Er meint's ernst

Spaßpartei Vor einem Jahr wurde der Komiker Jón Gnarr zum Bürgermeister von ­Reykjavík gewählt. Wie hat er das Amt verändert - und das Amt ihn?

Graue Wolken hängen schwer am Himmel, als die Pfadfindergruppe auf den Friedhof marschiert. Ihr folgt eine Blaskapelle. Hinterher stapfen Hunderte Reykjavíker, viele mit isländischen Flaggen. Als die Musik abbricht, gruppiert die Menge sich um eine Frau in traditionellem Gewand, die ein großes Blumengebinde an einem Sarg niederlegt. Es ist Unabhängigkeitstag, und die Menschen sind hier, um den Mann zu ehren, der an diesem Tag 200 Jahre alt geworden wäre: Jón Sigurdsson, Held des Kampfes der Nation für die Befreiung von der dänischen Fremdherrschaft.

Überwacht wird die Zeremonie von einem Mann mit äußerst windschnittiger Frisur. Die Menschen kommen zu ihm, um ihm Guten Tag zu sagen. Einige lassen sich mit ihm fotografieren. Er lächelt. Dann plaudert er mit Aktivisten, die Plakate gegen Korruption in der Politik dabeihaben.

Der Mann heißt Jón Gnarr. Vor einem Jahr übernahm der Komiker zusammen mit einer Gruppe von Punks, Dichtern und Popstars mitten in Islands großer Finanzkrise das Rathaus von Reykjavík. Sie nennen sich Anarcho-Surrealisten – und sie wollen die Politik verändern.

Besonders ihre Respektlosigkeit ist der Grund, weshalb Besti flokkurinn – die Beste Partei – dabei extrem polarisiert. Sie wird entweder geliebt oder gehasst. Die Partei tauchte vor den Kommunalwahlen 2010 auf und erregte sofort Aufsehen, weil sie den politischen Betrieb persiflierte und die traditionellen Parteien damit verwirrte.

Als Erstes gelobte die Beste Partei, all ihre Wahlversprechen zu brechen – und machte sich damit so gut wie unangreifbar. Sie versprach, dem Zoo einen Eisbären zu besorgen und den Stadtrat in zehn Jahren drogenfrei zu bekommen. Die einzige Werbung bestand aus einer Zeitungsanzeige: „Die Beste Partei würde gern gute Leute im Alter von 18 bis 90 treffen.“

Reif für den Wechsel

Es war ein gutes Timing. Island war reif für einen Wechsel, nachdem das Land durch die Vetternwirtschaft von Politikern und Bankern, die gedacht hatten, sie könnten eine Insel mit 318.000 Einwohnern in eine finanzpolitische Supermacht verwandeln, vor die Wand gefahren worden war. In der schnellsten Expansion eines Bankensystems in der Geschichte häuften drei privatisierte Banken Werte von der zehnfachen Größe des Bruttoinlandsprodukts an: eine Ikarus-Ökonomie. Die Immobilienpreise verdreifachten sich. Die Isländer liehen sich – oft in ausländischen Währungen – Geld, um von dem Boom zu profitieren. Der Crash kam schnell, war hart und schmerzhaft und wurde vom Zusammenbruch der isländischen Krone verschärft, weil der Staat die Banken nicht retten konnte und sich weigerte, ausländische Kreditgeber zu bezahlen.

Verglichen mit Griechenland und Irland erscheint diese Strategie heute recht clever, doch zunächst war das Land voller Wut und Furcht. Die Wähler wollten, dass sich etwas änderte, die Beste Partei traf den Nerv und gewann mit 34,7 Prozent der Stimmen. „Niemand muss vor der Besten Partei Angst haben“, sagte Gnarr in seiner Antrittsrede. „Denn es ist die Beste Partei. Andernfalls würde sie schließlich die Schlechteste Partei heißen. Mit solch einer Partei würden wir niemals zusammenarbeiten.“

Der Ton war scherzhaft, was er aber sagte, war ernst gemeint. Das wird klar, wenn man mit Gnarr und Einar Örn Benediktsson redet, die früher mit Björk zusammen bei den Sugarcubes gesungen hat und jetzt für Kultur und Tourismus zuständig ist. „Der menschliche Geist wurde zermürbt, weil kleingeistige Menschen Politik gespielt haben“, sagt Benediktsson beim Gespräch in einem Hafenrestaurant. „Wir haben kein Programm, keine Parteimitglieder und keine Ahnung davon, wie man Meinungen erzeugt oder politische Pointen setzt. Wenn wir etwas nicht wissen, dann geben wir das offen zu.“

Angesichts ihres Wahlkampfes und der Tatsache, dass der Bürgermeister ein Komiker ist, der mit der TV-Rolle eines schlecht gelaunten Marxisten bekannt wurde, hat die Beste Partei damit überrascht, wie ernsthaft sie die Stadt verwaltet. Gnarr sagt, ihre Wahlversprechen hätten immer auch ernsthafte Aspekte gehabt: So sei die Sache mit dem Eisbären ein satirischer Kommentar zu den allgemeinen Einstellungen zu Einwanderung und Klimawandel gewesen, weil mehrere Tiere erschossen wurden, als sie in isländische Gewässer „eindrangen“.

Gnarr und Benediktsson geben offen zu, Fehler gemacht zu haben, als sie es auf einmal mit den Problemen der Stadt zu tun hatten, in der die Hälfte aller Isländer lebt. Sie mussten die Ausgaben um zehn Prozent kürzen, Busverbindungen streichen und Gebühren erheben. Zudem entließ Gnarr 70 Leute bei den städtischen Firmen, deren Schulden das Haushaltsbudget um das Fünffache überstiegen.

Ein Bürgermeister, der weint

Sein Amt belaste ihn oft sehr, sagt er. Nach einer Jugend mit vielen Problemen, in der er lange Klebstoff schnüffelte, ging er mit 16 von der Schule ab und wurde auf ein spezielles Internat für schwierige Jugendliche geschickt. Als er als Bürgermeister eine Rede für verdiente Sozialarbeiter hielt, brach er in Tränen aus und fragte sich, ob er nicht gerade bei den Einrichtungen kürze, die ihm als Teenager geholfen hatten. Als er später erfuhr, dass es nicht dieselben Einrichtungen waren, fühlte er sich – trotz allem – erleichtert.

Gnarr beschreibt sich selbst als Anarchisten. Während seiner früheren Radiosendungen machte er Telefonstreiche bei der CIA und im Weißen Haus. Von Politik habe er trotzdem nichts gewusst, außer dem, was er in der US-Fernsehserie The Wire gesehen habe. „Ich verarsche einfach gern engstirnige Leute, die sich selbst zu wichtig nehmen.“ Er hat religiöse Gruppen aus den städtischen Schulen verbannt, fuhr auf der Schwulenparade als Frau verkleidet auf einem Wagen mit und ließ sich das Stadtwappen auf den Unterarm tätowieren. „Ich könnte jetzt zurücktreten wegen eines der unwichtigeren Dinge, die ich nicht hinbekomme“, sagt er. „Nur um daran zu erinnern, dass wegen all der großen Dinge, die schiefgegangen sind, niemand der Verantwortlichen zurückgetreten ist.“

Solche Überlegungen machen die traditionellen Parteien rasend. „Sie sind an die Regierung gekommen, weil sie keine Erfahrung haben. Das ist nicht gut“, sagt Kjartan Magnússon von der konservativen Unabhängigkeitspartei. „Sie hatten versprochen, niemals die Steuer zu erhöhen, was viele Leute dazu bewogen hat, sie zu wählen. Dann haben sie sie dennoch erhöht. Sie sind im Grunde nur eine weitere altmodisch-sozialistische Partei.“

In der Tat hat die Beste Partei an Beliebtheit eingebüßt, seit sie sich an den politischen Problemen der Stadt versucht. Trotzdem wird sie noch von einem Fünftel der Wähler unterstützt. Gegner attackierten Gnarr unlängst als Porno-Nutzer, nachdem er – gelangweilt von den Hunderten ähnlichen Interviews, die er seit seinem Amtsantritt gegeben hat – einem Journalisten auf die Frage nach seiner Lieblings-Website zum Spaß den Namen eines Porno-Portals genannt hatte. Er versuche aber, bei persönlichen Angriffen höflich zu bleiben, sagt er. „Wenn meine Gegner mich als Arschloch bezeichnen, bitte ich sie, dies nicht als Tatsache zu behaupten, sondern als ihre persönliche Meinung kenntlich zu machen.“

Übersetzung aus dem Englischen: Holger Hutt

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14:40 30.06.2011
Geschrieben von

Ian Birrell | The Guardian

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The Guardian

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