"Es hieß Kopf gegen Herz"

Saro-Wiwa Der Sohn des 1995 ermordeten nigerianischen Autors Ken Saro-Wiwa hat lange gekämpft, dass seinem Vater Gerechtigkeit widerfährt. Kurz vorm Prozess hat Shell eingelenkt

Es gab keinen Moment, in dem Hüte in die Luft flogen oder Champagnerkorken knallten, sondern viel mehr eine stetige Anhäufung von Nachrichten, die mich im Laufe eines langen, transatlantischen Tages auf einem Nachtflug von New York nach London per E-Mail auf meinem BlackBerry erreichten. Jede war ein bisschen weniger zurückhaltend als die vorhergehende, bis dann die endgültige Bestätigung eintraf, mit dem sonderbar verhaltenen Betreff: „Geschafft???“

Jetzt fühlt es sich an, als hätten sich all zurückliegenden Jahre innerhalb des vergangenen Monats oder gar dieses Wochenendes abgespielt. In Wirklichkeit aber entwickelte sich der Prozess sprunghaft.

Wenn ich heute zurückblicke, wäre ich die Sache wohl weitaus weniger optimistisch angegangen, hätte ich gewusst, wie viele Stunden ich in sauerstofflosen Räumen verbringen, wie viele heftige Debatten ich führen, wie viel schlaflose Nächte lang ich mir den Kopf über die Für- und Gegenargumente einer Beilegung des Verfahrens um Shell und meinen Vater zerbrechen würde.

Keine leichte Entscheidung

Nichts, gar nichts, in Zusammenhang mit diesem Prozess ist auf einfachem Wege zustande gekommen. Jedes Wort, jeder Ausdruck und jedes Komma ist hinterfragt und diskutiert worden. Bei diesen Angelegenheiten ging es um Leben und Tod, hieß es Kopf gegen Herz. Dieser Prozess ist mit so vielen verschiedenen Interessen beladen gewesen, dass er unmöglich alle befriedigen konnte. Letztendlich ist der jetzt mit Shell gefundene Vergleich ein Kompromiss: beide Parteien einigen sich darauf, ihre Differenzen beizulegen, indem sie sich in einer so genannten Mitte treffen. Diese Mitte ist natürlich eine Sache der Perspektive. Einigen muss das jetzige Resultat verwirrend erscheinen. Anderen hat es viel zu lange gedauert. Schlussendlich sind es nur die unmittelbar Beteiligten, die alles zu verlieren und alles zu gewinnen haben, die eine Entscheidung treffen müssen, die nicht jeden zufrieden stellen kann.

Die Geschichte wird zeigen, dass dieser Prozess von großer Bedeutung war. Multinationale Unternehmen wissen jetzt, dass ein Präzedenzfall geschaffen wurde, dass es möglich ist, vor einer ausländischen Gerichtsbarkeit wegen der Verletzung von Menschenrechten angezeigt zu werden.

Der Vater meiner Söhne

Am Ende haben wir uns gemeinsam für eine Einigung entschieden, weil die von Shell gebotenen Konditionen für uns einen gewissen Grad an psychologischer und finanzieller Linderung möglich machten und einen Beitrag zur künftigen Entwicklung unserer Gemeinschaft darstellen. Außerdem können wir diesen Vergleich als ein leibhaftiges Beispiel dafür hochhalten, wie und warum das Bekenntnis zu Frieden, Gewaltlosigkeit und Dialog der beste Weg ist, die Herausforderungen im Niger-Delta zu meistern. Als nächstes wird nun die Reaktion der Gemeinschaft der Ogoni ausschlaggebend sein. Es stehen noch zahlreiche andere Verfahren gegen Shell aus. Die Stimmung ist angespannt. Viele Menschen haben gelitten und viele mehr leiden unnötigerweise noch immer.

Diese Einigung an sich wird ihnen keine unmittelbare Entschädigung sein können, abgesehen von dem Trost, dass mit Beharrlichkeit und Hingabe eine bessere, sicherere, menschlichere und prosperierende Welt möglich ist.

Den Klägern und besonders mir verschafft die gefundene Lösung eine Atempause, Zeit uns darauf zu besinnen, dass diese Übereinkunft uns endlich von den Qualen der Vergangenheit befreien kann, so dass wir der Zukunft mit einem greifbaren Maß an Hoffnung entgegen blicken können. Vielleicht ist es aber auch an der Zeit aufzuhören, der Sohn meines Vaters, sondern endlich der Vater meiner Söhne zu sein.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

18:30 09.06.2009
Geschrieben von

Ken Saro-Wiwa Jr, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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