Entzückt, amüsiert, verwundert, beunruhigt, perplex, entrüstet

Im Gespräch J.R.R. Tolkien sah seine Popularität eher mit gemischten Gefühlen. Sagt Sohn Christopher, der nun Geschichten aus dem Nachlass des "Herr-der-Ringe"-Autors veröffentlicht

Wann und warum entschloss Ihr Vater sich seine Versionen der Legende von Sigurd und Gudrún zu verfassen und warum bediente er sich hierzu wohl der erzählenden Versform?

Christopher Tolkien: Ich glaube die Gedichte stammen aus den Oxford-Jahren meines Vaters, in denen er vor dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig Vorlesungen über altnordische Literatur hielt – ich würde auf die frühen 1930er tippen. Es ist erstaunlich, dass die erhaltenen Briefe oder seine anderen Schriften keinerlei Hinweise auf diese Frage enthalten. Seine Hinwendung zur erzählenden Versform ist in dem langen, aber unvollendeten Gedicht Die Kinder Húrins zu erkennen, dass er in den frühen 1920ern schrieb, als er an der Universität von Leeds war. Es ist im altenglischen alliterierenden Metrum verfasst, welches er auch in The Homecoming of Beorhtnoth und anderen Werken verwendete. 1925 ließ er von diesem Gedicht ab, um an The Lay of the Leithian zu arbeiten, einem langen, in Reimpaaren (Couplets) verfassten Gedicht. Es erzählt die Geschichte von Beren und Lúthien, wie Aragon sie im Herr der Ringe auf Weathertop den Hobbits erzählt. Im Jahre 1931 brach er auch dieses Gedicht unvollendet ab. Meiner Einschätzung nach - wenngleich es sich hierbei nur um eine Möglichkeit handelt - begann er wenige Zeit später mit den Gedichten von Sigurd und Gudrún. Als Verfasser von Versen war er ein großer Könner und fühlte sich besonders zum alliterativen Versmaß hingezogen, das aus dem nördlichen Europa weit zurückliegender Tage stammt und welches in verwandten Formen sowohl im Altnordischen als auch im Altenglischen vorkommt.

Warum haben Sie sich jetzt für eine Veröffentlichung entschieden?

Das war eine Sache von Zeit und Energie. Seit ich diese Gedichte nach dem Tod meines Vaters gelesen habe, hatte ich immer vor, sie eines Tages zu veröffentlichen. Tatsächlich habe ich auch schon vor Jahren an einer Ausgabe gearbeitet, diesen Entwurf aber nicht weiter verfolgt. Als ich dann 1996 endlich mit der zwölfbändigen History of Middle-Earth fertig war, habe ich dann erstmal eine lange Pause gemacht und erst 2007 mit Die Kinder Húrins wieder etwas veröffentlicht.

Wie stark mussten sie das Werk bearbeiten, um es veröffentlichen zu können? Wie vollständig war die Version ihres Vaters?

Für die Veröffentlichung der beiden Gedichte selbst war nur wenig Arbeit nötig. Mein Vater hinterließ ein vollständiges Manuskript. Es existierten lediglich ein paar wenige Seiten früheren Schriftstücke, sämtliche weiteren Entwürfe waren verschwunden. Das Manuskript ist in guter, sauberer Handschrift abgefasst und enthält keine Korrekturen. Offensichtlich war es als letzte Reinschrift gedacht. Erst viel später wurden ein paar geringfügige Änderungen vorgenommen. Meine „Bearbeitungen“ bestehen weitestgehend aus Erklärungen und Klarstellungen, die sich vorrangig auf den nicht immer leicht nachvollziehbaren Verlauf der Erzählung und darüber hinaus auch auf den Umgang mit Quellen beziehen. Weiterhin gibt es den bearbeiteten Text einer Vorlesung, die mein Vater über einen Gegenstand der altnordischen Lyrik, die Ältere Edda, gehalten hat.

Denken Sie, dass dieses neue Werk für ein Publikum von Interesse sein wird, das nicht an in Versform erzählte Geschichten gewöhnt ist? Wie werden die Leser es aufnehmen, besonders da es nicht in Mittelerde spielt?

Ich muss annehmen, dass viele oder tatsächlich die meisten der Leser, die diese Gedichte lesen oder lesen könnten, damit unbekanntes Territorium betreten. Ich wage zu behaupten, dass ein guter Teil von ihnen sofort von dem Gedanken an „lange erzählende Gedichte in Versform“ abgeschreckt werden und sich nicht weiter damit beschäftigen wird. Andererseits ist es durchaus möglich, dass die Versform der Gedichte, die in Versmaß und Art eng an die Ältere Edda angelehnt ist (in der Teile der Geschichte schon vor langer Zeit von verschiedenen norwegischen und isländischen Dichtern erzählt wurden) eine unerwartete Wirkung zeigen werden. Meine Hoffnung ist, dass einige derer, die das Werk meines Vaters schätzen und verehren, es erhellend finden werden. Sowohl in Hinblick auf die altnordische Poesie im Allgemeinen und auf den Umgang meines Vater mit der wilden, leidenschaftliche und mysteriösen Legend, als auch in Bezug darauf, dass er - was nicht sehr bekannt ist - Philologe und Dichter war. Vor allem hoffe ich aber, dass die Leser Freude an dieser Dichtung haben werden.

Warum entschieden Sie sich Die Kinder Húrins zu veröffentlichen? Wie stark haben Sie es bearbeitet und wieviel davon ist Ihr eigenes Material, das Sie auf Grundlage dessen hinzufügten, was sie von ihrem Vater wissen?

Über all die Arbeit hinaus, die aus meiner Ernennung zum Verwalter des literarischen Nachlasses meines Vaters erwächst, habe ich es mir zur vorrangigen Aufgabe gemacht, seine unveröffentlichten Werke in so zugänglicher und genauer Form zu veröffentlichen, wie es mir möglich ist. Rückblickend ist es seltsam zu sehen, wie wenig über die Konzeption Mittelerdes bekannt war, als er starb. Ich betrachte dies als absolute Rechtfertigung der von mir geleisteten Arbeit. Die Kinder Húrins waren in der Tat ein besonderer Fall, da mein Vater die Geschichte selbst viele Male in unterschiedlicher Form erzählt hat. Man könnte sagen, sie sei entstanden, während das Silmarillion entstand. Die Geschichte dieser Geschichte kann zu großen Teilen in der History of Middle-Earth gefunden werden. Doch war es lange Zeit das ultimative, unerfüllte Bestreben meines Vaters, drei der Haupteinzelgeschichten aus dem Silmarillion in weit ausführlicherer Weise zu erzählen, als es im Silmarillion selbst angemessen gewesen wäre. Klar ist zudem: Hätte er eine dieser Erzählungen beendet, hätte er die Veröffentlichung als separates Werk gewünscht, selbst wenn dieses eigentlich einer größeren Geschichte angehört. Deshalb habe ich es so veröffentlicht, wie ich es vor zwei Jahren getan habe. Tatsächlich gibt es keine „Hinzuerfindungen“ in meiner Ausgabe der Kinder Húrins. Doch ist der Text an einigen Stellen notwendigerweise künstlich, da ich Material aus Manuskripten verwendete, welches aus verschiedenen Phasen der Entstehung der Geschichte stammte. Die Vorgehensweise wird im Anhang des Buches beschrieben.

Stimmt es, dass ihr Vater ihnen Teile des Herrn der Ringe zusandte, während sie in der Air Force waren, um ihre Meinung dazu zu erhalten? Können Sie sich an bestimmte Aspekte oder kritische Gedanken erinnern, die Sie damals mit ihm teilten?

Das war tatsächlich so. Ich war während des Krieges in Südafrika, wo ich als Pilot der Royal Air Force ausgebildet wurde. In dieser Zeit schrieb mein Vater mir viele lange Briefe, die mich alle erreichten und von denen einige in The Letters of JRR Tolkien veröffentlicht wurden. In vielen dieser Briefe berichtete er mir vom Fortschritt des Herrn der Ringe. Außerdem schickte er mir beinahe alle Kapitel des vierten Buches (dem zweiten Teil der Zwei Türme). Die Eingriffe oder Vorschläge meinerseits waren sehr geringfügig. Zum Beispiel schrieb er mir im Mai 1944, dass er den Namen Gamgee (dt.: Gamdschie) in Goodchild ändern würde „wenn ich dächte, dass Du mich lassen würdest“,“da Hobbits dieser Klasse sehr sächsische Namen haben“. Ich antwortete, dass es mir überhaupt nicht gefallen würde, Sam Gamgee in Sam Goodchild umbenannt zu sehen – es blieb bei Sam Gamgee.

Was hätte Ihr Vater Ihrer Meinung nach von seiner Popularität gehalten?

Das ist eine Frage, über die ich oft herumspekuliere. Doch jedwede Antwort hinge davon ab, wie viel die Wahrsager ihm über die Zukunft erzählt hätten und wie es ihm vermittelt worden wäre. Ich denke – wenn man die Frage so ausweitet, dass sie mehr beinhaltet, als lediglich seine enorme Popularität –, dass er abwechselnd erfreut, entzückt, amüsiert, verwundert, beunruhigt, perplex, entrüstet, letztendlich aber voll und ganz verblüfft gewesen wäre.

Stimmt es wirklich, dass Sie ihr Haus von einem wilden Keiler bewachen lassen?

Nein, das stimmt ganz und gar nicht. Es handelt sich hierbei um eine unvollständige Version eines gänzlich unbegründeten Unsinns, der mit allerlei Zeug ähnlicher Güte zur Zeit der Herr der Ringe-Filme aufkam. In der vollständigen Geschichte besitze ich nicht einen, sondern eine ganze Herde wilder Keiler, die dazu da sind, Tolkien-Fans zu verjagen, die angeblich in den Wäldern herumlungern, die mein Haus umgeben. Es gibt tatsächlich viele wilde Keiler in dieser Gegend, allerdings glaube ich nicht, dass sie sich als Wächter eigenen würden, selbst wenn ich es wollte.

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Zilla Hofman

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19:05 06.05.2009
Geschrieben von

Alison Flood, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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