Cory Doctorow
04.04.2013 | 09:00 4

Entertainment ist nicht alles

Freiheit Die Copyright-Kriege führen in eine Sackgasse. Denn das Internet ist längst nicht nur ein Ort für Unterhaltung. Für die meisten ist das Netz Teil des täglichen Lebens

Entertainment ist nicht alles

Wie kann man die unterschiedlichen Bedürfnisse der Online-User zusammenbringen? Jedenfalls nicht, indem man das Netz beschneidet.

Foto: entapir

Ich habe mehr Lösungsvorschläge zur Beendigung der Copyright-Kriege gesehen, als ich warme Abendessen zu mir genommen habe. Immer griffen sie zu kurz. Das liegt daran, dass es im Grunde allen, die solche Lösung anbieten, um die Künstlereinkommen geht – meine Sorge indes dreht sich um das Wohl des Internets.

Klar, um die Künstlereinkommen mache ich mir auch Gedanken – aber erst in zweiter Linie. Immerhin ist bislang fast jeder gescheitert, der versucht hat, von der Kunst seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.  Nicht wenige haben bei dem Versuch sogar noch Miese gemacht. Mit dem Internet hat das aber nichts zu tun: Die Kunst ist ein furchtbares Geschäft, bei dem der Großteil der Einnahmen einem statistisch unbedeutenden Bruchteil der Schaffenden zufließt. Ich bin zufälligerweise einer der extrem glücklichen Lottogewinner in dieser seltsamen Branche und kann meine Familie mit Kreativ-Arbeit ernähren. Aber ich bin nicht engstirnig genug, zu denken, dass ich und das Schicksal der 0,0000000000000000001 Prozent, die sich ebenfalls in dieser Lage befinden, hier das eigentliche Thema sind.

Was ist dann das eigentliche Thema? Einfach gesagt: Das Wohlergehen des Internet.

Die Copyright-Kriege haben der Widerstandsfähigkeit des Internets zugesetzt. Dabei ist diese gerade jetzt so dringend nötig. Das Internet ist heute Teil unseres täglichen Lebens. Und das auf eine Weise, die selbst die wildesten Voraussagen aus den 1980ern übertrifft – es ist der Standardweg, auf dem wir heute unsere Kinder zum Tanzkurs anmelden, die Gasrechnung bezahlen, Videoaufzeichnungen von Polizeigewalt posten, die Erlaubnis für den Bau eines Gartenhäuschens beantragen, Urlaub buchen, recherchieren, ob wir zum Arzt müssen, einen Aufsatz für die Schule verfassen, unseren Lebensunterhalt verdienen – und zunehmend auch für alles andere. Etwa den Gemüseeinkauf, den Abschluss von Versicherungen, ein Studium und alle anderen Aktivitäten, die eine umfassende Teilhabe am öffentlichen Leben ausmachen.

Nichts davon hat etwas mit der Unterhaltungsbranche zu tun und nichts davon wird berücksichtigt, wenn die in der Regierung sitzenden Freunde dieser Industrie ihre Pläne für den Kampf gegen „Piraterie“ schmieden.

Alles was wir tun, hat etwas mit dem Internet zu tun. Für alles, was wir in Zukunft tun werden, werden wir es brauchen.

Lebensader Internet

Das Internet ist wichtig. Aber in den Copyright-Kriegen wird es behandelt, als sei es belanglos: Wie Kabelfernsehen 2.0 oder die Wiederkunft des Telefons, wie das größte Pornovertriebssystem der Welt. Gesetze wir der britische Digital Economy Act schneiden ganze Familien ohne ein rechtsstaatliches Verfahren vom Netz ab, weil ein Mitglied beschuldigt wird, auf falsche Art und Weise fernzusehen. Das wäre schon schlimm genug, wenn das Internet nur ein Kanal für Entertainmentprodukte wäre. Doch für viele Familien ist das Internet die Lebensader. Irgendwelchen ausländischen Unternehmen aus der Unterhaltungsindustrie das Recht zu geben, jemanden den Zugang zum Netz zu verwehren, ist, als würde man dem Wasserfilterhersteller Brita die Macht einräumen, einer Familie das Wasser abzudrehen, wenn sie den Verdacht hegt, ihre Produkte würden dort missbräuchlich benutzt.

Das Internet ist der beste – und oftmals der einzige Ort – um Informationen aller Art zu veröffentlichen. Dennoch haben die englische Richter kürzlich entschieden, dass die Unterhaltsindustrie eine schwarze Liste von Seiten zusammenstellen kann, die ihr nicht genehm sind und die dann per richterlicher Anordnung von den Service-Providern ohne Anhörung, geschweige denn Verfahren blockiert werden müssen.

Ohne Netzwerk ist alles nichts

Das Internet funktioniert nur in Verbindung mit Geräten. Also haben Geräte mit Internetanschluss sich stark verbreitet. „Stand-alone-Geräte“ verlieren hingegen rasant an Bedeutung. Ohne Netzwerke tendiert der Wert einer fast jeden Sache gegen Null.

Dennoch machen Gesetze wie die Urheberrechtsrichtlinie der EU oder US-Gesetze wie der Digital Millenium Copyright Act es buchstäblich zu einem Verbrechen, aus den Geräten „auszubrechen“, eigene Software darauf zu installieren, die Software des Geräts zurückzuentwickeln und verborgene Schwächen zu entdecken, die ein Risiko für einen selbst darstellen könnten. Jede Woche kommt aufs neue heraus, dass ein Gerät nicht so sicher ist, wie es sein sollte. Eine Politik, die es kriminalisiert, wenn man die Software eines Gerätes ändert, um sicherzustellen, dass man nicht gegen regionale Kontrollen verstößt oder den App-Store umgeht, ist einfach nur verrückt.

Zurück zu den „Lösungen“. Viele wohlmeinende Leute haben mir erklärt, man könne aus der Sackgasse, in der die Diskussion um das Urheberrecht steckt, herauskommen. Dafür brauche es Möglichkeiten, die Künstler und die hinter ihnen stehenden Firmen einfacher zu bezahlen.  Doch selbst wenn die Menge des Geldes, das der Unterhaltungsbranche zufließt, sich durch Mikrotransaktionen verfünffachen würde - die Forderungen nach mehr Zensur, mehr Überwachung, mehr Kontrolle würden dadurch wohl nicht im Mindesten leiser werden. Die Experimentalpsychologie hat schon vor langem gezeigt, dass es eine pathologische „Verlustaversion“ gibt – wir schenken dem, was wir verloren haben, mehr Aufmerksamkeit als dem, was wir hinzugewinnen. Die Unterhaltungsbranche ist da ein Paradebeispiel – wie sonst ließe sich das Ächzen und Zähneknirschen über die Verluste durch Piraterie erklären, das jedes Jahr mit der Verkündigung der glänzenden Umsätze an den Kinokassen einhergeht?

Die Unterhaltungsbranche hält Kurs

Auch Boykotte sind keine Lösung. Ich bin voll und ganz dafür, DRM-freie Medien mit Creative Commons-Lizenzen zu unterstützen. Doch selbst wenn wir alles Geld, das wir für Unterhaltung ausgeben, auf freie, internet-freundliche Alternativen zu Big Content verwenden und nur noch diese konsumieren würden – es würde die Unterhaltungsbranche nicht von ihren Forderungen abbringen, es müsse etwas gegen das „Piraterieproblem“ getan werden.

Ich bin als Schreibender selbst Teil dieser Industrie, verdiene in ihr mein Geld. Aber ich bin nicht nur Autor, sondern auch Vater und Sohn. In einer freien Gesellschaft zu leben ist mir wichtiger als die Möglichkeit, meinen Lebensunterhalt als Kreativer zu verdienen. Und wenn der Preis für die „Rettung“ meiner Branche in der Freiheit und Offenheit des Internets besteht, dann werde ich wohl aus dem Club der 0,0000000000000000001 Prozent austreten müssen.

Glücklicherweise glaube ich nicht, dass das sein muss. Wenn wir erlauben, dass das Problem unter der Fragestellung, „Wie bezahlen wir die Künstler?“ behandelt wird, kommen dabei Lösungen für meine Probleme, die Probleme der 0,0000000000000000001 Prozent heraus. Die der ganzen großen Welt blieben unberücksichtigt.

Anti-Piraterie-Kampagnen betonen das gesellschaftliche Risiko, das entsteht, wenn die Leute auf die Idee kommen, es sei in Ordnung, sich etwas einfach so zu nehmen („Man würde ja auch kein Auto stehlen...“). Meine Sorge dreht sich um das Risiko, die Regierungen könnten auf die Idee kommen, Kollateralschäden, die dem Internet durch Regularien entstehen, seien ein akzeptabler Preis für die Umsetzung „wichtiger“ Ziel der Politik.

Dahinter steht die Annahme, mit diesen Maßnahmen einhergehende Beeinträchtigungen des Internets seien ein hinnehmbarer Preis, wenn es um die eigenen Ziele geht. Sinn ergibt das nur, wenn man das Internet radikal unterbewertet – deshalb auch die Sympathie des Establishments für Autoren, die uns erzählen wollen, dass das Internet uns dumm macht oder im arabischen Frühling keine Rolle gespielt habe oder das Niveau von Diskursen senke.

Immer wenn Sie jemanden das Internet runtermachen hören, überlegen Sie gut, ob diese Person irgendwie davon profitieren würde, wenn das Internet selektiv zu ihren Gunsten beeinträchtigt würde.

Lösungen für Kriege aller Art

Was ist also die Lösung für die Copyright-Kriege? Die gleiche wie für die Presseregulierungs-Kriege, die Kriege gegen den Terrorismus, die Überwachungskriege, die Pornokriege: Wir müssen anerkennen, dass das Internet das Nervensystem des Informationszeitalters ist. Und dass der Erhalt seiner Integrität und seiner Freiheit von Überwachung, Zensur und Kontrolle der essentielle erste Schritt zur Gewährleistung jedes anderen wünschenswerten politischen Ziels ist.

 Was ist nun mit der Unterhaltungsbranche und ihrem „Piraterieproblem“? 1939 veröffentlichte der Science Fiction-Autor Robert A. Heinlein seine erste Kurzgeschichte „Lebenslinie“. Sie enthielt die zutreffendste seiner Voraussagen:

„In den Köpfen gewisser Gruppen in diesem Land ist die Vorstellung gewachsen, wenn ein Mensch oder ein Unternehmen einige Jahre lang Profit an der Öffentlichkeit gemacht habe, sei es die Pflicht der Regierung und der Gerichte, diese Profite auch in der Zukunft sicherzustellen. Auch wenn die Umstände sich ändern oder es dem öffentlichen Interesse entgegensteht. Diese seltsame Doktrin wird weder von Gesetzen, noch vom Gewohnheitsrecht unterstützt. Weder Einzelpersonen noch Unternehmen haben das Recht, vor Gericht zu gehen und zu fordern, dass das Rad der Geschichte angehalten oder zurückgedreht wird.“

Auch die Titelgeschichte in der aktuellen Freitag-Ausgabe beschäftigt sich mit der Regulierung des Internet. Unter anderem lesen Sie dort ein Interview mit Evgeny Morozov. Wo Sie die Zeitung am Kiosk kaufen können, erfahren Sie hier.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

Kommentare (4)

Tollschock 04.04.2013 | 10:07

Die Sicherheit des Einen ist häufig die Unfreiheit Anderer. Diese ganzen Regularien sind doch nur dazu da den Fressnapf bestimmter Industrien am Leben zu halten. Künstler werden dadurch mehr gar nicht geschützt. Das Sicherheitsbedürfnis der an diesen digitalen Beschneidungen beteiligten Staaten ist vordergründig die gleichzeitige Beschneidung meiner Freiheit. Das in Zusammenhang mit den vor kurzem versuchten automatisierten Weitergabe meine Daten an Dritte ist dann der endgültige Ausverkauf der persönlichen Freiheit. Wäre das durchgelaufen hätte jeder dahergelaufene Unternehmer meine Daten die von Ämtern erhoben wurden und werden nutzen können. Zensus ist so ein Gespenst und mir wurde sogar Strafe angedroht! In letzter Konsequenz bedeutet es wohl das wir uns auf der Strasse treffen müssen und das Internet verkümmern lassen müssen. Denn dort haben wir erheblich weniger Probleme zu kommunizieren. Die Polizei wird immer mehr ausgedünnt und kann ihren Aufgaben kaum noch nachkommen. Damit meine ich allerdings die Polizei die mich schützen soll. Die braucht schon mal eine halbe bis dreiviertel Stunde bis sie vor Ort ist. Dann ist natürlich der akute Grund nicht mehr direkt greifbar.

Aber das Recht der Verwertungsindustrie das wird durch Abmahnanwälte und ganze Kolonnen von privaten Schnüfflern geschützt. Das kostet natürlich. Es ist zur selbstverständlichkeit geworden das Menschen pro forma ausspioniert werden. Es ist normal geworden Menschen unter generalverdacht zu stellen. Das ist zwar an und für sich gesehen kein Verbrechen aber es ist das Ende der Freiheit zur Initiative und der Beginn der "Freiseins" von gleichem Recht für alle Bürger. Schon längst agieren mehrere Gewalten und unterteilen uns Bürger. Schon lange können bestimmte Kräfte bei uns unter dem Deckmantel des Rechts Bürger unter Generalverdacht stellen und ungestraft bespitzeln. Sie dürfen meine IP loggen und den Datenverkehr scannen. Das schlimme daran ist die per Gesetz erschaffene Normalität des Ganzen.

Meyko 04.04.2013 | 17:32

"In letzter Konsequenz bedeutet es wohl das wir uns auf der Strasse treffen müssen und das Internet verkümmern lassen müssen. Denn dort haben wir erheblich weniger Probleme zu kommunizieren. Die Polizei wird immer mehr ausgedünnt und kann ihren Aufgaben kaum noch nachkommen. Damit meine ich allerdings die Polizei die mich schützen soll."

"Es ist zur Selbstverständlichkeit geworden das Menschen pro forma ausspioniert werden. Es ist normal geworden Menschen unter Generalverdacht zu stellen. [...]Schon lange können bestimmte Kräfte bei uns unter dem Deckmantel des Rechts Bürger unter Generalverdacht stellen und ungestraft bespitzeln."

Im Zusammenhang mit "Generalverdacht" fällt mir dazu diese erhellende Sicht auf die "Straßen-Lage" wieder ein:
Herr Rainer Wendt, der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, meinte in der Sendung „ZDF-login“ ( bei Minute 2:00.) eine Kennzeichnung der Polizei sei abzulehnen und er wehre sich gegen diese Art der Vorverurteilung seiner Kollegen: „[…]Wir sind gegen einen Generalverdacht gegen alle Polizisten und Polizistinnen, die sozusagen eine Kennzeichnung deshalb trage müssen, weil sie ja potentielle Straftäter sind. Ich halte das für ne Unverschämtheit, das den Polizeikräften zu unterstellen“ […]

Falls dieses der gängige, polizeitypische Blick, auf die bei uns gesetzlich vorgeschriebenen Autokennzeichen, Luftfahrzeugkennzeichen, Schiffskennzeichen oder gar Hausnummern sein sollte, dann …

Jaheira 05.04.2013 | 00:07

Jeder Bürger hat in Deutschland ein Recht auf Radio- und Fernsehempfang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ein Recht auf Internet gibt es nicht.

Ich weiß nicht, ob das Internet von unseren Eliten unterschätzt wird, oder ob es gefürchtet wird. Es setzt nämlich manche Menschen gewaltig unter Druck. Jeder, der wirklich etwas mitzuteilen hat, kann mit Glück über Empfehlungen im Netz sehr viele Menschen erreichen- Reichtum oder reiche Unterstützer sind nicht mehr nötig. Wir können uns im Netz organiseren, zur Petition, zum Flashmob, zur Partei. Ärzte müssen zulassen, dass öffentlich über ihre Freundlichkeit geurteilt wird, Professoren werden mit Online-Lernangeboten amerikanischer Eliteunis verglichen. Und für die Nutzer ist abgesehen von der Infrastruktur vieles kostenlos, die Eintrittshürden sind gering. Die Entwicklung des Netzes ist noch lange nicht abgeschlossen.

Die Eliten sollten Angst haben! Kein Wunder dass Terrorismus, Kinderpornos und notleidende Künstler vorschoben werden, um Überwachungsinfrastruktur aufzubauen.