Es braucht mehr als Hashtags

Rassismus Weiße müssen verstehen, dass wahre Solidarität darin besteht, Antirassismus auch dann zu leben, wenn er gerade nicht angesagt ist
Es braucht mehr als Hashtags
Proteste nach dem Tod von Stephon Clark in Sacramento, 2018

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Alle paar Jahre wird Schwarzsein zu einem makabren Spektakel. Eine normalerweise komplizierte private Identität wird zu einer öffentlichen. In den USA tötet ein weißer Polizist einen schwarzen Mann – und plötzlich interessiert sich die ganze Welt für deine Hautfarbe.

Plötzlich versucht die Welt zu helfen. Sie versucht, schwarze Stimmen zu verstärken. Sie postet Zitate und Videos von Martin Luther King und Malcolm X. Sie spendet Geld. Sie verbreitet Videos von schwarzen Demonstranten und schwarze Medienstimmen.

Und sie ist demütig geworden. Sie versucht zu lernen. Sie ist beschämt, dass sie vorher nicht genug über Rassismus wusste, und bereit, von Schwarzen zu lernen – deine Buchempfehlungen, dein Verständnis, deine Absolution. Dabei sucht sie auch das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, das es bringt, dir nah zu sein, deiner tugendhaften Opferrolle, deinem historischen Moment.

Fast kann ich die Schwärze auf meiner Haut brennen fühlen, während sie abgezogen und über eine Milliarde soziale Medienbeiträge gepostet, projiziert und erklärt wird. Es fühlt sich unbehaglich an. Und nervig. Ist das eine unfreundliche Reaktion? Es ist, als habe man sein ganzes Leben lang Solidarität gefordert, um dann zu sagen: „Aber nicht so!“

Weiße Unterstützung? Die Skepsis bleibt

Den Arabischen Frühling betitelte man als erste „Social Media-Revolution“ der Welt. Das Graffiti auf der verbarrikadierten Tür eines Reisebüros in Cairo ging viral. Dort stand: „Twitter, al-Jazeera, Facebook.“ Es war eine großartige kleine Geschichte über die Kraft von Globalisierung, Technologie und dem Versprechen der Jugend: Allein ein paar Apps und Websites hätten dazu beigetragen, überholte Regime zu stürzen, die nicht mit dem Lauf der Zeit mitgehalten hatten.

Die Ereignisse nach George Floyds Tod scheinen einen neuen Social Media-Nerv getroffen zu haben. Heute würde das Graffiti lauten: „TikTok, Instagram, Twitter.“ Aber ein Versprechen ist darin nicht mehr zu verspüren. Die enorm angestiegene Unterstützung für den Schutz des Lebens von Schwarzen bedeutet nur, dass sich eine neue Kluft entlang der ethnischen Zugehörigkeit auftut. Während Schwarze vor Ort ihr Leben und ihre Lebensgrundlage riskieren, sind Weiße zumeist online – was nur Vorteile bringen kann.

Denn das ist der einfache Teil: Egal, wie viel Mühe sich Weiße geben, auf richtige Weise verbündet zu sein, egal, wie viel Geld sie gespendet oder wie viele Unterstützungs-Content sie erstellt haben – bei Weißen in den USA wird Solidarität immer mit einer starken Dosis Skepsis gesehen werden. Die Häufigkeit, mit der dort schwarze Frauen und Männer von weißen Polizisten getötet werden, stellt eine ganze Nation an den Pranger, nicht nur die Polizei – deren Ermächtigung nur durch die systematische Selbstgefälligkeit und Normalisierung der Tötung von Schwarzen ermöglicht wird. Die Polizisten, die töten, tun das nicht alle zufällig. Sie sind nicht alle „faule Äpfel“. Wenn schwarzes Leben wichtig wäre, würde kein Schwarzer acht Minuten lang vom Knie eines weißen Polizisten niedergedrückt.

Für Weiße außerhalb der USA ist Solidarität einfacher. Sie müssen sich nicht mit ihrer eigenen Rolle in der Sache auseinandersetzen. Sie müssen sich nicht der Schuldfrage stellen, wenn Schwarze in Handschellen gelegt und mit Pfefferspray besprüht werden. Wären die Ausschreitungen vor der eigenen Haustür, sähe die Sache anders aus. Dann müssten sie sich mit jedem Konflikt dazwischen – wo die Demonstranten herkommen, die Sorge um die eigene Tochter, die gerade von der Bushaltestelle nach Hause geht, oder die Unversehrtheit der eigenen Fenster – auseinandersetzen.

Solidarität aus der Ferne ist eine saubere Angelegenheit

Wenn das Geschehen sich weit weg in den USA abspielt, gerät man nicht in Versuchung, ausweichend zu werden, weil der Gedanke, dass ein schwarzer Mann ganz in der Nähe ermordet wird, zu unangenehm ist und einen mit einem Gefühl von Komplizenschaft befleckt. Man muss sich keine Entschuldigungen ausdenken: Vielleicht hatte er eine Waffe? Vielleicht war er betrunken? Vielleicht war er bedrohlich? Und man verspürt auch nicht – weil das eigene Stadtviertel gerade aus den Fugen gerät – zunehmend Mitgefühl für die Polizei, mit der man ja noch nie schlechte Erfahrungen gemacht hat. Und man denkt oder sagt sich nicht, dass die Polizei schließlich einen harten Job hat und in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen muss. Natürlich.

Solidarität aus der Ferne ist eine saubere Angelegenheit. Die USA können als einzigartig gewalttätiger Ort betrachtet werden, verflucht durch eine tragische rassistische Vergangenheit. Das ist sogar eine noch befriedigendere Perspektive, wenn die Stimmen und Szenen, die von den Unruhen ausgehen, so hyper-dynamisch sind. Durch die starke Auswahl-, Bearbeitungs- und Produktionsqualität der neuen sozialen Medienkanäle wirken Amerikas Rassenunruhen bereits jetzt – obwohl sie noch andauern – wie eine historische Filmmontage. Die spontanen Reden von Afroamerikanern, die entweder zu Zurückhaltung aufrufen oder Tränen der Wut unterdrücken, bieten einen emotionalen Soundtrack für brennende Autos und Gebäude.

Das Erbe von jahrelangem Leid, Erschöpfung und Stillstand hat sich in eine Art „Modern-Day-Blues“ verwandelt: eine sich neu etablierende Tradition der Redekunst, die von der Erfahrung erzählt, schwarz in den USA zu sein. Gewicht erhält sie durch Jahrzehnte langen Aktivismus, Literatur, Film und Musik, die die afroamerikanische Geschichte lebendig und vertraut gemacht haben. Das geht soweit, dass Nicht-Amerikaner das Gefühl haben, die Beschaffenheit der Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß in den USA besser zu kennen und zu verstehen als die in ihrem eigenen Land. Rassismus wird auf die US-Version reduziert, auf seine dramatischten Übergriffe. Eine Tragödie für die Amerikaner, ein Pause für alle anderen, die sich darüber sorgen können, wie außergewöhnlich schlimm es dort ja ist.

Dabei lässt sich die massenhafte globale Unterstützung nicht von der kulturellen Hegemonie der USA trennen, von der Macht, die vom Export ihrer Geschichte ausgeht. Von ihrem Glamour. Hip-Hop, die populäre Kultur des afro-amerikanischen Leidens – die entstanden ist, um mit Tod und Enteignung umzugehen – ist für alle anderen nur Unterhaltung. Wenn etwas real passiert, behandeln die Konsumenten es trotzdem wie einen weiteren Film, eine weitere Episode, einen weiteren Track. Sie teilen die Ereignisse wie eine ästhetische und künstlerische Erfahrung aus der Distanz und nicht als einen tief emotionalen Ausdruck von Leid – der er ist. Sichtbar gemacht wird hier nicht Schwarzsein – eine Erfahrung, die nicht glatt, sondern vielfältig und keine einheitliche Marke ist –, sondern Afroamerikanismus, verkauft als Konsumartikel.

Die Zeit dazwischen zählt

Aus eben diesem Grund haftet der Unterstützung der „weißen Verbündeten“ immer etwas Unbehagliches an. Sie setzt nur ein, wenn Schwarze ein bestimmtes Bild bedienen und den Erwartungen an einen bestimmten Zeitpunkt gerecht werden. Zwar werden sie punktuell stärker wahrgenommen, in der restlichen Zeit sind schwarze Stimmen allerdings nicht „in Mode“, ihr Leid nicht dramatisch oder einfach genug, oder nicht mit einer Kamera festgehalten. Aber genau in solchen Momenten zeigt sich wahre Solidarität, die dazu beiträgt, langfristig zu helfen, die mehr ist als ein Tropfen auf den heißen Stein. Echte Solidarität ist, im Alltag die Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen, Risiken einzugehen und ein System zu hinterfragen, das subtil, aber mit Nachdruck schwarze Menschen ausschließt. Und zwar dann, wenn es keine Belohnung dafür gibt. Sie zeigt sich auch darin, beiseite zu treten und an wichtigen Stellen Platz zu machen – an dem Tisch, an dem die Macht sitzt – und das, wenn niemand einen sehen kann.

Geld zu spenden und Beiträge in den sozialen Medien zu teilen, ist relativ einfach. Und bedanken sollte man sich dafür auch. Aber was wirklich zählt, sind die Momente in der Zeit dazwischen.

Nesrine Malik ist Kolumnist der britischen Zeitung The Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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17:52 03.06.2020
Geschrieben von

Nesrine Malik | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 27/2020

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