Ende der Brüderlichkeit

Iran-Pakistan Seit der Islamischen Revolution von 1979 sucht Iran immer wieder die Nähe zum muslimischen Bruderland Pakistan. Doch dieser Bruder ist zu unberechenbar geworden

Zuletzt war viel über die chaotischen Verhältnisse in Pakistan zu lesen. Britanniens Außenminister David Miliband sprach von einer „tödlichen Bedrohung“ für Islamabad, während die US-Armee nun sogar Militärschläge tief im Inneren des Landes zu erwägen scheint. Bei alldem sollte man nicht vergessen, dass die innere Erosion Pakistans auch bei dessen östlichem Nachbarn Iran mit Sorge verfolgt wird.


Aber schon da war die Außenpolitik der Islamischen Republik sehr viel nüchterner geworden und der bis dahin gern propagierte „Export der Revolution“ in den Hintergrund geraten. Besonders im Umgang mit den ehemaligen Sowjetrepubliken in Mittelasien, in denen der Islam an Bedeutung gewann, galt während der neunziger Jahre ein bestenfalls moderater Missionarismus, um im Verhältnis zu Russland keine allzu großen Schäden anzurichten. So stellte sich die Teheraner Führung im territorialen Streit zwischen Armenien und Aserbeidschan, mit dem der Iran nicht nur den islamischen Glauben, sondern auch eine schiitische Bevölkerungsmehrheit teilt, an die Seite Armeniens. Bei dem zwischen 1992 und 1997 tobenden Bürgerkrieg in Tadschikistan verwehrte Teheran den dortigen Fundamentalisten jede Unterstützung und nahm Abstand von den frühen revolutionären Zielen.

Die Beziehungen mit Pakistan blieben davon unberührt. Trotz der engen Bindungen, die Islamabad zu den USA und Saudi-Arabien pflegte, galt Pakistan als eine der letzten Bastionen, die den Mullahs als Modell für die „brüderlichen Beziehungen“ unter Muslimen dienen konnte, wie sie die fundamentalistische Utopie hofiert. Nachdem jedoch die Taliban im September 1996 die Macht in Afghanistan erobert hatten, erzwangen die Umstände – zum Missfallen der Ideologen in Teheran – eine Kurskorrektur. Beschleunigt durch die Anschläge auf iranische Diplomaten in Kabul und Islamabad, geriet diese Wende so radikal, dass ein Schulterschluss mit Indien, dem Erzfeind der Pakistani, zustande kam. Indien und Iran wähnten sich unter einer Bedrohung des sunnitischen Extremismus. Die „Erklärung von Delhi“, die der iranische Präsident und der indische Premierminister im Januar 2003 unterzeichneten, offenbarte den erklärten Willen, die „strategische Zusammenarbeit in Drittländern“ auszuweiten, womit eindeutig Afghanistan gemeint war.
Nach der Invasion in Afghanistan im Oktober 2001 kooperierte der Iran sogar mit den Vereinigten Staaten, indem er auf der Bonner Konferenz das Abkommen für die Nachkriegszeit mit auf den Weg brachte.


Übersetzung: Zilla Hofman /Holger Hutt

Lesen Sie dazu auch eine Reportage über das Chaos in Afghanistan.

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Geschrieben von

Mohanad Hage Ali, The Guardian | The Guardian

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