geholfen hatte, bezeichnete er als „Pädo-Typ“ und tat es später mit einem Achselzucken als schlechten Witz ab. Vernon Unsworth sah das anders. „Ich fühle mich gedemütigt“, erklärte der 64-jährige Held. „Beschämt. Beschmutzt.“

Solch üblen Kommentare lassen sich schwer verteidigen – und Musk hat auch keine gute Entschuldigung. Stattdessen stellt er sich als „Freie Rede-Absolutist“ dar und behauptet, das sei der Grund dafür, dass er so viel Geld für eine Webseite ausgibt. Diesen moralischen Kreuzzug beschreibt er so: „Wenn jemand, den man nicht mag, etwas sagt, was man nicht mag, dann ist das Redefreiheit“. Das ist eine so schwache Definition, dass ein Kind im Grundschulalter zurückschrecken würde, sie zu äußern. Und wie verträgt sich eine solche Definition mit Hassreden, Verleumdung und glatten Lügen? Aber natürlich musste der König der Trolle sich solche Fragen nie stellen – das heißt, bis diese Woche, als er sich ein Königreich zulegte.

Jetzt, da Musk alle Redefreiheit hat, die Geld kaufen kann, wird er merken, dass es sich hierbei nicht nur um abstrakte Debatten handelt, sondern dass sie absolut entscheidend für die Zukunft seines neuen Geschäfts sind, das bekannter ist als seine vorherigen. Einen kleinen Einblick in das Problem liefert eine Studie des Massachusetts Institute of Technology, die zeigt, dass auf Twitter falsche Meldungen mit 70 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit retweetet werden als die Wahrheit. Was Musk heute als „den digitalen Marktplatz einer Stadt“ – eine Agora der Globalisierungsära – anpreist, ist häufig eine Lügen-Verbreitungsmaschine. Weiter über den ersten Zusatzartikel zur US-Verfassung zu schwadronieren, wird das Problem nicht lösen, und Musk wird feststellen, dass es viel Kummer verursacht.

Ära der Troll-Politik

Der klassische Fehler bei der Einschätzung von Musk ist, sein Trollen als bedauerliche Ablenkung von seinem eigentlichen Geschäft mit Elektroautos, Weltraummissionen und so weiter zu betrachten. Stattdessen scheint Eines essenziell für das Andere zu sein. Das ständige Twittern an mehr als 85 Millionen Follower erlaubt es dem Tesla-Boss verschwindend wenig in Werbung zu investieren, während Toyota allein in den USA deutlich mehr als eine Milliarde Dollar für Werbung ausgibt. Aufsehen erregen und Stunk verbreiten trägt auch dazu bei, dass die Tesla-Aktie bei Kleinanlegern so beliebt ist. Sie sorgen dafür, dass sie massiv überbewertet bleibt. Laut Klischee leben wir alle in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, aber nur wenige fragen nach, wer die Dividenden abschöpft. Wie sich zeigt, ist Musk einer der größten Profiteure.

Genauso wie Trolle es lieben, digitale Gemeingüter zu zerstören, haben sie eine Abneigung gegen Institutionen, diese geräumigen Orte mit Regeln und Normen und einer Vielzahl an Menschen mit eigenen Interessen und Traditionen. Wir leben in einem Zeitalter der Troll-Politik. So ist Großbritannien Truppe an der Macht, die die renommiertesten Institutionen ablehnt. Der britische Premierminister Boris Johnson kann die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt BBC nicht ausstehen, gibt vor, das staatliche Gesundheitssystem NHS zu lieben und will den öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Channel 4 verkaufen.

Musk passt genau in diese Ära. Ständig greift er die US-Regierung an, schimpft über die Konjunkturpakete und macht sich über einige der gesundheitspolitischen Maßnahmen lustig, die Washington ergriffen hat, um den Schaden durch Covid-19 zu begrenzen. Und im Verhältnis zu seinem Einkommen hat er weniger an die US-Regierung gezahlt als ein durchschnittlicher Lehrer oder Fabrikarbeiter. 2018 bezahlte der reichste Mann der Welt laut dem investigativen Recherchezentrum ProPublica überhaupt keine Einkommenssteuer. Gleichzeitig nehmen Musks Unternehmen alle staatlichen Subventionen in Anspruch, die sie kriegen können – um neue Fabriken zu eröffnen, den Weltraum zu erkunden und die Bezahlung von Löhnen und Gehältern zu unterstützen.

Ist Donald Trump bald wieder bei Twitter?

Gebt den Trollen kein Futter, wird einem manchmal geraten. Nun: Ein Troll wurde jedenfalls mit Milliarden von amerikanischen Steuerzahler-Dollars gefüttert. Und doch wird Tesla vorgeworfen, Fabriken gefährlicher geführt zu haben als eine Sägemühle oder ein Schlachthaus. 2017 reagierte das Unternehmen darauf, indem es erklärte: „Wir mögen in der Vergangenheit einige Probleme gehabt haben, als wir lernten, wie man ein Autohersteller wird, aber wichtig ist die Zukunft.“ Vorwürfe wegen der Behandlung afro-amerikanischer Arbeiter:innen haben das Unternehmen im größten Prozess wegen rassistischer Diskriminierung auf die Anklagebank gebracht, die der kalifornische Staat je geführt hat (wobei Tesla die Anschuldigungen energisch abstreitet). All diese Informationen sind öffentlich zugänglich, und es wurde darüber berichtet. Trotzdem machen ihn Publikationen vom Time Magazine bis zur Financial Times weiter zum Mann des Jahres. Von allen Tech-Milliardären ist Musk derjenige, der am wenigsten unter die Lupe genommen und am meisten gerühmt wurde. Vielleicht wird sich das jetzt ändern.

Eine interessante Parallele besteht zu Jeff Bezoz, der vor fast zehn Jahren für 250 Millionen US-Dollar die Washington Post kaufte – einem Bruchteil dessen, was Musk gerade für Twitter auf den Tisch gelegt hat. Ersterer – für den ich wenig Sympathie hege – erwarb eine Institution und investierte in sie. Kaum jemand wird bestreiten, dass die Zeitung mit ihm als Eigentümer floriert. Was Musk wohl mit seinem neuen Spielzeug tun wird? Ziemlich naheliegend ist, dass er Ex-Präsident Donald Trumps Account wieder aktiviert – rechtzeitig für die US-Midterm-Wahlen. Ein Troll-Präsident für den Troll-König. Und wer genau wird eigentlich getrollt? Wer das fragen muss, sollte in den Spiegel schauen.

Reuters/Michele Tantussi

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Aditya Chakrabortty ist Guardian-Kolumnist

Übersetzung: Carola Torti

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Aditya Chakrabortty | The Guardian

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