Erkaufter Friede?

Wochenthema Die US-Regierung versucht die Aufständischen in Afghanistan mit Geld ruhigzustellen. Im Iraq war diese Strategie erfolgreich, am Hindukusch dürfte sie aber scheitern

Nun kennen wir also die Geheimwaffe, der in der neuen Strategie des Westens zur Befriedigung Afghanistans die zentrale Rolle zukommt: Geld. Während Präsident Obama sich darauf vorbereitet, die Entsendung zehntausender zusätzlicher Soldaten in den mittlerweile bereits acht Jahre andauernden Krieg zu verkünden, haben britische und amerikanische Kommandeure vor Ort bereits damit begonnen, afghanische Milizen mit Geld und Waffen zu versorgen. Sie sollen helfen, die Taliban zu bekämpfen.

Die Idee hinter der Community Defence Initiative besteht darin, unzufriedenen Kämpfern Geld anzubieten und mit ihnen loyale, aus Stammesmitgliedern bestehende Hilfstruppen aufzubauen, die den Besatzungstruppen der NATO und die afghanische Regierung unterstützen sollen. Sie stellt das zweite Standbein im Plan von US General McChrystal dar, mithilfe einer Truppenaufstockung die sich verschärfende Krise abzuwenden und ist haargenau dem Surge nachempfunden – der Strategie, die die US 2007 im Irak anwandten.

Diese kombinierte die massive Aufstockung der US-Truppen mit der Einrichtung von den Amerikanern finanzierter sogenannter „Erweckungsräte“ aus Teilen des sunnitischen Widerstandes, die mit al-Qaida in Konflikt geraten waren. Dies führte zunächst zu einem Anstieg von Gewalt und toten amerikanischen Soldaten. Später ging dann aber beides stark zurück.


Die britischen Kräfte, die wie immer Mühe haben, mit ihren amerikanischen Herren Schritt zu halten, planen in Helmand ihre eigenen Community-Defence-Initiative-Milizen einzusetzen. „Es ist genau das, was die Amerikaner im Irak gemacht haben“, sagt der britische Kommandant, Brigardier James Cowan. „Das müssen wir hier auch machen.“

Es handelt sich um eine klassische koloniale Praxis, die diplomatisch „Aufstandsbekämpfung“ genannt wird. Man findet sie von Malaysia und Kenia bis nach Vietnam und den palästinensischen „Dorfligen“, die Israel in den 1970ern aufgebaut hat. In ihr kommt aber auch die Fehleinschätzung zum Ausdruck, der Besatzer durch alle Zeiten aufgesessen sind – die Annahme, man könne die Entschlossenheit der Menschen brechen, die Geschicke ihres Landes selbst in die Hand zu nehmen, indem man ihnen ein Bündel Banknoten in die Hand drückt.

Auch das irakische Beispiel ist nicht gerade ermutigend. Die „Erweckungsräte“ stellten ein Element dar, das zur Reduzierung der amerikanischen Verluste beitrug, wobei sie immer noch alle zwei bis drei Tage einen Toten zu beklagen haben. Aber dieser Erfolg beruhte auf einer Reihe von Faktoren, die in Afghanistans nicht gegeben sind: Die Sunniten sind im Irak in der Minderheit (worin eine Schwäche der von China ausgehenden Guerilla-Kampagne in Malaysia nachhallt) und einige von ihnen begannen nach zwei Jahre anhaltenden sektiererischen Blutvergießens schiitische Milizen und den Iran mehr zu fürchten als die amerikanischen Besatzungskräfte.

Räte in der Krise

Im Gegensatz dazu stellen die Paschtunen, die das Rückgrat der Kampagne der Taliban bilden, die weitaus größte ethnische Gruppe des Landes dar, die ethnischen Spannungen sind mit denen im Irak nicht zu vergleichen und es gibt keine regionale Kraft, die mit dem Einfluss und Nachdruck gegen die Interessen der Paschtunen arbeitet, wie viele irakische Sunniten dies dem Iran unterstellten.

Wie dem auch sei: Die Erweckungsräte stecken seit geraumer Zeit in der Krise und sind nun verstärkt das Ziel bewaffneter Angriffe. In der Provinz Anbar, der Wiege der Erweckungsbewegung, nehmen die Widerstandsaktionen gegen die Armeen der Amerikaner und Iraker sowie die Erweckungs-Truppen seit einigen Monaten beständig zu.

Würde man das gleiche in Afghanistan versuchen, würde dies mit Sicherheit innerafghanische Auseinadersetzungen verschärfen, neue Warlords finanzieren und die Korruption noch weiter befördern. Im besten Fall erkauft man sich damit eine Verschnaufpause, um einen politischen Deckmantel für die Verhandlungen eines Rückzuges von Amerikanern und NATO zu schaffen/schneidern. Aber es ist ein Luftschloss zu glauben, mit der Bezahlung von Stammesführern könnte in Afghanistan der Friede erkauft werden.

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Geschrieben von

Seumas Milne, The Guardian | The Guardian

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