Er ist doch nur entwischt

Nachruf David Robert Jones kam 1947 in Brixton auf die Welt. Als David Bowie wurde er zum Star. Am 10. Januar ging er von uns. Wirklich?
Suzanne Moore | Ausgabe 02/2016 6
Er ist doch nur entwischt
Den Weltraum hat Bowie nie verlassen
Foto: Entertainment Pictures/Imago

Mein David Bowie ist nicht tot. Er kann gar nicht sterben. Er wird immer bei mir bleiben, denn er ist es, der mich zu mir selbst gemacht hat. Das steht für mich völlig außer Zweifel, und ich brauche die Wehklagen der Politiker oder Fernsehmoderatoren nicht, die sich nun verschwommen an seine „Hits“ erinnern. Ich brauche keine Diskussionen darüber, ob er auf einer Stufe mit John Lennon oder Bob Dylan steht, denn ich weiß, das ist eine dumme Frage. Er war mein Leitstern: In den Jahren, als ich versuchte, ich zu werden, zeigte er mir die unendlichen Möglichkeiten. Er war es, der all die neuen Räume erschloss, sowohl metaphorisch als auch leibhaftig. Dieser Mann wusste sich zu bewegen.

Diese Möglichkeiten nehmen kein Ende, obwohl ihm natürlich klar war, dass sie ein Ende haben würden. Er ist entflogen „just like that bluebird“, wie er auf seiner neuen Single „Lazarus“ singt, zu der es dieses fantastische Video gibt, auf dem er weiß, dass er bald entfliegen wird. Er wusste nun einmal Dinge, die wir nicht wussten, das war sein ganzes Leben lang so. Nun geht er mit dem Album Blackstar, das ich furchterregend fand, ohne sagen zu können, warum. Nun höre ich es an und weine, was denn sonst?

Finde deinen eigenen Bowie. Du hast ihn ganz sicher noch irgendwo. Den Abend, als du zum ersten Mal „Ziggy Stardust“ gehört hast, vielleicht schon 1972, als der Song und das Album herauskamen, vieleicht viel später. Den Tag, als du dir Lebensmittelfarbe in die Haare schmiertest. Die Nacht, als die Lust sich unentwirrbar vermischte mit einer anderen Art von Sehnsucht: mit der Sehnsucht, in einer der Welten zu sein, von denen er uns erzählte. Ich spüre sie immer noch. Der Nachmittag, als ich einem Freund Station to Station mitbrachte – er musste die Platte hören! Wir behandelten diese Alben wie religiöse Gegenstände. Wir vertieften uns in die Covertexte.

Wir wollten etwas von dem wissen, was Bowie wusste. Er war unsere Universität. Er hielt für uns die Schlüssel zur Welt bereit. Aus der Kleinstadt und aus dem, was meine Lehrer „ein zerrüttetes Elternhaus“ nannten, würde Bowie uns hinausführen. Wir mussten nicht mehr versuchen, normal zu sein, nun, da wir uns ihm anvertrauten. Er sang vom Weltall, von Drogen, vom Schweben über den Dingen. Er konnte so zärtlich sein („Letter to Hermione“) und dann wieder wie ein Wüstling herumgockeln. Er hatte Zugang zu einem Bereich des Mystischen, den wir ahnten, aber nicht zu fassen bekamen, weil wir allzu beschäftigt damit waren, uns herauszuputzen, zu tanzen, zu begehren.

Und doch gab er unablässig Geheimwissen an uns weiter. Er machte mich mit William. Burroughs bekannt, mit Lindsay Kemp, mit Aleister Crowley, mit Berlin, mit Ryūichi Sakamoto, mit Nicolas Roeg und mit so vielen anderen. Ihm hatte ich meinen ersten Freund zu verdanken – denn er brachte die Jungs aus der Arbeiterklasse dazu, Eyeliner und Nagellack auszuprobieren, was sie halbwegs interessant machte.

Damals brüllten die Schlagzeilen „Gender Bender“ (Transvestit), und es war das erste Mal, dass ich das Wort Gender hörte. Wenn er in der Musiksendung „Top of the Pops“ auftrat, verdarben mir meine Mutter und mein Großvater die Sendung, indem sie beide dauernd schrien: „Ist das ein Mann oder eine Frau?“ Wie konnten sie so dumm sein? Wie konnten sie es nicht kapieren? Das will ich bis heute nicht begreifen.

Denn wir wussten, was er war. Wir hatten daran nie Zweifel. Er dekonstruierte den Ruhm, noch ehe weit und breit irgendwer überhaupt wusste, was Dekonstruktion war. Er tanzte nicht nur, er dachte. Er nahm uns mit auf seinem Trip durch die Genres und hielt sich dabei an eine Diät aus Kokain und Milch. Er sah aus wie ein Außerirdischer. Aber die Angst, die wir hatten, die war ganz wirklich.

Als ich Anfang der 1980er Jahre in einem New Yorker Kellerclub neben ihm saß, schien er plötzlich gar kein Außerirdischer zu sein. Ich tat so, als wüsste ich nicht, wer er war, weil es mich so überwältigte, ihn als echten Menschen zu sehen. Das Gleiche geschah ein zweites Mal, Jahre später auf einer Party. Da stand er, makellos aus Fleisch und Blut, alles, wovon ich je geträumt hatte – doch immer noch war er ein Alien, ein Wesen aus meiner Fantasie. Ich wollte mich gar nicht wirklich mit ihm unterhalten, weil ich mich doch die ganze Zeit mit ihm unterhielt. In menschlicher Gestalt war er bezaubernd, aber meine Liebe zu ihm war rein.

Letzte Woche erst habe ich wie besessen sein Album Hunky Dory rauf und runter gehört, weil im Internet jemand die Lieder nach Großartigkeit sortiert und mich damit wütend gemacht hatte. So etwas lässt mich nicht kalt.

Ich bin aus dem Bowie-Alter nie herausgekommen. Mit ihm ist es nie vorbei gewesen, er blieb immer gegenwärtig. Und Blackstar? Den Erhabensten unter den englischen Künstlern verlangte es bis zum Schluss nach den „Evergreens“. Immer noch unterwegs. Immer noch ganz und gar verwickelt in die Musik.

Lay me place and bake me pie I’m starving for me gravy

Leave my shoes, and door unlocked I might just slip away

So singt er in „The Bewlay Brothers“, dem letzten Stück auf Hunky Dory.

Und nun hat er es getan. Er ist entwischt. Er hat die Tür entriegelt. Für mich, für dich. Für uns. Er hat uns alles gegeben. Er hat uns Ideen gegeben, Ideen, die eigentlich zu hoch für uns waren. Alle möglichen Ideen und eine ganz besondere: die Idee, dass wir uns selbst erschaffen können, egal, wer wir sind. Er ließ uns mehr sein, als wir je für möglich hielten. Etwas Großartigeres gibt es nicht

06:00 14.01.2016
Geschrieben von

Suzanne Moore | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 4520
The Guardian

Kommentare 6