Es begann im Morgengrauen

Flucht aus Gaza Palästinensische Familien warten auf ein Lebenszeichen von Verwandten, die über Ägypten und das Mittelmeer Europa erreichen wollten
Es begann im Morgengrauen
Ein Flüchtlingsboot vor der Küste von Alexandria

Foto: Stanislav Krupar / Laif

Das Erste, was die Besatzung der Antarctia Mitte September von der Schiffskatastrophe hörte, war ein Funkspruch. Das Schiff solle sich an einem Such- und Rettungseinsatz beteiligen. 200 Meilen vor der Küste Maltas befänden sich Personen im Wasser. Zwei andere Frachter – die Verdi und die Japan – seien schon unterwegs. Daraufhin änderte die Antarctica ihren Kurs und übernahm bis zur Ankunft der Küstenwache das Kommando an der mutmaßlichen Unglücksstelle.

Der dazu später geschriebene Bericht über die Hilfsmaßnahmen ruft Entsetzen hervor. Die Crew der Verdi zog vier Menschen aus dem Wasser, hält das Logbuch fest, einer davon war bereits tot. Zudem habe man eine Rettungsinsel geborgen. Die aber sei leer gewesen. Der Frachter Japan rettete eine Frau und zwei Kinder. Die Antarctica suchte 24 Stunden nach Überlebenden und nahm elf Menschen an Bord, darunter ein zweijähriges Mädchen.

Einer der Geretteten heißt Hameed Barbakh und kommt aus Chan Younis im Süden des Gazastreifens. Was er erzählt, beschreibt eine Tragödie, die zu den grauenvollsten Episoden des Jahres auf dem Mittelmeer gehört: Ein mit Hunderten Migranten besetztes Fischerboot sei von einem anderen Schmugglerschiff gerammt worden, so Hameed, als die Menschen an Bord sich weigerten, auf ein kleineres Schiff umzusteigen. Hunderte ertranken. Hameed selbst konnte die Stunden im Wasser überstehen. Er trug eine Rettungsweste, von denen es einige auf dem gesunkenen Fischerboot gegeben hatte.

Hameeds Geschichte erhellt, dass sich zusehends mehr Palästinenser aus Gaza auf eine gefährliche Reise begeben und hoffen – sie werde in Europa enden. Dafür legen sie ihr Leben in die Hände von skrupellosen Schmugglerbanden. Sie glauben, keine andere Wahl zu haben.

Wochen bevor das Schiff sank, schlugen am östlichen Rand von Chan Younis täglich israelische Raketen ein. Heute spielt sich in dieser Gegend ein anderes Drama ab. Drei Familien müssen mit einer neuen Art von Leid zurechtkommen, das sie nicht weniger erschüttert als der jüngste Krieg: Zusammen vermissen sie sieben Angehörige. Nicht nur in Chan Younis oder der Nachbarstadt Rafah an Gazas südlicher Grenze, auch in Gaza-City und andernorts versuchen verzweifelte Familien, etwas über vermisste Angehörige zu erfahren. Die Rede ist von mehr als 200 Menschen, die versucht hatten, einem unerträglichen Leben zu entfliehen. Innerhalb der vergangenen sechs Jahre musste Gaza drei Kriege erleben. Seit sieben Jahren leiden 1,7 Millionen Menschen unter einer israelischen Blockade. Die Aussicht, dass sich daran etwas ändert, ist verschwindend gering.

Im zweiten Stock eines Wohnblocks in Chan Younis wartet Nawal Asfour auf eine Nachricht ihres Sohns Ahmad. Zum dritten Mal lebt sie mit der Angst, ihn vielleicht verloren zu haben. Sie hat dieses Gefühl erstmals ertragen müssen, als Ahmad, der damals noch ein Teenager war, im Gaza-Krieg Ende 2008 von einer Rakete verletzt wurde. Er verlor drei Finger, Knochen im rechten Arm und seine Bauchspeicheldrüse. Danach wurde er zur medizinischen Behandlung nach Israel geschickt, dort aber wegen des Verdachts, Mitglied der Organisation Islamischer Dschihad zu sein, für drei Jahre interniert. Nawal Asfour, die an einer schweren Krankheit leidet, weiß nicht, ob sie ihren Sohn je wieder sieht.

Vor Wochen hat Ahmad die Übereinkunft mit Ägypten genutzt, wonach Verletzte des Gaza-Krieges vom Sommer evakuiert werden dürfen, und überquerte mit drei Begleitern bei Rafah die Grenze ins Nachbarland. Aus Kairo rief er an und erzählte seiner Mutter, er brauche 2.000 Dollar, um die Behandlung zu bezahlen. Später wurde klar: Mit dem Geld sollte ein berüchtigter Schmuggler in Alexandria bezahlt werden, der sich Abu Hamada nennt und dafür bekannt ist, Menschen aus Gaza durch Ägypten über den Ort Damietta im Nildelta nach Italien zu bringen.

Wenn das Geld stimmt

Erste Station einer solchen Flucht sind gewöhnlich die Tunnel von Gaza nach Ägypten. „Es kostet 100 Dollar, zuvor an gefälschte Papiere zu kommen“, erklärt Abu Fadi, einer der Betreiber des Tunnelsystems. „Für den Grenzübertritt selbst sind noch einmal 400 bis 600 Dollar fällig.“ Obwohl dieses unterirdische Labyrinth unter Kontrolle der Hamas stehe, sei es leicht, jemanden durchzuschleusen. Der Konflikt mit Israel lenke die Gotteskrieger zu sehr ab.

Für den Palästinenser Hameed Barbakh und viele andere beginnt die Reise im Morgengrauen. Sie steigen in die unterirdischen Gänge hinab, um die Grenze mit Ägypten zu unterqueren. Als sie wieder aus der Unterwelt auftauchen, erwartet sie ein drastischer Kontrast: Sie kommen aus einem der am dichtesten besiedelten Territorien dieses Planeten in die karge Weite des Sinai. Der erste Halt in diesem dürren Land, in dem sich Obstplantagen an einen kargen Boden krallen, ist der ägyptische, durch die Grenze vom palästinensischen Pendant abgeschnittene Teil der Stadt Rafah. Dort findet sich ein geheimer Unterschlupf, der freundlichen Ägyptern gehört. Dann bringt ein Fahrer, der von den Schleppern beauftragt ist, die Gruppe in die Regionalhauptstadt al-Arisch. Die Fahrt führt über Nebenstraßen, um Checkpoints der Armee auf dem nördlichen Sinai zu umgehen. Sollte man doch das Pech haben, in eine Straßensperre zu geraten, helfen die gefälschten Einwanderungsstempel in ihren Pässen.

In al-Arisch findet ein Wechsel auf neue Transportmittel statt, mit denen die Migranten bis nach Alexandria geschleust werden. Sie überqueren per Fähre den Suez-Kanal. Wenn ein Rad ins andere greift, dauert die Reise von Gaza bis Alexandria zwölf Stunden.

Alexandria ist aus guten Gründen zum Drehkreuz für all jene geworden, die aus Gaza, Syrien oder dem Sudan nach Europa fliehen wollen. In weitläufigen, hässlichen Vororten mit ihren verfallenden Hochhäusern, die an Miami und Palm Beach erinnern, gibt es zur Genüge anonyme Apartments, deren Vermieter nichts fragen, wenn das Geld stimmt. Hier lassen sich Menschen verstecken, denen eine gefährliche Überfahrt nach Italien bevorsteht. Für Migranten besonders günstig ist die Lage der Stadt – nach Ost und West dehnt sich unbebaute Küste. Hier können kleine Boote unbemerkt anlegen und die Menschen zu den Schiffen bringen, die außerhalb der Küstengewässer auf sie warten.

Hameed Barbakh erzählt: „Als ich in Alexandria ankam, wurde mir gesagt, ich solle Abu Hamadas Leute an einem bestimmten Ort treffen. Es handelte sich um eine Wohnung, in der ich vier Tage lang wartete.“ Dann wird Hameed zusammen mit gut 250 Flüchtlingen in fünf abgedunkelten Bussen ins nahe gelegene Marsa Matruh befördert, eskortiert von maskierten Schleppern, die in Autos vor und hinter der Kolonne sitzen. Die Tour geht nach Osten in Richtung Damietta, die Stimmung pendelt zwischen Apathie, Aufregung und Angst. Manche waren noch nie auf See, für andere ist es bereits der achte oder zehnte Versuch einer Überfahrt. Sie kennen die Risiken und wissen, was vor ihnen liegt.

Lachen und Johlen

Die Schmuggler scheren sich wenig darum, die Migranten zu beruhigen, und verteilen sie je nachdem, wer wie viel an Bestechungsgeld gezahlt hat, auf die Busse. Wer mehr gegeben hat, erhält einen Sitzplatz weit vorn. Das erhöht die Chance, als einer der ersten am Strand zu sein. Wer nichts drauflegt, kommt nach hinten, wo die Wahrscheinlichkeit höher ist, während der Wartezeit von der Polizei gefasst zu werden.

So steigen auch die beiden syrischen Familienväter Osama und Tariq neben ein paar leerstehenden Gebäuden an der Küste von Damietta aus, legen Rettungswesten an und nehmen ihre jüngsten Kinder auf die Schultern. Als sie den Strand erreichen, sehen sie, dass bereits Dutzende Migranten vor ihnen auf die Küste zuströmen. Durch das Wasser waten Leute auf zwei kleine Boote zu, die in einigen Metern Entfernung auf den Wellen tanzen. Doch viele schaffen es gar nicht bis dorthin, sondern werden von Polizisten festgenommen, als sie darauf warten, an der Reihe zu sein und sich den Booten zu nähern.

Heute sagt Hameed Barbakh, er verdächtige Abu Hamada, mit der Polizei Geschäfte zu machen. Um den Schein zu wahren, müssten immer ein paar Migranten verhaftet werden. Wer das sei, stehe vorher fest.

An jenem Abend jedoch passiert Hameed Barbakh zunächst nichts. Er kann auf eines der Boote steigen. „Es war ein altes Fischerboot, vielleicht 20 Meter lang. Wie sich herausstellte, gab es fast nur Leute aus Gaza und aus Syrien an Bord. Ich kann nicht sagen, wie viel Passagiere insgesamt. Kann sein – um die 500. Zufällig traf ich einen Freund, von dem ich gar nicht wusste, dass er ebenfalls eine solche Reise angetreten hatte.“ Am vierten Tag dann sei ein kleineres Boot neben ihrem Kutter aufgetaucht. Hameed Barbakh: „An Bord waren mit Walkie-Talkies ausgestattete Mitglieder der Schmugglergang. Sie riefen uns zu, wir müssten auf ihr Boot umsteigen, weil bei unserem größeren Schiff die Gefahr bestehe, dass es in italienischen Gewässern konfisziert werde. Unser Kapitän fluchte und schrie, dass nie und nimmer Hunderte von Menschen auf das kleine Boot passen würden. Das werde sinken, sollten alle umsteigen. Also weigerten wir uns. Die Schlepper stritten sich mit dem Kapitän. Der gab nicht nach. Was dann passierte, war grauenhaft – unser Schiff wurde vom Boot der Schmuggler gerammt, hatte ein Leck und begann zu sinken.“

Nach den Berichten der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und den Zeugnissen von Überlebenden starben schätzungsweise 300 Menschen, die sich unter Deck befanden, als das Boot gerammt wurde, binnen weniger Minuten.

Bei einer Aussage gegenüber der Polizei in Malta beschrieb ein Migrant mit dem Namen Maamoo Dogmousch die Ereignisse so: „Jemand aus dem anderen Boot warf einen Metallgegenstand auf unseren Kapitän. Dann wurden wir gerammt. Die das getan hatten, drehten ein paar Runden um uns herum, lachten und johlten.“ Wie die Polizei auf Malta ermittelt hat, handelte es sich beim Verursacher der Katastrophe um ein Boot aus Ägypten, das blau war und die Nummer 109 trug. Zur Crew gehörten neun oder zehn Männer, die offenbar aus Damietta kamen und abdrehten, als das Schiff mit den Flüchtlingen unterging.

„Weil ich eine Rettungsweste trug“, so Hameed Barbakh, „konnte ich mich über Wasser halten. Ich trieb stundenlang im Meer, bevor mich ein Schiff aufnahm. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits völlig erschöpft und spukte Blut.“

Familien der palästinensischen Opfer berichten, Abu Hamada hätte zunächst geleugnet, dass sich unter den Ertrunkenen auch Personen befanden, die durch seine Vermittlung nach Damietta kamen. Erst später musste er einräumen, es seien auch einige seiner „Kunden“ ums Leben gekommen. Ein gewisser Nizar al-Babar, vermutlich ein Komplize Hamadas, präzisierte später, es seien 30 Palästinenser an Bord des Unglücksbootes gewesen. Wer genau, wisse man nicht. Doch könnten er und seine Leute nicht dafür verantwortlich gemacht werden, was passiert sei.

Peter Beaumont und Patrick Kingsley sind Nahost-Autoren des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt / Zilla Hofman

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06:00 10.11.2014
Geschrieben von

Peter Beaumont, Patrick Kingsley | The Guardian

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The Guardian

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