Entblößen, schlagen, grapschen

Ägypten Von Teilen der Polizei werden wieder bevorzugt Frauen eingeschüchtert und angegriffen. Öffentliche Demütigung soll eine Teilnahme an Protestaktionen verhindern

Die junge Frau liegt auf dem Rücken, Soldaten zerren sie an den Armen weg. Sie wehrt sich nicht, vielleicht hat sie das Bewusstsein verloren. Es lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Man kann ihr Gesicht nicht sehen. Ihr Oberkörper ist entblößt, ihr Bauch, ein blauer BH und ihre Arme sind zu sehen. Die Soldaten haben ihr die Abaya (einen Umhang) heruntergerissen, außerdem hatte sie einen Hijab getragen.

Als die Ägypter vor sechs Jahren gegen den Betrug bei den Parlamentswahlen von 2005 auf die Straße gingen, griff das Regime Mubarak nicht allein auf offizielle Sicherheitskräfte zurück, sondern bediente sich erstmals auch gut trainierter Schlägertrupps. Die verprügelten nicht nur die Männer, sondern fassten auch Frauen an, zerrissen ihnen die Kleider, entblößten, schlugen und begrapschten sie. Die Botschaft sollte lauten: Frauen, die sich an Demonstrationen beteiligen, wollen angefasst werden. Um sich gegen diese neue Form der Repression zu schützen, ziehen die Frauen seitdem mehrere Lagen leichter Kleidungsstücke übereinander an, vermeiden Knöpfe, verknoten ihre Unterwäsche und demonstrieren weiter. Viele der kleineren Bürgerinitiativen, die im Protest aufgegangen sind, wurden von Frauen angeführt.

Symbiotische Verbindungen werden sichtbar: Mubarak macht Ägypten für die USA zum bevorzugten Land für die Folter von „Terrorverdächtigen“, gleichzeitig wird in ägyptischen Polizeistationen Folter zur Regel. Die Schläger des Regimes belästigen als gezielte Form der Einschüchterung Frauen, während deren Gängelung auf der Straße epidemische Ausmaße erreicht.

Bis zum 25. Januar. Mit der Revolution kam das Zeitalter der Ritterlichkeit. Einer der auffälligsten Aspekte während der 18 Tage der ägyptischen Revolution auf den Straßen und Plätzen war, dass niemand belästigt wurde. Frauen waren plötzlich frei, konnten allein auf die Straße gehen, mit Fremden sprechen, sich verschleiern oder auch nicht, konnten rauchen, lachen, weinen oder schlafen. Und die Männer sahen es als ihre Aufgabe, dies zu gewährleisten, zu beschützen und zu helfen. Man nannte es die Ethik des Platzes.
Jetzt befindet sich die ägyptische Revolution in der letzten Phase des Kampfes gegen das alte Regime und das Militär. Die junge Frau in den Bluejeans ist Teil dieses Kampfes.

Wir sind zurück

Seit Freitag hat sich die Armee im Herzen der Hauptstadt offen gegen die zivilen Demonstranten gestellt, die vor dem Kabinettsgebäude eine friedliche Sitzblockade veranstalteten, um damit ihre Ablehnung von Premier Kamal Ganzouri zum Ausdruck zu bringen. Ganzouri hatte angekündigt, es werde keine Gewalt angewendet, um den Sit-In zu beenden. Doch nur wenige Augenblicke später stürzten sich Soldaten auf die Demonstranten. Eine Woche lang hatte die Militärpolizei zusammen mit Fallschirmjägern Aktivsten auf der Straße entführt, sie in nicht gekennzeichneten Fahrzeugen weggebracht, verhört und geschlagen. Am Freitag entführten sie Aboudi – einen der „Ultras“ des Fußballclubs Ahli. Als er zurückgebracht wurde, war sein Gesicht dermaßen von Schlägen und Verbrennungen entstellt, dass man seine Gesichtszüge nicht mehr erkennen konnte. Dann begannen sie mit dem Angriff auf die Protestierenden.

Die Demonstranten haben Steine auf die Soldaten geworfen. Und die Soldaten haben auf die Demonstranten geschossen, Steine, Molotow-Cocktails, Porzellan mit offiziellen Insignien des Parlaments, Stühle, Schränke, Vitrinen, Scheiben und Feuerwerkskörper auf sie geworfen. Sie haben Leute ins Parlaments- und Kabinettsgebäude geschleppt und dort verprügelt oder mit Elektroschocks malträtiert.

Sie schlugen einen frisch gewählten Abgeordneten zusammen und riefen: „Soll doch das Parlament dich beschützen, du Sohn einer ….“ Eine feine ältere Dame, von der sie wussten, dass sie den Demonstranten zu essen brachte, schlugen sie so oft mit der flachen Hand ins Gesicht, bis sie darum bettelte, sie mögen aufhören und sich entschuldigte. Sie haben zehn Menschen getötet und 200 verletzt – sie haben die bewusstlose junge Frau mit entblößtem Oberkörper durch die Straßen gezogen.

Die Botschaft lautet: Setzt eure Hoffnung nicht in die Revolution oder das Parlament. Wir sind das Regime, und wir sind zurück. Sie vergessen dabei, dass die Menschen mündig geworden sind und die Waffe der Demütigung gegen Frauen stumpf geworden ist. Als sie junge Frauen Jungfräulichkeitstests unterzogen, hat eine sich gewehrt und Anzeige erstattet. Alle jungen Frauen, die brutal behandelt wurden, haben vor einer Videokamera Zeugnis abgelegt.
Die junge Frau in der blauen Jeans will anonym bleiben. Aber ihr Bild ist bereits zur Ikone geworden. So wie das von Folter entstellte Gesicht Khaled Saids jede Glaubwürdigkeit zerstörte, die das Innenministerium vielleicht noch besaß, so hat die junge Frau in der blauen Jeans das Ansehen des Militärs restlos zerstört.

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15:20 19.12.2011
Geschrieben von

Ahdaf Soueif | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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