Alles echt

Lena Dunham schuf mit „Girls“ eine Serie, die schonungslos von prekärer Arbeit und hässlichem Sex erzählt. Dafür wird sie von jungen Frauen in der ganzen Welt geliebt
Simon Hattenstone | Ausgabe 04/2014

In der Nacht vor unserem Gespräch hatte Lena Dunham eine Panik-Attacke, erzählt sie. Es fing damit an, dass sie zu zählen versuchte, wie viele Jahre ihr in ihrem Leben noch bleiben. Und ehe sie sich versah, war sie dabei, in Gedanken ihr Grab auszumessen. „Ich dachte: In zweieinhalb Jahren bin ich dreißig, zehn Jahre später 40 und dann 50.“ Schaudernd verstummt sie. Macht ihr das wirklich Sorgen? „Ständig. Ich kann deshalb nicht schlafen.“

Im 21. Jahrhundert gibt es wohl niemanden, der sich so sehr mit Angst beschäftigt wie Dunham. Die Angst davor, nicht geliebt und begehrt zu werden, unattraktiv, unbeliebt und erfolglos zu sein. Die Ironie dabei: Mit ihren 27 Jahren wurde sie soeben vom Time Magazine zu einer der einflussreichsten Personen der Welt gekürt. Sie hat einen Buch-Vertrag über 3,5 Millionen US-Dollar. Gerade ist die dritte Staffel ihrer Comedy-Serie Girls in den USA angelaufen, und sie ist mit einem Rockstar zusammen.

Girls ist witzig, schmutzig, verstörend und scharfsinnig. Dunham hat Sex and the City für das Zeitalter der ewigen Praktikanten, dysfunktionalen Beziehungen und enttäuschten Mittelschichtsträume umgeschrieben. Sex And The City zeigte ein Leben, von dem viele träumten – begehrenswerte Frauen, Designerkleider, glamouröse Jobs. So wie Hannah, die Dunham in Girls spielt, will eigentlich niemand sein. Sie kleidet sich nachlässig, ihre Karriere lässt auf sich warten, eine Zwangsstörung belastet sie und die Männer, die sie trifft, sind eher Vergewaltiger als Traumtypen.

Vom Selbsthass besessen

Girls ist Sex and the City in Zeiten der Rezession. Die Welt sieht düster aus, Träume sind zu Staub zerfallen. Die Serie erzählt von vier jungen Frauen in Brooklyn. Drei der Protagonistinnen sind auf konventionelle Weise attraktiv. Die wirklich Interessante ist die ehrgeizige Schriftstellerin Hannah. Sie ist wild entschlossen, jede mögliche Erfahrung zu machen, damit ihre Arbeit authentischer wird, sehnt sich aber verzweifelt nach Liebe und Sicherheit. Hannah hängt oft in Unterwäsche rum, entblößt Körper und Seele. Sie ist von sich und ihrem Selbsthass besessen. Im gesellschaftlichen Umgang ist sie linkisch und unbeholfen. Immer wieder muss sie Demütigungen über sich ergehen lassen. Einmal schickt ihr Freund ihr per Handy ein Bild von seinem Penis und entschuldigt sich damit, dass es nicht für sie gewesen sei.

Als ich mich mit Dunham in Los Angeles zum Interview treffe, erkenne ich sie im Café zunächst nicht. Sie ist eleganter gekleidet als Hannah, weniger schrill. Und sie wirkt nicht so wuchtig. Aber daran liegt es nicht. Dann verstehe ich, was es ist: Ich erkenne sie nicht, weil sie vollständig angezogen ist. In Girls hat sie oft nicht mehr am Körper als ihre Tattoos. Diese sind auffällig, tiefschwarz und sehen nach Gefängnis aus. Das erste ließ sie sich mit 17 stechen, als Zeichen für ihre Unabhängigkeit als Frau. Dunham lacht, als ich ihr gestehe, dass ich sie angezogen nicht erkannt habe, und gibt zu, dass das Bedecken ihre beste Tarnung geworden sei. „Meist werde ich an den Tattoos erkannt.“

Beim Sprechen klingt sie oft wie eine Teenagerin, die gefallen möchte. Am Satz-ende hebt sie immer die Stimme, sodass alles, was sie sagt, nach einer Frage klingt. Dabei ist das, was sie erzählt, selbstbewusst und durchdacht – reifer, als ihr Alter vermuten lässt. Die Geschichte ihres Erfolgs erstaunt als Beispiel einer Selbstverwirklichung. Sie ist das Mädchen, das berühmt wurde, indem es sich aus dem eigenen Leben bediente, um eine ungeschminkte Serie über ein Mädchen zu machen, das mit einem ungeschminkten Buch über sein eigenes Leben berühmt werden will.

Matroschkapuppe der Selbstreferenzialität

Nach der Schule studierte sie Kreatives Schreiben. Mit zwanzig drehte sie erste Kurzfilme, zu denen sie selbst die Drehbücher schrieb und in denen sie auch mitspielte. Die Charaktere, die sie darin verkörperte, waren ihr oft verblüffend ähnlich. Schludrig, neurotisch, witzig und so uncool, dass sie schon wieder cool waren. Zwei Jahre nach ihrem Abschluss machte sie ihren ersten Langfilm, Tiny Furniture.

Dunhams Arbeiten sind wie eine Matroschkapuppe der Selbstreferenzialität. Jedes ihrer Projekte scheint eine ambitioniertere Version des vorherigen zu sein. Tiny Furniture drehte Dunham, als sie 23 war. Ihre Mutter und Schwester spielen darin die Mutter und Schwester der Protagonistin, die sich immer wieder selbst erniedrigt und als eine Art Vorlage für Hannah betrachtet werden kann. Tiny Furniture wiederum bezieht sich auf ein Video namens The Fountain, das Dunham am College gemacht hat.

Sie zieht sich darin bis auf den Bikini aus, steigt in einen Brunnen des Colleges, badet darin und putzt sich die Zähne. Das Video markiert das In-Erscheinung-Treten der Lena Dunham. Es wurde auf Youtube über 1,5 Millionen Mal angeklickt. Die Tausende Kommentare, die es bekam, gingen meist unter die Gürtellinie und werden in Tiny Furniture zitiert. („Wal voraus!“ – „Ihr Bauch ist gar nicht so fett, ihre Brüste sind bloß so klein.“) Nach der Episode mit dem Brunnen sagt der Freund der Protagonistin in Tiny Furniture zu ihr, er selbst zöge sich gern vor Leuten aus, die ihn nackt sehen wollten – sie hingegen ziehe sich vor Leuten aus, die sie nicht nackt sehen wollten. Dunham ist teils Woody Allen, teils Nora Ephron.

In Girls sagt Hannah einer Freundin, sie sei immun gegen Beleidigungen, weil „niemand mich jemals so sehr hassen könnte, wie ich mich selbst. Jede Gemeinheit, die man sich ausdenken könnte, habe ich mir schon selbst gesagt – vermutlich in der letzten halben Stunde“. Verwechselt sie eigentlich manchmal sich selbst und ihre Charaktere? „Nein,“ sagt Dunham. „Andere aber schon.“ Tatsächlich beschäftigen sie momentan weniger die Ähnlichkeiten zwischen ihr und Hannah als die Unterschiede. „Es bringt mich durcheinander, dass ich eine Frau spiele, die nicht in der Lage ist, sich zu behaupten, mit ihrer Arbeit vorwärts zu kommen und sich ihrer Kreativität klar zu werden. Denn gleichzeitig bin ich ja Drehbuchschreiberin, Regisseurin und Darstellerin der Serie. Es ist komisch, sich in die kleinlaute, verwirrte und gestresste Hannah zu versetzen und dann die Aufnahmen leiten zu müssen.“

Viel Zeit im Bett

Grundlegend für Girls ist, wie viel Zeit Hannah im Bett verbringt: Sie lungert rum, schreibt, schläft, hat Sex – meist schlechten, ab und zu guten. Viele Zuschauer sind zunächst überrascht, wie oft Hannah nackt oder so gut wie nackt ist. Als ich sie frage, ob sie eine Exhibitionistin ist, hebt sich ihre Stimme. „Ich habe mich immer gegen die Bezeichnung gewehrt, weil sie vereinfachend und stark sexuell konnotiert ist. Ich werde bestimmt so wahrgenommen – ganz unrichtig ist das auch nicht. So habe ich es beim Schreiben aber nie empfunden.“

Früher hat sie auf solche Fragen geantwortet, ihr Interesse an der Selbstentblößung entspringe allem, nur nicht ihrer Selbstsicherheit. Tatsächlich scheint es etwas Masochistisches zu haben. Es wirkt, als lade sie dazu ein, sie fertigzumachen. Sie lächelt. „Meine Eltern waren mit vielen Performance-Künstlern befreundet. Ich glaube, ich habe verstanden, dass der Körper ein Erkundungswerkzeug sein kann.“

Peinlich sei ihr einzig die Szene gewesen, in der sie mit einem neuen Freund oben ohne Tischtennis spielt: „Das war eines der ersten Male, in der Nacktheit sexy sein sollte. Dabei habe ich mich nicht wohlgefühlt. Erniedrigende Nacktheit fällt mir leichter. Bei den erniedrigenden Szenen bilden Humor und der Kontext des Ganzen einen Panzer, der es leichter macht.“

Seit ihrem siebten Lebensjahr ist sie in Therapie, sagt sie: „Ich habe dabei gelernt, mein Verhalten zu beobachten und mich nicht so sehr für das Zentrum des Universums zu halten.“ Hat sich ihr Verhältnis zu ihrem Körper verbessert? „Es wird immer einfacher. Meine Ängste sind wahr geworden: Ich wurde fett und hässlich genannt. Und ich lebe immer noch.“

Vielleicht wird man Girls am meisten für die Entromantisierung von Sex in Erinnerung behalten. Dunham zeigt in der Serie, dass Menschen sich in den intimsten Situationen am einsamsten fühlen können. Sie gehört einer Generation an, die mit Porno-Filmen aufgewachsen ist. Jungs erwarten von ihren Freundinnen, dass sie so reagieren wie die Frauen, die sie im Netz sehen. Einmal bittet Hannahs Freund sie, ihm zu erzählen, sie sei eine Kinderprostituierte, während er sie von hinten nimmt. Ein anderes Mal uriniert er auf sie.

Macht sie sich Sorgen, Männer könnten denken, sie fände gut, was sie da spielt? „Ich glaube, die meisten Männer fühlen sich unwohl, wenn sie so etwas sehen. Ich wollte nie moralisch werden, wenn es um Sex geht. Ich halte das für gefährlich. Aber viele Typen haben das gesehen und waren von den Sexszenen auf unangenehme Weise berührt.“

Stimme einer Generation

In der ersten Folge von Girls eröffnen Hannahs Eltern ihr, dass sie ihr die Unterstützung streichen. Daraufhin sagt sie den denkwürdigen Satz: „Vielleicht bin ich die Stimme meiner Generation“, schwächt ihn aber sofort ab in: „Oder zumindest einer Generation.“ Mit dem Erfolg der Serie kam auch Kritik. Und das nicht zu knapp. Oft von Zeitgenossen, die glauben, sie hätten Girls genauso schreiben können. Dunham nickt. „Anscheinend denken alle, sie hätten die Serie gemacht, wenn sie nur einen Moment vor mir beim Sender angeklopft hätten. Wir alle haben viel darüber zu sagen, wie es ist, heute jung zu sein. Und keiner will, dass es jemand anderes für ihn sagt.“

2012 hat sie Barack Obamas Wiederwahl mit einem Videoclip unterstützt, in dem sie das erste Mal Wählen mit dem Verlust der Jungfräulichkeit verglich. „Für mich ist es wichtig, über Politik zu sprechen.“ Und selbst eines Tages Politik zu machen? „Ich glaube nicht, dass ich eine gute Kandidatin wäre. Ich interessiere mich wirklich für Politik, aber ich glaube, niemand würde eine Präsidentin wollen, die im Fernsehen mit so viel Sperma zu tun hatte.“

 

„Die Stimme ihrer Generation“

 Lena Dunham wurde 1986 in New York als Tochter zweier Künstler geboren. 2010 erhielt sie erste Preise für ihren Film Tiny Furniture über eine junge Frau, die Kreatives Schreiben studiert hat und nun pleite wieder bei den Eltern einziehen muss – was in etwa ihrer eigenen Situation entsprach. Wie später auch bei Girls schrieb Dunham das Drehbuch, führte Regie und spielte die Hauptrolle.
Girls wird seit 2012 vom US-Sender HBO produziert. Die Serie, die von vier prekär beschäftigten jungen Frauen erzählt, wird als authentischer Gegenentwurf zur Glamour-Welt von Sex and the City gefeiert. Sex wird hier anders gezeigt: peinlich, ungelenk und oft unbefriedigend. Dunham spielt die angehende Schriftstellerin Hannah Horvath, die von ihren Eltern nicht länger alimentiert wird und alle erdenklichen Katastrophen durchlebt.
Die dritte Staffel ist Mitte Januar in den USA gestartet, in Deutschland ist sie ab dem 16. April beim Pay-TV-Sender Glitz zu sehen. Kritiker fürchten aber bereits um den Charakter der Serie, da Hannah nun mit ihrem On-and-Off-Boyfriend Adam fest liiert ist, brav Tabletten gegen ihre Zwangsneurose nimmt und von ihrem Lektor endlich ernst genommen wird. Dunham selbst steht aktuell wegen Fotos in der Februar-Ausgabe der Vogue, die retuschiert worden sind unter Beschuss. ckä

Simon Hattenstone schreibt Reportagen und Porträts für den Guardian


AUSGABE

Übersetzung: Zilla Hofman
06:00 27.01.2014
Geschrieben von

Simon Hattenstone | The Guardian

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