Es ist machbar

Pay Gap Mit einem neuen Gesetz will Island jetzt gleiche Löhne für Frauen und Männer einführen
Es ist machbar

Illustration: Susann Massute für der Freitag

Oberflächlich betrachtet ist Island für Frauen ein gutes Land. Seit fast zehn Jahren gilt es als das geschlechtergerechteste der Welt. Es war das erste, das eine weibliche Präsidentin direkt gewählt hat, fast die Hälfte seiner Abgeordneten und Unternehmenschefs sind Frauen und eine erstklassige Kinderbetreuung und Elternzeitregelung sorgen dafür, dass fast vier von fünf Frauen berufstätig sind.

Fríða Rós Valdimarsdóttir war deshalb erschüttert, als sie vor ein paar Jahren als Angestellte der Stadtverwaltung von Reykjavík erfuhr, dass männliche Kollegen in anderen Abteilungen mit weitaus weniger Zuständigkeiten und Verantwortung weitaus besser bezahlt wurden als sie.

„Es ist seit Jahrzehnten illegal, Leute für gleichwertige Jobs unterschiedlich zu bezahlen, weil sie nicht dasselbe Geschlecht haben, aber trotzdem passiert es – es wird einfach zugelassen“, schildert Valdimarsdóttir, die heute dem Isländischen Verband für Frauenrechte vorsitzt, in ihrem Büro in der Landeshauptstadt die Lage.

Von selber geht gar nichts

1961 wurde in Island ein Gesetz erlassen, das die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern festlegt. Doch noch immer verdienen isländische Frauen im Durchschnitt zwischen 14 und 20 Prozent weniger. Valdimarsdóttir und ihr Verband haben sich deshalb mit vielen anderen Gruppen dafür starkgemacht, dass Island als weltweit erstes Land die gleiche Bezahlung rechtlich durchsetzt. Am 1. Januar diesen Jahres trat das entsprechende Gesetz in Kraft.

Öffentliche und private Körperschaft haben nun maximal vier Jahre Zeit, um von sich aus den Nachweis zu erbringen, dass sie für gleichwertige Arbeit gleiche Löhne und Gehälter bezahlen, andernfalls drohen Strafzahlungen.

Auch Rósa Guðrún Erlingsdóttir, die Vorsitzende der Abteilung für Gleichstellung im isländischen Sozialministerium, ist überzeugt, dass Gleichheit sich nicht von alleine einstellt: „Wenn Politiker so lange warten wollen, bis es keinen Widerstand mehr gibt, dann wird es niemals dazu kommen. Unserer Erfahrung nach bedarf es rechtlicher Maßnahmen, um die Dinge voranzubringen. Dass die Menschen sie dann akzeptieren, konnten wir bei den Quoten für Frauen in Unternehmensvorständen sehen.“

Ein wenig Widerstand regt sich auch in Island noch, doch er wird sehr zurückhaltend artikuliert. Das neue Gesetz verlangt, dass Unternehmen sich durch anerkannte Wirtschaftsprüfer zertifizieren lassen, dass ihr Gehaltsmanagementsystem dem nationalen Equal-Pay-Standard entspricht, der nach dem Vorbild der internationalen ISO-Umweltmanagementnormen entwickelt wurde, die allen Unternehmen bekannt sind. Der Standard wurde 2012 veröffentlicht und von Islands Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, die an seiner Erarbeitung mitgeholfen hatten, gleichermaßen begrüßt. Hannes Sigurðsson vom Isländischen Unternehmerverband sagt, dies sei auch unternehmerisches Kalkül, da er„das Image des Unternehmens in den Augen der Kunden“ verbessern und „die eigene Belegschaft wesentlich zufriedener“ machen könne. Ursprünglich sollte die Implementierung der Norm allerdings freiwillig erfolgen. „Es war als Zuckerbrot geplant, von dem beide Seiten profitieren“, sagt Sigurðsson. „Die Regierung hat jetzt eine Peitsche daraus gemacht.“

Das Prozedere sei „recht komplex“: Der Wert verschiedener Berufe muss eingeschätzt werden, Tätigkeiten müssen klassifiziert und hierarchisiert werden, Gehaltsstrukturen analysiert, Daten erhoben und verglichen werden; dann gilt es sicherzustellen, dass das neue System mit geltenden Tarifverträgen in Einklang zu bringen ist. „Das erfordert Ressourcen. Für große Unternehmen mit großen Personalabteilungen ist das wesentlich einfacher.“

Nach jetzigem Stand ist das Gesetz über vier Jahre gestaffelt. Große Unternehmen und Institutionen wie die Ministerien der Regierung oder das Landeskrankenhaus mit Belegschaften von über 250 Leuten haben bis Ende dieses Jahres Zeit, um sich zertifizieren zu lassen. Diejenigen mit weniger als 90, aber mehr als 25 Beschäftigten haben Zeit bis Ende 2021. Die Strafe für Verstöße liegt bei 50.000 Isländischen Kronen (knapp 400 Euro) pro Tag. Schlimmer noch, so die Hoffnung, wird aber die öffentliche Ächtung wiegen.

Keines der Mitglieder des Isländischen Unternehmerverbandes hat das Gesetz öffentlich kritisiert, erzählt Sigurðsson. „Es ist ziemlich schwierig geworden, sich öffentlich gegen Maßnahmen auszusprechen, die für eine größere Geschlechtergerechtigkeit sorgen. Aber ich denke, es ist offensichtlich, dass es auch Gegner gibt. Uns wäre es lieber gewesen, wenn der Prozess von unten erfolgt wäre.“

Andere sind begeistert. „Es wird die Gehaltslücke nicht über Nacht schließen“, sagt Maríanna Traustadóttir, die als Gleichstellungsberaterin beim Isländischen Gewerkschaftsdachverband ASI arbeitet. „Aber es ist die beste Palette an Werkzeugen, die ich bisher gesehen habe.“ Sie räumt ein, dass es nicht einfach werden wird. „Etwa wenn es darum geht, den Wert der Arbeit einer Kantinenkraft oder eines Fahrers zu bestimmen, alles zu dokumentieren und zu begründen. Aber es gibt jetzt klare Richtlinien, Schulungen, spezielle Software, neue Berater, die uns helfen. Es ist machbar. Manche Unternehmen haben es bereits geschafft.“

Energieversorger geht voran

Traustadóttir verweist auf Reykjavík Energy, das Mutterunternehmen von Islands größtem Energieversorger, das nach der Finanzkrise ein Drittel seiner Mitarbeiter entlassen musste, die darauf folgende Restrukturierung aber nutzte, um auf allen Ebenen Geschlechtergerechtigkeit herzustellen. Indem man dort nun „vor jeder einzelnen Entscheidung die Gender-Brille aufsetzt“, ist es innerhalb von fünf Jahren gelungen, den Frauenanteil im Management von 29 auf 49 Prozent zu erhöhen. Über denselben Zeitraum hinweg sank die Gender Pay Gap von 8,4 auf 2,1 Prozent. Heute liegt sie bei 0,2 Prozent zugunsten der Frauen.

Für viele spiegelt das Gesetz die Tatsache wider, dass über 40 Jahre, nachdem 90 Prozent aller isländischen Frauen einen Tag lang streikten, das Land noch lange nicht das geschlechtergerechte Paradies ist, als das es gerne dargestellt wird. Berglind Rós Magnúsdóttir von der Universität Island ist der Ansicht, dass Gesellschaft auf breiterer Basis „umgestaltet“ werden muss. „Das Gesetz wird die gewaltige Lücke zwischen typisch männlichen und typisch weiblichen Branchen nicht überbrücken“, sagt sie. „Etwa zwischen Ingenieurberufen auf der einen und pflegerischen oder Lehrberufen auf der anderen Seite. Alles, was mit Pflege oder Erziehung zu tun hat, wird auch in Island schlechter bezahlt.“

Magnea Marinósdóttir von der Abteilung für Gleichstellung des Sozialministeriums weist darauf hin, dass der Standard Lohnunterschiede offenlegt und ebenso für ihre Rechtfertigung wie zu ihrer Beseitigung benutzt werden kann. „Die Gehaltslücke war hinter einem Mangel an Transparenz verborgen“, sagt sie. „Arbeitgeber können Erfahrung und Qualifikation durchaus in Rechnung stellen – nur dass dies jetzt transparent sein und begründet werden muss. Der Standard wurde ganz einfach dafür entwickelt, um Faktoren zu eliminieren, die rechtlich keine Rolle spielen dürfen – wie etwa das Geschlecht. Er könnte ebenso dafür herangezogen werden, rassistische Diskriminierung oder die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung auszuschließen.“

Gesetze, so ist sie überzeugt, „können Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen. Das hat sich immer wieder gezeigt. Auch in Island leben wir noch immer in einer äußerst geschlechtsspezifischen Realität. Selbst hier ist die patriarchale Kultur, das männliche Anspruchsdenken, noch immer tief verwurzelt. Das Gesetz kann ein wirklicher Anstoß zu Veränderung sein.“

Erlingsdóttir sagt, das isländische Modell könne auch anderswo übernommen werden: Portugal sondiert diese Möglichkeit, und so ist vorstellbar, dass der isländische Equal-Pay-Standard schließlich zu einem europäischen werden könnte. „Die Informationen liegen vor und die Menschen sind unterrichtet“, sagt sie. „Jetzt müssen wir die Sache nur noch durchziehen.“

Jon Henley ist Europakorrespondent des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 07.03.2018
Geschrieben von

Jon Henley | The Guardian

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