Ende der Eiszeit

Erderwärmung Der Krieg zwischen Forschern und Klimaskeptikern verzerrt das Bild vom Treibhaus Erde. Wissenschaftler versuchen auf einer Website den Neuanfang

Einige der führenden amerikanischen Klimaforscher haben sich zu einer Art schnellen Eingreiftruppe in Klimafragen zusammengeschlossen und in der vergangenen Woche die Seite climaterapidresponse.org gelauncht.Wer sich seit langem damit herumärgert, den endlosen Strom an Fehlinformationen zu widerlegen, der frustrierender Weise charakteristisch für die Klimawandel-Debatte ist, dem muss die Seite wie eine längst überfällige Idee vorkommen.

Das Projekt, an dessen Spitze der in der Vergangenheit scharf angegriffene Prof. John Abraham steht, soll einen direkten Zugang zum Expertenwissen der Klimaforscher durch ein Netzwerk von Wissenschaftlern ermöglichen. Doch die Prämisse, die der Initiative zu Grunde liegt – dass die Skeptik gegenüber dem Klimawandel durch eine klarere Präsentation der Fakten abgebaut werden kann – ist problematisch. Weshalb? Weil es den Leugnern des Klimawandels nur oberflächlich um wissenschaftliche Fragen geht.

Über die grundlegende Frage, ob der Mensch Einfluss auf das Klima nimmt, wird in der Wissenschaft längst nicht mehr ernsthaft gestritten. Unschärfen wird es immer geben, das ist in der Wissenschaft nun mal so. Doch wenn sich die Glaubwürdigkeit einer wissenschaftlichen Schlussfolgerung anhand der Beweislast bemessen lässt, dann ist der Klimawandel eine Tatsache. Das Problem ist, dass scheinbar objektive Fakten überraschend biegsam sind – insbesondere wenn angenommen wird, dass sie Auswirkungen auf die Politik oder unser Verhalten haben.

Mehrere Jahrzehnte sozialpsychologischer Untersuchungen haben ergeben, dass bei einer ganzen Reihe von Themen – angefangen bei der Todesstrafe über die Waffenkontrolle bis zur Nanotechnologie – neue Beweise stets durch mächtige gesellschaftliche und kulturelle Filter gedrückt werden. Dieses Filtern der Fakten muss nicht unbedingt zu einem Konsens führen – es kann dafür sorgen, dass sich die Einstellungen spalten.

Und so kann es kaum überraschen, dass die Berichte des Weltklimarates (IPCC) seit langem als Blitzableiter für Meinungsverschiedenheiten fungieren. Was könnte einem, der koordinierte internationale Aktionen gegen den Klimawandel befürwortet, überzeugender erscheinen, als die übereinstimmende Erklärung eines internationalen Gremiums, das aus unabhängigen Wissenschaftlern besteht? Wenn einer jedoch internationale Regulierungen als eine Bedrohung für den Handel und die Wirtschaft wahrnimmt, dann werden bei ihm alle Alarmglocken anspringen, wenn ein internationaler Bericht von einem Konsens spricht. Die Fakten sind jeweils dieselben: Die Interpretation ist eine vollkommen andere.

Mike Hulme hat in seinem Buch Why We Disagree About Climate Change gezeigt, dass es bei vielen Auseinandersetzungen, die rund um den Klimawandel toben, in Wirklichkeit nicht um das Klima geht: Gestritten wird über persönliche Werte, Regulierungen, Wirtschaftswachstum oder darum, wie weit die Regierung in unser Leben eingreifen darf. Der Klimawandel schneidet nur zufällig direkt ins Herz dieser brandaktuellen Probleme – und wird deshalb als Vehikel benutzt, um uralte Konflikte auszudiskutieren.

Der Graben zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Klimawandel und der öffentlichen Meinung wird sich wohl kaum dadurch schließen lassen, dass eine neue Front für die Verbreitung wissenschaftlicher Fakten eröffnet wird. In der Vergangenheit haben die Erfahrungen mit anderen wissenschaftlichen Themen – genmanipulierten Pflanzen zum Beispiel – gezeigt, dass die Öffentlichkeit ein Thema nicht stärker akzeptiert, nur weil die Wissenschaft die Lautstärke aufdreht. Was also ist die Alternative?

Zunächst müssen wir akzeptieren, dass es bei der Skepsis gegen den Klimawandel nicht primär um wissenschaftliche Fragen geht. Die Tatsache, dass über die Hälfte der Republikaner, die bei den Mid-Term-Wahlen Anfang November neu in den US-Kongress gewählt wurden, den Klimawandel leugnet, illustriert dies deutlich. Diese Leute sind nicht Republikaner geworden, weil sie nicht an den Klimawandel glauben – vielmehr haben ihre konservativen Ansichten ihre Interpretation der wissenschaftlichen Erkenntnisse beeinflusst, von denen ihrer Meinung nach eine Bedrohung für ihre Ideologie ausgeht.

Und zweitens müssen wir unsere Methoden ändern, wenn wir die Öffentlichkeit mobilisieren wollen. Wir müssen von der einseitigen Verbreitung von Informationen Abstand nehmen und einen Ansatz verfolgen, der mehr auf Mitbestimmung ausgelegt ist. Wenn wir den Menschen die Möglichkeit geben, miteinander über den Klimawandel zu diskutieren, dann werden wir die Gründe für ihre Uneinigkeiten erfahren. Wenn diese Gründe auf Werten, kulturellen Einstellungen oder Ideologien beruhen, dann ist es sinnvoll, diese offen auszusprechen, anstatt sie zu verschleiern und politische Kämpfe mit der Sprache der Wissenschaft auszutragen.

Die Rapid-Response-Webseite ist ein Versuch einen Schlussstrich unter dieses Jahr zu ziehen, das von Anschuldigungen und Bissigkeiten beherrscht wurde. Als ein Kanal für Klimawissenschaftler, um Informationen an die Medien und die Öffentlichkeit weiterzugeben, sollte man sie begrüßen. Es ist durchaus ein wertvoller Dienst an der Öffentlichkeit, Mythen über den Klimawandel zu entzaubern. Doch die eigentliche Aufgabe besteht darin, die Öffentlichkeit dort einzubeziehen, wo die wahren Gründe für die Differenzen im Mittelpunkt stehen – nur dann kann es in dieser Debatte einen Schritt nach vorne gehen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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18:30 29.11.2010
Geschrieben von

Adam Corner | The Guardian

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