Endlich Mensch

Digitalisierung Im „Maschinenfragment“ skizziert Karl Marx das Potenzial von Automatisierung, den Kapitalismus abzuschaffen. Ist es bald so weit?
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Illustration: Jonas Hasselmann für der Freitag

Wer weiß, was Marx in jener Nacht im Winter 1857/58 geraucht hat, als er das sogenannte Maschinenfragment verfasste. Vielleicht verirrte sich ja ein Blatt aus dem fernen Marrakesch in eine der billigen Zigarren, die er genoss, während er bis um vier Uhr morgens schrieb.

Im Maschinenfragment – gemeint ist damit der Abschnitt „Fixes Kapital und Entwicklung der Produktivkräfte der Gesellschaft“ in den Grundrissen zur Kritik der politischen Ökonomie – spekuliert Marx darüber, wie die kapitalistische Produktionsweise an ihr Ende gelangen könnte. Es ist eine der äußerst wenigen Stellen in seinem Werk, wo er dies tut. Marx stellt sich eine Zeit vor, in der Maschinen die meiste Arbeit erledigen und der Arbeiter „neben den Produktionsprozess tritt, statt sein Hauptagent zu sein“; eine Zeit, in der die Werkzeuge, die wir verwenden, nicht mehr länger „Dinge“ sind, sondern physische Prozesse; und eine Zeit, in der die Landwirtschaft aus einer Reihe wissenschaftlicher Ideen besteht, die auf die Natur angewendet werden.

Wenn die Wirtschaft nicht mehr länger auf messbarer menschlicher Arbeitszeit und körperlicher Betätigung beruht, sagt Marx, hören wir auf, mit dem Kapital als einzelne Arbeiter zu interagieren, die individuelle Werkzeuge und ihre individuelle Sachkenntnis anwenden: Stattdessen wenden wir „allgemeines gesellschaftliches Wissen“ an. In diesem Fall gerate die Gesellschaft unter die Kontrolle eines „general intellect“ und untergrabe damit die eigentliche Grundlage des Privatbesitzes.

Muße und Materialismus

Der Widerspruch zwischen Privatbesitz und gesellschaftlich geteiltem Wissen, so Marx, würde die „bornierte Grundlage“ des Kapitals „in die Luft sprengen“. Die Arbeit würde von Maschinen erledigt und damit abgeschafft werden, sodass Muße und Kultur zu den Kernaktivitäten des Menschengeschlechts werden könnten.

Als das Fragment im Westen in den 1960ern zum ersten Mal veröffentlicht wurde, stieß es bei orthodoxen Marxisten zunächst auf Ablehnung – und dies aus gutem Grund. Ein Jahr nachdem er den technologischen Untergang des Kapitalismus skizziert hatte, verfasste Marx die wohl berühmteste Zusammenfassung seiner Methode: das Vorwort seiner Schrift Zur Kritik der Politischen Ökonomie von 1859. Hier formulierte er die Kernthese des historischen Materialismus: dass sich soziale Revolutionen ereignen, weil die Technologien in Widerspruch mit den ökonomischen Formen (Produktionsverhältnissen) geraten, in denen sie entwickelt wurden; dass die Kultur, Ideologie, Gesetze und Politik einer jeden Zeit einen „Überbau“ über einer sich verändernden Basis darstellen.

Da sie sich dieses Erklärungsmodell zu eigen machten, entwickelten die Marxisten, die die sozialdemokratischen Parteien der ersten Stunde gründeten, verständlicherweise eine regelrechte Obsession für Wirtschaftskrisen. In Phasen des technologischen Fortschritts und Wachstums des Bruttoinlandsprodukts beriefen sie sich auf Marx, um friedliche parlamentarische Reformen zu rechtfertigen. In Zeiten von Krieg, finanziellem Zusammenbruch und wirtschaftlichem Stillstand hingegen gingen sie auf die Barrikaden.

Wenn wir aber das Vorwort zur Einleitung von 1859 und das lange verschollene Maschinenfragment als Teil derselben Idee betrachten, sagen sie etwas Grundlegenderes aus. Sie legen nahe – wie Marx in einem anderen zwischenzeitlich verloren gegangenen Dokument, den Pariser Manuskripten von 1844, schrieb –, dass es im Kommunismus nicht so sehr um Arbeit, sondern vielmehr um die Freiheit von der Arbeit geht; dass die vollständige Automatisierung die Voraussetzung für die menschliche Befreiung darstellt; und dass das Ereignis, das den Kapitalismus sprengen wird, nicht der Zusammenbruch der Börse sein wird, sondern die einbrechenden Kosten für intelligente, selbst denkende Maschinen.

Die Relevanz dieses „anderen Marx“ sollte heute offensichtlich sein. Innerhalb einer Generation haben wir Maschinen geschaffen, in denen soziales Wissen enthalten ist: Maschinen, die sich selbst so schnell verbessern, dass sie einen exponentiellen Anstieg der Effizienz und einen exponentiellen Fall der Kosten verursachen. Nicht nur sind die Produktionskosten von Siliziumchips, Datenspeicherung und Bandbreiten in den vergangenen 15 Jahren exponentiell gefallen; man braucht sich nur einmal die Kosten für die Sequenzierung einer kompletten DNA anzusehen – die seit dem Jahr 2000 von 100 Millionen auf 1.000 Dollar gesunken sind. Gleichzeitig produzieren wir Informationsmengen von historischen Ausmaßen: Alle zwei Tage generieren und speichern wir mehr Informationen, als die Menschheit dies in den ersten 40.000 Jahren ihrer Geschichte getan hat. Gewiss ist ein Teil dieser Informationen nutzlos, ein anderer besteht aus Lügen, doch wir stellen heute Maschinen her, die den Unterschied erkennen können – und das noch bevor wir ernsthaft damit begonnen haben, künstliche Intelligenz anzuwenden.

Der „general intellect“, von dem Marx im Maschinenfragment schreibt (zu Deutsch etwa „allgemeiner Verstand“ oder „allgemeines Wissen“; Marx verwendet allerdings selbst den englischen Begriff), existiert wirklich. Ich hatte gedacht, das beste Beispiel für den „general intellect“ sei Wikipedia – kostenlos hergestellt von 27.000 regelmäßig schreibenden Autorinnen und Autoren, unmittelbar korrigierbar von der Schwarmintelligenz und das wertvollste Informationsmittel in der Geschichte. Doch nun begreife ich, dass die Sache, die dem „general intellect“ am nächsten kommt, tatsächlich die Datenbank darstellt, die die Gedanken, Liebesbeziehungen, Vorurteile und Katzenbilder von zwei Milliarden Menschen enthält und die wir unter dem Namen Facebook kennen.

Facebooks Krise ist auf ihre ganz eigene Art ein lebendiges Geburtstagsgeschenk zu Marx’ 200. Hier kommen alle Aspekte seiner Kritik an Unternehmenseigentum, Privatbesitz und Staat zum Tragen. Facebooks Blamage – die daraus resultiert, dass alle internen und regulatorischen Mechanismen, die uns vor Monopolen schützen sollen, versagt haben – ist das zum Drama gewordene Maschinenfragment.

Wir haben das „vergesellschaftete Wissen“ geschaffen, das auf den Servern von Facebook existiert, aber Facebook hatte nichts Besseres zu tun, als es in die Form von Privateigentum zu pferchen und es an die Höchstbietenden zu verkaufen, zu denen offenbar Wladimir Putin und Donald Trump gehören. Wenn Mark Zuckerberg wirklich Pech hat, wird das erste Beispiel für Marx’ Vorhersage darin bestehen, dass Facebook selbst „in die Luft gesprengt“ wird, da das Vertrauen der User zusammenbricht und so dem Geschäftsmodell die Grundlage entzogen wird.

Halbsklaven und Maschinen

Die Sache ist die: Wir haben noch nicht einmal damit begonnen, das Potenzial von Informationsmaschinen zu nutzen. Stattdessen haben wir es Reichen gestattet, privatwirtschaftliche Abwehrmechanismen gegen ihre Auswirkungen zu entwickeln.

Seit die Informationstechnologie den Preismechanismus zerstört hat, haben es große Monopole geschafft, Preise festzulegen – wie bei dem „99 Cent pro Song“-Modell, das iTunes einst hohe Gewinne bescherte, oder den Einkaufstouren, bei denen Amazon, Google und Facebook ihre potenziellen Konkurrenten einfach aufkauften.

Seit Digitalisierung und Automatisierung es möglich machen, den Arbeitstag, die Arbeitswoche und die Lebensarbeitszeit zu verringern, schaffen wir Millionen von sinnlosen Jobs, die niemand wirklich braucht. In Großbritannien, wo es einmal über 4.000 Autowaschanlagen gab, sind es heute nur noch etwas mehr als 1.000 – dafür gibt es 20.000 Anlagen, in denen Halbsklaven dieselbe Arbeit von Hand erledigen. In der Ära größter technologischer Innovation werden Maschinen durch menschliche Arbeitskräfte ersetzt.

Als der Netzwerk-Effekt seine Wirkung entfaltete und uns erlaubte, durch unsere Interaktionen frei verfügbares Wissen von großem sozialen Wert zu schaffen, ließen wir es – in einem nahezu lehrbuchmäßigen Fall dessen, was der junge Marx als Entfremdung beschrieben hat – zu, dass Unternehmen dieses Wissen aufgriffen und gegen uns verwendeten. Marxist zu sein, ermöglicht es mir, zu verstehen, dass ich jedes Mal, wenn ich im Supermarkt meine EC-Karte verwende, den jeweiligen Konzern in die Lage versetze, mein künftiges Verhalten, meine Gesundheit und wahrscheinlich sogar das Jahr meines Todes vorherzusagen.

Marx war nicht der Einzige, der sich eine automatisierte Welt vorstellte, in der die Menschen ihre Zeit zu ihrer freien Verfügung haben und sich wirklich weiterentwickeln können, doch er war der Einzige, der verstand, dass eine solche Welt nicht mit der kapitalistischen Produktionsweise in Einklang zu bringen ist. Selbst heute noch sind die Wirschaftsabteilungen der Buchläden in den Flughäfen voll mit Prognosen darüber, wie schön der Kapitalismus erst sein wird, wenn er einmal voll automatisiert ist. Marx wusste, warum diese Vorhersagen falsch sind.

Im Mai werde ich den offiziellen Marx hochleben lassen: den Marx der Neuen Rheinischen Zeitung, den Autor von Der Bürgerkrieg in Frankreich, Das Kapital und der Kritik des Gothaer Programms. Doch der andere Marx – ein großer Humanist und Techno-Utopist – hat für das Jahrhundert, in dem wir heute leben, eine größere Bedeutung.

Für mich wird der Marxismus des 21. Jahrhunderts darin bestehen, den eigentlichen Begriff des Menschseins zu verteidigen und einen Übergang in eine Welt jenseits des Kapitalismus zu entwerfen, in der es keine Lohnarbeit, keine Grenzkosten und keine CO2-Emissionen mehr gibt.

Der techno-utopische Marx lehrt uns vor allem in Augenblicken von Rückschlägen und Niederlagen, nicht die Hoffnung zu verlieren. Im Jahr 1850, als die Überlebenden der Revolution von 1848 sich in den Pubs von London zusammendrängten, erläuterte Marx seine Lehre dem gerade angekommenen Flüchtling Wilhelm Liebknecht. Er sei „ganz Feuer und Flamme“ gewesen, als er eine neu erfundene Elektrolokomotive beschrieb, die er vor Kurzem in einem Spielwarenladen gesehen hatte. Marx – eingehüllt in Tabakrauch, ein Glas dunkles Bier in der Hand – erklärte das Dampfzeitalter für beendet, während das Zeitalter der Elektrizität bevorstehe: „Nun ist das Problem gelöst – die Konsequenzen sind unbestimmbar. Infolge der ökonomischen Revolution muss die politische notwendig folgen, da letztere nur der Ausdruck der ersteren ist.“

Ich frage mich, was Marx wohl zum iPhone gesagt hätte.

Paul Mason wurde 1960 nahe Manchester geboren. Sein Buch Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie ist im Suhrkamp-Verlag erschienen

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 02.05.2018
Geschrieben von

Paul Mason | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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