Daniel Ellsberg
26.10.2010 | 18:00 32

Enthüllungen von Wert

Irak Die jetzt veröffentlichten Pentagon-Papiere über den Irak-Krieg haben vermutlich eine größere Bedeutung als vor vier Jahrzehnten publizierte Dokumente über Vietnam

Vor beinahe 40 Jahren habe ich die Pentagon-Papiere veröffentlicht – eine streng geheime Studie über Entscheidungsprozesse der USA während des Vietnamkriegs, die auf 7.000 Seiten offenlegte, dass es wiederholt Lügen und Vertuschungen seitens der Regierung gab. Die Kriegsprotokolle aus dem Irak, die von Wikileaks veröffentlicht wurden, sind womöglich von noch größerer Bedeutung. Wie im Fall Vietnams liegen erneut Beweise für massive Vertuschungen seitens der US-Regierung vor, und das über mehrere Jahre hinweg. Die Protokolle zeigen, welche Auswirkungen der anhaltende Irakkrieg auf die Menschen hat, was viel zu lange vor der Öffentlichkeit in den westlichen Ländern geheim gehalten wurde. Es geht um unzählige Fälle von Folter, die Tötung Hunderter von Zivilisten an Kontrollpunkten.

Wir wissen nun, dass das Pentagon – das in den ersten Jahren der Invasion entweder behauptete, es zähle die Opfer nicht oder es lägen keine Beweise vor – in Wirklichkeit aber akribisch Buch führte. Das US-Verteidigungsministerium war über 66.000 zivile Opfer informiert – 15.000 von ihnen waren der Organisation Iraq Body Count, die als einzige versucht, die Opfer des Krieges zu dokumentieren, gänzlich unbekannt. Das bedeutet: 15.000 Tote wurden in keinem Nachrichtenbericht jemals erwähnt – fünf Mal so viele Menschen, wie bei den Anschlägen am 11. September 2001 umkamen.

Wären es Amerikaner oder Briten gewesen, hätte es Schlagzeilen gegeben. 15.000 Familien haben großes Leid erlebt und wurden dadurch womöglich dazu gebracht, sich an den Amerikanern oder ihren Verbündeten zu rächen. Für das Pentagon können Lügen oder der Versuch, ein solches Blutbad zu vertuschen, nur selbstzerstörerisch sein. Vielleicht ist ihnen entgangen, welch mächtige Rekrutierungswaffe ihr todbringendes Handeln sowohl im Irak als auch in Afghanistan für den Widerstand war.

Bekannte Argumente

Als ich 1971 die Pentagon-Papiere veröffentlichte, versuchte die Regierung, die Publikation zu unterbinden. Sie erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen die New York Times und mich, um die Veröffentlichung aufzuhalten – ein klarer Verstoß gegen das erste Amendment der US-Verfassung – und behauptete, jede weitere Seite und jeder weitere Tag, an dem über die Enthüllungen berichtet werde, gefährdeten massiv die nationale Sicherheit. Doch die Tatsache, dass kein Schaden auf die Veröffentlichungen folgte, gab uns später Recht.

Die größte Medienaufmerksamkeit garantierte uns dann auch weniger der Gehalt unserer Enthüllungen als die beispiellosen Bemühungen der Regierung, diese zu unterdrücken. Dieses Duell wiederum trat eine Welle zivilen Ungehorsams los, wie man sie nie zuvor gesehen hatte. Nach einem zweiwöchigen Rechtsstreit urteilte das Oberste Bundesgericht schließlich zu unseren Gunsten.

Die US-Regierung hat aus diesem Vorfall gelernt. Sie hat erneut ihren Vers aufgesagt – wie auch schon im Juli, als die Afghanistan-Protokolle veröffentlich wurden –, die Enthüllungen bedeuteten eine Gefahr für die nationale Sicherheit und das Leben der US-Soldaten. Obgleich das Pentagon inzwischen bestätigen musste, keine Beweise dafür zu haben, dass seit Juli in Afghanistan auch nur ein einziger Mensch durch die Enthüllung zu Schaden gekommen wäre, so verzweifelt es auch nach Belegen dafür gesucht hat.

Zugleich versuchte das Verteidigungsministerium jedoch, die Enthüllungen herunterzuspielen, um die öffentliche Reaktion zu dämpfen. Es verlautbarte, die Berichte enthielten nichts Neues und seien längst Gegenstand der öffentlichen Debatte. Mag sein, dass sie für die Iraker nicht neu sind, die seit sieben Jahren mit den Folgen der Folter und der Morde an den Checkpoints leben. Und natürlich sind sie auch für das Pentagon nicht neu – schließlich erfasst es diese Fälle intern seit Jahren. Doch während dieser ganzen Zeit mussten die amerikanischen Medien, wenn sie über den Vorwurf willkürlicher Tötungen berichteten, entweder schreiben, das US-Militär weise diese zurück oder es „ermittle“. Wie der frühere britische Botschafter Craig Murray einmal sagte, stellen die Enthüllungen keine Gefahr für das Leben der Soldaten dar, sondern lediglich für den Ruf der Politiker und Funktionäre, die sie in den Tod schicken.

Die USA befinden sich mitten in einem fieberhaften Wahlkampf für die Kongresswahlen. Da sowohl Republikaner als auch Demokraten durch den Irak und Afghanistan belastet sind, werden die Kriege kaum erwähnt. Doch nun, da es schlagende Beweise für massive, jahrelange Vertuschungen gibt – dank der größten unbefugten Enthüllung der Geschichte – können die Massenmedien sie nicht länger ignorieren. Ich bin zuversichtlich: Dies wird entscheidende Konsequenzen haben. 

Das Risiko nicht scheuen

Vor 40 Jahren bediente ich mich für meine Enthüllungen des Fotokopierers – damals ein maßgebliches technisches Gerät – um 7.000 Seiten Beweismaterial zu vervielfältigen. Ich kann die Whistleblower des 21. Jahrhunderts nur um die Möglichkeit beneiden, einen viel größeren Dokumentenfund mittels der digitalen Technologie weitergeben zu können. Nun, da die Informationen im Internet stehen, haben Millionen die Möglichkeit, sie in den kommenden Tagen genauer einzusehen. So lässt sich ein ganz anderes Ergebnis erzielen. Darüber hinaus hat mich die Reaktion des stellvertretenden britischen Premiers beeindruckt, der erklärte, die Daten aus dem Irak müssten Gegenstand einer Untersuchung werden, anstatt sich über die Bloßstellung von Staatsgeheimnissen zu beschweren. Jede Untersuchung, und sollte sie auf Großbritannien beschränkt bleiben, wird das Thema auf der globalen Agenda oben halten.

Ich hoffe, dass der Mut und Patriotismus, welche die Enthüller dieser Unterlagen bewiesen haben – unter dem Risiko langer Haftstrafen –, in den kommenden Monaten Nacheiferer unter Personen finden, die Zugang zu noch höher eingestuften Dokumenten haben. Wir müssen Zugang zu Papieren des Weißen Hauses, des Pentagons und der CIA bekommen, die Beweise für Kriegsverbrechen durch Entscheidungsträger auf höchster Ebene enthalten – damit die kriminellen Machenschaften, die sich heute ereignen, ins Bewusstsein des amerikanischen Volkes vordringen.

Die Möglichkeit, dies zu enthüllen, ist das große persönliche Risiko wert, das die Quellen zu tragen haben, wer auch immer sie sein mögen. Ich habe niemals daran gezweifelt, dass die Enthüllung der Pentagon-Papiere es wert war, meine Freiheit aufs Spiel zu setzen.

Übersetzung: Christine Käppeler

Kommentare (32)

Calvin 26.10.2010 | 20:50

Mag sein, dass die Dokumente eine größere Bedeutung als die von Vietnam haben. Sie werden in der Bevölkerung aber nicht ansatzweise ähnlich heftige Reaktionen hervorrufen. Die heutige Reizüberflutung und ständige Anfütterung mit Skandälchen und Skandalen, kombiniert mit wenig Illusionen darüber, was im Irak tatsächlich geschieht: Ein kurzes Medienfeuer, einige wenige Entlassungen -sonst nichts. Schade, aber die Macht der Medien wird oft überschätzt.

Alien59 27.10.2010 | 11:12

Ellsberg hat es erfasst:
"Das bedeutet: 15.000 Tote wurden in keinem Nachrichtenbericht jemals erwähnt – fünf Mal so viele Menschen, wie bei den Anschlägen am 11. September 2001 umkamen.

Wären es Amerikaner oder Briten gewesen, hätte es Schlagzeilen gegeben. 15.000 Familien haben großes Leid erlebt und wurden dadurch womöglich dazu gebracht, sich an den Amerikanern oder ihren Verbündeten zu rächen."
Zigtausende von Toten, weil die Amerikaner - angeblich - sich für die 3000 Toten des WTC rächen wollen. Kein einziger Toter für die 7000 in Srebrenica getöteten, und wer rächt diese namenlosen Opfer im Irak, in Afghanistan, in Pakistan? Wer es tut, ist ein Terrorist.

Das sieht die muslimische Welt - und der Graben wird breiter, wenn man uns Muslime weiter als Menschen zweiter Klasse zu behandeln versucht, wenn unsere Opfer nicht zählen.
Jeder israelische Verletzte hat in den westlichen Medien Nachrichtenwert - aber im Durchschnitt stirbt pro Woche ein Palästinenser von israelischer Hand, ohne dass das jemand in den nichtmuslimischen Ländern erfährt, wenn er nicht nach solchen Nachrichten sucht.
Für die Irakis, für viele im "Osten", sind die Ergebnisse aus den Irakpapieren wirklich nicht unbedingt etwas Neues. Aber es besteht zumindest die Chance, dass die Zahl derer, die im "Westen" über das Verhalten ihrer Machthaber nachdenken, etwas größer wird.

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hibou 27.10.2010 | 11:17

im prinzip hasse mit der analyse recht. stirbt auch nur EIN bundeswehrsoldat, ist schwer was los.
aber was soll diese blutrachementalitaet? "Kein einziger Toter für die 7000 in Srebrenica getöteten, und wer rächt diese namenlosen Opfer im Irak, in Afghanistan, in Pakistan? Wer es tut, ist ein Terrorist." solln wir jetzt killen?

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rahab 27.10.2010 | 12:14

@hibou

was soll der kack von wegen "blutrachementalität"?
und dann auch noch in einer weise, die so tut, als hätte Alien59 zu "blutrache" aufgerufen?
wer hier mit dem feuer spielt, das bist du!

vielleicht hörst du endlich mit deinem siegergehabe auf?
so großartig, wie du dich zu fühlen scheinst, bist du nämlich garnicht.
sondern eher - so mein eindruck - ein armseliger wicht, der denen, die er für (wort-)mächtig hält, gern nach dem mund redet!
und da, wo er meint, dass wer anderes am boden liege, gern noch nachtritt!

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sachichma 27.10.2010 | 19:31

@Allien59 allerdings beginne ich mir Sorgen zu machen. Das mit "hibou" steckst Du leicht weg. Nein, es ist wegen Deiner allzu direkten Solidarität. "hump van weyden" hat nämlich recht, es gibt keine "kritische bürgerliche Öffentlichkeit" so wie die, die Daniel Ellsberg sie vor 40 Jahren ansprechen konnte. Seit Reagan alles platt gemacht hat und die Wallstreetmafia das Weisse Haus am helligten Tag gekidnappt hat, gibt es bekanntlich Privat-Armeen, Hit Kill Teams, alle erdenklichen Schweinereien die sich mit allen Finessen regulärer Rechtsprechung entziehen können.

In diesem Sinn haben die beiden ersten Kommentatoren vollkommen recht in ihrer Einschätzung. Sieh's mal pragmatisch: Gutti baut die Bundeswehr um und kaum jemand versteht wo das noch enden wird weil er über seine Hauszeitungen Bild FAZ zum Volk spricht. Di anderen werden nicht müde jeden Quatsch auch noch zu zitieren. Und die Deutschen finden das zu allem Überfluss auch noch toll wie Gutti das Raketenabwehrschild, das er nach dem gleichen Muster (F104 Looked) seines politischen CSU-Vorbilds, Francesco Joseppe, einkaufen möchte.
Vor 30 Jahren wäre in Deutschland ein riesiges Tohowabo darüber ausgebrochen. Heut kümmert es keinen Menschen mehr. Oder, wie die beabsichtigte Hinrichtung von Aziz eine Folge der Veröffentlichung der WL Docs ist. Mit der Beseitigung des Kronzeugen ist das Mass erreicht das nötig ist weiterhin unbekümmert Kriegsverbrechen verüben zu können. Und die Mainstream brabbeln über die NATO, einem Relikt aus dem "Kalten" Krieg.
Wie sollen solche Knacker, die sich mühselig in halbes Leben lang als Journalisten durch die Schluchten der traditionellen Mainstreammedien gehangelt haben und nun "joffen" von dem sie gar keine Ahnung haben. Die Schnelligkeit der Digitalen Nachrichtenverbreitung wird nicht dadurch verlangsamt wenn die auf journalistische Ethik pochen, die diese leider noch nicht zu verrentnerten Typen selbst bei der Verbreitung von ihrem Unsinn gar nicht nicht einhalten.
Es würde mich auch nicht verwundern wenn bei vielen heute ein Punkt erreicht ist wo aus Angst vor staatlicher Kontrolle Kritik behindert ist. Computer Beschlagnahmungen in Buchhandlungen, Bundestrojaner, Vorratsdatenspeicherung, all das war früher nicht so effizient möglich. Insofern sehe auch ich nicht gerade wie ein Vergleich hier haltbar wäre.

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tomgard 28.10.2010 | 18:20

Ein Wort zur "kritischen bürgerlichen Öffentlichkeit" im Zusammenhang mit dem Ellsberg-Artikel.

Moralische Wahrheiten sind beliebigen Interessen nutzbar. So wurden die Pentagon-Papiere über Vietnam nach ihrer Veröffentlichung zu einem Bestandteil der Ausstiegs.Strategie der USA, die - beispielhaft geworden im Falle der "Operation Linebacker II", dem "Abruf" von Flächen-Bombardements Nord-Vietnams je nach Stand der Pariser "Verhandlungen" - z.T. erst noch die fürchterlichsten Verwüstungen des Krieges anrichtete, um klar zu stellen, daß die "Niederlage" der US-Armee in Südvietnam in keiner denkbaren Weise als "Sieg" des kommunistischen Vietnam mißverstanden werden konnte.

Eine ähnliche Funktion der Enthüllungen zeichnet sich auch für den Irak ab. Hier in der Form, daß die lizensierten irakischen "Ordnungs"kräfte genötigt werden, die Sünden der Interventions- und Besatzungsmächte zu erben .

In beiden Fällen greifen die "Enthüllungen" halt nicht die Gründe und Motive der Intervention resp. des Überfalls und der Massaker an, die vielmehr als Betriebsunfälle und Verfehlungen einer grundsätzlich gerechtfertigten Strategie erscheinen können. Beispielhaft wird das in zynischen Malereien, wie der Kalkulation, 15 000 unbekannte, potentiell willkürlich gekillte zivile Opfer der US-Armee seien "fünfmal so viel", wie die amerikanischen Opfer von 9 / 11.

Damit ist das Nötigste über die "kritische bürgerliche Öffentlichkeit" implizit auch schon gesagt, und da unterscheiden sich die Zustände in den 70gern nicht substanziell von denen heute. Ich erinnere, daß z.b. die Putschpolitik in Südamerika, die Ermordung Allendes, , die substantielle atomare Drohung im Falle der polnischen Revolten, die Niederrüstung der SU mittels "Nachrüstung" Europas zu einem separaten Kriegsschauplatz, die Iran-Kontra-Affäre mitsamt der meuchelmörderischen Strategie in Nicaragua, für eine Offensive stehen, gegen die der zweite Indochinakrieg, bei aller punktuellen Zerstörungswucht und Grausamkeit, lediglich einen lauen Auftakt darstellte. Die Ellsberg - Papiere - ohne, daß ich auch nur ein Jota von ihren ehrenwerten Motiven abstreichen will - stellten daher eher einen Wendepunkt dar, der diese Entwicklung einzuleiten half. Weil sie eben nicht zum Bruch der bürgerlichen Loyalität führten, sondern Bestandteil einer Freiheit der US-Politik gegenüber der "Heimatfront" wurde, die sie gewann, weil sich die loyalen Bürger berechnend zu den Lügen der veröffentlichten Meinung stellten. Von da führt eine direkte Linie zu der relativen Sorglosigkeit, mit der die konspirativen Kräfte die offenkundigen Ungereimtheiten der Operation 9/ 11 in Kauf nahmen, im Vertrauen darauf, das methodische bürgerliche Mißtrauen in die Macht handhabbar halten zu können.

GeroSteiner 10.11.2010 | 23:15

"würd es gerne lassen, aber du agierst als propagandamaschine"

Nein, hibou Sie irren.

Wir sind Opfer der Propagandamaschinerie der Amerikaner und deren Verbündeter. Zur Läuterung empfehle ich Noam Chomsky "Media Control".

Da wird Ihnen klar, dass Alien59 näher an der Realität argumentiert als Sie.

Wir sind hier allesamt so vollgestopft und abgefüllt mit Propaganda, dass wir nur noch mit großer Anstrengung die Manipulationen entdecken, die uns das denken lässt, was wir denken sollen.

Die eigenen Vorurteile sind da ein schlechter Ratgeber, wenn man an die Realität herankommen will. Mit den offiziellen Verlautbarungen ist das vergebliche Liebesmüh.