Enthüllungen von Wert

Irak Die jetzt veröffentlichten Pentagon-Papiere über den Irak-Krieg haben vermutlich eine größere Bedeutung als vor vier Jahrzehnten publizierte Dokumente über Vietnam

Vor beinahe 40 Jahren habe ich die Pentagon-Papiere veröffentlicht – eine streng geheime Studie über Entscheidungsprozesse der USA während des Vietnamkriegs, die auf 7.000 Seiten offenlegte, dass es wiederholt Lügen und Vertuschungen seitens der Regierung gab. Die Kriegsprotokolle aus dem Irak, die von Wikileaks veröffentlicht wurden, sind womöglich von noch größerer Bedeutung. Wie im Fall Vietnams liegen erneut Beweise für massive Vertuschungen seitens der US-Regierung vor, und das über mehrere Jahre hinweg. Die Protokolle zeigen, welche Auswirkungen der anhaltende Irakkrieg auf die Menschen hat, was viel zu lange vor der Öffentlichkeit in den westlichen Ländern geheim gehalten wurde. Es geht um unzählige Fälle von Folter, die Tötung Hunderter von Zivilisten an Kontrollpunkten.

Wir wissen nun, dass das Pentagon – das in den ersten Jahren der Invasion entweder behauptete, es zähle die Opfer nicht oder es lägen keine Beweise vor – in Wirklichkeit aber akribisch Buch führte. Das US-Verteidigungsministerium war über 66.000 zivile Opfer informiert – 15.000 von ihnen waren der Organisation Iraq Body Count, die als einzige versucht, die Opfer des Krieges zu dokumentieren, gänzlich unbekannt. Das bedeutet: 15.000 Tote wurden in keinem Nachrichtenbericht jemals erwähnt – fünf Mal so viele Menschen, wie bei den Anschlägen am 11. September 2001 umkamen.

Wären es Amerikaner oder Briten gewesen, hätte es Schlagzeilen gegeben. 15.000 Familien haben großes Leid erlebt und wurden dadurch womöglich dazu gebracht, sich an den Amerikanern oder ihren Verbündeten zu rächen. Für das Pentagon können Lügen oder der Versuch, ein solches Blutbad zu vertuschen, nur selbstzerstörerisch sein. Vielleicht ist ihnen entgangen, welch mächtige Rekrutierungswaffe ihr todbringendes Handeln sowohl im Irak als auch in Afghanistan für den Widerstand war.

Bekannte Argumente

Als ich 1971 die Pentagon-Papiere veröffentlichte, versuchte die Regierung, die Publikation zu unterbinden. Sie erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen die New York Times und mich, um die Veröffentlichung aufzuhalten – ein klarer Verstoß gegen das erste Amendment der US-Verfassung – und behauptete, jede weitere Seite und jeder weitere Tag, an dem über die Enthüllungen berichtet werde, gefährdeten massiv die nationale Sicherheit. Doch die Tatsache, dass kein Schaden auf die Veröffentlichungen folgte, gab uns später Recht.

Die größte Medienaufmerksamkeit garantierte uns dann auch weniger der Gehalt unserer Enthüllungen als die beispiellosen Bemühungen der Regierung, diese zu unterdrücken. Dieses Duell wiederum trat eine Welle zivilen Ungehorsams los, wie man sie nie zuvor gesehen hatte. Nach einem zweiwöchigen Rechtsstreit urteilte das Oberste Bundesgericht schließlich zu unseren Gunsten.

Die US-Regierung hat aus diesem Vorfall gelernt. Sie hat erneut ihren Vers aufgesagt – wie auch schon im Juli, als die Afghanistan-Protokolle veröffentlich wurden –, die Enthüllungen bedeuteten eine Gefahr für die nationale Sicherheit und das Leben der US-Soldaten. Obgleich das Pentagon inzwischen bestätigen musste, keine Beweise dafür zu haben, dass seit Juli in Afghanistan auch nur ein einziger Mensch durch die Enthüllung zu Schaden gekommen wäre, so verzweifelt es auch nach Belegen dafür gesucht hat.

Zugleich versuchte das Verteidigungsministerium jedoch, die Enthüllungen herunterzuspielen, um die öffentliche Reaktion zu dämpfen. Es verlautbarte, die Berichte enthielten nichts Neues und seien längst Gegenstand der öffentlichen Debatte. Mag sein, dass sie für die Iraker nicht neu sind, die seit sieben Jahren mit den Folgen der Folter und der Morde an den Checkpoints leben. Und natürlich sind sie auch für das Pentagon nicht neu – schließlich erfasst es diese Fälle intern seit Jahren. Doch während dieser ganzen Zeit mussten die amerikanischen Medien, wenn sie über den Vorwurf willkürlicher Tötungen berichteten, entweder schreiben, das US-Militär weise diese zurück oder es „ermittle“. Wie der frühere britische Botschafter Craig Murray einmal sagte, stellen die Enthüllungen keine Gefahr für das Leben der Soldaten dar, sondern lediglich für den Ruf der Politiker und Funktionäre, die sie in den Tod schicken.

Die USA befinden sich mitten in einem fieberhaften Wahlkampf für die Kongresswahlen. Da sowohl Republikaner als auch Demokraten durch den Irak und Afghanistan belastet sind, werden die Kriege kaum erwähnt. Doch nun, da es schlagende Beweise für massive, jahrelange Vertuschungen gibt – dank der größten unbefugten Enthüllung der Geschichte – können die Massenmedien sie nicht länger ignorieren. Ich bin zuversichtlich: Dies wird entscheidende Konsequenzen haben. 

Das Risiko nicht scheuen

Vor 40 Jahren bediente ich mich für meine Enthüllungen des Fotokopierers – damals ein maßgebliches technisches Gerät – um 7.000 Seiten Beweismaterial zu vervielfältigen. Ich kann die Whistleblower des 21. Jahrhunderts nur um die Möglichkeit beneiden, einen viel größeren Dokumentenfund mittels der digitalen Technologie weitergeben zu können. Nun, da die Informationen im Internet stehen, haben Millionen die Möglichkeit, sie in den kommenden Tagen genauer einzusehen. So lässt sich ein ganz anderes Ergebnis erzielen. Darüber hinaus hat mich die Reaktion des stellvertretenden britischen Premiers beeindruckt, der erklärte, die Daten aus dem Irak müssten Gegenstand einer Untersuchung werden, anstatt sich über die Bloßstellung von Staatsgeheimnissen zu beschweren. Jede Untersuchung, und sollte sie auf Großbritannien beschränkt bleiben, wird das Thema auf der globalen Agenda oben halten.

Ich hoffe, dass der Mut und Patriotismus, welche die Enthüller dieser Unterlagen bewiesen haben – unter dem Risiko langer Haftstrafen –, in den kommenden Monaten Nacheiferer unter Personen finden, die Zugang zu noch höher eingestuften Dokumenten haben. Wir müssen Zugang zu Papieren des Weißen Hauses, des Pentagons und der CIA bekommen, die Beweise für Kriegsverbrechen durch Entscheidungsträger auf höchster Ebene enthalten – damit die kriminellen Machenschaften, die sich heute ereignen, ins Bewusstsein des amerikanischen Volkes vordringen.

Die Möglichkeit, dies zu enthüllen, ist das große persönliche Risiko wert, das die Quellen zu tragen haben, wer auch immer sie sein mögen. Ich habe niemals daran gezweifelt, dass die Enthüllung der Pentagon-Papiere es wert war, meine Freiheit aufs Spiel zu setzen.

18:00 26.10.2010
Geschrieben von

Daniel Ellsberg | The Guardian

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