Juliette Jowit
04.03.2010 | 12:00 2

Erdrückendes Wachstum

Schadensbilanz Die Wirtschaft schädigt rücksichtslos die Umwelt. Nun liegt eine erschreckende Rechnung vor

Weltweit wächst der Druck auf Branchen und Unternehmen, für Schäden, die sie Klima und Umwelt zufügen, selbst aufzukommen. Eine UN-Studie, die voraussichtlich im Juni veröffentlicht werden soll, kommt zu dem Ergebnis: In diesem Fall wären rund 1,6 Billionen Euro pro Jahr fällig. Das Dokument könnte der erste Schritt zu einer konzertierten Aktion sein, die Umweltschäden, die die 3.000 größten Unternehmen weltweit verursachen, genau zu erfassen. Der zweite Schritt dürfte mit dem anstehenden Bericht zum ökonomischen Wert von Ökosystemen und Biodiversität (TEEB) erfolgen, den die Projektgruppe unter Leitung des UN-Sonderberaters Pavan Sukhdev ebenfalls Mitte 2010 herausgeben will. Der Ökonom warnte bereits davor, dass die Weltwirtschaft durch große Umweltschäden bis Mitte des Jahrhunderts um sieben Prozent schrumpfen wird, sollte dieser Entwicklung nicht Einhalt geboten werden.

Ein regelrechter Abgrund

Die UN-Studie könnte eine Richtlinie für Manager, Investoren und Kunden sein, die herausfinden wollen, welche Branchen wegen ihrer Umweltsünden von möglichen gesetzlichen Regelungen zur Reparation am stärksten betroffen sein könnten. Der endgültige Bericht, der im Sommer veröffentlicht werden soll, wird eine Aufschlüsselung nach einzelnen Wirtschaftssektoren enthalten. Der Guardian bat jedoch die Londoner Beraterfirma Trucost, die im Auftrag der UNO die Studie vorbereitet hat, die bereits veröffentlichten Daten zu analysieren, um schon jetzt Aussagen über den Inhalt des Berichts machen zu können.

Die Trucost-Recherchen kommen zu dem Schluss, dass sich zwischen den Branchen, die der Umwelt am meisten schaden, und den Sektoren, die sie am wenigsten belasten, ein regelrechter Abgrund auftut. Am „gefährlichsten“ sind die Versorgungsbetriebe (Energie, Wasser, Abfall), sie verursachen durch den Ausstoß von Treib­hausgasen Schäden in einem Gesamtwert von 400 Milliarden Dollar. Neben dem Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen kommen Atommüll, saurer Regen, Smog und Schwermetalle im Wasser als Ursachen hinzu. Der Schaden, den die Branchen verursachen, die die Umwelt am geringsten belasten – Telekommunikation, Gesundheit, Technologie und Finanzdienstleistungen – beläuft sich jeweils auf weniger als 25 Milliarden Dollar.

Nach den Versorgungsbetrieben fügen der Rohstoff- und der Konsumgüter-Sektor der Umwelt den größten Schaden zu. Der Rohstoffsektor, zu dem Bergbau, Forstwirtschaft und Chemieindustrie zählen, verursacht derzeit pro Jahr Schäden von etwas mehr als 300 Milliarden Dollar. Der Konsumgütersektor, zum dem Autos, Nahrung, Getränke und Spielzeug zählen, folgt mit knapp 300 Milliarden Dollar. Welche Schäden diese Sektoren im Einzelnen verursachen, ist jedoch sehr unterschiedlich. Durch Bergbau entstehen vorwiegend Treibhausgase, im Fall des Kohlebergbaus kommen auch Smog verursachende Ruß­partikel hinzu.

Bei Konsumgütern gibt es einen erheblichen Süßwasserverbrauch, der auf Nahrungsmittel- und Getränkehersteller ­entfällt, dazu kommen Umweltverschmutzungen durch Chemikalien, die in der Landwirtschaft verwendet werden. Die Elektrobranche sowie der Öl- und Gassektor sind mit 200 beziehungsweise 175 Milliarden Dollar die nächst größten Schadensverursacher. In beiden Fällen sind besonders Treibhausgase, wiederum der Verbrauch von Süßwasser und die Verursachung von saurem Regen und Smog für die hohen Kosten verantwortlich. Für den Schaden, den der Dienstleistungssektor verursacht, zu dem auch die Medienbranche zählt, wurden von den Trucost-Analysten 75 Milliarden Dollar pro Jahr angesetzt. „Die Unternehmen, die von dieser Revolution betroffen sein werden, sind äußerst unterschiedlich“, glaubt Richard Mattison, Geschäftsführer von Trucost. „Es wäre deshalb falsch zu sagen – wie die Finanzmärkte es tun werden – dass diese Firmen sich von selbst ändern und anpassen werden. Ich halte es nicht für tragbar, jetzt zu sagen: ‚Lasst uns das fürs Erste ignorieren, die Regierungen werden sich schon kümmern‘. Die Anleger müssen handeln.“

Coca Cola wird verkannt

Aus einer Studie, die Mitte Februar in der Zeitschrift New Scientist erschien, geht hervor: Es besteht eine „dramatische Diskrepanz“ zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und dem Urteil der Experten. Einige Firmen genießen zu Unrecht einen grünen Ruf, während andere, wie etwa Coca Cola, „für ihr beeindruckendes Engagement für den Umweltschutz keine öffentliche Anerkennung bekommen“. Zwar wisse jeder, dass Stromerzeuger und Industriegiganten der Umwelt großen Schaden zufügen, doch „im Allgemeinen ist den Konsumenten nicht bewusst, welche Schäden die Herstellung von Nahrungsmitteln und Getränken verursacht“.

Mitte Februar erzählte der erwähnte UN-Sonderberater Sukhdev die Geschichte eines Fischers, den er jüngst in Westafrika traf. Der habe ihm erklärt, zunächst hätten die Fangflotten der Schleppnetzfischer den Nordatlantik leer geräumt, um dann in den Süden vorzustoßen, bis die Küstengewässer seines westafrikanischen Heimatortes erreicht waren. Seither lasse sich dort, wo er einst die Nahrung für seine Familie gefangen habe, nicht mehr leben.

Übersetzung: Christine Käppeler

Kommentare (2)

h.yuren 05.03.2010 | 11:53

von der lobenswerten ausnahme am schluss des artikels, wo die folgen des wilden wachstumswirtschaftens auf das leben eines westafrikanischen fischers aufgezeigt werden, ist von hunderten milliarden die rede, die mensch und erde schaden, ohne dass zwei wichtige bereiche eingeblendet würden, nämlich das weltbevölkerungswachstum und die rüstungsanstrengungen rund um den globus.
die rüstung und die kriege nicht einzubeziehen, war schon ein schwerer fehler in der alten hochrechnung für den club of rome: die grenzen des wachstums. hier fehlt zusätzlich das bevölkerungswachstum. also im ergebnis etwas neueres und zugleich etwas schlechteres als der bericht zur lage der menschheit vor fast 40 jahren.

THX1138 07.03.2010 | 15:16

Endlich, endlich kommen die sog. negativen externen Effekte aufs Tapet! Was diese Wachstums- und Beschleunigungsorgien Natur und Gesellschaft wirklich kosten, darüber wird nämlich viel zu wenig diskutiert. Damit dürfte auch ein neues Zeitalter für die Wirtschaftswissenschaften anbrechen- und vor allem eine neue Zeit für die Ökonometrie: Die Diskussion um die Aussagekraft von BIP-Statistiken läuft ja schon seit geraumer Zeit auf höchster Ebene.

Man wird langsam wieder zuversichtlicher. Aber nur langsam.