Englisch statt Dari

Rockband "Kabul Dreams" ist die einzige Rockband der afghanischen Hauptstadt. Sie verfolgt die gleichen Träume wie Combos auf der ganzen Welt – Label, Tour und einen Grammy

Die Schalldämmung des selbstgebauten Studios schafft es nicht, den Lärm des Kabuler Straßenverkehrs vollständig zu dämpfen, doch Suleman Qardash, ein zwanzig Jahre junger Kerl mit kindlichen Gesichtszügen, singt unverdrossen den eingängigen Text von „Crack in the Radio“ ins Mikrofon. Der Song soll schon bald auf dem ersten Album von Kabuls einziger Rockband erscheinen.

Unter Exil-Afghanen haben Kabul Dreams eine treue Fangemeinde und langsam wächst auch das Interesse der jungen Generation im Land selbst an englischsprachigem Indierock. Die Zukunft der Band, die seit weniger als einem Jahr zusammen ist, sieht vielversprechend aus.

In einer Stadt wie Kabul, in der sich die politische Stimmung dahingehend gedreht hat, dass wohl eine Einigung mit der bewaffneten, fundamentalistischen Opposition bevorsteht, ist die bloße Existenz dieser Band eine Kuriosität. Das Knacksen (engl. „Crack“) im Radio bezieht sich auf ein ziemlich schräges Mädchen, das bei Kabul Rock Radio arbeitet. Sowohl der Sender als auch seine weiblichen Moderatorinnen wären unter der Herrschaft der Taliban undenkbar gewesen.

Wenn Suleman Qardash nicht im Studio ist, dann geht er seinem Brotberuf nach. Qardash moderiert die Abendnachrichten auf Afghanistans usbekischsprachigem Fernsehsender. Doch das Fernsehen interessiert ihn allein des Geldes wegen. Was er dort verdient, steckt er in den Aufbau der Band. „Wir haben große Ziele“, sagt auch Siddique Ahmed, der Bassist der Band. „Ein Plattenlabel, eine Welttournee.“ „Und einen Grammy!“ wirft Qardash ein. Wir sitzen im Büro der Band, in dem sich Equipment stapelt, das irgendwelche Dänen gespendet haben.

Leidenschaft für Indie

Anfang März traten Kabul Dreams im einzigen Club der Stadt vor tanzenden Entwicklungshelfern und ein paar Diplomaten auf, die Berichte der Geheimdienste ihrer Botschaften ignoriert hatten, die vor einem mutmaßlich bevorstehenden Anschlag der Aufständischen auf den Veranstaltungsort warnten (wozu es nicht kam). Für alle britischen Diplomaten, die sich nicht über den Zaun trauten, wurde die Band zu einem zweiten Konzert in die Bar der britischen Botschaft eingeladen.

Doch auch unter jungen Afghanen gewinnt die Band immer mehr Fans. Zu einem Gig in der amerikanischen Universität kamen 500 Einheimische, obwohl „keiner von denen eine Ahnung von Rockmusik hatte“, wie Ahmed meint. Sie spielten sowohl eigene Songs als auch Cover, darunter eine besonders gute Version von Oasis’ Wonderwall. Auch ihre eigenen Lieder nehmen sie auf Englisch auf, auch wenn Qardash, trotz seiner Liebe zu Oasis, Radiohead und den Beatles, die Sprache nicht sonderlich gut beherrscht. Doch Ahmed erklärt, Englisch sei eben die richtige Sprache für eine Band, die aus einem Tadschiken, einem Paschtunen und einem Usbeken besteht: „Wenn wir auf Dari singen würden, müssten wir auch Songs auf Paschto haben. Und wenn wir schon dabei wären, müssten wir noch usbekische Songs schreiben, weil Suleman von dort kommt.“

Angesichts ihrer gemischten Herkunft passt es sehr gut, dass die Band sich nach der afghanischen Stadt benannt hat, in der die meisten unterschiedlichen Ethnien leben. Nicht nur, dass eine solche Band in keiner anderen Stadt als Kabul denkbar wäre; es ist auch kein Zufall, dass die drei Bandmitglieder nicht unter den Taliban aufgewachsen sind, sondern unter relativ liberalen Umständen in den Nachbarländern.

Qardash entdeckte seine Leidenschaft für britische Indiebands über das Internet, als er noch in Taschkent in Usbekistan lebte. Ahmed wuchs in Islamabad auf und Schlagzeuger Mujtaba Habibi lebte im iranischen Maschhad, bevor er 2002 nach Afghanistan zurückkehrte.

Ein kleiner Vorstoß nach Indien gelang der Band im Dezember mit einem Auftritt beim South Asian Bands Festival in Delhi, wo sie vor tausend Zuschauern spielten und einem zweiten Konzert in Jaipur.

Sorgenvolle Zukunft

Die Zeiten sind für eine westlich inspirierte Jugendkultur nicht unbedingt günstig, um in Kabul durchzustarten. Am vergangenen Dienstag, während die Band mit den Aufnahmen zu ihrem Debütalbum beschäftigt war, traf sich eine Delegation des berüchtigten Warlords Gulbuddin Hekmatyar zum zweiten Mal in jener Woche zu einem persönlichen Gespräch mit Präsident Hamid Karsai, der in den vergangenen neun Jahren den Boom relativ liberaler Medien zuließ. Hekmatyar ist der mutmaßliche Drahtzieher der Angriffe gegen die NATO und die afghanische Armee von einem Versteck in Pakistan aus. In den Neunzigern, als er in vielen Regionen das Sagen hatte, verbot Hekmatyar, dass in Läden, Restaurants und Autos Musik gespielt wurde, die Geschäfte mussten während der Gebetszeiten schließen.

Ahmed ist der Ansicht, dass ihre Zurückhaltung die Band bislang geschützt hat. Trotzdem rechnen sie seit längerem mit Schwierigkeiten, einfach nur weil sie „etwas Anderes machen, etwas, das so noch nie dagewesen ist.“ In die Zukunft sieht er sorgenvoll: „Sie verhandeln über den Abzug der ausländischen Truppen. Niemand gefällt es, wenn Truppen aus einem anderen Land im eigenen stationiert sind. Aber jeder weiß, dass die verschiedenen Interessengruppen den Kampf gegeneinander wieder aufnehmen werden, wenn die Truppen das Land verlassen, denn das ist nun mal ihre Art, das haben sie schon immer gemacht.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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11:30 06.04.2010
Geschrieben von

Jon Boone | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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