Erst schikaniert, dann vergessen

Libyen Ein Schlepper erzählt, warum er Menschen nach Europa bringt – und wie sich das Problem anders lösen ließe

Für den Schleuser in der libyschen Hafenstadt Zuwara, von der aus gerade die meisten Boote mit Flüchtlingen in See stechen, ist es lächerlich, wenn die EU militärisch gegen Menschenschmuggel vorgehen will. Sie werde keine Chance haben, das mehrere nordafrikanische Staaten erfassende System der Schlepper zu zerstören, sagt der 33-Jährige. Der Mann ist studierter Jurist, lässt sich nur „Hadschi“ nennen – die Anrede für Pilger, die in Mekka gewesen sind –, und organisiert angeblich zwei Drittel der Überfahrten aus Zuwara. Statt die Marine einzusetzen, sollten die Europäer besser helfen, etwas für die Infrastruktur der Amazigh-Minderheit zu tun. Angehörige dieses Berberstammes sind es, die das Schleppernetzwerk in Zuwara unterhalten. Und obwohl es ihn seine Existenzgrundlage kosten kann, rät Hadschi der EU außerdem, Zuwaras schlecht ausgerüstete Küstenwache direkt zu unterstützen. Und wenn überhaupt, dann sollten Flüchtlingsboote untauglich gemacht werden, sobald sie Italien angekommen seien – nicht in Libyen. Hilfsorganisationen schätzen, dass 2015 schon 20.000 Bootsflüchtlinge die italienische Küste erreicht haben und etwa 1.600 ums Leben kamen.

„Gedenkt die EU, Kriegsschiffe in unsere Gewässer zu schicken, wäre das eine Invasion“, stellt Hadschi nüchtern fest. Er sitzt im Haus eines Freundes auf dem Boden und isst Fisch, gemeinsam mit einem Spediteur und Musiker. Allein in dieser Woche habe er tausend Menschen erfolgreich nach Italien gebracht. Drohungen der EU könnten ihn nicht schrecken: „Sie lügen, wie sie immer lügen. Im Vorjahr war es genauso, als es die gleichen Katastrophen gab wie jetzt. Politiker treffen sich und sagen, sie würden Maßnahmen ergreifen, aber nichts geschieht.“ Warum werde den Amazigh nicht geholfen? Lange bevor die Araber kamen, besiedelte dieser Berberstamm die libysche Küste. Unter Muammar al-Gaddafi wurde die Volksgruppe schikaniert und verlegte sich aus Mangel an ökonomischen Alternativen auf den Menschenschmuggel. Er selbst, sagt Hadschi, sei dafür das beste Beispiel: „Ich ging zur Universität, legte mein Juraexamen ab und bekam keine Anstellung. Wenn das so ist und dich fragt einer, kannst du mir ein Boot besorgen, für dich springen 20.000 Euro raus – dann ist das ein vorzügliches Angebot.“

Küstenwache ohne Boote

Nach Gaddafis Sturz 2011 hätten die Bewohner Zuwaras zunächst abgewartet, ob das neue Libyen und die EU den Berbern bessere Lebensumstände verschaffen würden. „Zum Dank dafür, dass uns die EU gegen Gaddafi beistand, wollten wir zeigen, dass der Schmuggel gestoppt werden kann. Aber als wir sahen, dass wir Amazigh Europa ebenso egal waren wie der libyschen Regierung, fingen wir wieder an. Wenn du mir nicht hilfst, helfe ich dir auch nicht, sondern mache dir Schwierigkeiten“, sagt Hadschi.

Er räumt ein, dass inzwischen Beistand für die Amazigh nichts groß ändern wäre. Die Schleuser in Garabulli, von wo aus Mitte April das Boot auslief, von dessen Passagieren mehr als 800 ertranken, seien keine Berber. Persönlich würde er aus dem Geschäft aussteigen – die Sache der Amazigh sei ihm wichtiger als das Gewerbe. „Sicher gibt es Schleuser, die viel Geld verdienen, auch hier in Zuwara. Den meisten aber geht es darum, Druck auf Europa auszuüben. Ich bin der Wächter an eurem Außentor. Wenn ihr euch darum nicht kümmert, kommt jeder durch.“

Hadschi steht nicht allein mit seinem Urteil, wonach der Schmuggel von Menschen und der Kampf der Amazigh um ihre Rechte eng verbunden sind. „Wäre unsere Kultur anerkannt, würde die Schlepperei zurückgehen“, glaubt Hafed Fteis, Spezialist für die unter Gaddafi verbotene Berber-Sprache Tamazight. „Bisher aber haben wir das Gefühl, Gesetze ignorieren zu können, die unsere Interessen missachten.“

Hadschis Vorschlag, die Küstenwache in Zuwara besser auszustatten, kann die Hafenbehörde nur zustimmen. Ein Offizier, der sich Mustafa nennt, erzählt, seine Kollegen hätten seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Auch verfüge man nur über ein einziges seetaugliches Fahrzeug – ein Schlauchboot, nicht größer als die Boote der Schlepper. Ein weiteres liege nach der Reparatur in Tunis fest, weil man die Rechnung nicht bezahlen könne. „Wenn die EU die Menschenschleuse Zuwara schließen will“, so Mustafa, „muss sie uns die Mittel dafür geben, nicht einer korrupten Regierung.“ Millionen seien vergeudet worden, weil man sie nach Tripolis schickte. „Wir brauchen die nötige Ausrüstung, Patrouillenboote und Ausbilder. Gebt das Geld uns in Zuwara.“

Hadschi ruft die EU auch dazu auf, endlich mehr für ein Ende des Bürgerkriegs in Libyen zu tun. Dann könnte das Land selbst Migranten auffangen und wäre nicht bloß Transitstation nach Europa Und der italienischen Küstenwache rät er, die angekommenen Flüchtlingsboote zu zerstören, anstatt sie leer auf See zurückzulassen. „Da müssen wir sie uns ja bloß wiederholen“, sagt er. Dadurch sei manches Boot schon viermal für gefährliche Überfahrten genutzt worden.

Patrick Kingsley ist Ägypten-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 01.05.2015
Geschrieben von

Patrick Kingsley | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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